BT

Kaufen wir Autos bald auf Instagram?

geschrieben von Nicole Scott

Vor einigen Wochen wurde ich von Mercedes nach Den Haag eingeladen, um mir ein brandneues Autohaus anzusehen, mit dem der Hersteller seinen Kunden eine neue Art des Autoverkaufs anbieten möchte: Die Best Customer Experience 4.0. Ich bin überzeugt, dass Mercedes einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung unternommen hat, was den Verkauf von Autos angeht. Das Ziel, bis zum Jahr 2025 ein Viertel aller Fahrzeuge über das Internet zu verkaufen, steht auch mit dem branchenweiten Trend zur Digitalisierung im Einklang. Was mir seltsam erschien, war, dass die Reise für den Kunden in den sozialen Medien beginnen soll – vor allem Instagram spielt dabei eine wichtige Rolle.

Kaufen wir Autos bald auf Instagram?

Einige Tage später veröffentlichte die New York Times einen Artikel mit einer Überschrift, die eine Antwort auf meine Frage lieferte: Es gibt Leute, die sich sehr teure Autos bei Instagram kaufen

Wenn die Reichen und Berühmten ihre Autos auf Instagram kaufen, sind wir wohl bald als Nächstes dran. Mr. Whittington und sein Geschäftspartner Jamie Foxx haben durch den Verkauf von exotischen Luxusautos bereits mehrere Millionen US-Dollar Umsatz über Instagram gemacht. Das erste Fahrzeug war ein seltener sechsrädriger Mercedes-Benz G63 AMG 6×6. Meistens reicht bereits ein einzelnes Foto oder ein zehn Sekunden langer Videoclip aus, um einen Käufer zu finden. Das Foto des Mercedes 6×6 zeigte nicht einmal das Auto, sondern nur einen Ausschnitt des Kofferraums. Für Rapper TMG Fresh war das aber bereits genug für eine Direktnachricht, gefolgt von einer siebenstelligen Banküberweisung.

Diese Geschichten scheinen jedoch weit von meiner Realität entfernt zu sein.

Klar, Rapper kaufen sich Autos bei Instagram, aber was ist mit Normalverbrauchern?

Mercedes Benz sagte mir, dass Kunden im Durchschnitt 19 Stunden lang mit Recherche verbringen, bevor sie in ein Autohaus gehen, um eine Probefahrt zu machen. Leute verbringen also fast einen ganzen Tag damit, YouTube-Videos anzusehen, Testberichte zu lesen und sich mit Freunden zu unterhalten. Wenn man bedenkt, wie viel Zeit jeder von uns im Internet verbringt, scheint es nicht so weit hergeholt, dass potenzielle Autokäufer ihre Recherche zukünftig auf Instagram beginnen könnten. Schließlich ist man sowieso schon im Internet unterwegs.

Von der Realität ist das aber trotzdem noch weit entfernt.

Ich kenne niemanden, der bereit ist, eine fünfstellige Summe für ein Auto auszugeben, nur weil ein Influencer einige tolle Fotos hochgeladen hat. Aber es stimmt, dass Marken für ihre Imagekampagnen immer mehr auf Influencer setzen.

In der Smartphone-Welt war Huawei einer der ersten Hersteller, der lieber auf Instagram-Influencer als auf Journalisten und Blogger setzte. Als das Mate 20 vorgestellt wurde, zahlte Huawei einem gewissen Lifestyle-YouTuber eine Menge Geld für Videocontent. Die Berichterstattung war allerdings nicht sonderlich gut, denn in seinem Video erzählte er, das Gerät habe vier Kameras – in Wahrheit sind es aber nur drei.
Imagekampagnen haben zwar keine Substanz, aber bei Dingen, die für den Normalverbraucher erschwinglich sind, erfüllen sie scheinbar ihren Zweck. Auch andere Marken folgen diesem Beispiel, so flogen fast nur Influencer zum Note 10-Event.

Wenn es bei Smartphones funktioniert, warum sollte es dann nicht auch bei Autos funktionieren?

Ich bin in der Regel ein sehr optimistischer Mensch. Deshalb hoffe ich, dass wir nicht in einer Welt leben, in der wir unsere Autos auf Instagram kaufen.

Mercedes verfolgt ohnehin eine etwas andere Strategie, denn potenzielle Kunden sollen von Instagram auf andere Verkaufskanäle geführt werden – egal ob online oder offline. In sechs Jahren sollen so 25 Prozent aller Verkäufe über das Internet abgewickelt werden.

In China kauft man Gebrauchtwagen in der virtuellen Realität

Microsoft is also getting involved with Volvo showing off cars using the Holo Lens

In China ist man immer einen Schritt voraus. Die Tatsache, dass man dort Gebrauchtwagen in der virtuellen Realität kauft, wird deshalb niemanden überraschen. Dass der Trend zum Gebrauchtwagen geht, liegt übrigens an der jüngsten Konjunkturabschwächung.

Laut der South China Morning Post können sich Nutzer in der App „Uxin“ ein hochauflösendes 360-Grad-Panorama der Gebrauchtfahrzeuge ansehen – sogar ein Blick in den Innenraum ist möglich. Die App gehört einem Nasdaq-gelisteten Gebrauchthändler.

Tja, ich schätze, wir werden Autos wohl doch eines Tages bei Instagram kaufen

Ich wünschte Substanz wäre in dieser Welt wichtiger als Instagram-Posts, aber in der New York Times steht es schwarz auf weiß – wer das nötige Kleingeld hat, gibt sein Geld eben nach Lust und Laune aus.

Einen Trend scheinen die meisten aber zu vergessen, wenn es um dieses Thema geht. Ein Auto zu besitzen, ist ein Konzept, das bald der Vergangenheit angehören wird. Es gibt bereits die ersten Abonnementmodelle, bei denen sich die „Fahrzeugeigentümer“ nicht länger Sorgen um die Wartung machen müssen. In urbanen Räumen sind viele junge Leute häufig mit Ridesharing-Diensten statt dem eigenen Auto unterwegs. Abonnementmodelle bieten viele Vorteile, so ist zum Beispiel die Versicherung im Preis enthalten und um die Wartung muss man sich auch nicht mehr kümmern.

In Zukunft werden sich nur noch Autoenthusiasten und Sammler Fahrzeuge kaufen

Der Rest wird stattdessen alternative Formen der Mobilität nutzen und dabei alle Vorteile genießen, die bei einem Auto wichtig sind: Zuverlässigkeit, Preiswertigkeit und kostengünstige Wartung. So kommen auch wir eines Tages in den Genuss, auf Instagram ein neues Auto zu „kaufen“.

mittwald

Werbung


Über den Autor

Nicole Scott

Kommentieren