Unternehmen

8. Fehler von Gründern: Die Wahl des falschen Standorts

Baustelle, Bau, Standort
Bei der Standort-Wahl lauern einige Gefahren. (Foto: Pixabay.com / bridgesward)
geschrieben von Carsten Lexa

Die Wahl des Standorts für das eigene Unternehmen: Das ist wohl eine der wichtigsten Fragen überhaupt für Gründer. Leider jedoch auch eine Frage, die nicht immer mit dem nötigen Ernst und Nachdruck gestellt und diskutiert wird. Zu verlockend sind coole Städte, hippe Stadtviertel und beeindruckende Räumlichkeiten. Doch nach welchen Kriterien sollen Gründer entscheiden, welcher Standort für sie am besten geeignet ist?

Die erste Frage überhaupt: Welche Anforderungen gibt es?

Dieser Artikel – wie eigentlich alles, worüber ich hier auf BASIC thinking schreibe – basiert auf tatsächlich gemachten Erfahrungen. Vielleicht manchmal fehlende Wissenschaftlichkeit oder fehlenden theoretischen Boden nehme ich in Kauf, weil die Theorie grau ist. Die Realität ist bunt, schillernd und hält sich leider nicht an die theoretischen Planungen.

Zuerst sollte die Frage gestellt werden, was man selbst eigentlich benötigt. Das kann sich auf den Platz in einem Gebäude beziehen, auf einen Ort in Deutschland oder auch auf einen bestimmten Typus von Arbeitnehmer, für den der Standort bestimmte Voraussetzungen erfüllen muss.

Unterschätzen sollte man auch nicht auch die logistischen Anforderungen. Wie kommen beispielsweise Kunden, Lieferanten oder auch Arbeitnehmer zum eigenen Standort? Und noch einen Punkt sollte man im Hinterkopf behalten: Wie kommt der Standort bei Kunden und Geschäftspartnern an? Beziehungsweise: Kommt es auf diese Wahrnehmung überhaupt an?

Die zweite Frage: Welche Folgen hat die Entscheidung für einen bestimmten Standort?

Jede Entscheidung hat Folgen. Was sollten Gründer bedenken? Ich würde zumindest die Kosten bedenken – insbesondere bei lang laufenden Verträgen. Gewerbemietverträge werden regelmäßig auf fünf, oftmals auch auf zehn Jahre abgeschlossen.

Das bedeutet, dass man 60 beziehungsweise 120 Mal am Anfang eines Monats einen bestimmten Geldbetrag bezahlen muss, um den Mietvertrag aufrechtzuerhalten.

Und die Gewerbesteuer kann auch ein Faktor sein, den man im Auge behalten sollte. Die einzelnen Gemeinden setzen einen Hebesatz fest. Sich hier umzuschauen kann oftmals eine erhebliche Ersparnis mit sich bringen.

Sodann spielen die Arbeitnehmer eine Rolle. Sind sie dort zu finden, wo mein Unternehmen sitzt? Wenn das nicht der Fall ist: Werden sie dorthin ziehen oder dorthin pendeln?

Dabei ist zu berücksichtigen, dass ein Standort eine gewisse Attraktivität mit sich bringen sollte. Es wird schwer, einen Vergleich mit Berlin, Hamburg oder München zu ziehen, egal mit welcher Stadt man das macht. Aber ist das notwendig? Oder: Bietet eben nur Berlin, was Berlin bietet?

Des Weiteren ist die Außendarstellung eventuell nicht unwichtig. Sowohl eine bestimmte Stadt als auch dort ein bestimmtes Viertel als auch dort bestimmte Räume werden bei Kunden, Lieferanten oder Geschäftspartnern eine gewisse Einschätzung des eigenen Unternehmens hervorrufen. Ist diese so, wie man sich das vorgestellt hat?

Ein paar Beispiele zum Brainstormen

Jetzt ist mir natürlich klar, dass in diesem Artikel, der ja von der Länge her noch einigermaßen leicht verdaulich sein soll, nicht jedes Beispiel im Detail besprochen werden kann.

Ich möchte aber zumindest ein paar Beispiele geben, die Mandanten von mir beschäftigt haben. Diese als Ausgangspunkt nehmend, kann jede Leserin und jeder Leser so anfangen, sich in die Problematik einzudenken und so ihre oder seine eigenen Schlussfolgerungen treffen.

Standort-Kriterium: Persönliche Interessen

Ein Mandant von mir war beispielsweise am Überlegen, ob er sein Unternehmen – es ging um eine App für die übersichtliche Darstellung von Aufgaben – in Würzburg gründen sollte. Der Mandant war in Würzburg geboren und aufgewachsen, genauso wie seine beiden Mitgründer. Als Alternative stand ein Umzug nach Berlin oder Hamburg im Raum.

