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Blogs mangels rhetorischer Fähigkeiten in D unterrepräsentiert?

Das Handeslblatt schreibt in einem Artikel über Corporate Blogging mitunter, daß:

Woran liegt es dann, dass sich in deutschen Unternehmen Weblogs noch nicht durchgesetzt haben? Der schwedische PR-Blog-Experte Fredrik Wacka sieht einen Grund in der Kommunikations-Tradition der verschiedenen Länder: „Manche Kulturen sind einfach rhetorischer veranlagt – Frankreich mehr als Deutschland, Amerika mehr als Schweden.“ Außerdem behindern laut Wacka die klar geordneten Machtverhältnisse der Firmen eine umfassende Nutzung der neuen Kommunikationsmöglichkeit, da im Business Blogging „Hierarchien in Frage gestellt werden“.

Das kennen wir bereits auch von Loics Aussage:

Germany remains very dead. This is surprising because with 80 million people, it’s Europe’s largest country and usually pretty advanced in technology. Germans probably lag for cultural reasons. They are not inclined to share what’s on their mind the way the French and Americans or even the Spanish and Italians.

(Eines vorneweg: Mir geht es nicht um einen nationalistischen Vergleich, sondern um meine Haltung gegenüber diesen Wischi-Waschi Argumenten, die kaum belegbar sind.)


Das ist ungefähr so, als würde man sagen, daß Deutsche das Netz n.n. für sich entdeckt haben, keine Chats, Foren, Newsgroups, Mailinglists, etc… verwenden, weil sie sich nicht gerne austauschen und sich mitunter mangels sprachlicher Mängel nicht ausdrücken können. Nay, das ist völlig an den Realitäten vorbei. Da ich die Realität anscheinend gepachtet habe, woran liegt es denn ketzerisch gefragt an mich – Mr. Realitätspächter – daß die Blogs in D so weit weg von den Amis und Franzosen sind, wenn man sich schon mit der Spitze der westlichen Blognationen vergleichen will?

Auf der einen Seite sehe ich nicht die mediale Präsenz wie in den USA oder Frankreich. Nehmen wir FRA: Viele wissen anscheinend nicht, daß ein beliebter Radio-Jugendsender in Frankreich die Blogwelle bei jüngeren Internetnutzer richtig losgetreten hat. So ist es nicht verwunderlich, daß ein Großteil der Blogs in FRA aus jungem Publikum besteht, die auf Grund ihrer Nutzungsaffinität des Netzes rasend schnell neue Tools annehmen. Es hat sich schlichtweg zu einer Mode entwickelt. Hinzu kommt, daß sämtliche große Zeitungen und Fernsehsender häufig sogar große Stories gebracht haben. Schließlich sind Medien nach wie vor die Inhaber der Gatekeeper-Schlüssel und bestimmen, was angesagt ist. Und nicht zu vergessen die Rolle von Loic, dem geschäftstüchtigen Fahnenträger des Bloggings in FRA, der unermüdlich die Medien dazu genutzt hat, sich seinen eigenen Blog-Markt zu schaffen.

Ergo: Es ist kein Merkmal einer nationalen Schreibschwäche und mangelnden Gesprächskultur, daß sich Blogs in manchen Ländern schlechter ausbreiten. Es dreht sich wie so oft um Mechanismen der öffentlichen Wahrnehmung und Verbreitung bis hin zum Übergang in die kulturellen Gewohnheiten des Alltags (á la Telefon, TV, Handy, SMS…). Wüßte man das zu steuern und vorherzusagen, wäre ich Billionär.

Und was ist dann mit den Corporate Blogs in den Hochblog-Nationen?
Meines Wissens gibt es eben nicht zahlreiche Corporate Blogs in Frankreich. Normalerweise sollte man davon ausgehen, daß es spürbar viele dieser Blogs gibt. Pustekuchen. Da mag man das auf deutsche Firmen gemünzte Argument von Handelsblatt 100% auf die französische Firmenkultur übertragen:

Außerdem behindern laut Wacka die klar geordneten Machtverhältnisse der Firmen eine umfassende Nutzung der neuen Kommunikationsmöglichkeit, da im Business Blogging „Hierarchien in Frage gestellt werden“.

Wenn es ein Land in Europa gibt, das eine ausgeprägte Hierachiekultur hat, dann gehört Frankreich ganz sicher neben Österreich (schönen guten Tag, werter Herr Oberamtsdirektor von und zu) dazu.

