Digitales

#rpTEN: Das war Tag 3 auf der re:publica

republica rpTEN
geschrieben von Markus Werner

Ich berichte für BASIC thinking direkt von der 10. re:publica in Berlin. Am dritten und letzten Konferenztag habe ich mich mit dem digitale Health beschäftigt, Crowdsourcing als neues journalistisches Werkzeug kennengelernt, meinen Horizont bezüglich Falschmeldungen im Netz erweitert, über Terroristen gelacht und herausgefunden, was ein Cheezestorm ist.

Meinen dritten Tag auf der re:publica ließ ich noch entspannter beginnen. Ich habe mir wohl eine richtig fette Erkältung eingefangen und daher beschlossen, die erste Session ausfallen zu lassen. So interessant fand ich sie dann doch nicht. Also habe ich nochmals einen kurzen Blick in die Virtuelle Realität geworfen und bin mit einer Google Cardboard Achterbahn gefahren. Das macht echt Laune und Lust auf mehr. So billig die Cardboard im ersten Moment auch wirken mag, sie bietet interessante Möglichkeiten. Für jeden VR-Einsteiger ein Muss. VR-Brillen anderer Hersteller kosten sonst schnell mal 100 Euro oder mehr. Googles Cardboard dagegen gibt es schon für ca. 15 Euro.

Was bringt uns die Zukunft digitaler Medizin?

Die Digitalisierung durchdringt ja bekanntlich alle Lebensbereiche. Darunter fällt natürlich auch der Gesundheitssektor. Welche neuen Entwicklungen gibt es in diesem Bereich und wo geht die Reise hin? Das wollte ich eigentlich wissen, als ich die Session „Tech Innovations in Health“ besuchte. Mich erwartete im wahrsten Sinne des Wortes reines Zukunfts-Blabla. Ein ganz zentraler Gedanke im Gesundheitswessen soll die globale Vernetzung sein. Dadurch soll ermöglicht werden, dass Ärzte sich weltweit um einen Patienten kümmern können. Deine Blutprobe wird dann einfach von Berlin nach Indien geschickt, dort analysiert und das Ergebnis auf dem digitalen Transportweg zurückgeschickt. Klingt toll, aber was ist mit Datensicherheit? Die wird es schon geben, doch wie sie gewährleistet werden soll, steht noch in den Sternen.

Im Grunde hatte das Panel also nichts wirklich Spannendes oder Neues für mich zu bieten. Schade eigentlich. Ich dachte, in dem Bereich tut sich mal mittlerweile etwas mehr als immerzu diese ollen Zukunftskamellen. Dagegen konnte mich eine Session am Nachmittag mehr begeistern. Da ging es eine Stunde lang um die Entwicklung von Prothesen. Ein wirklich interessantes Thema. Zuerst stellte sich die Paralympics-Siegerin Denise Schindler vor. Im Alter von zwei Jahren kam sie im Winter unter eine Straßenbahn und verlor ihren rechten Unterschenkel. Die Prothetik hat sich in den letzten Jahren stark weiter entwickelt. Heute werden Prothesen schon mit 3D-Druckern gefertigt. Gerade das Unternehmen Autodesk hat sich durch seine 2D/3D-Software in diesem Bereich unentbehrlich gemacht. Es ist einfach nur phantastisch, dass diese Technik so viele Möglichkeiten eröffnet. Denise Schindler kann dadurch quasi wieder ihr volles Potential nutzen. Jetzt wünsche ich mir solche Techniken auch noch viel mehr in den weiteren Bereichen der Orthopädiemechanik.

Neue Möglichkeiten für den Journalismus durch Crowdsourcing

Ich habe es doch nochmal mit einem Lightning Talk probiert. Diesmal fand er auch statt. Simon Jockers von CORRECT!V sprach darüber, welche Möglichkeiten Crowdsourcing für den Journalismus eröffnet. In ca. 20 Minuten zeigte er uns anhand zweier Beispiele, welches Potential Crowdsourcing haben kann. Zum Teil sind es auch Projekte, die Journalisten aus Zeitgründen gar nicht alleine recherchieren könnten. Warum also nicht die Bürger einschalten? Denn im Grunde kann doch jeder Journalist sein. Der Guardian hat mit „The counted“ eine Plattform geschaffen, auf der Bürger über ein Formular mitteilen können, dass wieder ein Mensch von einem US-Polizisten getötet wurde. Um die Information zu verifizieren muss natürlich auch ein Beweis erbracht werden. Im Prinzip ist „The counted“ dadurch fast schon ein Selbstläufer.

