Ein US-Historiker hat mithilfe einer KI einen Nazi-Täter auf einem historischen Holocaust-Foto identifiziert.
Es ist eines der furchtbarsten Fotos des Holocaust: Ein Nazi-Soldat zielt mit einer Pistole auf den Kopf eines Mannes, der vor einem Massengrab kniet. Das Bild ist auch unter dem Titel „Der letzte Jude in Winniza“ bekannt. Die Identität des Täters blieb jahrzehntelang ungeklärt.
Jetzt hat der US-amerikanische Historiker Jürgen Matthäus das Rätsel offenbar gelöst. Und das nicht nur durch staubige Archivarbeit, sondern mit tatkräftiger Hilfe von Künstlicher Intelligenz. Matthäus, der früher die Forschungsabteilung des Holocaust-Gedenkmuseums in Washington leitete, veröffentlichte seine aktuellen Erkenntnisse.
Das Massaker fand am 28. Juli 1941 in der Zitadelle von Berditschiw in der heutigen Ukraine statt. Die Erschießungen wurden von einem Kommando der Einsatzgruppe C durchgeführt. Die Stadt, die fälschlicherweise lange für Winniza gehalten wurde, war zuvor ein blühendes Zentrum jüdischen Lebens.
Holocaust-Foto: KI identifiziert Nazi-Täter
Die entscheidende Wendung in dem historischen Kriminalfall basiert auf moderner Technologie und einem Zufall. Ein Leser meldete sich bei Matthäus und erzählte ihm von dem Verdacht, dass der Schütze auf dem Foto der Onkel seiner Frau sein könnte: Jakobus Onnen, ein Lehrer, geboren 1906. Onnen war bereits vor 1933 in die NSDAP eingetreten und Teil der Mord-Einheit.
Obwohl Onnens Briefe von der Ostfront in den 90er-Jahren von Verwandten vernichtet wurden, besaßen die Angehörigen noch alte Fotos von ihm. Diese Bilder wurden von der investigativen Journalismusgruppe Bellingcat für eine KI-Bildanalyse genutzt.
Matthäus erklärte, dass der vom Algorithmus ermittelte Übereinstimmungsprozentsatz ungewöhnlich hoch sei. Aufgrund der historischen Natur des Fotos kann die KI zwar keine 98-prozentige forensische Sicherheit liefern, aber die starke Ähnlichkeit in Kombination mit einem Berg von Indizien reichte für die Veröffentlichung. Die KI war dabei ein Werkzeug unter vielen.
Ein Foto als Trophäe
Jakobus Onnen, der aus einer gebildeten Familie stammte und in seiner Jugend gerne reiste und Sprachen studierte, wurde nie über einen relativ niedrigen Rang befördert und fiel bereits im August 1943 im Kampf. Laut Matthäus wurde die Teilnahme an solchen Morden als selbstverständlich angesehen und brachte keine Bonuspunkte in den Einheiten. Onnen posierte auf dem Foto wahrscheinlich, um zu beeindrucken.
Das Bild ist eine von vielen Trophäen, die deutsche Soldaten von den Massakern mit nach Hause schickten. Matthäus hält das Foto für bedeutungsvoll: „Ich denke, dieses Bild sollte genauso wichtig sein wie das des Tores in Auschwitz, weil es uns die direkte Konfrontation zwischen Täter und Opfer zeigt.“
Nun arbeiten die Forscher daran, ebenfalls die Identität des Mannes zu finden, der vor der Grube kniet. Auch dabei könnte KI helfen, falls vergleichbare Bilder des Opfers auftauchen. Der Fall zeigt, wie moderne Technologie helfen kann, die Namenlosen aus der Vergessenheit und Vergangenheit zu holen.
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