Blogs mangels rhetorischer Fähigkeiten in D unterrepräsentiert?

Robert Basic

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Das Handeslblatt schreibt in einem Artikel über Corporate Blogging mitunter, daß:

Woran liegt es dann, dass sich in deutschen Unternehmen Weblogs noch nicht durchgesetzt haben? Der schwedische PR-Blog-Experte Fredrik Wacka sieht einen Grund in der Kommunikations-Tradition der verschiedenen Länder: „Manche Kulturen sind einfach rhetorischer veranlagt – Frankreich mehr als Deutschland, Amerika mehr als Schweden.“ Außerdem behindern laut Wacka die klar geordneten Machtverhältnisse der Firmen eine umfassende Nutzung der neuen Kommunikationsmöglichkeit, da im Business Blogging „Hierarchien in Frage gestellt werden“.

Das kennen wir bereits auch von Loics Aussage:

Germany remains very dead. This is surprising because with 80 million people, it’s Europe’s largest country and usually pretty advanced in technology. Germans probably lag for cultural reasons. They are not inclined to share what’s on their mind the way the French and Americans or even the Spanish and Italians.

(Eines vorneweg: Mir geht es nicht um einen nationalistischen Vergleich, sondern um meine Haltung gegenüber diesen Wischi-Waschi Argumenten, die kaum belegbar sind.)

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Das ist ungefähr so, als würde man sagen, daß Deutsche das Netz n.n. für sich entdeckt haben, keine Chats, Foren, Newsgroups, Mailinglists, etc… verwenden, weil sie sich nicht gerne austauschen und sich mitunter mangels sprachlicher Mängel nicht ausdrücken können. Nay, das ist völlig an den Realitäten vorbei. Da ich die Realität anscheinend gepachtet habe, woran liegt es denn ketzerisch gefragt an mich – Mr. Realitätspächter – daß die Blogs in D so weit weg von den Amis und Franzosen sind, wenn man sich schon mit der Spitze der westlichen Blognationen vergleichen will?

Auf der einen Seite sehe ich nicht die mediale Präsenz wie in den USA oder Frankreich. Nehmen wir FRA: Viele wissen anscheinend nicht, daß ein beliebter Radio-Jugendsender in Frankreich die Blogwelle bei jüngeren Internetnutzer richtig losgetreten hat. So ist es nicht verwunderlich, daß ein Großteil der Blogs in FRA aus jungem Publikum besteht, die auf Grund ihrer Nutzungsaffinität des Netzes rasend schnell neue Tools annehmen. Es hat sich schlichtweg zu einer Mode entwickelt. Hinzu kommt, daß sämtliche große Zeitungen und Fernsehsender häufig sogar große Stories gebracht haben. Schließlich sind Medien nach wie vor die Inhaber der Gatekeeper-Schlüssel und bestimmen, was angesagt ist. Und nicht zu vergessen die Rolle von Loic, dem geschäftstüchtigen Fahnenträger des Bloggings in FRA, der unermüdlich die Medien dazu genutzt hat, sich seinen eigenen Blog-Markt zu schaffen.

Ergo: Es ist kein Merkmal einer nationalen Schreibschwäche und mangelnden Gesprächskultur, daß sich Blogs in manchen Ländern schlechter ausbreiten. Es dreht sich wie so oft um Mechanismen der öffentlichen Wahrnehmung und Verbreitung bis hin zum Übergang in die kulturellen Gewohnheiten des Alltags (á la Telefon, TV, Handy, SMS…). Wüßte man das zu steuern und vorherzusagen, wäre ich Billionär.

Und was ist dann mit den Corporate Blogs in den Hochblog-Nationen?
Meines Wissens gibt es eben nicht zahlreiche Corporate Blogs in Frankreich. Normalerweise sollte man davon ausgehen, daß es spürbar viele dieser Blogs gibt. Pustekuchen. Da mag man das auf deutsche Firmen gemünzte Argument von Handelsblatt 100% auf die französische Firmenkultur übertragen:

Außerdem behindern laut Wacka die klar geordneten Machtverhältnisse der Firmen eine umfassende Nutzung der neuen Kommunikationsmöglichkeit, da im Business Blogging „Hierarchien in Frage gestellt werden“.