Beim zweiten Beispiel dreht es sich um ein CORRECT!V-Projekt zur Erfassung der Dispo-Zinsen der Sparkassen. Dazu muss man jetzt wissen, dass der Sparkassen-Verbund aus 409 einzelnen Sparkassen, 15.000 Filialen, 250.000 Mitarbeiter und 50.000.000 Kunden besteht. Da die Übersicht zu behalten, fällt schwer. Jetzt stelle man sich mal vor, dass jetzt ein einzelner Journalist oder gleich ein ganzes Team für jede Filiale die Dispo-Zinsen erfassen soll. Ein Mammutprojekt, deshalb die Bürger miteinbeziehen. Das hat nebenbei auch gleich noch positive Effekte auf die Besucherzahlen und einer Reichweitensteigerung innerhalb der Gesellschaft. Wer also selbst gedenkt ein journalistisches Projekt crowdsourcen möchte, sollte wissen, dass er dafür auf jeden Fall Reichweite braucht. Das gelingt am besten über offene Recherche und mit passenden Partnern. Ich denke, dass Crowdsourcing bald noch mehr Einzug in den Journalismus halten wird. Da steckt einfach zu viel Potential drin.

Warum Lügengeschichten im Netz so gut funktionieren

Ingrid Broding vom österreichischen Nachrichtenmagazin Profil sprach über die Macht der Falschmeldungen. Sie erklärte die Psychologie hinter diesen Fakes. In den letzten Monaten sei das Ausmaß von bewussten Falschmeldungen im deutschsprachigen Raum geradezu explodiert. Mir persönlich war das gar nicht so bewusst. Dass es Fakes im Netz gibt, schon, aber keineswegs in diesem Umfang. Frau Broding hatte auch ein Beispiel dabei. In Schweden tobt der Bürgerkrieg. Auf unzähligen Seiten im Web ist davon die Rede. Die jeweiligen Webseiten verweisen immer wieder auf eine andere Quelle, bis man dann doch irgendwann den Ursprung findet. Die Mühe macht sich aber nicht jeder, was auch verständlich ist. Naja, jedenfalls lag der Ursprung bei einem Artikel von RT Deutsch. Nicht lachen!

Dort stand hingegen, dass es in letzter Zeit vermehrt Brandanschläge von Rechten auf Asylantenheime in Schweden gab. Also nichts von Bürgerkrieg oder so. Interessant ist also wie die Aussage derart verdreht wird und dabei ein Bürgerkrieg herauskommt. Unsereiner lacht sicherlich über diesen Fake. Es gibt aber auch Menschen, die das tatsächlich glauben. Sie prüfen Informationen meist nicht mehr und schotten sich gegenüber Andersdenkenden ab. Dieses Phänomen wird „Echokammer“ genannt. Hinzukommt, dass durch das wiederholte Aufgreifen solcher Falschmeldungen der Eindruck entsteht, dass da doch was dran sein könnte. Schließlich gibt es keine Webseite oder so, die etwas Gegenteiliges berichtet.

Warum auch. In Schweden gibt es keinen Bürgerkrieg. Manchmal helfen aber auch nachträgliche Richtigstellungen wenig, weil es Menschen gibt, die es einfach glauben wollen. Entweder handelt es sich dabei um Trolle oder Glaubenskrieger, die so von einer Sache überzeugt sind. Egal, ob wahr oder unwahr. Trotzdem sollte man an richtigen Korrekturen festhalten, an die Werte der Zielgruppe appellieren und wenn alle Stricke reißen juristische Schritte einleiten. Nur so können wir Falschmeldungen im Netz entgegenwirken.

