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Radschnellweg auf Stelzen: Warum ist die Idee umstritten?

URB-X, Radschnellweg
Urb-X
geschrieben von Marinela Potor

Es klingt wie ein Fahrrad-Paradies: Auf fünf Meter hohen Stelzen erhebt sich ein moderner Radschnellweg in der Stadt, auf dem sich Radfahrende weder um Fußverkehr noch um Autos sorgen müssen. Genau ein solches Pilotprojekt plant die Region Stuttgart. Doch es gibt kritische Stimmen. Warum? 

Die meisten Städte, Politiker:innen, Stadtplaner:innen und Bürger:innen sind sich einig: Urbaner Radverkehr sollte gefördert werden. Streitpunkte ergeben sich aber meistens bei den Details der Umsetzung. Denn Radwege ausbauen kostet Geld und kann, je nach Umsetzung, Platz für Gehwege und Straßen einschränken.

Gleichzeitig bringen auch halbherzige Radwege wenig, wenn sie beispielsweise nicht durchgehend durch die Stadt führen oder Radfahrende sich viel befahrene Strecken mit schnellen Autos teilen müssen.

Doch wie kriegt man es hin, gleichzeitig günstige als auch sichere Radwege zu bauen, die kein komplettes Umwerfen der bestehenden Infrastruktur einer Stadt erfordern? Die Antwort: Mit Radwegen auf Stelzen!

Radschnellweg auf Stelzen: Das steckt hinter dem Konzept

Das ist jedenfalls die Idee des Schweizer Start-ups Urb-X. Das Unternehmen hat ein modulares Konzept für erhobene Radschnellwege entwickelt, das sowohl nachhaltig und günstig als auch schnell umzusetzen sei. Gleichzeitig soll es Radfahrer:innen sorgenfreies Fahren ermöglichen.

Man kann sich das Ganze so vorstellen: Einige Meter über Gehwegen und Straßen führt eine zweispurige Fahrrad-Hochbahn. Diese wird von Stelzen gestützt und bietet Fahrrädern somit ihre eigene Trasse, ohne dass sich Räder, Autos und Passant:innen jemals in die Quere kommen.

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So stellt sich Urb-X den überirdischen Radweg vor. (Foto: Schreenshot / Urb-X)

Die „Bike-Highways“, wie Urb-X die Radschnellwege auch nennt, lösen den Kampf um begrenzten Raum in den Städten und bieten Radfahrer:innen eine sichere Möglichkeit, durch die Stadt zu fahren.

Neu ist die Idee nicht. Wer schon mal in den Niederlanden unterwegs war, hat ähnliche Fahrrad-Hochwege sicherlich schon gesehen und auch Kopenhagen hat einige Radhochwege. Doch das Konzept von Urb-X verspricht neben einer Förderung des Radverkehrs noch weitere Vorteile.

Bike-Highway von Urb-X: nachhaltig, modular, günstig

Die Bike-Highways sollen mit heimischem Holz gebaut werden, was als Material nachhaltiger wäre als Beton, Blech, Stahl oder Plastik. Darüber hinaus sollen die Radwege mit moderner Infrastruktur versehen werden. Urb-X sieht hier Beleuchtung, Ampelsysteme und eine begrünte Überdachung vor.

Das würde nicht nur schön aussehen, sondern den Radfahrer:innen auch Schutz vor Regen und Sonne bieten. Eine derart geschützte Trasse würde sicherlich noch mehr Menschen zum Radfahren bewegen. Im Winter wiederum soll ein Heizsystem dafür sorgen, dass die Strecken nicht einfrieren.

In die seitlichen Begrenzungen der Radschnellwege sollen zudem Solarpanele eingebaut werden, die nicht nur die Energieelemente des Radwegs, sondern auch die Stadt mit Strom versorgen können.

Doch der wirklich große Clou des Schweizer Start-ups ist die modulare Bauweise der Rad-Autobahn. Denn der Radweg besteht aus einzelnen Bausteinen, die nach dem Baukastenprinzip einfach nur zusammengesetzt werden müssen. Das macht das Aufziehen eines solchen Radwegs sehr viel unkomplizierter und schneller.

