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Der ÖPNV in München: Sowohl der Traum, als auch Albtraum der Pendler

geschrieben von Felix Baumann

Es ist der 31. Oktober und damit auch Halloween. Zeit also, dass ich hier auf unserem Blog mir meinen alltäglichen Horror in München von der Seele schreibe. Denn es gibt in den letzten Monaten kaum ein anderes Thema, was mich dermaßen frustriert und aus dem Konzept bringt, wie die aktuelle Situation im öffentlichen Nahverkehr in der Landeshauptstadt.

Eine Sache möchte ich vorab klarstellen. Ich beschäftige mich in diesem Artikel nicht mit der Münchner S-Bahn. Diese gehört 1) nicht zur Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) und hier kann ich auch nicht meine eigenen Erfahrungen schildern, da ich diese kaum benutze. Die gleichen Schwierigkeiten sind aber auch hier zu beobachten, wenn ich einem Freund Glauben schenken darf.

München – Wir haben einen tollen Nahverkehr

Unter den zunehmend negativen Beiträgen auf der Facebook-Seite der Münchner Verkehrsgesellschaft geht vor allem eine Sache wirklich unter: Wir haben in München durchaus einen sehr gut ausgebauten Nahverkehr. In einer ersten Version dieses Artikels hatte ich auch kaum gute Worte für diesen übrig, bis mir meine nette Kollegin Nicole nahelegte, das Thema auch mal aus einer anderen Perspektive zu beleuchten. Lassen wir nämlich den Frust beiseite, dann gibt es durchaus ein paar eindrucksvolle Fakten.

So gab es in und um München 2015 (von damals stammte der letzte Nachhaltigkeitsreport der Gesellschaft) um die 1.200 Haltestellen, die von der Münchner Verkehrsgesellschaft bedient wurden. Das bedeutet, dass wenn man in der Stadt seine Wohnung verlässt, niemals mehr als 400 Meter laufen muss, um den nächsten Anschluss zu erreichen. Inzwischen transportiert die MVG so jährlich über 600 Millionen Fahrgäste.

Die aktuelle Taktung im Fahrplan will ich hier auch durchaus während des Tages loben. In den meisten Fällen kommt man mindestens alle 5 Minuten durch das Kerngebiet der Stadt und alle 10 Minuten bis über die Stadtgrenze mit Bus, Straßenbahn und U-Bahn hinweg. Und das Ganze bei Straßenbahn und U-Bahn, ohne ein Gramm CO2 ausstoßen zu müssen. Denn auf Anfrage teilte mir die MVG mit, dass die Stadtwerke-Tochter ausschließlich Ökostrom für den Betrieb nutzt. Bei den teils gut gefüllten Bussen ist selbstverständlich auch die Umweltbilanz 1a.

Eine Verkehrsgesellschaft im Pannenmodus

Woher kommt also mein Frust? Um das zu verstehen, möchte ich euch ein wenig meinen Alltag beschreiben. Denn ich habe selber kein Auto (will auch keins) und nutze daher fast täglich die öffentlichen Verkehrsmittel.

Mein Alltag beginnt an den meisten Tagen gegen 6 Uhr morgens mit einem 1,5 Kilometer langen Sparziergang zur nächsten U-Bahnstation Garching-Hochbrück. Ich könnte auch mit dem Bus fahren, aber der Spaziergang in der Früh schüttelt die Müdigkeit deutlich besser ab. Garching-Hochbrück ist ein Bahnhof, der direkt nördlich der Stadtgrenze und an der Oberfläche liegt.

Wenn ich also den U-Bahnhof erreiche, dann sehe ich meist schon aus etwas Entfernung die digitalen Anzeiger am Bahnhof. Das ist der Moment, an dem ich weiß, ob heute alles glatt laufen wird. Denn wenn ich am unteren Ende der Anzeige ein gelbes oder blaues Banner laufen sehe, dann ist das meist ein Indiz dafür, dass es eine lange Fahrt werden kann. Und diese Banner sind leider inzwischen keine Ausnahme mehr, sondern die Regel.

Münchner Pendler haben jährlich wohl am häufigsten mit den folgenden Begriffen zu tun: Betriebsstörung, Weichenstörung, Signalstörung oder Fahrzeugstörung. Denn der von der MVG betriebene U-Bahnverkehr fährt inzwischen leider dermaßen auf dem Zahnfleisch, dass viele Pendler schon vollkommen erschöpft zur Arbeit kommen. So auch ich, der in den letzten Wochen häufig 10-30 Minuten länger zur Arbeit brauchte.