Terror ernstnehmen, Terroristen auslachen

Yeah ein Panel mit Thomas Wiegold und Sascha Stoltenow. Die beiden hatte ich in meinem ersten Vortrag meines ersten re:publica-Besuchs im vergangene Jahr gesehen. Da ich weiß, dass die beiden sich mit Terror wirklich gut auskennen, war das für mich ein Muss. Auch wenn meine Erkältung immer schlimmer wurde. Sie hatten sich die Satire-YouTuber datteltäter und Saudi-Arabien-Expertin Miriam Seyffarth eingeladen. Das Thema ist ernst, aber sollten wir uns doch von der Angst nicht übermannen lassen. Stattdessen ist es klüger über Terroristen, nicht den Terror, zu lachen. In anderen Ländern wurde dieses Prinzip schon sehr gut verstanden. Wir bekamen einige Clips von syrischen, kurdischen, palästinensischen und saudi-arabischen YouTubern zu sehen. Sie alle machen Satire und ziehen die Terroristen so richtig durch den Kakao. Die datteltäter machen natürlich genau das gleiche, nur eben auf Deutsch.

In der sich anschließenden offenen Gesprächsrunde, konnte sich auch das Publikum beteiligen. Dabei kamen interessante Denkanstöße und Parallelen ans Tageslicht. Haben wir denn nicht auch irgendwie eigene Terroristen im Land? Rechte Gewalt ist wieder vermehrt auf dem Vormarsch und dagegen müssen wir auch etwas tun. Warum dann nicht einfach mal über sie Lachen, sie ein wenig lächerlicher wirken lassen. Charlie Chaplin gelang das mit seinem Meisterwerk „Der große Diktator“ von 1940 schließlich auch. In diesem Sinne: Terror ernstnehmen, Terroristen auslachen.

10 Jahre re:publica, das muss gefeiert werden!

Was wäre eine re:publica ohne die Abschlussfeier? Keine, genau. Der Saal um Stage 1 füllte sich nach und nach. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es im letzten Jahr mehr Menschen waren. Johnny Haeusler ging fix die Fakten durch. Über 8.000 Menschen haben die #rpTEN besucht. 600 Helferinnen und Helfer waren insgesamt 4.800 Stunden im Einsatz. 770 Sprecherinnen und Sprecher aus 60 Ländern sprachen auf der re:publica. Davon lag der Frauenanteil bei 46 Prozent – drei Prozent mehr als im Vorjahr. Es gab neben den 17 Bühnen eine Sauna. Ich habe sie jedenfalls nicht gefunden und was wohl auch nur wenige wussten, der Kubus neben der Hauptbühne war innen durchsichtig. Auf der #rpTEN hingen die zwei größten Diskokugeln in Deutschland. Insgesamt wurden in den drei Tagen 400 Stunden Programm in 500 Sessions, davon 46 Prozent in englischer Sprache, geboten. Der Livestream zog rund 20.000 Zuschauer an. Ach ja, und die re:publica hatte ihren ersten Cheezestorm.

Noch nie gehört? Hier eine kurze Aufklärung: Es gab am ersten Tag einen Raclette-Stand. Der Käsegeruch zog durch die ganzen Hallen und war wohl nicht jedermanns Geschmack. Also wurde der Stand abgebaut und verursachte einen Cheezestorm. Der RBB hat das auch gleich aufgegriffen.

Der nächste Hashtag der re:publica ist #rpDUB und ab sofort können Online-Tickets für die Klassenfahrt nach Dublin vom 20. Oktober – 22. Oktober 2016 gekauft werden. Die nächste re:publica in Berlin findet vom 8. Mai – 10. Mai 2017 statt. Natürlich wurde auch das ganze Team gefeiert und mit einem Rucksack, samt einer Flasche irischem Whisky ausgestattet. Zu guter Letzt, wurde wie in jedem Jahr gesungen und danach hieß es PARTY! PARTY! PARTY!

Für mich allerdings nicht, wegen meiner Erkältung. Ich habe mich dann zurückgezogen und die Heimreise angetreten. In den nächsten Tagen folgt dann noch ein kleiner Nachbericht der letzten drei Tage. Hier findet ihr Tag 0, Tag 1, Tag 2 und eine Bildergalerie.


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Über den Autor

Markus Werner

Markus Werner (reraiseace) ist angehender Journalist und Fernstudent am Deutschen Journalistenkolleg. Er schreibt regelmäßig für SCREENGUIDE, BASIC thinking und seinen eigenen Blog reraise.eu über Android, IT Security, Netzpolitik und Webdesign.

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