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Wirtschaft und Medien im Wandel: „In schwindelerregender Gesellschaft“ gelesen

Thomas Beschorner, In schwindelerregender Gesellschaft
Thomas Beschorner ist Professor an der Universität in St. Gallen. (Foto: Screenshot / YouTube)
geschrieben von Carsten Lexa

Wie ist es um unsere Gesellschaft bestellt? Welche Rolle spielen dabei unsere Wirtschaft und die Medien? Wie kommen Menschen mit dieser Überforderung zurecht? Genau darüber schreibt Thomas Beschorner in „In schwindelerregender Gesellschaft“. Eine Rezension.

Was passiert, wenn Menschen die Orientierung verlieren und in Dauererregung geraten, weil sie keine Antworten auf aktuelle Fragen erhalten?

Wenn die Legitimation des Kapitalismus hinterfragt wird, die Demokratie bedroht ist, die Medien und die Wissenschaft als „fake“ gebrandmarkt werden und die Digitalisierung die Verunsicherung vorantreibt?


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Einfache Antworten schaffen in solchen Fällen schnell eine große Anziehung. Was jedoch dahintersteckt, versucht Thomas Beschorner in seinem Buch* „In schwindelerregender Gesellschaft“ zu erklären.

Der Ausgangspunkt für das Buch

Thomas Beschorner sieht bezogen auf unsere Gesellschaft einen Schwindel in doppelter Hinsicht. Zum einen erzeugt die aktuelle Entwicklung Schwindel im Sinne von psychologischer, sozialer und gesamtgesellschaftlicher Verunsicherung.

Zum anderen lockt dieser Zustand Schwindler an, die mit einfachen Antworten aufwarten, ausgedachte Geschichten ohne einen Bezug auf Fakten oder wissenschaftliche Befunde erzählen. Ja, sie versuchen sogar, die Geschichte neu zu schreiben.

Zusammengefasst befinden wir uns laut dem Autor in einem gesellschaftlichen Umbruch, der in weiten Teilen durchaus Anlass zur Sorge gibt. Deshalb geht es ihm mit „In schwindelerregender Gesellschaft“ darum, einen Beitrag zum besseren Verständnis der Gesellschaft zu leisten.

Außerdem will Thomas Beschorner konkrete Hinweise und Orientierungen formulieren. Das ist mit der Hoffnung verbunden, einige praktische Impulse für eine bessere Gesellschaft setzen zu können.

In schwindelerregender Gesellschaft: Der Inhalt in drei Teilen

Thomas Beschorner unterteilt seine Analyse und seine Hinweise in drei Teile:

  • Im ersten Teil geht es um die Charakterisierung der seiner Ansicht nach immer unübersichtlicheren Gesellschaft.
  • Im zweiten Teil geht es um unterschiedliche Aspekte der Ökonomie.
  • Der dritte Teil beschäftigt sich mit der Medienlandschaft und deren Aufgabe in einer Demokratie.

Dabei wird eines klar: Der Autor geht grundsätzlich davon aus, dass unsere Gesellschaft in negativem Sinn unübersichtlich geworden ist. Insbesondere die Wirtschaft trägt ihren Teil dazu bei und gibt negative Beispiele ab.

Unter Berücksichtigung dieser Ausgangspunkte ist die Argumentation des Autors schon relativ klar absehbar. Jedoch will der Autor die Objektivität wahren. Die Texte nehmen seiner Meinung nach Abstand davon, zu moralisieren.

Pessimismus als Grundhaltung

Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass beim Autor eine gewisse pessimistische Grundhaltung hinsichtlich des Zustands unserer Gesellschaft besteht.

Dies klingt insbesondere auf Seite 24 durch. Dort schreibt Thomas Beschorner, dass die neue Gesellschaftsordnung aus seiner Sicht eher Anlass für einen gewissen Pessimismus bietet. Das kann man jedoch in meinen Augen nur dann so feststellen, wenn man den bisherigen Zustand als besser ansieht.

Ob er das aber war – daran habe ich gewisse Zweifel. Denn immerhin hat insbesondere die Digitalisierung neue Chancen eröffnet, die es vor zehn oder 15 Jahren einfach noch nicht gab. Wird dadurch alles schlechter, wenn die Menschen neue Entwicklungen nicht im Hinblick auf alte Denkmuster einordnen können?

Hier gleich eine pessimistische Grundhaltung einzunehmen, erscheint mir etwas zu einseitig. Das gilt vor allem wenn Thomas Beschorner schreibt, dass es höchste Zeit sei zu fragen, welchen Wert wir unserer alten Ordnung zusprechen und was wir bereit sind, für ihren Erhalt zu tun.

