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Interview: Karel Golta über den Digital Kindergarten 2019 und die Innovationsfähigkeit als Schlüsselkompetenz

Karel Golta, Digital Kindergarten
Er wird einer der Speaker beim Digital Kindergarten 2019 am Hamburger Millerntor sein: Karel Golta. (Foto: Digital Kindergarten)
geschrieben von Philip Bolognesi

New Work, Big Data, KI, Augmented und Virtual Reality: Diese Schlagwörter bestimmen aktuell die Diskussionsrunden zahlreicher Branchenevents. Doch bei keiner ist das spielerische Erleben dieser neuen Technologien so erfahrbar wie beim Digital Kindergarten. Vorab trafen wir anlässlich einer Diskussionsrunde auf Karel Golta, einer der diesjährigen Speaker und fragten ihn, warum wir verlernt haben, innovativ zu sein.

Entdecken, erleben, spüren: Beim Digital Kindergarten 2019 dreht sich alles um digitale Trends, neue Technologien sowie innovative Ansätze für alle Branchen.

Bereits zum dritten Mal findet dieses Event statt, das ein abwechslungsreichen Mix aus Testlabor, Kongress, Workshop und Festival bietet. Dazu locken am 6. Juni Gadgets, Spieleecken und erlebbare Exponate Neugierige ins Hamburger Millerntor-Stadion.

Digital Kindergarten, Discussion Board

Sie nahmen am Discussion Board zum Digital Kindergarten 2019 teil: Mirko Kaminski (Achtung!), Martin Schöll (BYTON), Daniel Koennecke (Deloitte Digital), Michael Vorberger (Samsung), Gila Thieleke (Moderation), Christoph Ziegenmeyer (MOIA), Eugenia Mönning (OTTO) und Karel Golta (Indeed) (v.l.n.r.).

Erwartet werden 60 Speaker und 3.000 Gäste, die sich auf einen Blick auf Technologien wie Künstliche Intelligenz, Smart Home oder selbstfahrende Autos freuen dürfen.

Interview mit Karel Golta

Zu den rund 60 Speakern des Digital Kindergarten gehören neben HSV-Präsident Marcell Jansen und SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil unter anderem Karel Golta. Er ist CEO von Indeed Innovation, einem Unternehmen für Innovationsberatung und- entwicklung.

BASIC thinking: In diesem Jahr wirst du beim Digital Kindergarten als Speaker auftreten und wie du angekündigt hast, auch provokante Fragen stellen. Warum ist für dich der Digital Kindergarten gerade das perfekte Event dafür?

Karel Golta: Die Themenfelder „Digital“ und das „Explorative“ faszinieren mich ganz besonders. Beim Digital Kindergarten hat man die Bauklötze nicht vor den Augen, sondern in den Händen. Hier haben wir die tolle Möglichkeit, andere Unternehmen kennenzulernen und uns auch präsentieren zu können.

Enorm wichtig finden wir, dass in Hamburg mehr passiert. Es ist wirklich eine grandiose Initiative von Mirko Kaminski und dem achtung! Experience Team.

Andere Events sind in der reinen Theorie verhaftet. Der Digital Kindergarten eben nicht. Hier steht das Erleben im Mittelpunkt. Das finde ich essenziell. Denn wir können nicht über Sachen sprechen, die wir nicht einmal erlebt haben. Für rein theoretische Geschichten sind die Politiker in Berlin zuständig. Wir wollen das hier anders machen.

Welche zentrale Botschaft steht bei deinem Vortrag im Mittelpunkt?

„Das Menschenmögliche neu denken“ ist der Titel meines Vortrags.  Wir haben gesehen, dass uns Innovationen in den letzten 200 Jahren unheimlich viel Positives beschert haben: Reichtum, Gleichberechtigung, Gesundheit und vieles mehr. Und das weltweit.

Selbstverständlich gibt es immer noch Länder und Gesellschaften, die (hoffentlich nicht mehr lange) ein wenig hinterher hängen. Das ist ein Problem, aber trotzdem haben Innovationen uns allen ein angenehmeres Leben als noch vor 200 Jahren geschenkt. Ob wir das über die digitale Transformation in 200 Jahren auch sagen, entscheiden wir heute. Wir müssen die Interaktion zwischen imaginären, nicht taktilen Elementen und der realen Welt, wie wir sie erleben, heute für die Zukunft positiv beeinflussen.

Ganz konkret: Was müssen wir tun, um wirklich weiter zu kommen und nicht, um noch noch länger zu leben.

Denn wir dürfen nicht vergessen, dass wir hohe Altlasten aus den vergangenen 200 Jahren Innovation angehäuft haben – wie globale Erwärmung und den CO2-Anstieg ; die nicht kleiner werden, nur weil wir in den nächsten 20 beziehungsweise 30 Jahren nochmal ein paar Milliarden Menschen mehr auf der Erde werden.

Ich möchte da gerne einen Gegenpol setzen und eine Idee vorstellen, wie wir vielleicht Gut und Böse vereinen können.

Innovativ = handlungsfähig!

