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fazzen oder bloggen?

Thomas Thiel macht sich in der FAZ Gedanken zur re:publica und dem was dort besprochen wurde und wie es nun weitergeht:

Sollte die Berichterstattung binnen fünf bis zehn Jahren tatsächlich von alternativen Medien, etwa dem Bloggen und dem Onlinejournalismus, getragen werden müssen, wäre viel Arbeit zu leisten. Die Podiumsdiskussion reduzierte den Begriff des Journalismus auf den der Informations- und Nachrichtenübermittlung. Analyse, Reportage oder Essay sind Fremdgattungen in einem Diskurskosmos, der seinen Kurs ständig mit den neuesten technischen Fortentwicklungen abzugleichen hat und daher keine Zeit zu inhaltlicher Beschäftigung findet. Die Frage, welcher der Tagenden eine eigenständige Vorstellung einer wünschenswerten Zukunft entwickelt hatte, die sich nicht in der Anpassung an das erschöpft, was die Kommunikationsindustrie auf den Markt spült, wollte man da lieber nicht stellen.


Wie denkt ein Marketier? Aus Sicht des Marketings. Wie denkt ein Ingenieur? Aus Sicht des Ingenieurs. Und wie denkt ein Journalist? Aus Sicht des Journalisten. Jeder ernährt sich in seiner Vorstellungswelt aus seinem Dunstkreis an Erfahrungen und Eindrücken heraus. Wie sollte dieses Filtern auch anders funktionieren? Noch verfügt unser Brain bzw. die meisten Brains nicht über austauschbare Filter, um Dinge anders zu denken. Man kann aus seinem Körper nicht heraus:) Das, was Thomas skiziert, ist doch eh schon längst eingetreten. Menschen tauschen sich auf allen Eben über alles Mögliche im Internet aus mittlerweile. Es gibt Informationsseiten über Preise, Billigprodukte, Politiker, Autos und was weiß ich. Es gibt Seiten, auf denen man sich explizit vernetzen kann. Es gibt Seiten, auf denen man den persönlichen Worten in einem sehr persönlichen Umfeld lauschen kann. Es gibt Seiten, auf denen man direkt miteinander kommunizieren kann. Es gibt Seiten, auf denen man Wissen anzapfen kann. Es gibt Seiten, auf denen man nahezu alles finden kann, was man sucht. Und es gibt sowas wie die FAZ, die filtern und berichten.

Es mag also gut sein, dass die Rolle der Gatekeeper weiterhin eine ist, um den Menschen ein wenig Halt zu geben, sich orientieren zu können, was gerade überregional draußen in der Welt los ist. Ist doch wunderbar, warum sollte jemand wollen, dass man diese Funktion „abschaltet“? Dazu gehört es nicht unbedingt, dass die Gatekeeper neutral sind. In Russland wollen die Menschen sehen, wie wichtig und groß Russland wieder geworden ist. So what? Das wird sich eines Tages ändern, dann werde andere Orientierungsausrichtungen gefunden, wenn man die Schnauze vom Großrussland voll hat und alles in seinen normalen Bahnen verläuft. Gatekeeper können nur auf großer Ebene aggregieren und filtern.

Das ist aber nur ein Teil dessen, was das Menschsein ausmacht. Das tägliche Miteinander besteht doch aber nicht nur aus den Großmeldungen, dass irgendeine Vorstandfuzzi Steuern hinterzogen hat und die USA sich mit Russland hinsichtlich des Kalten Krieges einig sind (was ja nicht gerade unwichtig ist). Das tägliche Miteinander besteht in dem, was uns gerade mal eben juckt, so banal das auch einem Großmeldungsproduzenten erscheinen mag. Es ist mir doch völlig scheißegal, dass sich eben nicht 20 Millionen Menschen für Twitter und dessen Auswirkungen interessieren oder aber mir der Kinofilm xyz gefallen hat, also über das, was ich so tagtäglich schreibe. Ich und viele andere decken das ab, was man als zwischenmenschliche Kommunikation bezeichnet. Eine ungleich größere und großartigere Dimension, die Unternehmen wie FAZ nicht mal annähernd erreichen können. Ihre Rolle in der Gesellschaft ist eine andere. Das ist weder besser noch schlechter, es ist einfach nur eine Rolle.

