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Drama in vier Akten: Wie man eine Million Dollar von Spotify abzockt

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(Foto: Pixabay.com / photo mix)
geschrieben von Marinela Potor

Wie verdient man über eine Million US-Dollar in vier Monaten? Ganz einfach: Man legt Spotify herein. Wie das genau funktioniert, hat jetzt ein mysteriöser bulgarischer Spotify-Account vorgemacht – und dabei noch nicht mal illegal gehandelt.


Man nehme einen klugen Betrüger, ein paar gut programmierte Bots, ein paar unterdurchschnittliche Playlisten und etwa 10.000 Euro Startkapital. Genau damit hat nach Informationen von „Music Business Worldwide“ (MBW) ein unbekannter Spotify-Account aus Bulgarien über eine Million US-Dollar von der Musikplattform abgegraben, und das auch noch legal.

1. Die Indizien

Mehrere Indizien führten zur Aufdeckung des Schwindels.

Eine Person oder Organisation in Bulgarien zirkulierte vier Monate lang zwei sehr erfolgreiche Playlisten bei Spotify. Unter den Namen „Soulful Music“ und „Music from the Heart“ tauchten die Playlisten regelmäßig sehr weit oben in den globalen Playlist-Charts auf. Diese Chartliste ist eine interne Liste, die Spotify an die Musikindustrie weiterleitet. Angeblich richtet sich der Rang in den Charts nach dem wöchentlichen Einkommen der Playlisten.

Verdächtig an diesen beiden Playlisten war zunächst, dass die Lieder zu keinem der großen Plattenlabel gehörten, sondern von relativ unbekannten Künstler kamen. Das alleine wäre nicht so bedeutend.

Hinzu kam aber, dass die erfolgreichste der beiden Playlisten, „Soulful Music“ aus sage und schreibe 467 Tracks bestand, die alle nur knapp über Spotifys Monatisierungsgrenze von 30 Sekunden lagen. Spotify zählt ein Lied erst als gespielt und bezahlt die Künstler, wenn es mindestens 30 Sekunden lang läuft.

Weiterhin hatte die Playliste gerade einmal 1.797 Follower. Angeblich hörten gut 1.200 davon die Playliste regelmäßig. Und zwar so extrem regelmäßig, dass sie zu den meistgespielten Playlisten der Plattform zählte. Nimmt man all dies zusammen, dann gibt es laut MBW nur zwei Erklärungen.

2. Der Trick

Entweder, die Hörer waren so süchtig nach dieser Underground-Playliste, dass sie diese Tag und Nacht abspielten. Oder aber, hier wurde getrickst.

Und zwar so.

Wenn ein bulgarischer Trickser etwa 1.200 Premium-Konten eingerichtet hat, (denn nur, wenn die Songs über Premium-Accounts abgespielt werden, werden diese vergütet), die dann per Bots die Playliste in einer 24-Stunden-Schleife ununterbrochen abspielen, dann kommt man bei der Vergütung von 0,004 US-Cent pro Abspielen über vier Monate auf ein hohes Sümmchen.

Allein für eine der beiden Playlisten errechnet MBW Einnahmen in Höhe von mindestens 288.000 US-Dollar. Auf zwei Playlisten und vier Monate hochgerechnet sind das mehr als eine Million US-Dollar.

Natürlich muss man erstmal die 12.000 US-Dollar für die Premium-Accounts haben, aber wenn man die monatlichen Einnahmen von mindestens 288.000 US-Dollar dagegenhält, lohnt sich die Investition.

3. Das Nachspiel

Man kommt auch nicht umhin sich zu denken, dass die Bulgarier mit etwas mehr Geschick sogar noch mehr hätten abstauben können. Wenn sie zum Beispiel ihre Bots auf mehrere unabhängige Lieder, mehr Playlisten und auf weniger hohe Einnahmen programmiert hätten, hätten sie vielleicht im Monat weniger “verdient”, dafür das Spielchen aber wer weiß wie lange treiben können.

So sehr man ein wenig diese gar nicht mal so unclevere Idee bewundern möchte, ist es natürlich im Kern nicht fair gegenüber anderen Künstlern, die ihre Einnahmen auf natürlichem Wege verdienen.

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Entsprechend erbost waren die Industriegrößen, als sie den Schwindel entdeckten. Man fragt sich natürlich, wie so etwas vier Monate lang unbemerkt vor sich gehen kann. Spotify hat versichert, seine Kontrollmechanismen verschärfen zu wollen.

4. Das Schema

Doch es ist nicht das erste Mal, dass sich trickreiche Nutzer hohe Summen auf der Musikplattform mit List und Tücke erschwindelt haben. Die Indie-Band Vulfpeck beispielsweise forderte vor einigen Jahren ihre Fans auf, das Album Sleepify jede Nacht während sie schliefen über Spotify abzuspielen.

Der Trick dabei: Das Album bestand aus lauter 30-Sekunden-Tracks und war komplett tonlos. Damit verdiente Vulfpeck 20.000 US-Dollar, bevor Spotify das Album löschte.

Die New Yorker Band Ohm & Sport wiederum war wohl auch nicht besonders glücklich mit Spotify, und entwickelte kurzerhand eine App – Eternify – die ohne Unterlass 30-Sekunden-Clips eines Künstlers abspielt. Damit können Nutzer theoretisch durch das pausenlose Abspielen von kurzen Clips einen Künstler ihrer Wahl direkt bezahlen. Wenn man dies lange genug betreibt, kommen auch dabei hohe Summen zusammen.

Es ist natürlich kein Geheimnis, dass sich Spotify gegen solche Tricks auch erfolgreich wehrt. Doch irgendwie hat man auch das Gefühl, dass sie damit immer einen Tick zu spät dran sind…

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor hat als klassische Radiojournalistin angefangen, und ist dann unklassisch (und nicht ganz freiwillig) zur digitalen Nomadin geworden. Seit 3 Jahren reist sie um die Welt und schreibt zu politischen, sozialen und digitalen Themen.

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