Klingt sehr spannend! Während der Diskussion hast du auch einen Begriff erwähnt, der für dich und deine Überlegungen zentral ist, nämlich der der Innovation und der Innovationsfähigkeit. Nach meinem Empfinden wird dieser Begriff inflationär verwendet, von vielen Start-ups und etablierten Unternehmen gleichermaßen. Verstehst du darunter vielleicht etwas anderes?

Ja, das stimmt. Er wird nur deswegen so inflationär verwendet, weil er einfach extrem positiv konnotiert ist. Ich glaube tatsächlich, dass er enorm wichtig ist und zwar in dem Kontext, den du zuerst genannt hast: Innovationsfähigkeit.

Denn Innovationsfähigkeit ist gleich Handlungsfähigkeit. Warum? Wenn wir Innovation in seiner eigentlichen Bedeutung interpretieren, geht es darum, etwas Neues zu schaffen. Und damit ist immer eine Unsicherheit verbunden, denn man weiß nie, ob das Neue auch wirklich funktioniert.

Für mich ist eine Person innovationsfähig, wenn sie vor eine Situation gestellt wird, die sie womöglich nicht kennt, aber schlussendlich angeht. Im Positiven wie im Negativen. Und das ist gleich handlungsfähig.

Gilt dieser Ansatz für dich beruflich wie im Privatleben?

Ja, absolut. Im Berufsleben bist du häufiger in Situationen, in denen du überfordert bist. Leider sind 99 Prozent unserer Bevölkerung in allen Belangen – beruflich wie privat – durch unser System verkorkst worden. Daher sind wir generell nicht mehr innovationsfähig oder handlungsfähig sind. Wir können Schema F.

Aber sobald wir dann im Job gefeuert werden, stehen wir vor dem Nichts, was einer Katastrophe gleichkommt. Das liegt daran, dass wir einfach nicht vorbereitet sind aufs Unvorbereitete. Und da müssen wir mehr tun.

Denn die kommenden Transformationen machen das absolut erforderlich. Die Erfindungen der Dampfmaschine, Elektrizität und Computer werden ja nicht die letzten Transformationen sein.

Sieh dir die Menge an Angestellten im Bankgewerbe an, die ihren Job verlieren. Sie haben stumpf nach Schema F gearbeitet und sind eigentlich überhaupt nicht handlungsfähig. Das sind eigentlich menschliche Computer, die nicht mal einen Millimeter vom Weg ihres Vorgängers abgewichen sind.

Stumpfes Lernen nach Schema F

Aber bringt Schema F dem Menschen an sich und der Gesellschaft allgemein nicht Stabilität?

Gute Frage. Aber ist das wirkliche Stabilität? Macht ihn das nicht dauerhaft schwach?

Auf lange Sicht schon, doch zunächst gibt ihm das Arbeiten nach Vorgaben Sicherheit. Ein Satz ist auch in der Diskussion gefallen, der dazu passen könnte: Menschen verändern sich ungern. Stimmst du dieser Aussage deiner Gesprächspartner zu?

Für Teile der Menschheit mag das zutreffen. Heute neigen viele Menschen bei aufkommenden Problemen die Verantwortung zu übertragen, auf die Politik, die Gewerkschaften und so weiter.

Andererseits gehen Start-ups heute bis zum Letzten, fallen hin, richten sich wieder auf und versuchen es ein weiteres Mal. Aus Niederlagen verstehen sie ihre Entscheidungen besser und daraus entsteht wieder etwas Neues.

Handlungsfähigkeit und Resilienz sollte die Devise sein.

Also ist Innovationsfähigkeit die Schlüsselkompetenz für Unternehmen, um künftig erfolgreich zu sein?

Ja, aber auch für die Gesellschaft insgesamt. Unternehmen haben für mich die Aufgabe, Menschen wieder zu befähigen. Die Bildungseinrichtungen können diese Aufgabe für die Erwachsenen zumindest nicht übernehmen.

Also muss es dem Unternehmen selbst obliegen, seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder handlungsfähig zu machen. In seinem ureigenen Interesse, weil es nur bestehen kann, wenn eine Gesellschaft gut funktioniert. Und es wird noch viel erfolgreicher sein, wenn es eine extrem gute Belegschaft hat, die agil ist und out-of-the-box denkt.

Nichts ist so konstant wie die Veränderung. Wir können die Zukunft nicht vorhersagen. Aber wir können sie gestalten.

Welche Fähigkeiten muss denn jeder einzelne von uns mitbringen, um diese Aufgaben anzugehen? Flexibilität ist essenziell und auch der Wille, sich verändern zu wollen.

Ja, genau. Auch wenn jetzt viele Leser denken: Das Ganze ist doch totaler theoretischer Blödsinn. Innovationsfähigkeit und Innovation an sich ist ein Handwerk. Und das kann man lernen. Es hat einen Prozess und es gibt Tools und Methoden.

Wie beim Tischler. Der weiß genau, wie man einen Stuhl herstellt und er fängt sicher nicht damit an, den Baumstamm mit der Farbe des Stuhls zu lackieren. Zunächst benötigt er für seine Konstruktion Werkzeuge.