Im Gespräch stellte sich heraus, dass er einfach Großstädte mag. Das ist natürlich ein guter Grund, um in eine Stadt zu ziehen. Zumindest kann ich diesen Grund als solchen nachvollziehen. Aber dies als einzigen Grund für einen Umzug zu nehmen, erschien mir etwas dürftig, zumal der Mandant kein besonderes Netzwerk in Berlin oder Hamburg hatte.

Erfreulicherweise hat er es eingesehen, das Unternehmen erst einmal in Würzburg zu gründen, wo er auf die Hilfe von Hochschulen, der Stadt und weiteren Beratern, die er kannte und die ihn kannten, zurückgreifen konnte.

Nach einem Jahr Wachstum beginnt er nun vorsichtig, seinen Blick nach Berlin zu richten, um dort auf Investoren zuzugehen. Ein sinnvoller nächster Schritt, der deshalb meiner Ansicht nach passt, weil das Fundament des Unternehmens in Würzburg stark ist.

Als Gegenbeispiel kann ich einen Mandanten nennen, der aus der Medienbranche kam, dort für mehrere Zeitungen und diverse Fernsehsender im News-Bereich gearbeitet hat.

Er ist gerade dabei, einen YouTube-Wirtschaftsnachrichtenkanal aufzubauen und hat dafür ganz bewusst den Weg nach Berlin und Frankfurt gewählt, weil es dort die für ihn relevanten Personen und Veranstaltungen gibt. Der Preis dafür sind die weitaus höheren Kosten und die höhere Konkurrenz.

Standort-Kriterium: Repräsentative Räume

Ein weiteres Beispiel sind für mich mehrere Mandanten, die mir von „repräsentativen Räumlichkeiten“ vorgeschwärmt haben. Ein Mandant, ein Geschäftsführer eines Unternehmens mit einer speziellen Software für den Vergleich von Kosten bei Anlageprodukten, ist mir dabei besonders in Erinnerung.

Er hatte genaue Vorstellungen von den gewünschten Räumlichkeiten, von dem Sekretariatsbereich, dem Bereich der Küche und dem großen Büroraum mit mehreren Arbeitsplätzen für seine Mitarbeiter.

Das Problem dabei war, dass aufgrund seiner Planung es circa drei Jahre gedauert hätte, bis er die Räumlichkeiten hätte ausfüllen können. Denn er startete ja ziemlich „bei Null“ und stellte sich einfach nur ein tolles Büro vor.

Diese Geschichte ging leider nicht gut aus: Trotz Warnungen zog er kurz nach der Gründung in ein relativ großes Büro. Das Unternehmen lief leider nicht so gut, wie gehofft und er nahm in der Folgezeit mehrere Untermieter auf und musste schließlich den Mietvertrag vorzeitig beenden. Er hatte noch Glück mit seiner Vermieterin, die dies zuließ.

Im Nachgang musste man sich die ernsthafte Frage stellen, ob er nicht besser gefahren wäre, wenn er erst einmal in einem kleinen Büro gestartet wäre und sich vergrößert hätte, wenn dies absehbar erforderlich geworden wäre. Mir ist dabei bewusst, dass es schwierig sein kann, kurzfristig neue Räumlichkeiten zu finden.

Standort-Kriterium: Glamour oder Sparpotenzial?

Ein Beispiel weiteres Beispiel stammt von einem Mandanten, der eine Fertigung für ein bestimmtes Pulver aufgebaut hat. Hier stellte sich die Frage, wie die Lieferungen möglichst schnell verschickt werden können und gleichzeitig das Umfeld möglichst wenig gestört wird. Die Produktion ist relativ Geräusch-intensiv und – welch Überraschung – es staubt immer mal wieder ziemlich heftig.

Der Mandant hätte die Möglichkeit gehabt, direkt in seiner Heimatstadt in einem bekannten Gewerbegebiet eine größere Halle anzumieten. Er hat aber davon Abstand genommen und ist in eine kleine Gemeinde etwas außerhalb der großen Stadt gezogen.

Grund waren die Kosten und die Tatsache, dass ein Standort in dem bekannten Gewerbegebiet keine besonderen Vorteile gebracht hätte. Die Anbindung an die Autobahn war von der kleinen Gemeinde aus fast noch besser als von der Stadt aus, der Lärm und der Staub hat an beiden Standorten nicht viel ausgemacht.

Die Kosten aber waren in der kleinen Gemeinde um rund 60 Prozent niedriger als in der Großstadt. Zugegeben: Das bekannte Gewerbegebiet wäre schicker gewesen – sofern man das von einem Gewerbegebiet behaupten kann.

