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Warum der X-Abschied von SPD, Grünen und Linken ein Fehler ist

Fabian Peters
Bild: DepositPhotos

SPD, Linke und Grüne haben im Rahmen einer gemeinsamen Aktion erklärt, die Plattform X (ehemals Twitter) verlassen zu wollen. Begründung: zunehmender Hass, immer mehr Desinformation, kaum noch Niveau und eine mangelnde Debattenkultur. All das ist traurigerweise richtig. Doch: Die Konsequenz ist falsch – vor allem aus Sicht politischer Parteien. Eine kommentierende Analyse.

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Darum verlassen SPD, Linke und Grüne X

  • In gleichlautenden und abgestimmten Mitteilungen teilten Grüne, SPD und Linke am 4. Mai 2026 mit, dass sich die Parteien von X (ehemals Twitter) zurückziehen wollen, da die Plattform in den vergangenen Jahren im Chaos versunken sei. Der Rückzug gilt offenbar sowohl für die offiziellen Partei-Accounts als auch die Accounts der Bundestagsfraktionen, die stillgelegt wurden. Zahlreiche Politiker der drei Parteien schlossen sich der Aktion an. Einige kehrten der Plattform bereits zuvor den Rücken, während andere auch weiterhin auf X aktiv bleiben wollen.
  • Laut einem Bericht von Table Media ging die Aktion von Pegah Edalatian, der Politischen Geschäftsführerin der Grünen, aus. Edalatian zufolge ist X zu einem Einfallstor für eine aggressive Debattenkultur und Desinformation geworden. Die einzelnen Parteimitglieder von SPD, Linken und Grünen sollen selbst entscheiden, ob sie auf der Plattform bleiben oder ihr den Rücken kehren. Die ehemalige Parteivorsitzende der Grünen, Ricarda Lang, will etwa weiterhin auf X aktiv bleiben.
  • Die Universität Potsdam und die Bertelsmann Stiftung haben Ende 2025 eine Studie zur Sichtbarkeit von Parteien in den digitalen Medien veröffentlicht. Darunter: Plattformen wie X, TikTok, Instagram und Facebook. Den Ergebnissen zufolge spielen digitale Medien Videos von Parteien an den politischen Rändern (AfD und Linke) häufiger aus, während Beiträge der politischen Mitte (SPD und CDU) seltener in den Feeds erscheinen. Die Studienautoren kritisieren eine algorithmisch bedingte Unausgewogenheit digitaler Wahlkämpfe.

Richtiger Befunde, falsche Therapie: Warum der Rückzug ein Fehler ist

Der Befund ist kaum zu bestreiten: X wirkt inzwischen vermehrt wie ein vermüllter digitaler Hinterhof, in dem Empörung schneller zirkuliert als Argumente. Denn: Zwischen Bots, Dauerzorn und algorithmischer Zuspitzung geraten ein Mindestmaß an Niveau und die Debattenkultur regelmäßig unter die Räder.

Während viele Nutzer Anstand und Medienkompetenz vermissen lassen, brauchen andere nach dem, was auf X an Hass und Desinformation kursiert, vermutlich regelmäßig eine Dusche. Trotzdem sendet der kollektive Rückzug von SPD, Grünen und Linken ein fragwürdiges Signal.

Politik darf sich nämlich nicht nur in Räumen aufhalten, in denen der Ton angenehm und die Zustimmung kalkulierbar ist. Denn: Demokratie ist keine Wellness-Oase mit einer Blockierfunktion für die mitunter traurige Realität. Doch: Wer den lautesten Marktplatz verlässt, überlässt ihn zwangsläufig denen, die Lautstärke mit Wahrheit verwechseln.

Zumal die Logik hinter dem Abgang widersprüchlich bleibt. Denn Instagram, TikTok oder Facebook sind keine demokratischen Luftkurorte mit Feuilleton-Etikette. Auch dort regieren Algorithmen, Aufmerksamkeit und emotionale Eskalation. All das bedeutet nicht, dass man alles hinnehmen muss, was einem auf X an Niveaulosigkeit oder Hass begegnet – zumal es für die schlimmsten Entgleisungen rechtliche Mittel gibt.

Doch Parteien haben im Gegensatz zu privatwirtschaftlichen Unternehmen einen gesamtgesellschaftlichen Auftrag im Sinne der Demokratie. Sie müssten eigentlich wissen, dass demokratische Kommunikation nicht dort endet, wo sie unangenehm wird. Hinzu kommt, dass auch auf X nicht alles schwarz-weiß ist, wie Politiker wie Ricarda Lang oder Cem Özdemir mit tausenden Followern und Likes regelmäßig demonstrieren.

