Mitarbeiterblogger: das Rubel-Scoble-Phänomen

Robert Basic

Es gibt Mitarbeiterblogger wie Steve Rubel / Micropersuasion, die mir als negatives Extrembeispiel dienen. Wenn es hart auf hart kommt und ein eisiger Wind der Firma ins Gesichts weht, setzt sich der Rubelsche Bloggertyp entweder überhaupt nicht oder nur sehr diplomatisch mit den Problemen seiner Firma (Rubel = Edelman) auseinander. Die Firma schätzt es eben, wenn man loyal ist und das Mitarbeiterblog positiv zu Gunsten der Firma glänzt. Die Firma schätzt es nicht, wenn man sich als Mitarbeiterblogger kritisch und offen mit den Problemen auseinandersetzt, die einem vorgeworfen werden. Ich verwette zB meinen Hintern, dass sich kein Siemensblogger, wenn es denn offene Mitarbeiterblogs geben würde, mit den aktuellen Schmiergeldvorwürfen auseinandersetzen würde. Verständlich, ist das einerseits nicht mal ein Geheimnis, dass Unternehmen schmieren, andererseits ist das Thema hinsichtlich PR ein ganz heißes Ding. Mag man das dem Mitarbeiter verübeln, dass er sich ausschweigt? Nein, das nicht, aber so ein Blog ist eigentlich wertlos, das nur positiv zu glänzen versucht. Völlig wertlos. Vereinfacht ausgedrückt. Denn, es ist klar, dass ich zB von einem Microsoft-Mitarbeiter aus der Entwicklerabteilung nicht erwarten kann, dass er sich mit allgemeinen Vorwürfen auseinandersetzt, die zB Richtung Ausnutzung der Marktmacht gehen. Dem würde ein Steve Ballmer höchstpersönlich die Eier ausreißen. Es gibt also Situationen, in denen rechtliche Zwänge offene Worte verhindern. Was ich aber erwarten kann, dass sich der Entwickler mit bekannten Bugs auseinandersetzt. Ebenso würde ich erwarten, dass ein Telekom-Mitarbeiter aus dem Supportbereich sich über die Schnelligkeit des Telekomsupports auslässt. Insofern erwarte ich von einem Mitarbeiterblogger, dass er sich offen mit seinem nahen Beschäftigungsumfeld auseinandersetzt. Aber das bringt alles nix, solange der Mitarbeiter dem Rubelschen Rollentyp folgt. Schweigen oder rumlabern.

Auf der anderen Seite gibt es den Rollentyp Scoble, der ehemals für Microsoft gearbeitet hat. Sein Ansehen entspricht dem eines Franz Beckenbauers der Blogosphäre. Das hat er nicht erreicht, weil er so clever und hochspannend bloggt, sondern es verstanden hat, zugleich loyal wie auch kritisch über seinen ehemaligen Arbeitgeber zu berichten. Solche Blogs sind wertvoll, da sie beide Seiten eines Unternehmens beleuchten. In D findet sich nur ein Mitarbeiterblogger, der den Dreh raus hat: Sven Kaulfuß von Cyberport. Seine Glanzstunde hatte er, als er sich offen und kritisch mit dem misslungenen Cyberport24 auseinandergesetzt hat. Ebenso war das eine Glanzstunde für Cyberport als Unternehmen, die das zugelassen hatten. Seitdem ist meine Achtung vor diesem Unternehmen um einige Punkte gestiegen! Und wenn ich mich recht entsinne, kam das auch bei der Presse an. Ola. Leider sind mir weitere Beispiele aus deutschen Landen nicht bekannt. Doch, Olaf vom Off The Record Blog (Horizont) hat angesichts der StudiVZ-Videos gerade noch die Kurve gekriegt. Auf der anderen Seite gibt es zB Thomas Knüwer vom Handelsblatt, den würde ich als Mitarbeiterblogger eher in die Kategorie Rubel-Blogger einordnen. Der sich seit dem Kauf von StudiVZ auffällig still verhält. Schweigen im Walde. Obwohl sein neues Arbeitsgebiet das Internetbusiness at all umfasst. Wer immer nur über andere bloggt und das für einen Journalisten typisch kritisch tut, aber sich nicht zugleich kritisch mit den e-Aktivitäten seines eigenen Hauses auseinandersetzt, ist nur ein halber Blogger.

