Digitale Nomaden

Digitaler Nomade werden: Drei Wege, um aus dem sesshaften Arbeitsalltag auszubrechen

Schreibtisch
geschrieben von Marinela Potor

Marinela Potor ist digitale Nomadin. Kein fester Wohnsitz, immer unterwegs, Leben auf Reisen. Für viele ein Traum, für andere ein Graus. Im Tagebuch einer digitalen Nomadin berichtet Marinela wöchentlich auf BASIC thinking von ihren Reisen, was es mit dem Leben aus dem Rucksack auf sich hat und warum es sich lohnen kann, auch mal über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Diesmal geht es darum, wie ihr den Schritt vom Büroschreibtisch zum ortsunabhängigen Arbeiten schaffen könnt.

Liebes Tagebuch,

seit ich als digitale Nomadin die Welt bereise, fragen mich andere immer wieder: wie kann ich das auch tun? Wie werde ich zum digitalen Nomaden? Die meisten denken oft, dass sie sowieso nicht online arbeiten können, wenn sie keine Webprogrammierer oder Blogger sind. Doch das stimmt gar nicht. Ich bin Journalistin, mein Freund arbeitet als Lehrer und ich habe digitale Nomaden getroffen, die als Psychologen, Beziehungscoach oder Frauenversteher arbeiten und mit Webdesign nichts am Hut haben.

Wenn wir das alle können, dann könnt ihr das schon lange! Prinzipiell glaube ich nämlich, dass jeder digitaler Nomade werden kann – wenn er es tatsächlich will und auch wirklich für diesen Lebensstil geeignet ist. Nur wissen viele anfangs nicht, wo sie ansetzen sollen. Daher möchte ich euch hier drei verschiedene Wege aufzeigen, die euch zum digitalen Nomadenleben führen können.

1. Tut was ihr jetzt auch tut, nur ortsunabhängig

Viele Bürojobs können sehr leicht in eine freiberufliche Tätigkeit verwandelt werden. In meinem Fall war der Pfad natürlich besonders offensichtlich. Freiberufliche Journalisten gab es auch schon lange vor dem Internet. Von hier bis zur ortsunabhängigen Journalisten war es dann kein weiter Weg mehr.

Doch auch in anderen Bereichen könnt ihr relativ leicht aus dem Büroalltag ausbrechen. Mein Freund zum Beispiel hat viele Jahre als Englischlehrer gearbeitet, bis ihm spontan ein Onlinejob als Nachhilfelehrer über den Weg lief. Selbst in solchen klassischen Jobs ist es also durchaus möglich, eine feste Anstellung zu einer digitalen Tätigkeit zu verwandeln. Besonders gut eignen sich dafür auch Berater-Jobs. Also Berufe, in denen ihr in irgend einer Form anderen Menschen mit Rat und Tat zur Seite steht. Was spricht denn zum Beispiel dagegen, als Steuerberater oder Anwalt Kunden über’s Netz zu betreuen? Manchmal kann es hier zwar einige rechtliche Einschränkungen geben, aber keine die euch das ortsunabhängige Arbeiten völlig verbieten würden.

Es ist also oft nur ein kleiner Denkschritt, der zwischen euch und eurem Traum vom digitalen Nomaden steht. Wie schnell ihr diesen Wandel vollziehen möchtet, bleibt dabei euch überlassen. Es kann oft hilfreich sein, sich dem digitalen Nomadentum erst in Babyschritten anzunähern.

Verhandelt Homeoffice-Arbeitstage im aktuellen Job

Viele kommen oft gar nicht auf die Idee, dass sie für ein Leben als digitale Nomaden, gar nicht ihr altes Leben aufgeben müssen. Gerade wer sich erstmal an die Idee der Ortsunabhängigkeit herantasten möchte, kann dies mit einigen Tagen im Homeoffice tun.

Guckt ganz genau auf eure Arbeit im Büro. Was tut ihr und müsst ihr dafür wirklich immer und ständig anwesend sein? Könnt ihr mit euren Chefs nicht auch einige Tage pro Woche Arbeit im Homeoffice verhandeln? Ihr werdet überrascht sein, wie viele Vorgesetzte hier bereit sind, euch diese Freiheit einzuräumen, vor allem wenn sie sehen, wie viel effektiver und motivierter ihr seid. Denn erfahrungsgemäß leisten Angestellte, die mehr Flexibilität im Job haben, auch bessere Arbeit.

Dazu ein kleiner Tipp: Flexible Arbeitszeiten lassen sich besser VOR dem Start in einen neuen Job verhandeln. Denn wenn euer Chef sich erstmal daran gewöhnt hat, dass ihr jeden Tag am Schreibtisch sitzt, wird es ihm wahrscheinlich schwerer fallen, euch plötzlich mehr Flexibilität zu gewähren. Wenn ihr dies aber von vorneherein als Option mit auf den Tisch packt, sind viele offener.