Modul Radschnellweg, URB-X

So sollen die Module für den Radschnellweg aussehen. (Foto: Screenshot / Urb-X)

100 Tonnen CO2 pro Jahr und Kilometer Strecke sparen

Das Start-up behauptet, der Holzbau könne im Vergleich zum Stahl- und Betonbau bis zu 3.000 Tonnen CO2 pro Kilometer Strecke sparen. Zudem käme noch eine Ersparnis von 100 Tonnen CO2 pro Jahr und Streckenkilometer durch die Stromproduktion hinzu. Der Solarstrom würde Städte außerdem 100.000 Euro jährlich ersparen.

Städte würden sich ebenfalls Unterhaltungskosten sparen, da der Radweg beispielsweise keinen Winterdienst und weniger Inspektionen benötigen würde. Und wenn mal etwas kaputtgeht, muss man nicht den ganzen Weg neu bauen, sondern kann einfach einzelne Module austauschen.

Kein Wunder, dass all diese Vorteile bei einigen Städten reges Interesse an den Radschnellwegen wecken.

Erste Städte wollen Radschnellweg umsetzen – auch in Deutschland

Die Vorteile der Radschnellwege auf Stelzen von Urb-X liegen auf der Hand. Sie sind nachhaltig, schnell umsetzbar (bis zu 250 Meter Strecke pro Woche verspricht das Start-up) und könnten Radverkehr in Städten fördern. Und: Sie sind auch kostengünstig.

Nach Angaben des Start-ups belaufen sich die Kosten pro Streckenkilometer auf zwei Millionen Euro. Mit Auffahrten und Abstützung kämen nochmals etwa 500.000 bis 900.000 Euro hinzu. Zum Vergleich: Ein Kilometer Asphaltstraße kostet im Schnitt irgendwo zwischen sechs und 20 Millionen Euro.

Kein Wunder also, dass die ersten Städte bereits bei Urb-X anklopfen. In Basel wird zum Beispiel derzeit eine erste Teststrecke gebaut und auch in der Region Stuttgart sind Pilotstrecken von etwa 20 bis 50 Kilometer geplant. Angetrieben wird das Projekt in Baden-Württemberg vor allem von Landesverkehrsminister Winfried Hermann und Ministerpräsident Winfried Kretschmann.

Die beiden Grünen-Politiker schauten sich vor kurzem das Pilotprojekt in Basel an und zeigten sich direkt begeistert. „Sowas genau brauchen wir“, sagte etwa Kretschmann bei seinem Besuch gegenüber dem SWR.

Wir haben riesige Stauprobleme zum Beispiel in Stuttgart. Da kommen wir nur weg, wenn wir solche innovative Ideen umsetzen.

Bis 2030 will das Land 20 Radschnellwege bauen. Die Kosten könnten sich auf eine halbe Milliarde Euro belaufen. Doch die Idee erntet auch Kritik.

Zweifel an Langlebigkeit

So befürchten Expert:innen, dass die Holzbauweise stärker von Wind und Wetter beeinflusst sei und darum nicht so langlebig sein könnte wie traditionellere Materialien. Auch Schimmel könnte sich bilden. Das würde wiederum zu häufigen Reparaturen und erhöhten Kosten führen. Eventuell müsste man auch nach 30 Jahren wieder alles neu bauen.

Ein weiterer Kritikpunkt: Derartige Strecken können nicht beliebig an jeder Stelle hochgezogen werden. Je nach Innenstadt gibt es beispielsweise Konflikte mit Tram-Systemen. Und auch wenn die Radwege überirdisch verlaufen, es werden dennoch Rampen zur Auf- und Abfahrt der Räder benötigt. Dafür muss entsprechend Platz vorhanden sein. Zudem dürfen diese Rampen die bestehende Infrastruktur nicht stören.

Dem stimmt auch Klaus Kirchmayr, Geschäftsführer des Start-ups, zu. Doch was die Qualität des Holzes angeht, hat das Unternehmen eine andere Meinung. Als Antwort auf die Kritik heißt es von Urb-X: „Holz wird immer noch stark in seiner Leistungsfähigkeit und Haltbarkeit unterschätzt. Gehen Sie davon aus, dass wir unseren Werkstoff kennen und wir den Vergleich zu Stahl, Beton und Asphalt nicht scheuen müssen.“

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin mit einer Leidenschaft für alles, was mobil ist. Sie selbst pendelt regelmäßig vorwiegend zwischen Europa, Südamerika und den USA hin und her und berichtet über Mobilitäts- und Technologietrends aus der ganzen Welt. Seit 2016 ist sie Chefredakteurin von Mobility Mag.

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