Das ist aber auch zugleich der Punkt, der Journalisten so ungemein schwer fällt sich vorzustellen, dass Menschen miteinander über das Netz zunehmend immer intensiver in Kontakt treten, auch über Blogs und was weiß ich was noch, dabei die Rolle des Erschaffers von großen Öffentlichkeiten nicht mal ansatzweise wichtig ist oder überhaupt wichtig sein müsste, wenn ich oder andere schreiben, kommentieren, lesen, in der Rolle als ganz einfacher Mensch. Ein Journalist denkt wie ein Journalist, sagte ich doch oben. Und hat Schwierigkeiten zu erkennen, dass sich ein Teil des menschlichen Sozialsystems mit allen Für und Wider ins Netz verlagert. Wie verkauft man nun aber eine Story dem Chefredakteur, dass dieses gänzlich unscheinbare Netz-Miteinander gigantisch und großartig zugleich ist? Gar nicht, solange man als einfacher Journalist tickt, der seinen Teller nicht verlassen kann.

Das Miteinander im Kleinsten ist sowas von langweilig, weil die banalen Gespräche so langweilig erscheinen, dass man versucht ist, andere Maßstäbe anzulegen, nämlich die aus seiner eigenen Welt der Medien. Doch da kommt man mit seinen Aggregations- und Filterfunktionen nicht wirklich weiter, wenn man diese im Netz agierenden Menschen mit Maßstäben beikommen will, die für Unternehmen und großpolitische Wetterlagen unabdingbar sind. Wie fasst man in einem Satz das Miteinander zusammen? Ich habe weder einen Brand, eine Message, ein Produkt, noch haben es alle anderen. Wir sind Individuen. Nix, was man in einem Satz greifen kann. Pech.

Zugegeben, es fällt schwer, sich einen Haufen von 1,3 Milliarden Netzknotenpunkten vorzustellen, wo wahnsinnig viele Beobachter sind, wenige sich mitteilen und dennoch das Menschsein einfach so ohne Gatekeeper voranschreitet und dann daraus die langfristigen Auswirkungen abzuleiten.

Wir haben damit vor 4-6 Mio Jahren angefangen, wir machen es heute und werden es morgen so machen. Miteinander schnackeln. Nur mehr und schneller und intensiver und informativer. Wie verkauft man nun so eine Story? „Die wollen“ was? Gar nix. „Die“ wollen nur Mensch sein. Man kann das geringschätzen, man kann sich ob der Nutzung von so fremdartigen Tools wie Twitter wundern und drüber motzen. Man kann sich darüber mokieren, dass sich Einige den Kopf machen, was da im Grunde genommen passiert und wo es hingeht. Dass man sich auf Konferenzen trifft und darüber nachdenkt, so abwegig das auch erscheinen mag, worüber man da spricht. Auch auf solchen Konferenzen wird die Zukunft mitgestaltet, ob das eine FAZ nun will oder nicht.

Ich brauche auch keine FAZ oder andere Organe mehr, um mir sagen zu lassen, dass ich wichtig, unwichtig, unbedeutend oder bedeutend bin, ohne „Eure“ Rolle abwerten zu wollen. Ja doch, ich weiß, dass es da draußen noch genügend Menschen gibt, die von Euch eine Orientierung in diesem täglichen Wust aus Geschehnissen erwarten. Dazu gehört, dass manche wissen wollen, ob zB Blogs wichtig sind. Sie sind wichtiger als alle Zeitungen dieser Erde zusammen, wenn ich als Blogger und Mensch antworten müsste. Dass die Menschheit übers Netz zusammenfindet, ist nicht gerade etwas, was man als klein bezeichnen sollte. Mit einenm anderen Maßstab gemessen ist jedes Blog für sich unendlich klein. Maßstab? Ich erzähl was von Maßstäben, gerne.

