Sonstiges

Facebook: Jetzt mal endlich Kasse machen

Ich erinnere mich noch daran, als wäre es gestern gewesen. Vor zwei Jahren, wenige Tage vor Weihnachten, wälzte StudiVZ wichtige Datenschutzpunkte vom AGB-Menü und fügte stattdessen so etwas an die Stelle:

„Ich willige ein, dass StudiVZ die von mir bei der Registrierung mitgeteilten Daten […] dazu nutzt, um mir gezielt personalisierte Werbung […] zu präsentieren.“ (aus den AGB)

Was für ein Aufschrei! Schnüffel-Werbung! Orwell! StasiVZ! Und dann auch noch das freche Ultimatum an die Nutzer: „Entweder ihr macht mit oder könnt gehen.“ Naja, heute ist das alles Schnee von gestern, heruntergekocht. Vielleicht liegt es an Schäuble, der Vorratsdatenspeicherung und dem Bundestrojaner, dass Datenschutz im privaten Sektor ein wenig in den Hintergrund gerückt ist. Außer einem Image-Dämpfer und weiterhin dürftig dahindümpelnden Werbeeinahmen hat es den VZlern jedenfalls nichts eingebracht.

Umso spannender dürfte nun die neue Vorlage aus den USA werden, denn Facebook – als zumindest gedanklicher Vorvater des VZ-Imperiums (und mehr sage ich hier nicht) – will nun endlich einen Weg gefunden haben, die 150 Millionen Mitgliedschaften zu Geld zu machen. Endlich. „Engagement Ads“ lautet das neue Zauberwort, hinter dem allerdings nichts anderes als ein putziger Euphemismus für ausgeklügeltes Behavioral targeting steckt. Der britische „Telegraph“ war auf einer Präsentation in Davos dabei, als Zuckerberg persönlich seine neue Cash-in-Idee vorstellte – die ausnahmsweise nicht aufs direkte Profilselling setzt. Die Idee dahinter: Unternehmen dürfen innerhalb der Community Umfragen starten, um damit das Terrain nach potentiellen Käufern zu sondieren. Die Ergebnisse werden in Echtzeit angezeigt, woraufhin die Werbeauslieferung mit quasi null Streuverlust in Gang gesetzt wird. Laut „Telegraph“ darf dabei alles zur Sprache kommen, also nicht nur das Geburtsdatum und die Herkunft, sondern gleich auch mal der Familienstand und die sexuelle Orientierung. Erste Live-Tests ließ Zuckerberg in Davos vom Band rollen und fragte zum Beispiel gezielt palästinensische und israelische Nutzer nach der Bedeutung eines Weltfriedens.

Die Gründerschwester Randi Zuckerberg, Global Markets Director bei Facebook, jubelt bereits und spricht von „tonnes of people“, die sagen, dass die Engagement Ads „so incredible“ für ihr Geschäft seien. Facebooks Privacy Policy nach zu urteilen ist an der Praxis auch nichts auszusetzen, immerhin handelt es sich um die freiweillige Entscheidung der Nutzer, ob sie an einer Umfrage teilnehmen oder nicht. Leider erwähnt der Artikel nicht, wie hoch die Rücklaufquote der Antworten war. Noch wird irgendein Wort über Motivationsanreize verloren. Wie es zumindest heißt, wurde während der Veranstaltung nach der Meinung über Barack Obamas Pläne zur Konjunkturrettung gefragt – und 120.000 US-Nutzer antworteten. Wie auch immer: AT&T und (die Job-Plattform) CareerBuilder haben bereits als erste Werbepartner angeheuert, schätzungsweise im Frühling soll die Kiste „Tausenden von Unternehmen“ zur Verfügung stehen. Und wenn uns Holtzbrinck und die VZ-Gruppe nicht im Stich lassen, schätze ich, dass es hier im Herbst soweit sein könnte.

(André Vatter)


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Über den Autor

André Vatter

André Vatter ist Journalist, Blogger und Social Median aus Hamburg. Er hat von 2009 bis 2010 über 1.000 Artikel für BASIC thinking geschrieben.

