Wirtschaft

Lore Harp McGovern: Eine fast vergessene Pionierin des Silicon Valley

Lore Harp McGovern, Silicon Valley
McGovern Institute
geschrieben von Carsten Lexa

Wenn es um technologische Innovation geht, sind nur wenige Geschichten so fesselnd wie die von Lore Harp McGovern. Als Frau hat sie eines der ersten Personal Computer-Unternehmen gegründete und an die Börse gebrachte. Ihre Geschichte wird leider nicht oft erzählt. Das möchte ich ändern. 

Lore Harp McGovern: Die Geburt von Vector Graphic

Im Sommer 1976 gründete Lore Harp (zunächst verheiratet mit Bob Harp, dann mit Patrick McGovern), geboren 1944 als Lore Lange-Hegermann im damals deutsch besetzten Polen und später in die USA emigrierte, zusammen mit ihrer Freundin Carole Ely in ihrem Haus in einem kalifornischen Vorort Vector Graphic.

Die Gründung war jedoch nicht (nur) das Ergebnis einer unternehmerischen Idee, sondern entsprang vor allem dem Wunsch, aus der Eintönigkeit traditioneller Hausfrauenaufgaben auszubrechen. Lore Harp McGovern und Carole Ely starteten ihr Unternehmen somit aus Langeweile wegen ihrer häuslichen Routinen.


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In einer Zeit, in der die Technologiebranche boomte und weitgehend von Männern dominiert wurde, sahen sie eine Chance, innovativ zu sein und ihre intellektuellen und kreativen Fähigkeiten zu nutzen. Der Sprung von der Hausfrau zur Technologiepionierin war somit eine Herausforderung der gesellschaftlichen Normen der 1970er Jahre, die Frauen häufig auf Tätigkeiten im Haushalt beschränkten.

Von Äpfeln und Vektoren

Vector Graphic machte sich schnell einen Namen mit der Herstellung einiger der ersten und innovativsten Personal Computer, die damals auf dem Markt waren – übrigens zur gleichen Zeit wie Apple und noch vor IBM.

Das erste Produkt von Vector Graphic, der Vector 1, der 1977 auf den Markt kam, war ein auf dem Intel 8080A basierender Mikrocomputer, der sich durch seine Einfachheit und Benutzerfreundlichkeit auszeichnete und im krassen Gegensatz zu den damals üblichen komplexen Produkten stand.

Pionierin mit revolutionären Ansätzen: Wer ist Lore Harp McGovern?

Wenn man über Lore Harp schreibt, muss man ihren für die damalige Zeit revolutionären Führungsstil erwähnen. Unter ihrer Leitung wurde Vector Graphic nicht nur für seine Produkte bekannt, sondern auch für seine fortschrittlichen Führungsansätze, einschließlich der Förderung der Geschlechtervielfalt und der Pflege enger persönlicher Beziehungen innerhalb des professionellen Computerhändlernetzes.

Diese Führungsstrategien trugen dazu bei, dass sich Vector Graphic vor allem in den Anfangsjahren einen beträchtlichen Marktanteil und einen treuen Kundenstamm sichern konnte.

Anfang der 1980er Jahre war Vector Graphic zu einem beachtlichen Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 36 Millionen Dollar herangewachsen. Harps unternehmerisches Geschick führte dazu, dass das Unternehmen an die Börse ging. Damit war sie eine der ersten Frauen, die ein Technologieunternehmen an die New Yorker Börse brachte.

Herausforderungen als Führungskraft meistern

Der Führungsstil von Lore Harp McGovern bei Vector Graphic war so innovativ wie die Technologie, die ihr Unternehmen produzierte. Sie erkannte, dass es bei Produktion und Management im Wesentlichen um Menschen geht, und führte Maßnahmen ein, die die Mitarbeiter in den Mittelpunkt stellten und für die damalige Zeit radikal waren.

Harp konzentrierte sich auf das Wohlergehen der Mitarbeiter und bot ihnen Aktienoptionen (im Rahmen des Börsengangs erhielten alle Mitarbeiter:innen Aktien des Unternehmens, nicht nur die vermeintlich wichtigen) und umfassende Sozialleistungen, sowie Dienstleistungen wie Kinderbetreuung und Hausreinigung.

Diese Leistungen zogen nicht nur talentierte Arbeitskräfte an, sondern führten auch zu einem hohen Anteil weiblicher Beschäftigter, wodurch sich Vector Graphic erneut von seinen Konkurrenten abhob (allerdings sollte erwähnt werden, dass Lore Harp in einem Interview sagte, dass das Geschlecht für sie bei Einstellungen keine Rolle spiele – sie stelle die Person ein, die am besten für eine Stelle geeignet sei).

Mitarbeiterführung: Fortschrittliche Ansätze und Kritik

Diese fortschrittliche Ansätze beim Umgang mit Mitarbeiter:innen blieben jedoch nicht ohne Widerstand. Skepsis und Kritik kamen häufig von männlichen Führungskräften in der Branche, die sich fragten, ob Harps mitarbeiterorientierter Ansatz auf einen Mangel an strategischem Geschäftssinn hindeute oder lediglich ein fehlgeleitetes feministisches Experiment sei.