Ich bin ein einziges Teil einer Summe, die dermaßen groß ist, dass die FAZ wiederum nur als ein einziges Teil dieser Summe erscheint. Wenn man so will, sind die FAZ und ich (stellvertretend für die anderen Netzuser) genauso wichtig und bedeutend. Ich weiß, das fällt schwer, sich vorzustellen, aber rundet mal eine 0,000001 und eine 0,00000001 auf, da kommt nahezu das Gleiche raus:) Und wie soll ich nun der FAZ schonend beibringen, dass das, was sie täglich schreibt, mir nicht wichtiger ist, als Blogger, Chatter, Twitterer, Forenuser und Social Networker absondern? Du gehörst ebenso dazu wie ich und die anderen. Live with it und willkommen im Jetzt. Die Frage also

…, welcher der Tagenden eine eigenständige Vorstellung einer wünschenswerten Zukunft entwickelt hatte, die sich nicht in der Anpassung an das erschöpft, was die Kommunikationsindustrie auf den Markt spült, wollte man da lieber nicht stellen.

ist doch schon längst ohne Definierer und Vortuner beantwortet. Man siehts halt nicht so einfach in diesem täglichen und milliardenfachen Miteinander, weil wir nicht sehen, was daraus wird. Alles wird jedoch gut, obwohl wir es noch mindestens tausend Male durchkauen werden:)


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Über den Autor

Robert Basic

Robert Basic ist Namensgeber und Gründer von BASIC thinking und hat die Seite 2009 abgegeben. Von 2004 bis 2009 hat er über 12.000 Artikel hier veröffentlicht.

27 Kommentare

  • Ach, seufz. Natürlich denke ich als Journalist wie ein solcher (auch wenn ich blogge). Und dennoch ist mir nicht klar, warum beide (!) Seiten sich permanent gegenseitig vorhalten müssen, dass sie undwichtig sind…

    Ehe mich meine larmoyante journalistische Grundhaltung davonträgt, nur ein Punkt:

    Das tägliche Miteinander besteht doch aber nicht nur aus den Großmeldungen, dass irgendeine Vorstandfuzzi Steuern hinterzogen hat und die USA sich mit Russland hinsichtlich des Kalten Krieges einig sind (was ja nicht gerade unwichtig ist). Das tägliche Miteinander besteht in dem, was uns gerade mal eben juckt, so banal das auch einem Großmeldungsproduzenten erscheinen mag.

    Ist ja ok. Das Dumme ist: wenn jemand über den Kinofilm xyz schreibt, der ihm gefallen hat, kostet das außer der Kinokarte und der Zeit zum Schreiben eigentlich nichts. So unwichtige Dinge wie Gipfeltreffen in Sotschi oder Krisen irgendwo in der Welt zu covern, kostet dagegen richtig Geld (und die Vorstellung, dass man den Verlauf des Irak-Kriegs doch ganz gut von Bloggern beschreiben lassen könnte, empfinde ich als Zynismus). Also kurz: auch die so nett als nicht gerae unwichtig bezeichneten Nachrichten müssen irgendwo herkommen. Und haben für mehr Menschen eine Relevanz als die jeweilige zwischenmenschliche Kommunikation. Allein quantitativ.

    (So, jetzt ducken und den Sturm abwarten.)

  • genau das habe ich auch gesagt:) Es gibt kein Gegeneinander, das sind auch Miteinander;) Was diese Quantitätsgeschichte angeht: Klaro, erreicht eine ARD mehr zugleich als 1 Blog. Nur stinken die eben gegen 10 Mio Blogs völlig ab. Quantitätstheorie ist schon ein ziemlich mühseliges Relativieren:))

  • Das Statement hätte ich gerne auf einem Podium gehört. Basic schreibt Geschichte! 🙂 Sehr gut geschrieben. Bringt’s genau auf den Punkt!