Flexibler Coach

Berater oder Coaches werden oft von Firmen für eine gewisse Zeit angeheuert, um bei einem ganz bestimmten Problem oder einem Projekt zu helfen. Das kann ein erster Schritt zum ortsunabhängigen Leben sein, der euch dennoch noch nicht komplett aus eurem gewohnten Alltag reißt. Das funktioniert auch mit den ausgefallensten Tätigkeiten. Eine Bekannte von mir ist Architektin, die auf Schadstoffe spezialisiert ist. Mittlerweile berät sie mit diesem Wissen Hausbesitzer in ihrer Region. Ein weiteres Beispiel: Ein Verwandter ist klassischer Web-Programmierer, hat aber jahrelang als Berater große Tech-Firmen bei Projekten unterstützt und ist dabei durch’s ganze Land gereist.

Der Vorteil eines solchen Berater-Jobs ist, dass ihr selbst entscheiden könnt, wie weit ihr eure Kreise ziehen möchtet. Möchtet ihr erstmal nur im unmittelbaren Umkreis arbeiten oder in ganz Deutschland oder in Europa? Je nachdem wie groß eure eigene Reisebereitschaft ist, könnt ihr dann selbst euren „Arbeitsplatz“ festlegen.

Freiberufler

Wer noch einen Schritt weiter gehen möchte, kann sich selbständig machen. Der große Unterschied zum flexiblen Berater ist dabei, dass eure Kunden nicht mehr bestimmen, wo euer Arbeitsplatz sein wird, sondern ihr selbst. Als Freelancer reist ihr damit nicht mehr dahin, wo eure Klienten sind, eure Klienten kommen zu euch – über’s Internet. Ihr könnt eure Tätigkeit damit ganz bequem von zu Hause aus ausüben, aus eurem Lieblingscafé oder auch in einem Coworking-Space, je nachdem was euch mehr Spaß macht. Wer sich selbständig macht, trägt zunächst mal mehr Risiken, hat dafür aber auch viel mehr Freiheiten.

Ortsunabhängiges Arbeiten

Vom klassischen Freiberufler ist es dann kein weiter Weg mehr zum digitalen Nomaden. Ob ihr als Freelancer in Freiburg, in Barcelona oder auf Bali seid, macht weder für eure Kunden noch für eure Arbeit einen Unterschied. Im Endeffekt ist es euch überlassen, ob ihr euren Büroalltag von heute auf morgen für das digitale Nomadenleben hinter euch lassen möchtet oder ob ihr euch dem ganzen Lebensstil erst langsam annähern möchtet.

2. Die eigene Arbeit kreativ verändern

Es gibt natürlich auch Jobs, bei denen der Weg zum digitalen Nomaden nicht ganz so offensichtlich ist. Als Arzt oder Krankenschwester könnt ihr Menschen ja schlecht über’s Netz operieren und betreuen. Das bedeutet aber nicht, dass ihr nicht trotzdem als digitale Nomaden leben und arbeiten könnt. Hier erfordert es vielleicht einfach nur ein bisschen mehr Kreativität, bis man den richtigen Job findet.

Um die Ecke denken

Bleiben wir beim vorigen Beispiel. Ihr könnt zwar keine Patienten online heilen, aber könnt ihr als Arzt oder Krankenschwester Unternehmen über’s Internet in Sachen Gesundheit beraten? Oder, wenn ihr zum Beispiel in der Personalabteilung arbeitet, könnt ihr stattdessen Richtlinien für Firmen schreiben oder überprüfen? Eurem Ideenreichtum sind hier keine Grenzen gesetzt und ihr müsst euch also selbst hier nicht um 180 Grad verbiegen, um eure sesshaften Jobs gegen ein Leben als digitale Nomaden einzutauschen. Ein bisschen um die Ecke denken reicht oft schon.

Runterstufen

Sich selbst herunterstufen klingt wahrscheinlich erstmal nicht nach einer guten Option. Aber gerade wer in höheren Positionen arbeitet, wird dies nicht unbedingt als digitaler Nomade 1:1 genau so tun können – zumindest nicht am Anfang.

Sagen wir mal, ihr seid Manager einer Firma oder betreut ein Unternehmen. Die wenigsten Firmen sehen es natürlich gerne, wenn ihre Führerpersönlichkeiten nur zwei Mal im Jahr im Haus sind. Aber ihr seid ja nicht umsonst in diese Position gekommen. Besinnt euch auf die Talente, die euch so weit gebracht haben. Seid ihr etwa ein großes Verkaufstalent oder habt ihr einen zusätzlichen Kurs in Sachen Buchhaltung mitgemacht? Nutzt diese Kenntnisse, um euch selbständig zu machen. Als Online-Buchhalter verdient man sicherlich am Anfang kein Manager-Gehalt, aber was nicht ist, kann ja noch werden und es bietet euch einen guten Start ins ortsunabhängige Leben.