Diese Einstellung setzt ja geradezu voraus, dass die alte Ordnung als die „bessere“ angesehen wird.

Herausforderungen für die Gesellschaft

Gleichwohl hat der Autor einen Punkt: Die Entwicklungen – sei es im Umgang mit Medien, im Umgang mit unternehmerischen Chancen, im Umgang mit der Bevölkerung – stellen Herausforderungen dar, die wir wohl noch gar nicht abschätzen können.

Diese Herausforderungen überhaupt zu erkennen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen, um für sich zu entscheiden, was wir eigentlich wollen, welche Werte wir für uns und für unsere Gesellschaften priorisieren wollen, das ist inzwischen dringend geworden.

Das ist insbesondere deshalb der Fall, weil durch die immer höhere Geschwindigkeit, mit der neue Entwicklungen auf uns und die Gesellschaft einwirken, die Reaktionszeiten immer kürzer werden. Nur eine klare Haltung hilft dabei, die Orientierung zu behalten.

Und auch der Autor ist nicht komplett dem Pessimismus verfallen. So schreibt er doch auf Seite 36, dass trotz der Entwicklungen in der Gesellschaft – insbesondere hin zu verstärktem Individualismus – die tragenden Institutionen der Gesellschaft nicht nicht massiv erodiert sind oder vor dem Kollaps stehen.

Ein Ringen um gesellschaftliche Veränderungen festzustellen, ist dagegen in meinen Augen absolut in Ordnung.

Dieses Buch muss gelesen werden

Nun könnte man aufgrund meiner kritischen Grundhaltung meinen, dass ich dieses Buch nicht für lesenswert halte. Das Gegenteil ist der Fall! Ich empfehle dieses Buch vielmehr als Lektüre.

In meinen Augen ist es ungemein wichtig, sich überhaupt mit den Veränderungen in unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen. Wir müssen verstehen, welche Faktoren zu den Veränderungen führen. Thomas Beschorner führt hier viele an.

Das beginnt bei der Betonung des Einzelnen in der Gesellschaft geht über die verhärteten Fronten in der Debattenkultur („Wir gegen die“) bis hin zum Verschwinden der Ideen der SPD. Die Frage, ob wir die Sozialdemokratie noch brauchen, beantwortet der Autor übrigens mit einem klaren „Ja“.

Und auch das Spannungsfeld von Moral und Wirtschaft und der Einfluss der Ausbildung an Universitäten auf die Führung in Großkonzernen thematisiert Thomas Beschorner.

Darüber hinaus geht es um Facebook, um die Liebe von Ökonomen zum Markt, um Plattform-Kapitalismus, um die Wichtigkeit einer ökonomischen Allgemeinbildung und insbesondere um die Wichtigkeit von öffentlich-rechtlichen Medien.

In schwindelerregender Gesellschaft: Eine Aufforderung zum Nachdenken

Für alle Themen, über die Thomas Beschorner schreibt, findet er gute Argumente, die seine Sicht der Dinge stützen. Mit diesen muss man meiner Ansicht nach nicht übereinstimmen.

So ist die grundsätzlich negative Darstellung des Zustands der Wirtschaft, wie sie im zweiten Teil des Buches geschildert wird, meiner Ansicht nach zu radikal und zu stark auf Großunternehmen ausgerichtet.

Gut gefällt mir dagegen, dass der Autor eine andere Form der wirtschaftlichen Allgemeinbildung als erforderlich ansieht. Und insbesondere der dritte Teil, in dem es um die Rolle der Medien in einer Demokratie geht, ist in meinen Augen sehr gelungen.

Ich denke aber nicht, dass man einfach die Meinungen von Thomas Beschorner übernehmen muss. Vielmehr geht es in meinen Augen darum, sich überhaupt vor Augen zu führen, dass es Veränderungen gibt.

Welche das sein können, wird dann vom Autor vorgestellt und argumentativ belegt. Was die Leser daraus machen, ist ihnen überlassen. Auf jeden Fall werden sie zum Nachdenken angeregt. Kann man etwas besseres über ein Buch sagen?

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Über den Autor

Carsten Lexa

Carsten Lexa, LL.M. ist seit November 2005 als Rechtsanwalt tätig. Er berät Unternehmen in allen Angelegenheiten wirtschafts- und unternehmensrechtlicher Art. Bei BASIC thinking schreibt er über Start-ups und Unternehmen aus der juristischen Perspektive.

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