  • Selbstverständlich schnackeln wir Menschen halt vor uns hin – und das ist auch gut und schön. Aber irgendwie habe ich Angst davor, dass wir so etwas wie „Leitmedien“ verlieren werden, die uns geradezu zwingen uns auch mal aus unserer kleinen Berater-, Blogger-, Dachdecker-, Eisenbahnfan-Welt heraus zu denken. Es ist nun mal für das Fortkommen von allem (und damit auch von dir, mir und Erna Müller) viel wichtiger, ob es zu bewaffneten Konflikten irgenwoe kommt – oder ob ein neuer H0-Eisenbahntriebwagen erschienen ist oder ober Herr Sowieso twittert, das sein Magen heute nicht in Ordnung ist.
    Es gibt – meiner Ansicht nach – auch so etwas wie „Verantwortung“ für Medien. Und diese besteht nicht nur darin zu unterhalten sondern auch zu …oooops …. „bilden“. Mein Sohn erkennt mit zugebundenen Augen alle Mädels von der Casting-Show – aber er liest auch mal T.C. Boyle und hat sich den letzten Harry Potter auf englisch reingepfiffen. Und wenn er die Süddeutsche bei uns rumliegen sieht, kann er damit auch etwas anfangen. Das passt für mich.
    Was ich damit sagen will? Beides ist gut – nur anders. Aber leider muss ich auch sagen, dass die Welt wie ich sie sehe eher auf die Blogosphäre als auf journalistische Medien verzichten könnte. Denn wenn niemand mehr zumindest den Versuch starten würde, unabhängig und mit journalistischem Handwerk ausgestattet über diese Welt zu berichten, ja dann…

    gruß eric

  • ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass wir aufgrund unserer Bauweise Leitmedien nicht haben werden. Techrcunch ist ein Web 2.0 Leitmedium, andere -die Etablierten- haben da nahezu den Zug verpasst imho. Ebenso ein Robert Scoble. Für ein bestimmtes Publikum. Und, für die großen Nachrichten wird es weiterhin TV und die Tagespresse geben. Warum nicht, ist doch völlig ok. Das, was wir im Netz machen, ist eine rein gesellschaftliche Entwicklung auf einer völlig anderen Ebene imho, die ich als noch viel spannender empfinde, ohne aber das zu negieren, was bereits da ist.

    Die Berührungspunkte in kommerzieller Hinsicht sind im Grunde genommen nur da, wo ein Techrcunch aufploppt. Indirekte Effekte entstehen zusätzlich dort, wo einzelne Privatpersonen zu dermaßen anerkannten Experten werden, dass man in Teilen auf die News/Reportagen in den Medien verzichten kann. Und es kann einen weiteren, indirekten Effekt geben für die Marke eines Medienunternehmens als solches, was aber mit einem Leitmedium per se nicht wirklich zu tun hat: Das Aggregieren über eigene Toosl bedeutet, dass man Sport von X bekommt, IT von Y, Politik von Z usw. Es kann also sein, dass der Full Service Newsprovider da nicht mehr klarkommt bzw. einen Teil seiner Bedeutung verliert.

  • Wenn von irgendwoher wieder der Irrelevanzvorwurf ertönt, dann werde ich diesen Artikel verlinken. Wunderschöner Einblick in Deine Blog-Philosophie, die vom kleinteiligen, zwischenmenschlichen Kommunikationsaustausch lebt. Da ist es egal, ob 5 oder 5.000 Menschen mitlesen.

    Ich unterschreibe einerseits Deinen Standpunkt in dieser Sache, andererseits macht man es sich dann vermutlich doch zu leicht, wenn man die Bedeutung der „klassischen“ Massenmedien auf diese Weise relativiert. Thomas Wiegold (Comment #1) hat schon recht damit, daß der Journalismus eine wichtige Rolle spielt – allerdings wird diese Bedeutung weiterhin sinken.