Insgesamt wird es allen Firmen nicht leicht fallen, überhaupt auf Blogs zu setzen, solange sie aller Orten hören, daß sich die Kommunikationskultur ändert, gar Hierarchiestrukturen in Frage gestellt werden. Ok, aber sorry, solange das PR Firmen und Berater predigen, wie toll diese neue Kommunikationswelt ist, solange schießt man sich damit selbst ins Knie. Firmen reden seit über – seit wann gibt es eigentlich Firmen? – 5000 Jahren mit ihren Kunden. Seit wann ist das außergwöhnlich und neu? Man solle offen, authentisch, meinungsbehaftet, persönlich und ohne PR Blabla mit den Kunden reden. Das tun viele gute Firmen mit Hilfe ihrer Mitarbeiter schon lange. Dazu braucht man nicht Blogs, um so zu kommunzieren. Es ist Alltag (ebenso wie einem schlechte Beispiele einfallen, zB die nervige Callcenter-Akquise).

Ergo? Es ist keine spezielle Frage der Hierachiestrukturen von Firmen. Es ist eine Frage, wie die Firmen im gesamtheitlichen betrachtet am Markt mit gegebenen Instrumentarien auf teilweise national eigene Weise erfolgreich sind und offen für neue Wege ist (nur ein Bsp: Vertriebswege können je nach Branche höchst unterschiedlich ausfallen von Nation zu Nation, diese können sich über Jahre hinweg aber ändern). In der heutigen Welt ist der organistarische und damit verbunde hierarchische Aufbau einer gut performenden Firma keine Spezialität von Nationen mehr. Was hat das mit Blogs zu tun? Die Hierachiekultur einer Firma hat wenig mit dem Einsatz von Blogs zu tun (oder mag jemand behaupten, daß GM, SUN, Microsoft, Google, IBM etc.. alle die gleiche Systemik ihres Geschäftsaufbaus haben?).

Im 21. Jahrhundert werden die Firmen eben vermehrt über das Netz mit den Kunden reden. Blogs gestalten das als exzellente Kommunikationstools etwas einfacher, hinzu kommen „nur“ die positven Effekte über die zunehmende Vernetzung. Sprich: Die Firmen müssen nur eines lernen, daß nämlich die realen Kundengespräche auch über Blogs im virtuellen Raum erfolgen, sonst gibt es kaum Unterschiede. Aber wie so immer im Geschäft, wenn man alten Wein in neuen Schläuchen verkauft, macht sich das besser fürs Geschäft angeblich.

Natürlich wird es den Firmen schwerer fallen, auf Blogs zu setzen, die nämlich bisher immer noch nicht gelernt haben, sich im Alltagsgeschäft mit ihren Kunden offen, authentisch, meinungsbehaftet, persönlich und ohne PR Blabla zu beschäftigen. Und deren Produkte ggbfl. wie auch Services beim besten Willen nicht schönzureden sind. Diese Firmen müssen dann zwei(/drei = Produkt verbessern) Hürden auf einmal nehmen: Zuerst Ihre Kommunikationskultur ändern und sich erst dann mit Blogs beschäftigen. Was aber eigentlich wenig mit Blogs zu tun hat. Mich würde es wundern, daß man Blogs als erzieherische Maßnahme nutzen wird, das hieße das Pferd von hinten aufzäumen. Und dazu braucht man keine Blogberater (wenns hilft, ok, so what, dann hat man aber zwei Probleme an der Backe als Berater, will man das?).


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Über den Autor

Robert Basic

Robert Basic ist Namensgeber und Gründer von BASIC thinking und hat die Seite 2009 abgegeben. Von 2004 bis 2009 hat er über 12.000 Artikel hier veröffentlicht.

7 Kommentare

  • Kostenlose Blogs: Lycos schwimmt auf der Welle mit

    „Lycos Europe will auf der aktuellen Blog-Welle mitschwimmen und startet einen kostenlosen Blog-Dienst namens ‚Jubiiblog‘. Dabei setzt Lycos auf ‚Moodblogging‘, bei dem Blogger jedem Eintrag eine bestimmte Gefühlslage zuweisen können.“, meldet …

  • es ist nicht leicht kritik einzustecken. und dann noch oeffentlich. aber zum zwecke der weiterentwicklung und verbesserung des produktes firma waere es der bessere weg. nur haben die wenigstens den mumm dazu. der kopf muss schon dahinterstehen, sonst wackelt auch nicht der schwanz. aber ansonsten kommt es irgendwann andersrum, anonyme blogger greifen an und dann kann es passieren, dass der schwanz mit dem hund wackelt, und nicht umgekehrt 😉

    ps: hohe arbeitslosenzahlen und breite angst um den arbeitsplatz sind sicher keine anreize, sich um job und kragen zu bloggen.