Aber der Mandant war Realist genug zu erkennen, dass es darauf nur bedingt ankam. Letztendlich kaufen seine Kunden das Pulver und nicht die Lage des Unternehmens.

Eigene Erfahrungen bei der Standort-Wahl

Das letzte Beispiel stammt von mir selbst. Als ich meine eigene Kanzlei vor gut acht Jahren eröffnen wollte – ich bin zwar schon seit über 10 Jahren als Anwalt tätig, habe aber zuerst als angestellter Anwalt gearbeitet – stellte sich mir natürlich auch die Frage, wo ich mich niederlassen sollte.

Mehrere Kollegen rieten mir zu schönen, hellen Räumlichkeiten, mit großem Sekretariatsbereich, Besprechungszimmer und, und, und  – wie es halt für einen Wirtschaftsanwalt „angemessen“ ist.

Ich jedoch habe mich dagegen entschieden. Da ich nur wirtschaftsrechtliche Beratung machen wollte, waren meine Anforderungen an Räumlichkeiten ziemlich niedrig, Laufkundschaft so gut wie nicht vorhanden.

Viel wichtiger war mir, mobil zu sein, um von jedem Fleck der Erde aus arbeiten zu können. Meine Überlegung war, dass Mandanten meine Beratungen, meine Vertragsgestaltungen, meine Erfahrung bezahlen würden und nicht unbedingt meine Räumlichkeiten.

So habe ich begonnen – in kleinen Räumen, als Untermieter eines befreundeten Anwaltskollegen. Inzwischen bin ich gewachsen und die (eigenen) Räumlichkeiten sind etwas größer geworden.

Die Kollegen jedoch, die mir „gute“ Ratschläge gegeben haben und selbst mit großen und kostspieligen Räumlichkeiten gestartet sind, die gibt es teilweise nicht mehr mit eigener Kanzlei.

Was also soll man tun?

Auch wenn es vielleicht nicht so großartig klingt: Ich rate zu Realismus und Bescheidenheit. Jeder Gründer sollte im Hinterkopf haben, dass die Planungen bezüglich des eigenen Unternehmens, wie man sie derzeit im Kopf hat, letztendlich meistens so nicht umgesetzt werden.

Mir ist natürlich klar, dass das eine provokante Aussage ist und mir die meisten Gründer erst einmal widersprechen werden.

Und natürlich schallt einem aus der deutschen Gründerszene schnell ein „build fast, scale fast, fail fast!“ entgegen, wenn man zu einem etwas bedächtigeren Vorgehen rät.

Aber Achtung: Mit Bedacht handeln, heißt erst einmal, planvolles Vorgehen an den Tag zu legen. Es bedeutet nicht unbedingt, unnötig langsam zu sein. Vielmehr sollten die eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse des Unternehmens mit einem Blick für die Realität geklärt werden.

Was genau wird eigentlich benötigt? Wie ist die – realistische – Entwicklung des Unternehmens in den nächsten zwei, drei Jahren und wie stellt sich im Vergleich dazu die optimale Entwicklung dar?

Wenn man Pläne für die anvisierten Räumlichkeiten oder den Standort hat: Besteht überhaupt die Möglichkeit, diese Pläne in die Tat umzusetzen oder handelt es sich lediglich um Wunschgedanken?

Ich erlebe in vielen Fällen, dass Gründer sich problemlos, also ohne ihr Unternehmen zu gefährden, mit einem weniger tollen Standort zufrieden geben könnten. Und welche Außenwirkung erzeugt der (beabsichtigte) Standort bei Kunden, bei Lieferanten und Co.?

Auf einer Konferenz in Salzburg in diesem Jahr habe ich einen tollen Tipp erhalten, wie man sich einen guten Blick für die Realität erarbeiten kann: Man holt sich einen „verbalen Sparringspartner“, mit dem man die eigene Idee durchdiskutiert.

Der Clou ist: Der Sparringspartner ist dafür zuständig, die Argumente gegen die eigene Idee anzuführen. Nimmt man diese Diskussion ernst, kommt es darauf an, die Argumente des Sparringspartners nachvollziehbar zu kontern und zu entkräften.

Bezogen auf den Standort heißt das, dass man in der Lage ist, nachvollziehbar zu erklären, warum genau derjenige Ort, den man sich herausgesucht hat, geeignet ist für das eigene Vorhaben. Kommt man hier ins Schwimmen, spricht vielleicht doch nicht so viel für diesen Standort.

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Über den Autor

Carsten Lexa

Carsten Lexa, LL.M. ist seit November 2005 als Rechtsanwalt tätig. Er berät Unternehmen in allen Angelegenheiten wirtschafts- und unternehmensrechtlicher Art. Bei BASIC thinking schreibt er über Start-ups und Unternehmen aus der juristischen Perspektive.

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