    Welche Probleme aus dem Verschwinden der einstigen Gatekeeper und Meinungsmacher resultieren, was passiert, wenn wir es mit heillos fragmentierten Öffentlichkeiten zu tun haben, werden wir erst in einigen Jahren merken…

  • @Robert, Comment #5:

    Und, für die großen Nachrichten wird es weiterhin TV und die Tagespresse geben.

    So sicher sollte man sich dessen nicht sein. Die Frage ist, von welchen Zeiträumen wir reden. In 5 Jahren sicher, aber ob wir in 20 Jahren nach Tageszeitungen haben?

  • @robert: Das ist mit Sicherheit sinnvoll – eine Arbeitsteilung und die Leser, die User oder sonstwer lassen sich das nach Gusto aggregieren. Jeder kann sich das dort holen, wo er gerne möchte.

    Und ich teile auch deine Einschätzung, dass es „die großen Medien“ auch weiterhin geben wird. Allerdings – und jetzt komme ich echt old fashioned rüber – ist schon eine Niveauverschiebung zu merken. Bei der Tageszeitung hatten wir damals immer wieder Anrufe von Lesern die sich tatsächlich über kleine Schreifehler derart aufgeregt haben, dass sie zum Telefon gegriffen haben und mit Abbestellung der Zeitung gedroht haben. Das ist natürlich albern. Aber es zwingt die „Schaffenden“ zur Gründlichkeit und Genauigkeit. Und das ist schon wichtig. Und das vermisse ich (auch immer wieder bei mir selber) schon ein wenig. Wenn ich wenig Zeit und viele Informationen habe, muss ich mich auf deren Richtigkeit verlassen können. Und diese ist von der Zuverlässigkeit des Schreibers abhängig. Blogger sind sicher nicht unzuverlässiger als x-beliebige Journalisten. Aber sie haben weniger „Apparat“ um sich herum (andere Kollegen zum Gegenlesen, Archive, erfahrene Lehrer, Dokumentation u.s.w.)

    Und, noch ein Gedanke: Die Zahl und die Möglichkeiten der Medien steigen. Vom Politik-Magazin über Castingshows hin zu reinen Witz-Blogs. Die Zeit, die wir dafür haben, steigt aber nicht im gleichen Maße. Deshalb befürchte ich schon, dass die Zeit, die man früher mit „langweiligen“ aber möglicherweise bildenden Medien verbracht hat, durch reine Zeittotschlagmedien verdrängt wird. Nicht komplett – aber zu einem guten Prozentsatz. Und da stellt sich die Frage: Wie wirkt das auf uns, auf unsere Kinder und deren Kinder? Keine Ahnung, wir werden es sehen.

    Keine Angst: Das klingt düsterer als ich das denke. Denn in der Regel werden solche Auswirkungen immer deutlich überschätzt. Aber arg gespannt bin ich trotzdem…

    eric

    P.s. So lange die Kommentatoren dein Captcha ausrechnen können, ist ja alles gut 😉

  • @ eric: In seinem Werk „Phaedrus“ lehnt Platon die Niederschrift von Gedanken (in Kontrast zum Sprechen) vehement ab. Durch das Schreiben ginge die Fähigkeit verloren, die Körpersprache anderer Menschen zu lesen, Verträge würden nicht mehr als bindend angesehen, weil sie nicht zwangsläufig von Angesicht zu Angesicht vereinbart worden wären und ausserdem verlöre der Mensch (!), wenn er den alles aufschreibt, seine Fähigkeit, sich zu erinnern.
    Unklar bleibt nach alledem, warum er alles den aufgeschrieben hat.

    Jedenfalls lehrt uns das zweierlei:
    1. Du befindet dich mit deiner Skepsis in guter Gesellschaft…;-)
    2. Die Furcht ist meist größer als das Monster.

