Die EU will bis zum Jahr 2050 klimaneutral sein. Doch eine beschleunigte Energiewende könnte Europa deutlich größere Vorteile bringen als bislang angenommen – und zwar wirtschaftlich, politisch und sozial. Eine neue Studie zeigt, dass der schnellere Ausbau erneuerbarer Energien Nettovorteile von bis zu 600 Milliarden Euro mit sich bringen könnte.
Die Europäische Union hat sich mit dem europäischen Klimagesetz zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2050 klimaneutral zu werden. Bereits bis 2030 sollen die Treibhausgasemissionen als Zwischenziel um mindestens 55 Prozent gegenüber dem Niveau von 1990 sinken.
Für die Erreichung der Klimaziele setzt die EU vor allem auf den Ausbau erneuerbarer Energien sowie die schrittweise Abkehr von fossilen Brennstoffen. Allein der Anteil der Solarenergie am Strommix in der EU ist zwischen 2023 und 2025 von 8,1 Prozent auf 11,2 Prozent angestiegen. Der Anteil der Braunkohle als Energieträger sank hingegen von 6,9 auf 5,8 Prozent.
Doch obwohl die Energiewende in den vergangenen Jahren an Fahrt aufgenommen hat, steht die EU diesbezüglich vor großen Herausforderungen. Denn der Ausbau erneuerbarer Energien, die Elektrifizierung von Industrie und Verkehr sowie die Sicherstellung der Versorgungssicherheit erfordern erhebliche Investitionen.
Doch genau diese könnten sich laut einer neuen Analyse des Max-Planck-Instituts für Chemie (MPIC) dreifach auszahlen: wirtschaftlich, politisch und sozial. Vor allem, wenn der Ausbau deutlich beschleunigt wird. Denn erreicht die EU ihr Ziel bereits zehn Jahre früher, könnten „in den untersuchten Szenarien EU-weite Nettovorteile von etwa 100 bis 600 Milliarden Euro“ entstehen.
Schnellerer Ausbau der Energiewende in Europa verspricht Milliardenvorteile
Für ihre Studie, die in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences erschienen ist, haben die MPIC-Forscher verschiedene Szenarien herangezogen. Ziel war es dabei, mit unterschiedlichen Perspektiven auf steigende und volatile Preise fossiler Energieträger zu reagieren und die Auswirkungen in den Bereichen Energiestruktur, wirtschaftliche Entwicklung, Luftqualität, Klima und Gesundheit zu untersuchen.
Als Maßstab für ihre Berechnungen haben die Wissenschaftler die Brennstoffpreise aus den Jahren 2021 bis 2023 herangezogen. Seither sind diese jedoch unter anderem aufgrund geopolitischer Spannungen enorm angestiegen.
Das internationale Forschungsteam um Yafang Cheng vom Max-Planck-Institut für Chemie ist deshalb überzeugt, dass die EU ihre Strategien für die Energiewende an die veränderten Rahmenbedingungen anpassen und den Ausbau erneuerbarer Energien weiter beschleunigen sollte.
„Integrierte Bewertungsansätze helfen zu erklären, warum und wie der Ausbau erneuerbarer Energien über das Schließen einer Energieversorgungslücke hinaus wertvoll sein kann“, erklärt Erstautorin Wenjun Meng vom MPI für Chemie. Und weiter:
Um die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen verschiedener kurzfristiger Maßnahmen und langfristiger Strategien zu bewerten, nutzen wir das neu entwickelte systemdynamische Modell WILIAM in Kombination mit GAINS, einem wohletablierten Modell zu Wechselwirkungen zwischen Treibhausgasen und Luftverschmutzung.
Kurzfristig könnte der beschleunigte Ausbau dazu führen, dass die Stromgestehungskosten – also die Gesamtkosten für die Erzeugung einer Kilowattstunde Strom – ansteigen. Dabei fließen jedoch nicht nur die Kosten für den Bau der Anlagen ein, sondern beispielsweise auch der Netzausbau inklusive Speicheranlagen.
Trotz des Anstiegs dieser Kosten erwarten die Forscher EU-weite akkumulierte Nettovorteile von etwa 100 bis 600 Milliarden Euro für den Zeitraum von 2020 bis 2050. Diese könnten in der Realität jedoch noch höher ausfallen, da hierfür die Brennstoffpreise aus den Jahren 2021 bis 2023 zugrunde liegen.
Weniger Emissionen und bessere Luft: Was ein schnellere Ausbau noch bewirkt
Die Analyse zeigt, dass ein schnellerer und umfassenderer Ausbau erneuerbarer Energien den steigenden Energiebedarf auch bei einem Rückgang fossiler Energieträger decken könnte. Gleichzeitig würde die EU von einer stärkeren Minderung des Klimawandels profitieren.
Dies hätte auch positive Effekte auf die Luftqualität und damit auch die öffentlichen Gesundheit. Die Berechnungen der Forscher zeigen, dass die daraus resultierenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Vorteile die notwendigen Investitionen in Kraftwerke, Infrastruktur und Endverbrauchstechnologien deutlich übersteigen.
Die größten Einsparungen würden dabei beispielsweise auf geringere Ausgaben für fossile Brennstoffe sowie vermiedene Klimafolgekosten entfallen. Aber auch niedrigere Kosten für zusätzliche Emissionsminderungsmaßnahmen würden den beschleunigten Ausbau ausgleichen.
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