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So könnte Weltraumtourismus dem Klima helfen

Erde, Mond, Weltall, Weltraum
Kann Weltraumtourismus das Klima retten? (Foto: NASA)
geschrieben von Marinela Potor

2020 ist das Jahr, das die Raumfahrt verändern wird. Ab diesem Jahr erlaubt nämlich die NASA Weltraumtouristen, die Internationale Raumstation ISS zu besuchen. Für viele ist Weltraumtourismus ein Albtraum fürs Klima auf der Erde. Doch Weltraumtourismus könnte auch positive Effekte auf die Umwelt haben. 

Wenn man herumfragt, ob jemand als Tourist in den Weltraum reisen möchte, erhält man in der Regel zwei Antworten.

Erstens: „Sofort – wenn ich es mir leisten könnte.“ Und: „Wir sollten uns erstmal um unseren Planeten kümmern, bevor wir den Weltraum erkunden und auch noch weitere Planeten zerstören.“ Tatsächlich könnte Weltraumtourismus bei den Reisenden ein neues Bewusstsein für unsere Erde schaffen – und sogar Klimaschutz und internationalen Zusammenhalt fördern.


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Der Overview-Effekt

Das ist zumindest der Effekt, den die Raumfahrt auf Astronauten zu haben scheint. Die Erde aus der „Vogelperspektive“ zu sehen, macht offenbar etwas mit einem. Fast alle Astronauten berichten davon, wie sich ihre Einstellung zu ihrem Planeten durch die Sicht auf diesen aus dem Weltall heraus verändert.

Dies nennt man den „Overview-Effekt“. Es bezieht sich auf den Effekt, nachdem man zum ersten Mal die Erde vom Weltraum aus sieht. Der Begriff stammt von Buchautor Frank White, der 1987 dazu auch ein Buch veröffentlichte.

Der Overview-Effekt bezieht sich darauf, dass die Sicht unseres Planeten aus dem All auch unsere Einstellung zur Erde verändert. Es setzt ein Gefühl der Ehrfurcht ein. Man spürt eine neue Verbundenheit zum Planeten.

Auch sieht man, wie zerbrechlich die Erde aus dem All aussieht, was ein Beschützer-Gefühl weckt und den Wunsch, die einzigartige Schönheit unserer Natur bewahren zu wollen.

Auch spüren viele ein neues Einheitsgefühl mit allen Menschen. Den Planeten als Ganzes zu sehen, zeigt, dass es kein „uns“ und kein „sie“ gibt, sondern nur ein „wir“.

So sagte beispielsweise NASA-Astronaut Eugene Cernan (Apollo 10 und 17): „Du siehst nur die Grenzen der Natur von dort, nicht die, die menschengemacht sind. Es ist eine der tiefsten, emotionalsten Erfahrungen, die ich je hatte.“

Vom Super-Reichen zum Super-Aktivisten

Wenn man den Aussagen der ersten Weltraumtouristen glauben darf, spüren auch sie diesen Effekt.

Computerspiel-Entwickler und Weltraumtourist Richard Garriott sagt beispielsweise: „Ich hatte vom Overview-Effekt gehört, aber, nachdem ich so viele extreme Sachen in meinem Leben gemacht habe … Skydiving, Bergsteigen, die Titanic und die Antarktis besuchen … glaubte ich nicht, dass es mich groß beeinflussen würde … bis ich in den Weltraum gelangte. Mein Leben hat sich durch meine Weltraum-Erfahrung verändert.“

Tatsächlich verkaufte Garriott nach seiner Rückkehr zur Erde seine SUVs, stieg auf Solarenergie um und brachte es mit seinem Umwelt-Engagement sogar in die „Environmental Hall of Fame“ der US-Stadt Austin.

Natürlich gibt es keine Garantie dafür, dass das jeder Weltraumtourist spürt. Und selbst wenn – dass er oder sie sich dann durch Weltraumtourismus so stark fürs Klima einsetzt.