  • „heillos fragmentierten Öffentlichkeiten“ (comment #6) – wie das? Die Bloggosphäre bringt doch genauso wie etablierte Medien ihre Stars, Eliten und Meinungsmachern und -macherinnen hervor. Bisher holten sich Menschen ihre Meinung von den x-tausend Formaten am Kiosk sowie Radio und TV ab und in Zukunft von verschiedenen Medienformaten und Medienmachern online. Wo ist da jetzt die Fragmentierung?

  • In einer wirklichen Demokratie sollte die Willensbildung eigentlich von unten nach oben erfolgen und nicht wie in einer von ökonomischen und politischen Zwängen/Einflussnahmen gelenkten Medien“demokratie“ von oben nach unten. Ersteres bringt wohl zwangsläufig auch eine Fragmentierung mit sich aber so sind die Menschen nun einmal und Fragmentierung bedeutet dann ja vielleicht auch offener Diskurs und Sieg des überzeugensten Arguments. Schön wäre es jedenfalls.

  • Wie denkt ein Blogger? Aus Sicht eines Bloggers.

    Ich habe den Artikel in der FAZ gelesen. Die Analyse der re.publica hat mich zum Schmunzeln gebracht (siehe Kommentar von neulich). Aber die Frage wer wen überlebt ist doch eigentlich wirklich lächerlich. Das ist Sandkastenförmchenklauerei.

    Dabei spielen beide weder im gleichen Sandkasten noch mit den gleichen Förmchen. Der Vorteil von Bloggern (bzw. Usegroup-Usern, Forenfetischisten etc) ist sicherlich, dass sie weltweit sehr gut vernetzt sind und daher viele und auch gute Kontakte knüpfen können. Sie sind quasi „Nah am Menschen“ *grusel*. Und wie Birma und Tibet zeigen, scheint bloggen in solchen Ländern auch eine Möglichkeit zu sein, zT an der Meinungszensur vorbei zu agieren. Die Vernetzung durch Blogs bzw. Web 2.0 führt sicherlich auch dazu, das gesellschaftspolitische bzw. aktuelle Themen aufgefangen werden und intensiv diskutiert werden. Aber immer untereinander.

    Das ist der Unterschied zum Journalisten. Abgesehen davon, dass der Journalist schneller und besser über Ereignisse informiert ist, er hat auch ein ganz anderes Potential (und auch Antrieb) um bestimmte Themen zu recherchieren. Und das tut er ja nun letztlich nicht nur weil ihn das Thema gerade interessiert, sondern für seine Zeitung. Abgesehen von (wenigen?) Leserbriefen existiert auch keinerlei Interaktion mit der Leserschaft.

    Es wird also die „klassischen Medien“ als solche lange weitergeben. Auch Blogs wird es geben, aber ein entweder oder ist das wirklich nicht. Allein auch weil ein Großteil der Menschheit nicht jeden Tag zig Blogs zur Meinungsbildung konsumieren kann. 😉

  • Was die „heillos fragmentierten Öffentlichkeiten“ angeht:
    Das Internet bietet jedem, der einen Zugang dazu hat, die Möglichkeit, Content zu generieren – ohne einer vorgegebenen Rahmung, einem Format im inhaltlichen Sinne, gerecht werden zu müssen. Jeder kann sich seinen Rahmen selbst schaffen. Wenn man das auf user generated content bezieht, wird klar (zumindest mir), dass diese Rahmen relativ klein abgesteckt sind. Einzelne können, schon allein aus Kapazitätsgründen, nicht das leisten, was die klassischen Massenmedien in ihrer Breite abdecken. Man wird als Einzelner kaum den Informations- und Themen- Umfang einer Tageszeitung oder eines TV-Kanals abdecken können.