Nein, kein Fußballspiel. In München stehen die Pendler regelmäßig dicht an dicht, weil die U-Bahn nicht kommt (Bild: Privat/tz)

Zum Glück habe ich den Vorteil, dass neben dem U-Bahnhof ein Anmietgebiet für DriveNow-Fahrzeuge ist. Fällt also die U-Bahn aus (und die Wartezeit ist über 15 Minuten), gehe ich dort hin und buche mir ein Fahrzeug. Lange Wartezeiten an Bahnhöfen an der Oberfläche möchte ich mir gerne (gerade jetzt im Herbst / Winter) ersparen. Kostenpunkt für eine Fahrt zur Arbeit, die exakt genauso lange dauert, wie wenn meine U-Bahn pünktlich ist: 7 Euro.

Digitaler Helfer ist keine Lösung

Jetzt werden vielleicht die ein oder anderen sagen: „Lade dir doch die MVG-App herunter und schaue vorher unter den Live-Abfahrtszeiten nach, ob deine Bahn fährt oder ob eine Störung gemeldet ist“. Auf die Idee bin ich auch schon gekommen und habe mir die App „MVG Fahrinfo München“ heruntergeladen. Fazit: Selbst, wenn „live“ die U-Bahn pünktlich kommen sollte, fällt sie im Fall der Fälle trotzdem aus. Die Zeiten sind keine echten Abfahrtszeiten der U-Bahn, sondern werden nur errechnet. Nutzen für mich entspricht daher leider Null.

Damit kommen wir zu einem weiteren Problem (neben der maroden Infrastruktur), die der ÖPNV hat: die Systeme. Denn es gibt verschiedene Systeme, die verschiedene Zeiten zu verschiedenen Zügen anzeigen. Klingt kompliziert? Ist es auch. Ein Beispiel: Im Sperrengeschoss oder an der Oberfläche gibt es Anzeiger, die darstellen, wann unten am Bahnsteig die nächste U-Bahn fahren soll. Das Problem: Die Anzeiger an der Oberfläche zeigen andere Daten, als die am Bahnsteig, da die Zeiten aus einem anderen System kommen. So ist es mir häufiger am Marienplatz passiert, dass „oben“ anstand „U6 > Garching, Forschungszentrum: 3 Minuten“. Am Bahnsteig (1 Minute später) stand aber die U6 noch gar nicht als Option an der Tafel (ich habe letztlich 12 Minuten gewartet).

Störungen über den ganzen Tag

So geht es inzwischen leider den ganzen Tag von Betriebsbeginn um 4:30 Uhr bis zum Ende gegen 2 Uhr. Die Süddeutsche Zeitung berichtete kürzlich, dass es nur bei der Münchner U-Bahn im Jahr 2018 13.298 Störungen gab. Nein, das ist kein Witz. In einer Großstadt mit über 1,5 Millionen Einwohnern treten jede 2 Stunden 3 Störungen auf. Letztens war ich mit einer Freundin abends in einer Bar unterwegs. Als ich zum U-Bahnhof ging und am Bahnsteig stand, ging es wieder los:

Jeder in München kennt die gelben Banner an der unteren Seite der Bildschirme.

Für alle, die nicht ortskundig sind. Garching liegt noch hinter Fröttmaning, weshalb ich wegen der aufgekommenen Weichenstörung mindestens 38 Minuten hätte warten müssen. Zum Glück konnte ich mir einen Uber mieten (DriveNow war wegen Alkohol nicht mehr möglich) und bezahlte am Ende zusätzlich 20 €. Für mich kommen also zu den 104 €, die ich monatlich für ein Ticket bezahle noch weitere Kosten von mindestens 60 € pro Monat hinzu, weil der ÖPNV nicht fährt.

Alternativen sind Vor- und Nachteil zugleich

Ihr seht also meinen Plan B und C: DriveNow und Uber. Es ist zwar schön, dass es in München diese Alternativen gibt, aber langfristig verstopfen diese noch mehr die Straßen. In München steht von morgens bis abends ein Auto am nächsten; Staus sind der Alltag geworden, genauso wie die dadurch entstehende CO2-Belastung (die Münchner Luft wird immer dreckiger). Gerade hier zeigt sich, dass der ÖPNV eigentlich das Verkehrsmittel der Zukunft ist. Wenn er verlässlich wäre.

Aktuell wirbt die MVG mit einer neuen Mobilitätskampagne. Hier wird mit Slogans, wie „Wir mögen Baustellen auch nicht. Deshalb bauen wir so schnell, wie’s geht“ oder „Wir reden nicht über Klimaschutz. Wir machen ihn“ Werbung für das eigene Verkehrsmittel gemacht. Das klingt gut, wird aber den Menschen nicht zwangsläufig zum Umstieg bewegen. Denn der Mensch ist komfortabel und wird spätestens bei der 10. Störung sich wieder nach seinem warmen, komfortablen Auto sehnen.

