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KI im Kinderzimmer: Sind Chatbots die Zigarette des 21. Jahrhunderts?

Fabian Peters
Bild: Mit ChatGPT generiert (KI)

Immer mehr junge Menschen, die mit KI-Chatbots interagieren, laufen Gefahr, mediensüchtig zu werden. Das ist das Ergebnis einer Studie der DAK-Gesundheit. Besonders pikant: 33 Prozent der Befragten gaben an, sich von KI-Chatbots besser verstanden zu fühlen als von echten Menschen. Chatbots könnten damit zur Zigarette des 21. Jahrhunderts mutieren. Eine kommentierende Analyse.

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KI-Chatbots machen Kinder süchtig

  • KI-Modelle wie ChatGPT, Gemini und Co. sind mittlerweile fester Bestandteil im Alltag vieler junger Menschen. Das Problem: KI kommt nicht nur bei der Hausaufgaben-Hilfe zum Einsatz, sondern viele Jugendliche und Kinder interagieren in ihrer Freizeit zunehmend mit Chatbots. Laut einer Suchtstudie der DAK-Gesundheit und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) sei Einsamkeit einer der Hauptgründe dafür.
  • Der Untersuchung zufolge gaben etwa 7,8 Prozent der Befragten an, dass sie Chatbots nutzen, weil sie sich einsam fühlen. Jeder Dritte sagte, dass er oder sie sich von KI besser verstanden fühle als von Menschen und ihr Dinge anvertraue, die sonst nur engen Freunden vorbehalten wären. Kinder und Jugendliche mit höheren psychosozialen Belastungen wie Stress, Angst oder Depressionen zeigten eine erhöhte Bindung zu KI-Chatbots.
  • Die Studie hat nicht nur die KI-Nutzung von Kindern und Jugendlichen unter die Lupe genommen, sondern auch von digitalen Netzwerken wie Instagram und TikTok sowie Streaming-Diensten, Messengern wie WhatsApp und Online-Games. Das Ergebnis: Millionen Heranwachsende haben Probleme aufgrund eines hohen Medienkonsums. Rund 1,5 Millionen Jugendliche und Kinder seien bereits von einer Sucht bedroht oder sogar betroffen. Die Politik diskutiert währenddessen ein Social-Media-Verbot für Kinder. Die Effizienz einer solchen Maßnahme ist aber umstritten.

KI simuliert menschliche Gefühle

Der KI-Konsum vieler Heranwachsender ist keine kleine Randnotiz der Digitalisierung, sondern ein leiser Paradigmenwechsel mit kuscheliger Stimme. Denn Chatbots sind nicht mehr nur ein Werkzeug. Sie simulieren menschliche Verhaltensweisen wie Geduld, Verständnis sowie Emotionen und sind dabei stets verfügbar, aber nie genervt.

Vor diesem Hintergrund erscheint es wenig verwunderlich, dass sich viele Jugendliche und Kinder von KI verstanden fühlen. Das Problem: Chatbots sind oftmals Ja-Sager und nicht kritisch. Es ist deshalb äußerst fraglich, ob es solche simulierten menschlichen Eigenschaften überhaupt braucht. Denn: Sie schaden vermutlich mehr, als dass sie nützen.

Die Logik der Anbieter ist derweil so simpel wie wirkungsvoll: Wer immer zuhört, nie widerspricht und Bestätigung in Dauerschleife liefert, hält Nutzer im eigenen Ökosystem. KI wird dadurch zu einem Resonanzraum mit Suchtpotenzial. Oder: Während Social Media die Zigarette des 21. Jahrhunderts ist, ist KI eine subtilere, personalisiertere und schwerer zu regulierende E-Zigarette.

Auffällig dabei ist, wie stark emotionale Bedürfnisse zur Eintrittskarte werden. Chatbots sind zwar nicht die Ursache für Einsamkeit, doch Stress oder Überforderung können solche Phänomene sogar noch verschärfen. Denn wer sich zu sehr an maschinelle Nähe gewöhnt, könnte echte Reibung verlernen.

