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Deutschland ist zum Schrumpfen verdammt

Spannender Artikel in der quip 2/2005, dem Wirtschaftsjuniorenmagazin. Quelle ist das Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung.

Einige Facts zum demographischen Wandel:
– Seit 30 Jahren liegen die Geburtenraten weit unter einem Niveau, das für ein Bevölkerungswachstum notwendig wäre
– 1960 wurden 1.4 Mio Kinder geboren, heute unter 700.000!
– Im Jahr 2050 wird die Bevölkerung inkl. Zuwanderung von Aussen um 10 Mio geschrumpft sein
– Ohne Zuwanderer würde 2100 die deutsche Bevölkerung 24 Mio Einwohner betragen, also einem Stand zu Beginn des 19. Jhdts.!!!
– Eigentlich wären 2,1 Kinder pro Familie nötig, um eine Bevölkerung wachsen zu lassen
– Seit den 1970ern ist jede Kindergeneration um 1/3 kleiner als die Ihrer Eltern (oupss…)
– Resultat: Von 100 Deutschen bleiben 30 Jahre später nur noch 70 übrig
– Riesenproblem ist dabei die höchst unterschiedliche Entwicklung der Regionen. Manche Regionen werden dabei gewinnen, manch andere werden stark leiden müssen. Keine einzige Region weist aus eigener Kraft eine Geburtenrate auf, die zu einer stabilen oder positiven Entwicklung beitragen würde. Eine Region kann nur „gewinnen“, wenn sie aus anderen Regionen Menschen anzieht. Die starken Regionen (Bayern, Baden-Württemberg) werden stärker und die jetzigen strukturschwachen Gebiete werden noch schwächer. Der Süden profitiert momentan und auch in Zukunft vom Norden und Osten.
– Über die Häfte aller deutschen Kreise muß bis 2020 mit einem Schwund an jungen Leuten und Talenten rechnen.
– Extrem sieht es bei den Neuen Bundesländern, aber auch der Gebiete entlang der deutsch-deutsch Ex-Grenze aus. Dort wird die Bevölkerung um 10%-15% bis 2020 schrumpfen. Ähnlich sieht es im Ruhrgebiet und Saarland aus. Alleine das Ruhrgebiet wird bis 2020 eine halbe Millionen Menschen weniger aufweisen.
– Kernproblem: Der demographische Teufelskreis, denn ein Sinken der Bevölkerung wird sich nicht einfach so einpendeln. Durch Abwanderung und schwache Geburtenjahrgänge sinkt der Bildungsgrad, die öffentliche Infrastuktur wird eingeschränkt, Bäckereien, Postämter, Betriebe, etc. schliessen, die Steuereinnahmen sinken, die Kommunen müssen ihr Angebot eindampfen. Was bleibt ist der kontrollierte Rückzug.
– Einzigste Region, die sich aus eigener Kraft diesem Megatrend entziehen kann: Großraum Cloppenburg-Vechta-Borken (vom Westen Niedersachsens bis in den Norden Nordrhein-Westfalens). Dort werden die meisten Kinder geboren. Warum das so ist, weiß man momentan nicht. Doch die vielen Kinder ziehen eine bessere Infrastruktur nach sich: Von mehr Lehrern und Schulbusfahrern angefangen, bis hin zu sich immer mehr ansiedelnden Dienstleistern, Industriefirmen aus den Bereichen Lebensmittel, Agrar und Kunststoffe. Ergebnis: Keine Abwanderung mehr und immer mehr Kinder.

