Wirtschaft

Wie viele Arbeitsstunden am Tag sind perfekt? Nur 5!

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geschrieben von Christian Erxleben

Der 8-Stunden-Tag gehört zu den größten Errungenschaften der Arbeitnehmervertretungen im 19. und 20. Jahrhundert. Doch in der Zwischenzeit hat sich das Arbeitsmodell selbst überholt. Mehrere Experimente zeigen: Der 5-Stunden-Tag ist das New-Work-Konzept der Zukunft.

Henry Ford und die Errungenschaft des 8-Stunden-Tags

Wenn wir auf die Geschichte der Arbeit zurückblicken, stellen wir fest, dass keine Generation vor uns so wenig gearbeitet hat. Denn je weiter wir zurückgehen, desto länger werden die Arbeitstage.

Und tatsächlich ist unter sozio-ökonomischer Betrachtung der heutige 8-Stunden-Tag noch vergleichsweise neu. Sie geht zurück auf die Arbeiterbewegung rund um den walisischen Unternehmer Robert Owen. Er propagierte: „Acht Stunden arbeiten, acht Stunden schlafen und achten Stunden Freizeit und Erholung.“

Erst große Firmen und Leader wie Henry Ford, der am 5. Januar 1914 offiziell die Acht-Stunden-Woche in seinem Autowerken einführte, haben im letzten Jahrhundert eine neue Zeitrechnung der Arbeit in der westlichen Welt eingeführt.

Denn schon ein Blick nach Asien und Afrika zeigt, dass die Menschen auch heute in vielen Ländern für Billiglöhne zehn oder sogar 12 Stunden am Tag arbeiten.

Maximal 5 Stunden Konzentration am Tag

Tatsächlich ist jedoch auch der 8-Stunden-Tag – allen Errungenschaften zum Trotz – ein Auslaufmodell. Das liegt jedoch nicht etwa daran, dass es überall auf der Welt ausreichend Wohlstand und Geld gibt. Nein, tatsächlich liegt es daran, dass wir Menschen nicht dazu geschaffen sind.

So hat beispielsweise der Forscher und Berater Alex Pang in mehreren Experimenten wissenschaftlich bestätigt, dass wir Menschen dazu in der Lage sind, dass wir uns maximal fünf Stunden vollständig auf etwas konzentrieren können.

„Es gibt Perioden, in denen du über diese Grenze hinauskommst. Aber die Realität ist, dass die meisten von uns genau diese Zeit [fünf Stunden; Anm. d. Red.] gut arbeiten können“, sagt Pang.

8 bis 13 Uhr: Diese Vorteile bringt der 5-Stunden-Tag

Dementsprechend wagen sich immer mehr Unternehmen an den 5-Stunden-Tag. Zu den Pionieren gehört beispielsweise auch die Bielefelder Agentur Rheingans um Geschäftsführer Lasse Rheingans. Seine Erkenntnisse decken sich mit den Erfahrungsberichten aus ähnlichen Experimenten rund um den Globus.

In der Regel arbeiten die Mitarbeitenden an einem 5-Stunden-Tag zwischen 8 und 13 Uhr. In dieser Zeit gilt höchste Konzentration. Denn anders ist es nicht möglich, die gleiche Arbeit in drei Stunden weniger zu verrichten. Im Durchschnitt steigert sich die Produktivität um bis zu 50 Prozent.

Beim US-amerikanischen Paddle-Boot-Hersteller Tower gibt CEO Stephan Aarstol beispielsweise an, dass das Packen eines Pakets vor der Umstellung rund fünf Minuten gedauert hat. Jetzt sind es weniger als drei Minuten.

Keine Pausen, keine Ablenkung

Um die Konzentration aufrecht zu erhalten, ist es essenziell, Ablenkungen zu eliminieren. Dementsprechend gibt es an einem 5-Stunden-Tag keine Pausen. Auch kleine Unterhaltungen in der Kaffeeküche gibt es nicht.

Rheingans-Chef Lasse Rheingans hat zudem den Produktivitätskiller Slack quasi verbannt. Interne Fragen müssen mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden. Wenn das nicht geht, braucht es ein kurzes Meeting. Die Maximaldauer: 15 Minuten. Die E-Mails werden nur zwei Mal am Tag gecheckt.

Eine bessere Work-Life-Balance

Der größte Vorteil aus Sicht der Mitarbeitenden besteht vermutlich im Plus an Freizeit und Privatsphäre. So bietet ein 5-Stunden-Arbeitstag die Möglichkeit, den Tag deutlich intensiver zu nutzen.

Selbst alleinerziehende Elternteile sind durch das neue Arbeitsmodell dazu in der Lage, einen Vollzeit-Job bei voller Bezahlung auszuführen.

Zugleich profitieren Partnerschaften und Familie aus dem selben Grund. Das Zwischenmenschliche rückt in den Vordergrund. Die Arbeit ist nicht mehr der größte Teil eines Tages.

Der eine große Nachteil, den der 5-Stunden-Tag mit sich bringt

Allerdings ist natürlich auch der 5-Stunden-Arbeitstag nicht die ideale Lösung.

So haben alle Experimente und auch die Studie „Does Employee Happiness Have An Impact On Productivity?“ der Universitäten aus Rotterdam und Oxford sowie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) herausgefunden, dass der zwischenmenschliche Aspekt leidet.

Aufgrund der maximalen Konzentration und der klaren Struktur, die Ablenkungen minimiert, kommen die Kontakte zu den Kolleg:innen zu kurz. Hinzu kommt, dass manche Angestellte dazu neigen, sich selbst mehr Druck zu machen.

Der Gedanke dabei: „Oh je! Jetzt habe ich für meine normale Arbeit keine acht Stunden, sondern nur noch fünf Stunden.“ Es entsteht mancherorts der Eindruck, dass jede Minute, in der nicht gearbeitet wird, unproduktiv erscheint.

Es ist also möglich, dass sich der 5-Stunden-Tag zugleich positiv (bessere Work-Life-Balance) als auch negativ (mehr Stress auf der Arbeit) auf das persönliche Wohlbefinden auswirkt.

Fazit

Der 5-Stunden-Tag ist trotz aller Bedenken das Zukunftsmodell für die Arbeit von Morgen. Es ist in seiner Form jedoch noch nicht vollständig ausgereift.

So wäre es beispielsweise denkbar, durch einen gemeinsamen Kaffee am Morgen und ein gemeinsames Mittagessen zur Mittagszeit nach der Konzentrationsphase den zwischenmenschlichen Aspekt zu fördern. Somit wären wir bei sechs Stunden am Tag.

Ebenso ist es essenziell zu verstehen, dass nicht jeder Beruf auf Konzentration und Deep Work ausgelegt ist. Es gibt schlichtweg Berufsgattungen, in denen der 8-Stunden-Tag auch weiterhin die ideale Lösung darstellt, da er den Tag in drei gleich große Stücke teilt. Das ist jedoch nicht die Mehrheit der Berufe.

Wessen Beruf folglich viel Konzentration erfordert, hat künftig sehr gute Chancen, nur noch fünf oder sechs Stunden am Tag zu arbeiten. Denn es steht fest, dass das zwanghafte Festhalten der Angestellten letztendlich nur ein schlechtes Licht auf die Arbeitgebenden wirft.

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Über den Autor

Christian Erxleben

Christian Erxleben arbeitet als freier Redakteur für BASIC thinking. Von Ende 2017 bis Ende 2021 war er Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Ressortleiter Social Media und Head of Social Media bei BASIC thinking tätig.

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