Diese Anfechtungen unterstrichen die geschlechtsspezifischen Vorurteile, die in den 1970er und 1980er Jahren in der Technologiebranche vorherrschten und denen Harp mit ihrem Führungsstil direkt begegnete. Trotz Widerstände und Kritik blieb sie hartnäckig und betonte, dass ihre Ansichten und Einstellungen nicht nur ethisch, sondern auch wirtschaftlich vernünftig seien, da sie eine entscheidende Rolle für das Wachstum und den Erfolg von Vector Graphic spielten.

Auf diese Weise führte Lore Harp McGovern Vector Graphic nicht nur zu technologischem Erfolg, sondern leistete auch Pionierarbeit bei der Veränderung der Unternehmenskultur in den USA, indem sie sich für Inklusion und Mitarbeiterförderung einsetzte, lange bevor diese Praktiken im Silicon Valley üblich wurden.

Die Rolle von Bob Harp bei Vector Graphic

Die Geschichte von Lore Harp und Vector Graphic ist wäre aber nicht vollständig ohne die Erwähnung von Bob Harp, Lores erstem Ehemann – und deshalb möchte ich kurz auf ihn eingehen. Obwohl Lore Harp schnell zum Gesicht und zur Stimme von Vector Graphic wurde, spielte Bob Harp eine wesentliche Rolle für den Erfolg des Unternehmens.

Als technisches Rückgrat des Unternehmens – er entwickelte die erste Speicherplatine, die Vector Graphic als erstes Produkt vertrieb – war Bob Harp maßgeblich am Design und der Entwicklung des Vector 1-Computers beteiligt, mit dem Vector Graphic in den Markt der Personal Computer eintrat.

Sein technisches Fachwissen ermöglichte es dem Unternehmen, schnell zu innovieren und Produkte anzubieten, die sowohl technisch der Konkurrenz überlegen als auch einfacher zu bedienen waren. Bobs Beitrag zum Erfolg des Unternehmens ging jedoch über die Produktentwicklung hinaus.

Er war maßgeblich daran beteiligt, die ersten Fertigungsprozesse in seiner Garage einzurichten, was die Kosten für das Unternehmen niedrig hielt und flexible Produktionspläne ermöglichte. Seine Fähigkeit, die erforderliche Logistik zu managen und gleichzeitig den visionären Führungsstil seiner Frau zu unterstützen, war von entscheidender Bedeutung, dass Vector Graphic die Komplexitäten in einer aufstrebenden Technologiebranche meistern und den Produktionsbetrieb skalieren konnte, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden.

Die Zeit nach Vector Graphic

Die Karriere von Lore Harp McGovern ist keine gescheiterte und insbesondere endete sie nicht, als sie schließlich 1984 Vector Graphic verließ. Sie beteiligte sich anschließend an mehreren Unternehmen in den Bereichen Gesundheitswesen, Bildungsverlage und Technologie, war eine überzeugte Unterstützerin zahlreicher Start-ups im Silicon Valley und setzte ihre Erfahrungen und Ressourcen ein, um die nächste Generation von Innovatoren zu fördern (auch wenn sie sich später in Interviews darüber beklagte, dass Start-ups zwar gern Investmentgelder von ihr annahmen, aber nicht so sehr an ihrer Erfahrung und ihrem Wissen interessiert waren).

Darüber hinaus engagierte sich im philanthropischen Bereich, was vielleicht am besten durch ihre Mitgründung des McGovern Institute for Brain Research am MIT veranschaulicht wird, einer führenden Einrichtung, die sich dem Verständnis des menschlichen Gehirns und der Linderung von durch neurologische Störungen verursachten Leiden widmet.

Lore Harp McGovern: Vermächtnis und Anerkennung

Lore Harp McGovern hat zahlreiche Auszeichnungen für ihren Beitrag zur Entwicklung von Technologie und Gesellschaft erhalten, darunter den „Entrepreneur of the Year Award“ der Women Business Owners of New York und den „Distinguished Immigrant Award“ des Commonwealth Club of San Francisco.

Sie gründete zudem einen Risikokapitalfonds und wurde 1994 Mitglied der ursprünglichen „Band of Angels“, einer der ersten Angel-Investorengruppen in Kalifornien, die sich auf Investments in Tech- und Biotech-Unternehmen konzentrierte.

Mit ihrer Arbeit hat Lore Harp McGovern Frauen den Weg in die Technologiebranche geebnet, Stereotype in Frage gestellt und einen neuen Standard für Führung in der High-Tech-Industrie gesetzt. Ihr Weg von einer visionären Unternehmerin in der aufstrebenden Tech-Branche zu einer angesehenen Philanthropin und Mentorin spiegelt eine bemerkenswerte Mischung aus Mut, Innovation und Führungsstärke wider.

Ihre Geschichte, die leider nicht so oft erzählt wird wie sie erzählt werden sollte, handelt nicht nur von den Computern, die Vector Graphic baute, sondern auch von den Barrieren, die Lore Harp McGovern überwand, und den kulturellen Normen, die sie in Frage stellte.

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Über den Autor

Carsten Lexa

Rechtsanwalt Carsten Lexa berät seit über 10 Jahren deutsche und internationale Unternehmen in allen Angelegenheiten wirtschaftsrechtlicher Art, z.B. bei Gründungen, Strukturierungen oder Vertragsgestaltungen aber auch zu rechtlich-strategischen Fragen. Darüber hinaus war er Weltpräsident der G20 Young Entrepreneurs Alliance (G20 YEA), Mitglied der B20 Taskforces und Rechtsbeistand der Wirtschaftsjunioren Deutschland. Bei BASIC thinking schreibt er über unternehmensrechtliche Fragen.

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