Wenn es ein Land in Europa gibt, das eine ausgeprägte Hierachiekultur hat, dann gehört Frankreich ganz sicher neben Österreich (schönen guten Tag, werter Herr Oberamtsdirektor von und zu) dazu.

Insgesamt wird es allen Firmen nicht leicht fallen, überhaupt auf Blogs zu setzen, solange sie aller Orten hören, daß sich die Kommunikationskultur ändert, gar Hierarchiestrukturen in Frage gestellt werden. Ok, aber sorry, solange das PR Firmen und Berater predigen, wie toll diese neue Kommunikationswelt ist, solange schießt man sich damit selbst ins Knie. Firmen reden seit über – seit wann gibt es eigentlich Firmen? – 5000 Jahren mit ihren Kunden. Seit wann ist das außergwöhnlich und neu? Man solle offen, authentisch, meinungsbehaftet, persönlich und ohne PR Blabla mit den Kunden reden. Das tun viele gute Firmen mit Hilfe ihrer Mitarbeiter schon lange. Dazu braucht man nicht Blogs, um so zu kommunzieren. Es ist Alltag (ebenso wie einem schlechte Beispiele einfallen, zB die nervige Callcenter-Akquise).

Ergo? Es ist keine spezielle Frage der Hierachiestrukturen von Firmen. Es ist eine Frage, wie die Firmen im gesamtheitlichen betrachtet am Markt mit gegebenen Instrumentarien auf teilweise national eigene Weise erfolgreich sind und offen für neue Wege ist (nur ein Bsp: Vertriebswege können je nach Branche höchst unterschiedlich ausfallen von Nation zu Nation, diese können sich über Jahre hinweg aber ändern). In der heutigen Welt ist der organistarische und damit verbunde hierarchische Aufbau einer gut performenden Firma keine Spezialität von Nationen mehr. Was hat das mit Blogs zu tun? Die Hierachiekultur einer Firma hat wenig mit dem Einsatz von Blogs zu tun (oder mag jemand behaupten, daß GM, SUN, Microsoft, Google, IBM etc.. alle die gleiche Systemik ihres Geschäftsaufbaus haben?).

Im 21. Jahrhundert werden die Firmen eben vermehrt über das Netz mit den Kunden reden. Blogs gestalten das als exzellente Kommunikationstools etwas einfacher, hinzu kommen „nur“ die positven Effekte über die zunehmende Vernetzung. Sprich: Die Firmen müssen nur eines lernen, daß nämlich die realen Kundengespräche auch über Blogs im virtuellen Raum erfolgen, sonst gibt es kaum Unterschiede. Aber wie so immer im Geschäft, wenn man alten Wein in neuen Schläuchen verkauft, macht sich das besser fürs Geschäft angeblich.

Natürlich wird es den Firmen schwerer fallen, auf Blogs zu setzen, die nämlich bisher immer noch nicht gelernt haben, sich im Alltagsgeschäft mit ihren Kunden offen, authentisch, meinungsbehaftet, persönlich und ohne PR Blabla zu beschäftigen. Und deren Produkte ggbfl. wie auch Services beim besten Willen nicht schönzureden sind. Diese Firmen müssen dann zwei(/drei = Produkt verbessern) Hürden auf einmal nehmen: Zuerst Ihre Kommunikationskultur ändern und sich erst dann mit Blogs beschäftigen. Was aber eigentlich wenig mit Blogs zu tun hat. Mich würde es wundern, daß man Blogs als erzieherische Maßnahme nutzen wird, das hieße das Pferd von hinten aufzäumen. Und dazu braucht man keine Blogberater (wenns hilft, ok, so what, dann hat man aber zwei Probleme an der Backe als Berater, will man das?).

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Robert Basic ist Namensgeber und Gründer von BASIC thinking und hat die Seite 2009 abgegeben. Von 2004 bis 2009 hat er über 12.000 Artikel hier veröffentlicht.