RTL KI Richterserien

Alte Fälle, neue Urteile: RTL macht sein Strafgericht zum KI-Experiment

Fabian Peters
RTL

RTL bringt erstmals Serienfolgen ins Programm, die mithilfe von KI extrem verändert wurden. Aus alten Episoden von „Ulrich Wetzel – Das Strafgericht“ entstanden fünf neue Folgen mit veränderten Figuren, neuen Handlungsverläufen und anderen Urteilen. Um Innovation geht es bei dem Experiment aber eher nicht, sondern vielmehr darum, Kosten zu sparen.

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Alte Fälle, neu verhandelt: Wie RTL sein Strafgericht per KI umbaut

  • RTL will in der Woche ab dem 7. September 2026 erstmals Folgen einer eigenen Serie ausstrahlen, die mittels künstlicher Intelligenz massiv verändert wurden. Der Sender kündigte fünf KI-Episoden der Serie „Ulrich Wetzel – Das Strafgericht“ an. Mithilfe mehrerer KI-Modelle sind in alten Folgen demnach Charaktere ersetzt, Handlungsverläufe geändert und neue Urteile eingebaut worden, um gewissermaßen neue Episoden zu basteln. Laut RTL seien alle geänderten Folgen „redaktionell verantwortet und juristisch geprüft“ worden. KI-Szenen sollen offenbar entsprechend gekennzeichnet werden.
  • „Ulrich Wetzel – Das Strafgericht“ ist seit 2022 auf RTL zu sehen. 2002 bis 2008 gab es die Serie schon einmal – damals unter dem Namen „Das Strafgericht“. Für die Produktion der KI-Episoden wurden dem Sender zufolge mittels Sprachsynthese, Bildbearbeitung und Lipsync-Anpassungen teilweise drastische Veränderungen an den ursprünglichen Folgen vorgenommen. In einem Fall wurde etwa ein Geständnis eingefügt. Aus einem Mutter-Sohn-Verhältnis wurde ein Geschwisterverhältnis. Oder: Eine ursprünglich freigesprochene Angeklagte ist auf einmal eine verurteilte Täterin. In einer anderen Episode dreht ein Geschlechtswechsel „die Perspektive auf die gesamte Geschichte“.
  • RTL will mit seinem Projekt die Möglichkeiten von KI fürs Fernsehen aufzeigen. Die neuen alten Folgen von „Ulrich Wetzel – Das Strafgericht“ entstanden in Zusammenarbeit mit der TV-Produktionsfirma Constantin Entertainment. Dabei handle es sich um einen „Praxistest unter realen Produktions- und Programmbedingungen“. Der Sender will erproben, wie sich bestehende Inhalte mithilfe von KI umkrempeln lassen. Die Rechte seien mit allen Beteiligten abgeklärt worden. Das Ergebnis hält RTL für vielversprechend. Ziel sei es, bis 2030 rund 150 Millionen Euro an Wert mit KI zu generieren.

KI als Archivküche: Wenn alte TV-Suppe noch einmal aufkocht

So ganz neu ist das neue „Strafgericht“ nicht. RTL wärmt im Grunde genommen alte Suppe auf und lässt sie mit KI noch einmal aufkochen. Aus bestehenden Folgen etwas Neues zusammenzuschustern, könnte dabei durchaus etwas Kurioses oder Komisches haben – vor allem für Fans einer solchen Serie. Etwa, wenn aus Freisprüchen plötzlich Verurteilungen oder aus Beziehungen neue Verwandtschaftsverhältnisse werden.

Als Experiment ist das Ganze aber interessanter, als es vielleicht klingt. Denn KI könnte im Fernsehen künftig nicht nur dabei helfen, neue Inhalte zu produzieren, sondern bestehende Inhalte als kreatives Ausgangsmaterial zu ergänzen oder zu verändern; gewissermaßen als Archiv-Rohstofflager für neue Geschichten.

Oder: Um Figuren, deren Schauspieler vielleicht verstorben oder in Rente sind, aus dramaturgischen Gründen vielleicht noch einmal aufleben zu lassen. Urheberrecht natürlich vorausgesetzt!