Also folgende These: das Rubels-Scoble Phänomen besagt, dass Mitarbeiterblogs immer nur so gut sein können, wie es der Blogger selbst und das Unternehmen zulässt. Rubelsche Mitarbeiterblogger sind imho wertlos, Scobelsche Mitarbeiterblogger bringen ihrem Unternehmen ungleich mehr als zahlreiche, andere Kommunikationsmaßnahmen. Ok, zugegeben, es ist ja auch als These formuliert und ohne dass ich einen Roman verfassen will auch sehr überspitzt dargestellt. Natürlich besagt der gesunde Menschenverstand, dass es nicht um Schwarz/Weiß geht, sondern um Abstufungen.

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Was ist dran an der These? Müssen sich Mitarbeiter und Unternehmen darüber im Klaren sein, dass man beide Seiten einer Medaille betrachten muss, es also nicht immer nur um the best of company auf dem Blog gehen kann? Oder muss das nicht so sein? Sprich, müssen sich Mitarbeiter überhaupt mit ihrem Unternehmen auch kritisch auseinandersetzen? Reicht es nicht, wenn sie gut informieren? Btw, ich beziehe das nicht nur auf Großunternehmen, in denen sich Mitarbeiter aufgrund der politischen Zwänge so gut wie nie kritisch äußern können, ohne ihren Job zu verlieren. Ds bezieht sich ebenso auf Startupblogger. Mir fallen spontan keine Blogs der jungen Wilden ein, die sich kritisch mit dem auseinandersetzen, was die Geschäftsentwicklung angeht. Nehmen wir mal Qype: Du wirst nicht ein einziges Mal irgendwas Negatives auf dem Qype-Blog vernehmen. Höchstens am Rande ein „Übrigens: Fehler machen wir genug. Erzähle ich auch gerne mal. Demnächst“. Ne, haste noch nie:)) Das natürliche, öffentliche Kommunikationsgleichgewicht eines Unternehmens tendiert stets dazu, Risiken zu scheuen und positiv zu wirken. Gäbe es da nicht die Kräfte des Marktes, die das Gleichgewicht in eine andere Richtung schieben. Kein Wunder also, dass andere vor den Risiken von Blogs explizit warnen. Gretchenfrage ist also auch, wie der bloggende Mitarbeiter das dem Unternehmen begreiflich machen kann, dass die Markkräfte im Internet nicht dem entsprechen, was man im offline Bereich bis dato gewohnt ist? Immerhin ist der Mitarbeiter am Blog-Ball und hat damit einen Erfahrungsvorsprung, den er ja nach Charakter inhouse vermitteln kann oder sich lieber an das hält, was die Projektleiter und Berater ausgearbeitet haben (die „Richtlinien“), das aber nicht unbedingt das Gelbe vom Ei sein muss. Wir reden ja schließlich nicht über etwas, das nun seit 100 Jahren durchgekaut und verstanden worden ist, sondern man muss es ständig anpassen. Dazu gehört, dass sich bloggende Mitarbeiter und die Verantwortlichen immer wieder austauschen, Vorgaben anpassen, Grenzen korrigieren, aus der Praxis lernen, fehleraffin und mehr deranderewarsavers sind. Schon die letzten beiden Punkte sind des Managers Fremdworte:)

(btw, das Thema war schon mal dran, nur aus einer anderen Sicht, wenn der Mitarbeiter sich zum Sprachrohr des Unternehmens aufschwingt. Das ist eine echte, ganz heiße Sonderrolle, daher habe ich oben die beiden Extrema Rubel und Soble genannt)

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Robert Basic ist Namensgeber und Gründer von BASIC thinking und hat die Seite 2009 abgegeben. Von 2004 bis 2009 hat er über 12.000 Artikel hier veröffentlicht.