Zahlreiche deutsche Synchronsprecher boykottieren derzeit offenbar die Zusammenarbeit mit Netflix. Hintergrund ist eine Klausel, die es dem Streamingdienst erlauben würde, Stimmaufnahmen für das Training von KI-Modellen zu nutzen. Pikant: Nicht eimal eine Vergütung will das Unternehmen dafür zahlen. Eine kommentierende Analyse.
Synchronsprecher boykottieren Netflix
- Laut dem Verband deutscher Sprecher (VDS) fordert Netflix bei aktuellen Projekten, dass Synchronsprecher eine Rechteabtretung unterschreiben. Diese Klausel sieht vor, dass das Unternehmen Stimmaufnahmen zu KI-Trainingszwecken nutzen darf. Heißt konkret: Netflix könnte aus echten Aufnahmen sogenannte Audio-Deepfakes erstellen, um Filme und Serien künftig mithilfe von KI zu synchronisieren.
- Bereits im April 2025 hat der VDS eine Petition mit dem Namen „Schützt die Kunst vor KI #DeineStimmeFürEchteStimmen“ gestartet. Adressiert sind der Bundeskanzler, das Kulturstaatsministerium, das Bundesministerium für Wirtschaft, das Bundesministerium für Digitales sowie die Repräsentanten Deutschlands in der EU. Mittlerweile sind über 91.000 Unterschriften zusammengekommen (Stand: 28 Januar 2026).
- Der Verband deutscher Sprecher setzt sich dafür ein, dass Synchronsprecher das Recht haben sollen, selbst zu entscheiden, ob sie ihre Aufnahmen für das Training von KI-Modellen freigeben. Dies müsse jedoch mit einer Vergütung einhergehen. Alternativ sollen sie ablehnen können, dass ihre Stimmen genutzt werden – und zwar ohne negative Konsequenzen fürchten zu müssen. In einem Video untermauern zahlreiche Synchronsprecher die Forderung.
Debatte um Einsatz von KI in der Filmbranche
Der Konflikt zwischen den deutschsprachigen Synchronsprechern und Netflix ist kein Einzelfall, sondern Teil einer globalen Debatte um den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Film- und Kreativbranche. Bereits 2023 legte das Thema KI etwa halb Hollywood lahm.
Zahlreiche Autoren und Schauspieler gingen damals auf die Barrikaden, weil Filmstudios Drehbücher von KI schreiben lassen und digitale Klone von Darstellern generieren wollten. Die Folge: Monatelange Streiks, die zu Filmverzögerungen führten, bis man sich schließlich auf bestimmte Regeln zum Einsatz von KI einigen konnte.
Dass damals längst nicht alle Sorgen ausgeräumt werden konnten, offenbart sich nun erneut. Während Milliarden-Konzerne wie Netflix KI in der Synchronisation einsetzen wollen, um Kosten zu sparen, bangen ganze Berufsgruppen um ihre Jobs. Dabei geht es nicht einmal darum, den Einsatz von KI per se zu verteufeln, sondern einen fairen Kompromiss zu finden.
Denn das Problem ist weniger die Technik, sondern der freche Tonfall von Netflix, das Rechte einfordert, aber dafür nicht einmal bezahlen will – von der Option einer Wahl ganz zu schweigen.
Stimmen
- Der Verband Deutscher Sprecher (VDS) in einem Statement: „Die Abgabe persönlicher Daten als Trainingsmaterial für KI-Systeme darf kein Branchenstandard werden. Wir sind Kunstschaffende, keine Datenquellen. Wer eine Technologie nicht fördern will, darf nicht dazu gezwungen werden. Es gibt viele Versionen der Zukunft und wir haben das Recht, sie mitzugestalten.“
- Die deutsche Synchronsprecherin Ranja Bonalana in einem Interview: „Bei einer Synchronisation geht es immer um menschliche Kreativität. Diese beruht auf unseren Emotionen, Vorstellungskraft, auf unseren Lernerfahrungen, Denkprozessen und Reflexionen. Der KI fehlt jedes Bewusstsein für soziale, emotionale oder gesellschaftliche Faktoren. Sie kann Emotionen nicht fühlen. Sie weiß ja nicht, was sie sagt. Es ist nur ein Algorithmus.“
- Audio Innovation Lab-Mitgründer Stefan Sporn ist anderer Meinung. Das Unternehmen hat bereits einen chinesischen Film komplett mit KI synchronisiert – und zwar mit den Originalstimmen. „Es geht darum: Ist das Gesamtbild überzeugend? Ein Synchronsprecher nimmt die Haltung auf und macht die Haltung dann neu auf deutsch.“ Die Proteste sieht Sporn skeptisch. Gegenüber dem Spiegel sagte er: „Mein Gefühl ist, dass die Sprecher gerade an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen.“ Was er meint: Kooperieren sie nicht, werde in Zukunft einfach mit einer KI-Version der Originalstimme gearbeitet.
Netlfix: Synchronsprecher fordern fairen Kompromiss
Dass Gewerkschaften und Verbände aufgrund des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz in der Kreativbranche Alarm schlagen, ist kein hysterischer Reflex, sondern Teil berechtigter Sorgen. Als würde KI nicht schon rein technisch eine Bedrohung darstellen, setzen die Produktionsfirmen der Dreistigkeit noch die Krone auf, indem sie Rechte und Daten für lau fordern.
Aufgrund des aktuellen Streiks der Synchronsprecher könnte es in Deutschland zu zahlreichen Filmverzögerungen kommen. Denn obwohl die Filmbranche zu einer der kapitalistischsten der Welt geworden ist, haben Gewerkschaften und Verbände wie der VDS großen Einfluss.
Und das ist auch gut so, um die Skrupellosigkeit der Konzerne in Zaum zu halten. Die Befürchtung, dass in Deutschland künftig auch Filme und Serien ohne deutsche Synchronisation erscheinen, ist aber äußerst unrealistisch und vielmehr Panikmache als Realität.
Denn Netflix würde damit Millionen deutsche Abonnenten vergraulen. Wahrscheinlicher ist, dass es zu einer Einigung in Form eines Kompromisses kommt – zumal die nächsten Verhandlungen bereits anstehen. Möglich wären etwa verpflichtende Vergütungen, Wahloptionen oder eine eingeschränkte Nutzung von Stimmaufnahmen durch KI.
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