18 Kommentare

  • … apropos Datenschutz. Die schöne Sammlung der Daten, die ihr über die basicthinking-Seite via Google Analystics erhebt, werden ja auch ganz fleissig im Google Imperium benutzt – verwertet – ausgewertet. Da gibt es ja aus Schleswig-Holstein vom ULD (Unabhängiges Landeszentrum für Datenschutz) interessante Ausführungen zur Rechtmäßigkeit dieses und anderer Trackingdienste. Vielleicht gibt`s ja auch für euch einen weniger umstrittenen Tracker, der Einstz finden könnte 😉 ….

  • So paranoid wie die Deutschen ist wohl sonst niemand. Wenn du auf die Strasse gehst, kannst du doch auch von anderen gesehen werden. Wenn einer will, kann er dir den ganzen Tag hinterherlaufen und sehen was du so treibst. Wo du Einkaufst, wo du Arbeitest, wann du zum Arzt gehst, welche Leute du triffst. Er kann am Türschild deinen Namen ablesen… Also bleib am besten zu Hause.

    Wer nicht möchte das gewisse Dinge gespeichert werden, sollte sich halt nirgends anmelden oder ganz auf Internet, Handy und Kreditkarten etc. verzichten.

  • @ #4:
    … naja, ausser dass Google die ganzen Daten auf den eigenen Superservern in Amiland speichert hast du wohl recht. Ich für meinen Teil find`s halt nicht so prickelnd, wenn Google weiß, wann ich welche Webseite besuche und wo ich welchen Kommentar hinterlasse.

    @ #2:
    Es gibt halt Menschen, die das im GG der BRD verbriefte Recht auf Unverletzbarkeit der Privatsphäre zu schätzen wissen. Könnte man ja akzeptieren, oder?

  • @Don

    Wo ist deine Privatsphäre wenn du im Einkaufszentrum bist? Jeder kann theoretisch sehen, was du gerne einkaufst. Einkaufszentren machen nichts anderes, als Unternehmen im Netz. Sie platzieren die Produkte gezielt nach Kaufverhalten. Dazu wird auch dein Verhalten analysiert. Wenn du es mal so betrachtest, dürftest du nicht mal mehr vor die Tür gehen.

  • Die Reaktion auf die – notwendigen – neuen AGB von StudiVZ waren imho überzogen, und die schärfsten geplanten Maßnahmen haben die Anbieter kurze Zeit später nach dem Aufschrei wieder verworfen. Trotzdem ist es heute irgendwie schon so, dass man sich fragt: „StudiVZ – war da mal was?“ Keine neuen Ideen mehr, die Leute machen ihre Profile unkenntlich oder wandern gleich zur Konkurrenz ab. Das Jahr 2008 haben sie wirklich in den Sand gesetzt: StudiVZ ist tot.

  • Zu #3: Schon klar. Wer nichts zu verbergen hat, braucht auch nichts zu fürchten. Gott sei Dank muß ich demnach jeden Tag Angst haben. Ich bin stolz drauf, das kann man nämlich nur in einer freiheitlich organisierten Gesellschaft.

  • @Anno Nüm
    Wer einen kostenlosen Dienst wie Facebook nutzt und sich dann über personalisierte Werbung aufregt, der sollte ich mal fragen, wie sich die Spassgesgellschaft langfristig finanzieren will. Würdest du 5 Euro im Monat für eine Facebook-Membership zahlen?

  • … uuups. Wir schreiben den 4. Februar und meine erfreuten Augen sehen, dass von Google Analystics auf eTracker umgestellt wurde. Ein Schritt in die richtige Richtung!!!

  • Das Argument, das man beim Einkaufen beobachtet werden kann,ist doch …

    Das Problem ist eher, das es in der virtuellen Welt etwas leichter ist Daten zu sammeln und zu analysieren.

    Um beim Einkaufsbeispiel zu bleiben:
    Wenn ich nicht in ein Geschäft gehen möchte, dann tue ich das bewusst nicht. Im Internet kann ich nicht immer bewusst entscheiden, das ich gerade demjenigen meine Daten verweigere.

    Außerdem finde folgende Feststellung gut:
    „Der Computer ist nur so schlau, wie die Daten mit denen er gefüttert wird.“

  • Wo ist das Problem bei speziell zugeschnittener Werbung?

    Ist das jetzt so furchtbar schlimm, dass man anstatt mit uninteressanter Werbung zugepflastert zu werden, eventuell sogar mal was zu sehen bekommt, das einen auch interessieren könnte?

    Was spricht dagegen, die Angebote auf die Nachfrage zuzuschneiden?

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