Andere können es doch auch

Da ich relativ häufig in Berlin unterwegs bin, sehe ich, dass es auch anders gehen kann. Die dort „regierende“ BVG bietet hier nämlich akkurate „Live“-Abfahrtszeiten an, die ich auch in Google Maps oder anderen Apps abrufen kann. Auch die Kommunikation bei Störungen funktioniert einwandfrei: Entweder per Lautsprecheransagen, Social Media, die Apps oder Personal. Fällt mal die U-Bahn aus, dann ist (im Vergleich zu München) relativ fix ein Schienenersatzverkehr eingerichtet.

Gerade in den Abendstunden und auch am Wochenende wird hier ein dichterer Takt angeboten. Es ist klar, dass Berlin mehr als 3 Millionen Einwohner hat (und daher auch mehr U-Bahnen benötigt), aber wenn ich in München fast wöchentlich erlebe, dass die U-Bahn nach Garching ab 20 Uhr nur noch alle 20 Minuten fährt, dann denke ich mir: „Werden in München und Umgebung ab 20 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt“?

Und dann kommt noch der Humor dazu. So, wie die BVG sich voller Humor selbst präsentiert, kann ich einfach nicht sauer sein, wenn etwas nicht klappt. Die Kampagne „Weil wir dich lieben“ erhielt zwar zunächst Spott, ist aber inzwischen für viele Pendler ein Versprechen geworden.

Die BVG beweist etwas, was die MVG leider zu wenig hat: Humor (Bild: BVG).

Jammern auf hohem Niveau?

Was ist also mein Fazit? Jammern wir auf hohem Niveau? Haben wir eigentlich einen super Nahverkehr und sehen ihn einfach nicht? Jein! Es mag zwar sein, dass (wie oben dargestellt) der ÖPNV ein großes Angebot schafft und auch zwischenzeitlich störungsfrei unterwegs ist, wenn ich mich aber auf diesen nicht verlassen kann, dann kriege ich zwangsläufig Bauchschmerzen.

Es ist okay, dass immer mal wieder Störungen auftreten. So ein Netz ist komplex und hat immer mal wieder an verschiedensten Orten seine Tücken. Wenn ich aber inzwischen häufig 20 Minuten Extra-Puffer einplanen muss, um wirklich sicherzugehen, dass ich zu einem Zeitpunkt x am Ziel bin, dann überlegt man vielleicht doch das Auto (oder bei mir: DriveNow) zu nehmen.

Ich könnte jetzt noch 1000 weitere Wörter schreiben, möchte aber auch mal zum Ende kommen. Es ist unanfechtbar, dass der ÖPNV der beste Weg ist, um umweltfreundlich und auch schnell von A nach B zu kommen. Er schöpft aber in München meiner Meinung nach überhaupt nicht sein Potenzial aus. Da bringt es für mich auch nichts, dass die Ticketpreise dieses Jahr sinken. Ich würde lieber weiterhin 20 Euro mehr pro Monat bezahlen, wenn ich dafür einen zuverlässigen und vor allem digitaleren ÖPNV bekomme.

Denn was bringt die Ankündigung von mehr U-Bahnen und dichteren Takten, wenn man sie ohnehin nicht halten kann? Zum einen wird das Netz eher noch maroder, zum anderen fehlen der MVG die Fahrerinnen und Fahrer (wie sie selber zugibt). Daher mein Appell: Liebe MVG. Bitte versucht zunächst, euren aktuellen Fahrplan zu halten und euer Netz zu modernisieren, bevor ihr neue Angebote schafft. Denn was ist ein theoretischer 2-Minuten-Takt, wenn aufgrund der aktuellen Probleme es ohnehin „zu teilweisen Ausfällen und Verspätungen“ kommt?


P.S. Zum Schluss möchte ich nochmal meinen Respekt für die Fahrerinnen und Fahrer im ÖPNV entgegenbringen. Diese werden zwar meist (zu Unrecht) angepöbelt und für Pannen verantwortlch gemacht, sie leisten aber für mich einen der wichtigsten Jobs der Welt!

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Über den Autor

Felix Baumann

Felix Baumann ist seit März 2022 Redakteur bei Basic Thinking. Bereits vorher schrieb er 4 Jahre für den Online-Blog Mobilegeeks, der 2022 in Basic Thinking aufging. Nebenher arbeitet Felix in einem IT-Unternehmen und beschäftigt sich daher nicht nur beim Schreiben mit zukunftsfähigen Technologien.

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