Stimmen

  • DAK-Vorstandschef Andreas Storm nimmt die Politik in die Pflicht: „Die anhaltend hohe Mediensucht zeigt den großen Handlungsbedarf. Für eine sinnvolle Altersregulierung braucht es jetzt eine rasche gesetzliche Regelung bis zur Sommerpause. Damit erste Maßnahmen dann bereits im kommenden Schuljahr greifen, sollten wir unabhängig von einer EU-weiten Lösung handeln. Der wachsende Trend der Chatbot-Nutzung zeigt, dass wir es mit einer neuen Qualität digitaler Medien zu tun haben. Umso wichtiger ist eine frühzeitige Vermittlung von Medienkompetenz in der Schule.“
  • Kerstin Paschke, Studienleiterin und ärztliche Leiterin des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am UKE, in einem Statement: „Durch die Imitation menschlicher Kommunikation und die häufig bestätigenden Reaktionen sollen intensive Nutzungsmuster gefördert werden. Hierdurch können junge Menschen im Rahmen einer sogenannten parasozialen Beziehung eine emotionale Bindung zum Chatbot entwickeln, die mit größeren psychischen Belastungen einhergeht und problematische Nutzungsmuster begünstigen kann. Aus Sicht des Kinder- und Jugendschutzes braucht es daher stärkere Regulierung, unabhängige Aufsicht und eine altersgerechte Gestaltung dieser Systeme.“
  • Janosch Dahmen, Arzt und Bundestagsabgeordneter der Grünen, gegenüber der Deutschen Presse Agentur: „Wir erleben gerade, was passiert, wenn eine ganze Generation mit Produkten aufwächst, die gezielt auf maximale Bindung und Abhängigkeit ausgelegt sind. Gerade bei Kindern und Jugendlichen, deren Gehirn sich noch entwickelt, führt das zu Kontrollverlust, Abhängigkeit und erhöhter psychischer Belastung – von Angststörungen bis Depressionen.“

Bestätigungsschleifen: KI gefährdet Kinder

Die naheliegendste Antwort auf den problematischen KI-Konsum vieler Jugendlicher und Kinder beginnt dort, wo viele Debatten enden: im Klassenzimmer und innerhalb der Familie. Heißt: Medienkompetenz müsste raus aus der PowerPoint-Präsentation und rein ins echte Leben. Und zwar nicht als Warn- oder Wahlplakat, sondern als praktisches Verständnis dafür, wie KI funktioniert, warum sie so angenehm wirkt und wo ihre blinden Flecken liegen.

Denn nur wer versteht, wie Bestätigungsschleifen ablaufen, fällt ihnen nicht so leicht zum Opfer. Gleichzeitig verschiebt sich die Verantwortung zurück ins Analoge hin zu Erziehungsberechtigten, Bezugspersonen und Lehrern. Nicht nur als Kontrollinstanz mit Bildschirmzeit-Stoppuhr, sondern als Gegenangebot zur Maschine.

Chatbots glätten nämlich Gespräche und simulieren weder Reibung noch Widerspruch. Echte Kommunikation wird damit zunehmend zu einer Schlüsselkompetenz und einem Schutzfaktor. Ohne Druck auf die Anbieter sind Aufklärung und ein menschlicher Umgang nur ein Fragment.

Denn Unternehmen, die Systeme bauen, die sich wie Freunde anfühlen, können sich nicht aus der Verantwortung ziehen, wenn genau aus diesem Grund Abhängigkeiten entstehen. Alterskontrollen und Transparenz wären vor diesem Hintergrund der absolute Mindeststandard. KI offenbart nämlich ein ähnliches Müllproblem wie E-Zigaretten.

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Fabian Peters ist seit Januar 2022 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Redakteur und freier Autor tätig. Er studierte Germanistik & Politikwissenschaft an der Universität Kassel (Bachelor) und Medienwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin (Master).
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