(mehr auf www.berlin-institut.org:
die komplette Studie als PDF und weitere Artikel zu diesem Thema)

Das Ganze ist nicht gerade witzig, eher verdammt erschreckend, was zur Zeit schleichend passiert. Das Allerschlimmste: Die Politik ist systemimanent aufgrund der Wahlrhythmen überhaupt nicht in der Lage, Antworten zu finden und langfristig gegenzusteuern. Wer denkt heute schon 20-50 Jahre lange im Voraus, wenn er nur maximal 10-20 Jahre an der Macht bleiben kann, also eher kurz- und mittelfristig stets um seinen Machterhalt kämpfen muß? Die Unternehmen ebenso: Sie reagieren effizient und ökonomisch auf die Gegebenheiten und wandern ab. Die Bevölkerung selbst zeigt zu großen Teilen immer weniger Verantwortungsgefühl und konzentriert sich immer mehr aufs eigene Wohlergehen: Lange studieren, Karriere machen, bloß keine Kinder, da zwei Haushaltseinkommen besser als eines sind und man sich dadurch den Zweitwagen ebenso wie zwei Motorräder und mehrfach Urlaub in einem Jahr erlauben kann. Mit Kindern wäre das alles wesentlich schwerer, also wozu welche haben. Man läßt es sich auch einfach machen: Die Politiker und die Unternehmen sind ja schuld an der Misere.

Aber es gibt noch ein Kernproblem: Mehr als die Hälfte aller Deutschen haben nach einer Umfrage im Jahre 2003 noch nie vom Begriff demographischer Wandel gehört. Was man also nicht weiß, macht einen nicht heiß.

Das Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung schlägt 17 Punkte vor (.pdf), um dem demographischen Wandel begegnen zu können:
1. Demographisch denken
2. Schrumpfprozess aktiv organisieren, nicht passiv hinsehen
3. Städte attraktiver machen
4. Investitionen lenken
5. Verschuldung abbauen
6. Subvention nur für Innovationen
7. Neustrukturierung der Bundesländer
8. Längere Lebens-Arbeitszeiten einführen
9. Bildung reformieren
10. Arbeitswelt an Ältere anpassen
11. Ausländerintegration verbessern
12. Einwanderung steuern
13. Bürgergesellschaft stärken
14. Kinder- und familienfreundlicher werden
15. Kinder selbstverständlich machen
16. Bevölkerungsforschung fördern
17. Endlich Abschied nehmen von der Formel „Lebe lang, arbeite wenig und werde dennoch reicher“

Es ist Einiges dabei, worüber man diskutieren kann. Allemal besser, als nur an sich zu denken und die Anderen machen lassen (in einer Demokratie gibt es die „Anderen“ nicht). Denkverbote kann es dabei auch nicht geben.

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Über den Autor

Robert Basic

Robert Basic ist Namensgeber und Gründer von BASIC thinking und hat die Seite 2009 abgegeben. Von 2004 bis 2009 hat er über 12.000 Artikel hier veröffentlicht.

5 Kommentare

  • In meiner Wahrnehmung gibt es auch weniger Kinder, weil das den Leuten zu unsicher ist. Wenn man nur noch befristetetVerträge bekommt und ab 55 sowieso keinen mehr, dann mag man als sicherheitsliebender Deutscher vielleciht auch kein Kind riskieren.

    Meine eigene Erfahrung: Während meiner Promotion (bin Biologe) sagte mir ein Mediziner, dass er mehr Ärzte mit Kindern als Biologen mit Kindern erlebt habe. Klar, die Mediziner kommen zur Not immer noch in einem Krankenhaus unter, die Biologen hangeln sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag und von Labor zu Labor. Und da es Biologen wie Sand am Meer gibt…

    Wenn man mit 30 die Kinder nicht (vielleicht auch „aus Versehen“) in die Welt gesetzt hat, dann kommt einem auch immer mehr der „Verstand“ dazwischen. Weil es dann hier und da gerade ungünstig ist und man sich an das DINKS-Leben gewöhnt hat.

    Ich sehe das im Moment ein wenig fatalistisch: Wenn wir Deutschen mit den neuen Bedingungen der Wirtschaft nicht zurechtkommen sterben wir halt aus. Leer wird es hier aber nicht bleiben.