    Doch zurück zu den selbst gewählten Rahmen (zum Beispiel durch Themenwahl eines Blogs). Content zu bestimmten Themen interessiert nicht jeden. Das schafft zum Beispiel Teilöffentlichkeiten. Und diese sind dann auch noch heillos fragmentiert: z.B. eine Menge von 500 Menschen, die sich auf Blogs zum Thema PR rumtreibt. 3 von denen lesen ab und an in Blogs über Kochen. 270 lesen ab und an die Nachrichten bei SPON (aber alle mit unterschiedlicher Nutzungsfrequenz und -dauer). 2 der 3, die in Blogs über Kochen lesen, bestellen ihren Wein im Internet und sind über einen Link auf die neue Online-Präsenz eines Gourmet-Magazins gestossen. 93 der 500 Menschen schauen Nachrichten im Fernsehen. 68 die Tagesschau, 12 heute, und eine Schnittmenge von 8 beides. Internet machts möglich. 18 der SPON-Leser waren schon einmal bei der taz auf der Website. 5 davon haben den feed vom klimalügendetektor abonniert. 2 von denen sind Mitglied bei Xing. Wieder einer auch bei Facebook. Bei Bebo hat sich noch keiner angemeldet. Aber 7 der SPON-Leser, die bei der taz auf der Seite waren, sind bei LinkedIn.. Das könnte man endlos fortführen. Einfach, weil es so viel Content und Nutzungsmöglichkeiten im Internet gibt. Also ein heilloses Durcheinander.

    Man kann die User nur noch schwer kategorisieren. Und wenn man es versucht, nach welchen ‚Eigenschaften‘ würde das Sinn machen?
    Über Verbreitungsraum, Anzahl, Zielgruppen etc. der klassischen Medien, die einfach auf Knopfdruck erreichbar sind, kann man sich mit viel Mühe und Geld einen Überblick verschaffen. Im Internet wird das schon schwieriger…

    Was die Meinungsbildung angeht:
    Die findet sicher auch im Internet statt. Wenn mich ein Thema interessiert, dann ‚recherchiere‘ ich im Internet. Auf das Thema aufmerksam werde ich häufig durch die Massenmedien. Aber eben nicht ausschliesslich. Ich denke, dass es die klassischen Massenmedien weiter geben wird, die umfassend und qualitativ hochwertig informieren (soweit das eben geht). Ob sich das Ganze mehr ins Internet verlagert? Sicherlich. Die Online-Angebote von Verlagen werden sicher bedeutsamer werden. Vielleicht gibt es in ein paar Jahren keine Papier-Zeitung mehr, sondern nur noch die Online-Version zum selbst ausdrucken (wenn man möchte).

  • “ Offizielle“ Leitmedien wird es auch in ferner Zukunft geben. Die Menschen sehnen sich nach Autorität, die Illusion einer “ wirklichen“ Wahrheit ist seelisch überlebenswichtig. Natürlich können auch Privatpersonen wie Blogger diese Funktion zeitweilig erfüllen, eine Institution mit bezahlten Mitarbeitern ist hier aber zuverlässiger und funktioniert unabhängig vom Individuum.
    Die Bedeutung der „offiziellen“ Leitmedien allerdings wird geringer werden, und das ist erfreulich, denn so, durch die Mitmachmedien, verstärkt sich das demokratische Verhalten in uns.Im Moment z.B. zeigt sich das gar nicht mal so sehr bei der Internetthematik, für die dieses Blog eine Art privates Leitmedium ist. Sondern bei der Islamkritik,die fast ausschließlich durch bekannte und weniger bekannte Blogger sowie Einzelpersonen ( Wilders), die sich des Mitmachwebs bedienen,getragen wird.