  • interessant erscheint mir, daß Firmen sich immer fürchten sollen vor kritischen Beiträgen in der Öffentlichkeit. Ich behaupte mal, daß die Wirkung negativer Beiträge viel zu sehr überschätzt wird.

  • ich denke, es kommt stark darauf an, wie die firma mit der kritik umgeht. wenn sie geschickt reagiert, so kann sie auch aus einem aufgedeckten schwachpunkt einen pluspunkt machen. wer aber z.b. nur produkte mit schwachpunkten anbietet und diese weder abstellen kann oder will (oder danach pleite waere) und auch nicht plausibel verargumentieren kann (geiz ist geil oder so) der bekomt einen auf den deckel.

  • Ich glaube nicht, dass wir in deutschen Unternehmen ein Problem mit mangelhaften rhetorischen Fähigkeiten haben. Dies mag vereinzelt der Fall sein, ab einer gewissen Größenordnung des Unternehmens aber sicher eher die Ausnahme.

    Dass es in vielen großen Unternehmen massive Hierarchieprobleme gibt, in alten, wie in jungen Firmen, ist wohl bekannt. Aber auch das ist wohl kein logisches Argument für die Verweigerung gegenüber technischen Errungenschaften, wie Blog-Systemen.

    Hat in diesem Zusammenhang schon einmal jemand daran gedacht, dass wir in einem Paradies für die Versicherungswirtschaft leben?

    Sicher könnte man hier interessante empirische Studien entwickeln, über einen möglichen Zusammenhang zwischen Sicherheitsbedürfnis und der Verweigerung gegenüber Foren und Blog-Systemen.

    Was, wenn ich etwas falsches sage? Haben wir nicht extra einen PR-Beauftragten/eine Agentur, welche die Kommunikation nach außen steuern soll? Darf ich denn auf meiner WebSite überhaupt etwas eigenes schreiben? Zerstöre ich damit nicht das Image, an dem die Agentur so lange gearbeitet hat? Was passiert da erst, wenn externe Personen auf meiner WebSite schreiben? Soll ich für so etwas extra jemanden einstellen? Was mag der wohl kosten? Welche Qualifikation muss so einer haben? Reicht ein Germanist, ein Journalist oder muss er vielleicht noch eine juristische Zusatzausbildung haben? Oder doch lieber ein Marketing-Profi? Hmmm … Outsourcing?

    In den skandinavischen Ländern vertraut man auf den Teamgeist. In Deutschland vertraut man „Titeln“. In Amerika wiederum hat man keinen Zweifel daran, dass jemand, der dies und das und jenes schon gemacht hat, auch mit neuen Herausforderungen spielend fertig werden wird.

    Nun meine These: Zugespitzt formuliert würde das in etwa heißen:

    So lange man in Deutschland keine Blogger-Diplome erwerben kann, wird man auch keinen Blog-Verantwortlichen finden.

    So lange werden Blogs als „neue Mode“ gelten, wie das „Marketing Controlling“, welches schon lange existiert aber in Deutschland nie verstanden wurde.

    Gruß
    fob

  • d’accord! Stimme Dir zu, wobei ich über die Sichtweise Deutsche=>Titel, Amis=>Vertrauen und Wikinger=>Teamgeist ganz schön lächeln musste 🙂

    Wo ist btw Euer Blog? Keines oder versteckt oder noch Bedenken?

  • Du bohrst in einer offenen Wunde. 😉

    Nach den Erfahrungen mit den Amis, den Wikingern und den Deutschen habe ich vor ein paar Jahren ein paar erste Seiten hochgeladen. Dann kam die liebe Kundschaft und nun ist es Zeit für Erneuerung. Den Blog wird es hoffentlich bis zum Jahresende geben. Solange empfehle ich einfach Deinen. Vor allem diese Seite hier:
    https://www.basicthinking.de/blog/2005/10/23/wie-wird-das-eigene-blog-bekannt-update/

    Dies hat aber leider schon wieder zu 3 neuen (externen) Baustellen geführt, wofür ich gerade die WordPress-Erweiterungen sammle. 😉