3. Erfindet euren eigenen Job

Ihr könnt oder wollt nicht mehr im gleichen Job arbeiten? Dann müsst ihr euch selbst einen Job im Netz schaffen. Doch selbst wenn das eigene Onlinebusiness die beliebteste Existenzform der digitalen Nomaden zu sein scheint, es ist auch die schwierigste (und wie ihr seht, nicht unbedingt die einzig mögliche). Denn rein statistisch gesehen gibt es in Deutschland mehr Startups, die scheitern als Statups, die sich am Markt behaupten können. Das gilt auch für reine Onlineunternehmen. Selbst wenn ihr nicht direkt im ersten Unternehmensjahr pleite geht, sind eure Einnahmen wahrscheinlich erstmal recht mickrig. Ihr beginnt ja von Null und könnt oft noch nicht mal Arbeitserfahrung wie etwa als Freiberufler aufweisen, wenn ihr beruflich in eine ganz neue Richtung geht.

Hinzu kommt, dass eine Unternehmensgründung wirklich Knochenarbeit ist. Ihr müsst bereit sein viele Stunden und schlaflose Nächte hineinzustecken. Auch solltet ihr euch gerne und sicher in sozialen Netzwerken bewegen können, um euer Produkt oder eure Dienstleistung und letztlich euch selbst vermarkten zu können. In den meisten Fállen gehört also einige gehörige Portion Mut, ein finanzielles Polster sowie viel Geduld und Hartnäckigkeit dazu, um als Onlineunternehmer Erfolg zu haben. Das sollte euch natürlich nicht davon abhalten, es zu probieren – vor allem, wenn ihr leidenschaftlich hinter eurer Idee steht.

Vergesst nicht: Es ist trotz allem noch harte Arbeit

Viele vergessen, dass digitale Nomaden mindestens genau so viel arbeiten wie Angestellte. Es ist also nicht so, dass ihr plötzlich den ganzen Tag cocktailschlürfend am Strand sitzt. Ich schreibe diesen Artikel zum Beispiel um 23 Uhr, nach einer 10-stündigen Busfahrt in einem dunklen Hotelzimmer, wo ich auch noch von Mücken attackiert werde. Doch wisst ihr was? Die persönliche Freiheit (und die Tatsache, dass ich weiß, dass ich morgen dafür den ganzen Tag am Strand faulenzen kann) ist es mir allemal wert. Und es gibt keinen Grund warum das, was bei mir geklappt hat, bei euch nicht auch funktionieren kann!

Wie seht ihr das? Welche Wege habt ihr gewählt, um euren sesshaften Job aufzugeben? Wie ist es euch dabei ergangen und was für Tipps habt ihr für neue digitale Nomaden? Ich freue mich wie immer auf eure Kommentare.

Bis nächste Woche, dann wieder aus irgendeinem Winkel der Welt,

Eure Marinela

P.S.: Kennst du schon unser neues Online-Magazin für digitale Nomaden, Reisende, Webworker und Querdenker? Nein? Dann aber schnell!


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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor hat als klassische Radiojournalistin angefangen, und ist dann unklassisch (und nicht ganz freiwillig) zur digitalen Nomadin geworden. Seit 3 Jahren reist sie um die Welt und schreibt zu politischen, sozialen und digitalen Themen.

3 Kommentare

  • Eine tolle Liste! Besonders der Punkt 3. Erfindet euren eigenen Job.

    Gerade in Zeiten der Digitalisierung ist es leicht möglich sich neue Jobs zu erfinden, bzw. herkömmliche Berufe neu zu überdenken. Wir haben so einen Matcha-Tee
    Shop
    eröffnet den wir mit den Prinzipien der Teekampagne betreibe, das heißt beste Qualität zum besten Preis zu verkaufen.

    Theoretisch wäre es auch dabei möglich die Lagerung und den Versand von Drittanbietern organisieren zu lassen und selbst nur Marketing & Vertrieb zu übernehmen und als Digitaler Nomade zu leben. Es gibt also unendlich viele Wege 🙂

    Liebe Grüße
    Niklas & Olli

  • Ein sehr inspirierender Beitrag – der Lust auf das Leben als digitaler Nomade macht! 🙂

    Wichtig ist dabei auch, dass man über die Tools verfügt, die einem das Arbeiten als digitaler Nomade von unterwegs ermöglichen. Mit Skype ist die Kommunikation zum Glück heute kein großes Problem mehr. Und dank Online-Banking und PayPal lassen sich auch Zahlungen unkompliziert abwickeln.

    Auch was die Buchhaltung betrifft, gibt es praktikable Lösungen. Online Rechnungsprogramme wie Debitoor sind cloudbasiert – und darum auch unterwegs immer zur Hand.

    Vielleicht hat ja noch jemand einen Tipp für praktische Tools für Digitale Nomaden?

    Viele Grüße,

    Andrea
    Debitoor

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