  • bloggen ist ein eigenständiges kultur-tool -> ich blogge mit allem was mir heilig ist, mit abstand, herz, stil und chuzpe.
    dass sich menschen schnell bedroht fühlen, ist immanent, egal, als was sie sich bezeichnen, welche identität sie wählen. die besten perspektiven sind die mit herz und 360°

  • die medien haben nur angst vor der masse deren meinung, das war doch schon immer so.

    ich kenne da ein paar geschichtliche punkt z.b um Hitler rum, der wusste auch uns zu beeinflusse und unterdrücken.

    aber werden die medien oder jornalisten uns unterdrücken?
    NEIN

  • Twitter mag ein ideales Konferenzwerkzeug sein, wenn es drum geht mit zubekommen, wo gerade wer sich zu was Gedanken macht und wie es ihm damit geht. Dieses „always social online“ bringt sicher mit sich, gut darüber informiert zu sein, was in der Twitter-Community läuft und damit einen Vorsprung zu haben vor denen, die es nicht sind. Aber ich bin mir fast sicher: Irgendwann wird es zum Privileg, sich nicht ohne Zeitverlust auf dem Laufenden halten zu müssen, und die eigene Befindlichkeit nicht mit der ganzen Welt teilen zu müssen. Twittern greift zu sehr in den eigenen Arbeitsprozess, erfordet das ständige „dranbleiben“ und „mitmachen“, und das wird irgendwann jedem Webworker zu stressig.

  • […] Jeder von uns ist wichtig, jeder einzelne, wie sagte gester Robert noch so schön. Ich bin ein einziges Teil einer Summe, die dermaßen groß ist, dass die FAZ wiederum nur als ein einziges Teil dieser Summe erscheint. Wenn man so will, sind die FAZ und ich (stellvertretend für die anderen Netzuser) genauso wichtig und bedeutend. Ich weiß, das fällt schwer, sich vorzustellen, aber rundet mal eine 0,000001 und eine 0,00000001 auf, da kommt nahezu das Gleiche raus:) Und wie soll ich nun der FAZ schonend beibringen, dass das, was sie täglich schreibt, mir nicht wichtiger ist, als Blogger, Chatter, Twitterer, Forenuser und Social Networker absondern?…weiter lesen […]

  • Die Angst der FAZ / der Journalisten kann man doch nachvollziehen, oder? Aber diese Infosuppe im Web als das Non-Plus-Ultra anzusehen, halte ich auch für hochkritisch.

    Leitmedium hin oder her: Offline Nachrichten in Form einer Zeitung, v.a. in einer Qualität der FAZ (ja, ich bin Abonnent), werden noch lange einen Markt haben. Zumal man schnell verlässliche, präzise Infos für einen Gesamtüberblick bekommt. Das Blogmeer mit seiner Masse an Infoschnipseln im Web ist prima – wenn man Zeit hat; Zeit zum Suchen, Bewerten und Schlüsse ziehen. Wenn nicht (und speziell wenn man mal offline ist / sein will), freut man sich über Zeitungen.

    Und eins werden Blogs so schnell nicht hinbekommen: das haptische Erlebnis von knisterndem Papier mit Druckerschwärze 😉 – wenn man mal im Offline Fall bleibt.

  • Haptik ist superwichtig, stimmt.

    Was aber das Suchen und Nutzen von Infoquellen angeht, kann ich Dir nur im IT BEreich sagen, dass kein Print mehr wirklich mitkommt. NAhezu alles steht Monate vorher im Web, bis es ins Print kommt, ist das vom letzten Jahrtausend sozusagen.

  • Allerdings – bin quasi vom Fach und kenne das nur zu gut. Das erwarte ich aber auch nicht von der FAZ. Meine Daumenregel: je technischer ein Thema, desto eher suche im Web.
    Wenn ich lese, was Leute wie du oder Dion Almaer (http://www.ajaxian.com) täglich an qualitativ hochwertigem Blog von sich geben, da bleibt einer FAZ nur noch Metakommentieren bei Großthemen. Aber das machen sie halt verdammt gut.

  • keine Frage, dass die FAZ herausragt. Hoffentlich bleibt das so und es lohnt sich auch weiterhin für die. Erosionsdrücke gibts ja leider nicht gerade wenige im Pressebereich.

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