Dasselbe gilt für Innovationen. Da gibt es Prozesse, die mich dazu anleiten, agiler zu sein. Es gibt dabei Methoden, die zumachen und welche, die aufmachen. Wenn du so willst, ist zwischen den Aspekten Konvergenz und Divergenz beim Innovationsprozess alles dabei.

Welche Aufgaben sollten zukünftig der Künstlichen Intelligenz überlassen werden? Entscheidet sie dann künftig für uns?

Sie unterstützt uns. Ich nehme das Beispiel Arzt: Eine Krebsdiagnose kann eine KI künftig viel besser feststellen als jeder Mediziner.

Der Arzt sollte aufgrund seiner menschlichen Empathie im ersten Schockmoment aufzeigen, wo der Weg des Patienten hingehen könnte. Ist doch viel wichtiger. Die Diagnose kann eine Siri oder Alexa tatsächlich schneller und genauer aussprechen, aber den menschlichen Support kann uns keine KI abnehmen.

Warum das Design einen besonderen Platz einnimmt

In einem Interview von dir habe ich auch gelesen, dass Design deiner Meinung nach wesentlicher Schnittpunkt und Prozessauslöser in vielen Bereichen ist. Was meinst du damit?

Ich erkläre das gern an einem Beispiel, das wohl jeder von uns kennt: In einem Unternehmen sitzen ganz wichtige Leute zusammen, um über die Zukunft eines bestimmten Produktes oder des gesamten Unternehmens zu sprechen.

Dann sitzen dort Mitarbeiter oder Verantwortliche aus dem technischen Bereich, dem Marketing und Vertrieb zusammen. Willkürliches Beispiel: Wir wollen alle Taxifahrer durch eine KI ersetzen und den Markt künftig beherrschen.

Der Marketer wird sagen: „Ich habe ein geiles Konzept und die Kampagne schon im Kopf.“ Der Techniker wird darauf hinweisen, dass er gerade bei einem großen Unternehmen eine KI eingekauft hat. Und der Vertriebler jubelt und meint: „Also, wenn wir keine Personalkosten mehr haben, sind wir bald richtig dick im Geschäft.“

Wer fehlt? Der Designer. Denn er war schon immer die Schnittstelle zum Menschen und hat das Zukünftige gestaltet. Egal, welches Produkt du nimmst.

Ob Schreibstift, Stuhl oder Computerprogramm: Er war dafür verantwortlich, die Funktion und das Design so zu gestalten, dass beides zusammen attraktiv, wirtschaftlich sinnvoll und auch technisch möglich ist.

Deswegen glaube ich, dass in so einem Unternehmens-Meeting mehr Designer auftauchen sollten. Designer wägen ab, stellen kritische Fragen und lege den Finger auch mal in die offene Wunde. Und sie machen sich darüber Gedanken, was denn nun mit den arbeitslosen Taxifahrern passiert. Designer denken immer an den Menschen, auch systemisch – das liegt in der Natur ihres Handwerks.

Hast du am Ende noch einen wesentlichen Tipp, wie wir wieder innovativ und handlungsfähig sein werden?

Design Thinking ist eine zielführende Methode, weil sie relativ einfach zu erlernen und empathisch ist. Menschen kommen zusammen und stellen zunächst die richtigen Fragen: Was ist eigentlich das grundlegende Problem? Worin liegt die Challenge? In welchem Bereich suchen wir eigentlich nach einer Lösung?

Beispiel: Die Automobilindustrie in Deutschland hat sich jahrelang nur mit der Art des Verbrennungsmotors beschäftigt. Und ist erst spät zum Thema Mobilität gekommen. Dabei ist es den Menschen egal, mit welchem Motor sie fahren. Sie wollen von A nach B kommen, das ist die eigentliche Herausforderung. Und wenn es irgendwann das Flugtaxi wird: Sei es drum.

Mein Tipp ist also: Überlege dir auf einer viel höheren Ebene die zentrale Frage, um die es eigentlich geht. Deswegen hilft Design Thinking, gründlich über das eigentliche Problem nachzudenken. Nicht nur einmal, sondern kontinuierlich. Und dabei sollte die gesamte Belegschaft einbezogen werden.

Karel, vielen Dank für das Gespräch!

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Über den Autor

Philip Bolognesi

Philip Bolognesi arbeitet seit Anfang September 2018 in der Redaktion von BASIC thinking. Er hat Kommunikationswissenschaften studiert und ist zertifizierter Social-Media-Manager. Zuvor hat er als freiberuflicher Online-Redakteur für CrispyContent (Serviceplan Berlin) gearbeitet und mittelständische Unternehmen in ihrer Online-Kommunikation beraten. Ihn trifft man häufig im Coworking-Space Hafven in Hannover. Er ist begeisterter Tischtennisspieler, Fitness-Fan und permanent auf der Suche nach interessanten Themen aus den Bereichen Social Media, Marketing und Ernährung.

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