Zumal man auch sagen muss, dass durch die astronomischen Preise der Weltraumtourismus derzeit nur einer kleinen Elite von Ultra-Reichen vorbehalten ist. Selbst beim Weltraum-Ridesharing von SpaceX muss man immerhin noch etwa 400.000 US-Dollar blechen.

Theoretisch kann es aber auch sein, dass genau diese Elite, die Einfluss und Geld hat, diesen Effekt spüren muss, um echten Wandel einzuleiten.

Es sind schließlich die Leonardo di Caprios oder Bill Gates dieser Welt, die sich Weltraumtourismus nicht nur leisten können, sondern im Anschluss auch Millionen in den Klimaschutz investieren können.

Die dreckige Seite des Weltraumtourismus

Doch wenn man von Weltraumtourismus und Klima spricht, muss man auch auf die Technologie selbst schauen. Denn unabhängig vom Overview-Effekt sind die Raketen-Launches aus Umweltsicht problematisch.

Das Smithsonian-Institut hat zum Beispiel errechnet, dass der Kerosin-Anteil in drei Falcon-9-Raketen von SpaceX etwa 440 Tonnen entsprechen. Das wäre zwar, an aktuellen Emissionen gemessen, ein Klacks. Sollte SpaceX alle zwei Wochen eine Rakete launchen (etwa 4.000 Tonnen Kohlenstoff pro Jahr), hätten wir ein größeres Emissionsproblem.

Doch CO2-Emissionen wären nicht mal die größte Sorge bei häufigen Launches. Viel schädlicher wäre der unverbrannte Kohlenstoff (Ruß) der Raketen.

Eine Studie unter Martin Ross von der Aerospace Corporation in Kalifornien zeigt erstmals, was die Klima-Effekte daraus sein könnten. Ross und sein Team gingen dabei von 1.000 Suborbitalflügen pro Jahr aus und simulierten dann anhand der Daten eines Raktenmotors den möglichen Ruß-Effekt.

Sie kamen auf 600 Tonnen Ruß pro Jahr – sehr viel weniger als der aktuelle Jahresdurchschnitt von Flugzeugen und anderen Quellen. Aber: Der Raketen-Ruß wird in viel höherer Atmosphäre ausgestoßen und bleibt darum, anders als bei Flugzeugen, bis zu zehn Jahren in der Atmosphäre.

Unverbrannter Kohlenstoff bindet Wärme und sorgt damit, dass sich die Luft erwärmt – und trägt somit zur globalen Erwärmung bei. Die Effekte wären nach Ross ziemlich dramatisch. Seiner Simulation zufolge erwärmten sich die Pole zwischen 0,2 Grad Celsius und 1 Grad Celsius pro Jahr. Auch könnte der Ruß möglicherweise die Ozonschicht weiter ausdünnen.

Die Effekte fürs Klima wären verheerend. Die Studie hat aber auch ihre Schwächen. So nutzten die Wissenschaftler alte Raketen-Daten. Neuere Maschinen, die im Weltraumtourismus eingesetzt werden, stoßen sehr viel weniger unverbrannten Kohlenstoff ab.

Kann Weltraumtourismus das Klima retten? Vielleicht!

Wird also letztlich der Overview-Effekt beim Weltraumtourismus und somit die positiven Klima-Effekte überwiegen oder werden die Raketen-Launches dem Klima weiter schaden? Das lässt sich jetzt mit völliger Sicherheit natürlich nicht sagen – auch weil wir wahrscheinlich viele Auswirkungen jetzt noch gar voraussehen können.

Doch Richard Garriott ist hoffnungsvoll: „Selbst wenn nur ein Bruchteil von einem Prozent der menschlichen Bevölkerung eine ähnliche Erfahrung hätte, glaube ich, dass das die öffentliche Einstellung sehr ändern könnte“

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin mit einer Leidenschaft für alles, was mobil ist. Sie selbst pendelt regelmäßig vorwiegend zwischen Europa, Südamerika und den USA hin und her und berichtet über Mobilitäts- und Technologietrends aus der ganzen Welt. Seit 2016 ist sie Chefredakteurin von Mobility Mag.

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