Indes: Im konkreten Fall wird es nicht nur darum gehen, ob RTL es schafft, technisch aus Altem etwas Neues zu machen, sondern ob daraus auch tatsächlich etwas Sehenswertes entsteht. Oder: Beim „Strafgericht“ wird gewissermaßen nicht nur vor der Kamera, sondern auch dahinter über die Zukunft des Fernsehens verhandelt. Die Beweisaufnahme läuft aber noch.

Stimmen aus Sendern, Produktion und Justiz

  • Inga Leschek, Chief Content Officer RTL Deutschland, in einem Statement: „Erstmals zeigen wir im täglichen Grid, was generative KI heute schon leisten kann und was sie für die Zukunft des Erzählens bedeutet. Mit ‘Das Strafgericht’ gehen wir bewusst einen ersten aufgeschlossenen Schritt und machen die Möglichkeiten von KI für unser Publikum direkt erlebbar. Zugleich sehen wir ganz klar: Gute Geschichten entstehen auch künftig durch Ideen, Erfahrung und redaktionelle Verantwortung. Technologie erweitert unsere kreativen Werkzeuge. Das Ziel ist damit künftig schneller und effizienter Inhalte umzusetzen und für Streaming und Broadcast zu veröffentlichen.“
  • Otto Steiner, Geschäftsführer von Constantin Entertainment: „Wir haben mit diesen fünf Folgen technisches und kreatives Neuland betreten, das es in dieser Form im deutschen Broadcast und Streaming noch nicht gab. Aus einer bestehenden Folge eine völlig neue Geschichte zu entwickeln mit neuen Figuren, neuen Wendungen, teilweise sogar einem kompletten Gender-Swap der Hauptfigur, ist ein Meilenstein für die Produktionsbranche. Gleichzeitig haben wir viel darüber gelernt, wie sich Qualität, kreative Idee und neue Technologie am besten miteinander verbinden lassen. Wir sind stolz, mit RTL Deutschland diesen Schritt als Erste gegangen zu sein.“
  • Rechtsanwalt Jörg Frederik Ferreau in einem Beitrag auf LinkedIn: „KI wird uns strafgerichtlich verurteilen – zumindest fiktional. (…) Die völlige Umgestaltung bereits bestehenden Bild- und Tonmaterials muss vertrags- und urheberrechtlich zulässig sein. RTL betont, hierzu mit allen Beteiligten die Rechtslage geklärt zu haben. (…) Das Beispiel ist auch ein spannender Testfall für die Transparenzpflicht für Deepfakes gemäß Artikel 50 KI-Verordnung: Ein Deepfake dürfte wohl vorliegen, doch zugleich dürfte die Einbettung in ein Medienprogramm dafür sprechen, dass lediglich die basalen Transparenzanforderungen nach Absatz 4 Satz 3 gelten. Es bleibt abzuwarten, wie RTL die KI-Bearbeitung kennzeichnen wird.“

Zuschauer als Schöffengericht der KI-TV-Zukunft

Wie die KI-Folgen von RTL ankommen werden, entscheiden am Ende die Zuschauer. Das Urteil steht also zunächst auf Bewährung. Denn zwischen einem technischen Kunststück und einem echten Mehrwert klafft ein großer Verhandlungssaal. Und den muss RTL erst einmal mit Zuschauern füllen.

Sollten sie das KI-Strafgericht akzeptieren, könnte das Experiment Schule machen. Auch andere Sender würden dann womöglich in ihren Archiven rumkramen, um längst eingemottete Filme oder Serien neu aufzukochen. Es geht nämlich vor allem darum, mit KI die eigenen Kosten zu drücken, anstatt neue Werte zu schaffen.

Das wäre vielleicht effizient, könnte aber auch mit Blick auf die Einschaltquoten in die Hose gehen. Denn aktuell fühlen sich ohnehin schon immer mehr Menschen vom KI-Einsatz in Filmen, Videos oder Serien einfach nur genervt.

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Will heißen: Das Urteil der Zuschauer wird sich herumsprechen. Das Experiment könnte also so oder so zu einem kleinen Präzedenzfall werden.

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Fabian Peters ist seit Januar 2022 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Redakteur und freier Autor tätig. Er studierte Germanistik & Politikwissenschaft an der Universität Kassel (Bachelor) und Medienwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin (Master).
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