Indes: Wer Desinformation beklagt, muss ihr widersprechen – und zwar sichtbar, hartnäckig und dort, wo sie entsteht. Sonst bleibt am Ende nur ein symbolischer Protest gegen eine x-beliebige Plattform, während andere den nicht geführten Diskurs besetzen.

Stimmen und Reaktionen

  • Die SPD schrieb unter dem Hashtag #WirVerlassenX auf Instagram: „X ist in den letzten Jahren im Chaos versunken, wird zunehmend von rechten Trollen dominiert. Politische Debatten leben vom Austausch und davon, dass sie Menschen erreichen und informieren. Wir wollen nicht länger einen Ort wie X stärken, der rechtspopulistische Inhalte, Hass und Desinformation fördert. Deswegen haben wir uns über Parteigrenzen hinweg entschlossen, unseren Account nicht mehr zu bespielen. Wir sind weiterhin auf verschiedenen Plattformen präsent und bleiben dort im Austausch.“
  • Bundesdatenschutzbeauftragter und SPD-Politiker Ulrich Kelber kritisiert in einem Beitrag auf Mastodon: „Wer von X als seiner zentralen Kommunikationsplattform zum nächsten Dienst einer privaten Firma wechselt, der jederzeit(!) denselben Weg gehen könnte, hat sein Problem nicht richtig verstanden. Von einer Abhängigkeit in die nächste. Wir müssen die Menschen überzeugen, den öffentlichen Raum wieder zu einem öffentlichen System zu machen.“
  • Nachdem die ehemalige Grünen-Chefin Ricarda Lang in einem Beitrag auf X (ehemals Twitter) Bundeskanzler Friedrich Merz kritisierte, fragte Thorsten Alsleben, Geschäftsführer der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, schnippisch: „Sie sind noch hier? Hier gibt’s doch laut Ihrer Parteiführung nur Desinformation. Waren damit etwa Ihre Posts gemeint?“ Lang entgegnete: „So schnell werdet ihr mich nicht los.“ Daraufhin Alsleben: „Das begrüße ich. Nur immer von AfD’lern gedisst zu werden, ist langweilig.“

Was der X-Exit wirklich bewirkt – und was nicht

Der demonstrative X-Abschied von SPD, Grünen und Linken dürfte die politische Lagerbildung eher vertiefen als entschärfen. Denn während sich progressive Milieus auf Bluesky gegenseitig versichern, wie unerträglich X geworden ist, bleiben auf X jene zurück, die Polarisierung längst als Geschäftsmodell verstanden haben, um Menschen zu täuschen.

Das Ergebnis ist kein besserer Diskurs, sondern eine zusätzliche digitale Mauer und eine weitere Spaltung im digitalen Raum. Dabei wäre gerade jetzt politische Präsenz in schwierigen Situationen notwendig. Denn wichtige Fragen oder Ängste verschwinden nicht, nur weil man die App löscht: Migration, soziale Abstiegsängste, Identitätspolitik oder das Misstrauen gegenüber Institutionen gären weiter – selbst wenn sie häufig abstrakt oder unbegründet sind.

Doch: Wer diese Stimmungen nur noch aus Screenshots oder Talkshows kennt, verliert den Kontakt zu einem Teil der gesellschaftlichen Realität. Natürlich muss niemand Elon Musks Plattform romantisieren. Denn: X ist kein Salon der Aufklärung, sondern eher der Manipulation und Desinformation.

Doch Demokratie bedeutet eben auch, Widerspruch weitestgehend auszuhalten und dort präsent zu bleiben, wo Debatten entgleisen. Ricarda Langs Entscheidung ist deshalb womöglich die klügere Strategie als jeder Hashtag-Abschied.

Vielleicht wird der X-Exit am Ende aber ohnehin weniger historisch sein, als seine Initiatoren hoffen. Denn: Nachrichtenmacher, Journalisten und politische Akteure beobachten die Plattform weiterhin, weil dort Trends, Kampagnen und Narrative entstehen, die später weit über X hinausreichen und denen es entgegenzutreten gilt.

Mein Fazit: Der digitale Rückzug mag zwar moralisch sauber wirken. Politisch könnte er sich aber als gepflegte Form der Selbstentwaffnung erweisen. Denn: Letztlich geht es nicht nur darum, Demokratie zu verteidigen, sondern Menschen für den Diskurs zurückzugewinnen, bevor sie sich immer weiter radikalisieren.

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Fabian Peters ist seit Januar 2022 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Redakteur und freier Autor tätig. Er studierte Germanistik & Politikwissenschaft an der Universität Kassel (Bachelor) und Medienwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin (Master).
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