Normalität, Rückkehr, Corona, Ausgang

Wollen wir wirklich wieder zurück zur Normalität?

Carsten Lexa
Wir sollten nicht einfach so zurück zur Normalität. (Foto: Pixabay.com / geralt)

„Endlich wieder zurück zur Normalität.“ So tönt es derzeit aus fast allen Richtungen. Doch wollen wir das wirklich? Wollen wir einfach zurück zur Normalität? Ich nicht! Denn: Die Normalität steht für Veraltetes und Vergangenes. Das sollten wir nicht akzeptieren. Ein Kommentar.

In den letzten Tagen gibt es erfreuliche Neuigkeiten in Sachen Corona-Pandemie. Die Infektionszahlen sinken. Vermehrt sind Lockerungen im Gespräch. Insbesondere über einen Satz bin ich in diesem Zusammenhang gestolpert: „Endlich geht es wieder zurück zur Normalität.“ Denn ich frage mich, ob wir das wirklich wollen.

Eine Zeit voller Herausforderungen

Sicherlich: In den letzten Monaten mussten wir auf Vieles verzichten und besondere Herausforderungen meistern. Arbeitnehmer:innen und Arbeitgeber:innen mussten sich mit neuen Abläufen und neuer Organisation auseinandersetzen. Schüler:innen und Eltern mussten Homeschooling meistern.

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Die Gesellschaft hat darüber debattiert, wie sich das auf die Entwicklung von Kindern auswirkt. Und im privaten Bereich gab es keine oder wenn überhaupt nur wenige Möglichkeiten, persönliche Kontakte, Kunst und Kultur zu genießen. Vielmehr mussten wir Einschränkungen in der privaten Lebensausübung akzeptieren. Reisen und Sport waren nicht oder nur begrenzt möglich.

Ist die Normalität die Vergangenheit?

Viele sehnen sich danach, nicht mehr im eigenen Handeln eingeschränkt zu sein. Wir wollen Kolleg:innen wieder „in real life“ sehen. Diese Hoffnung hat viele in den letzten Wochen begleitet. Ebenso gibt es den Wunsch, dass wir uns wieder privat in Bars oder auf Veranstaltungen treffen können.

Und doch beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Sehnen wir uns zu sehr nach der Vergangenheit? Wenn doch die Vergangenheit die „Normalität“ darstellt, was ist dann die Zukunft?

Die Unzulänglichkeiten sind vergessen

Ich habe manchmal das Gefühl, dass die vielen Unzulänglichkeiten, die wir in den letzten Wochen deutlich vor Augen geführt bekommen haben, schon längst wieder vergessen – zumindest aber akzeptiert sind.

Was ist mit der öffentlichen Verwaltung, die nicht schnell reagieren kann? Egal, dann wartet man halt etwas länger. Schulen, die nicht auf die Digitalisierung vorbereitet sind. Schulen, die nicht über die erforderliche Hardware verfügen und Lehrer, die die Hardware schlechter bedienen als ihre Schüler?

Macht nichts, dann lernen die Kinder halt nicht so viel. Und Bildung insgesamt: Das Einordnen von Informationen oder das Erkennen von Falschinformationen? Nicht problematisch! Wir haben eben Meinungsfreiheit.

Die Angst (der Deutschen) vor Veränderung

Ich bin der Ansicht, dass das der falsche Ansatz ist. Denn wir verspielen eine Chance, wenn wir immer nur sehnsüchtig auf die Vergangenheit blicken und traurig darüber sind, was wir nicht haben.

Wir sollten vielmehr die Unzulänglichkeiten nehmen, sie beseitigen und so für einen neuen Schub sorgen, der unser Land und unsere Gesellschaft vorwärts bringt. Wir sollten nicht hämisch über Elon Musk sprechen, wenn sich der Bau seiner Giga-Factory „wegen der deutschen Bürokratie“ verzögert.

Stattdessen sollten wir erschüttert sein und Konsequenzen fordern. Denn diese Fabrik gestaltet die Zukunft. Das sollten wir mit aller Macht unterstützen.

Wir sollten nicht die armen Schüler bedauern, die sich nicht mehr in der Schule mit anderen treffen können, sondern wir sollten es bedauern, wenn die Schulen wieder öffnen und alles so wird wie bisher – einschließlich vergangenheitsorientierter Lehrpläne und veralteter Technik.

Und wir sollten Angst bekommen, wenn es heißt: „Dann müssen wir endlich keine Zoom-Meetings mehr abhalten.“ Das bedeutet, dass diese Art der Kommunikation als Fremdkörper angesehen wird.

Mit neuer Energie in die Zukunft

Sehnen nach der Vergangenheit ist gut und schön. Und ja: Das Wiederherstellen der sozialen Kontakte wird wieder Zeit. Aber lasst uns dort nicht stehenbleiben. Lasst uns vielmehr mit kritischem Blick auf die Vergangenheit schauen und festhalten, dass eben nicht alles so gut war, wie wir es in Erinnerung haben.

Lasst uns vielmehr aus der berechtigten kritischen Haltung heraus Schwung entwickeln, um Lösungen für die drängenden Fragen wie Mobility, Unterricht und Ausbildung sowie Konsum und Umweltbelastungen zu finden. Dann wird nicht mehr die Vergangenheit die Normalität sein, sondern die Freude auf die Zukunft.

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Rechtsanwalt Carsten Lexa berät seit 20 Jahren Unternehmen im Wirtschafts-, Gesellschafts- und Vertragsrecht. Er ist Lehrbeauftragter für Wirtschaftsrecht, BWL und Digitale Transformation sowie Buchautor. Lexa ist Gründer von vier Unternehmen, war Mitinitiator der Würzburger Start-up-Initiative „Gründen@Würzburg”, Mitglied der B20 Taskforces Digitalisierung/ SMEs und engagiert sich als Botschafter des „Großer Preis des Mittelstands” sowie als Mitglied im Expertengremium des Internationalen Wirtschaftsrats. Er leitete als Weltpräsident die G20 Young Entrepreneurs´Alliance (G20 YEA). Bei BASIC thinking schreibt Lexa über Themen an der Schnittstelle von Recht, Wirtschaft und Digitalisierung.