Das Telefon klingelt. Doch statt abzuheben, starren viele Menschen nur auf das Display und warten, bis es aufhört. Was früher Alltag war, löst heute bei Millionen Menschen Stress aus. Eine aktuelle Studie der Uniklinik Heidelberg untersucht, ob hinter der sogenannten Telefonphobie eine eigenständige Angststörung steckt. Die Ergebnisse zeigen: Besonders Millennials sind betroffen und es gibt einen klaren Zusammenhang mit unserer Smartphone-Nutzung.
Seit der Einführung des ersten iPhones im Jahr 2007 hat das Smartphone den Alltag vieler Menschen grundlegend verändert. Was zunächst als technisches Prestigeobjekt galt, entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zum ständigen Begleiter für so gut wie alle Lebenslagen.
Heute tragen die meisten Menschen ihr Smartphone nahezu rund um die Uhr bei sich und nutzen es oft mehrere Stunden täglich. Allein in Deutschland besitzen inzwischen mehr als 71 Millionen Menschen ein Smartphone, im Jahr 2016 waren es noch rund 51 Millionen.
Wie das Smartphone unsere Kommunikation verändert hat
Durch Messenger-Dienste, soziale Netzwerke und die permanente Erreichbarkeit hat das Smartphone allerdings nicht nur den Zugang zu Informationen beschleunigt. Auch die Art, wie Menschen kommunizieren, hat sich dadurch grundlegend verändert.
Für immer mehr Menschen führen aber genau diese vielfältigen Möglichkeiten, miteinander zu kommunizieren, zu Überforderung, Stress und einem veränderten Umgang mit zwischenmenschlichem Kontakt. Besonders spontane Telefonate empfinden viele inzwischen als unangenehm oder belastend, obwohl die digitale Kommunikation gleichzeitig so selbstverständlich geworden ist wie nie zuvor.
Warum haben Menschen Angst vorm Telefonieren?
Das Telefonieren löse vor allem durch die damit einhergehende Spontanität bei vielen Menschen Stress aus, erklärt Nadine Wolf von der Uniklinik Heidelberg gegenüber n-tv.de. Wolf und ihr Team untersuchen aktuell in einer Studie, wie sich die exzessive Smartphonenutzung und der Verzicht auf das Smartphone auf Veränderungen der Gehirnaktivität auswirken.
Die schriftliche Kommunikation hat im Vergleich zum Telefonieren den Vorteil, dass sie sich besser kontrollieren und zeitlich steuern lässt. Beim Telefonat hingegen können unvorhergesehene Rückfragen auftreten, die zu Symptomen von Stress und Angst führen können.
Das bestätigt auch eine Studie aus dem Jahr 2019. Dabei wurden in Großbritannien 500 Büroangestellte zu dem Thema befragt. Insgesamt gaben 62 Prozent der Befragten an, dass sie beim Klingeln des Telefons unter anrufbedingter Angst leiden.
Ein Drittel gab dabei als Grund die Sorge an, nicht zu wissen, wie sie mit einer Anfrage umgehen sollen. Weitere 15 Prozent befürchten, am Telefon zu blockieren und nicht weiter zu wissen.
Bei den Millennials treten diese Ängste vermehrt auf. Ganze 76 Prozent der Befragten haben angstbesetzte Gedanken, wenn sie das Telefon klingeln hören, bei Kollegen aus der Baby-Boomer-Generation waren es nur 40 Prozent.
Ist Telefonphobie eine eigene Form der sozialen Angststörung?
In der Studie am Universitätsklinikum Heidelberg soll auch geklärt werden, ob Telefonphobie eine eigenständige Art der sozialen Angststörung darstellt:
Ist es wirklich eine Angst, die eigenständig zu betrachten ist, oder ist sie Bestandteil sozialer Angststörungen und tritt bei Menschen mit ausgeprägteren Persönlichkeitsmerkmalen wie Unsicherheit oder Ängstlichkeit auf?
Dabei sei beim Aufschieben eines lästigen Telefonats jedoch noch keine Angststörung zu befürchten. „Problematisch wird es, wenn ich im Alltag Beeinträchtigungen erlebe und merke, das hat wirklich eine Auswirkung auf mein Leben, sei es im persönlichen oder beruflichen Kontext“, so Wolf.
Laut ihr könne man sich das Unwohlsein beim Telefonieren allerdings abtrainieren. Denn durch das Üben sozialer Interaktionen und bewusstes Üben in alltäglichen Gesprächssituationen lasse sich die damit verbundene Stressreaktion schrittweise reduzieren.
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