Deutsche Start-ups im Web 2.0: Gibt's da welche?

Marek Hoffmann

startup_officeIn den vergangenen Tagen und Wochen wurde mal wieder die Frage diskutiert, woran es eigentlich liegt, dass sich die deutschen Start-ups – vor allem international – so selten etablieren können. Obwohl ich viele der vorgebrachten Argumente nachvollziehen kann und einige davon sogar teile, habe ich als gescheiterter Start-upper meine eigene Vorstellung davon, was der Hauptgrund für diese Misere ist.

In meinen Augen fehlt es vielen (Jung-)Unternehmern schlicht und ergreifend an einer Geschäftsidee, die zuerst mich als Kunden überzeugt, und dann erst die Bank, den BA oder VC. Was nutzten mir ein guter Businessplan, ein Monetarisierungsmodell und ein Geldgeber, wenn der Kunde keinen Nutzen in meinem Produkt sieht und es deshalb nicht kauft?

Es reicht doch, sich mal anzugucken, welche Start-ups in letzter Zeit auf der Bildfläche erschienen sind, um zu wissen, welche nach Ablauf der Mindestlaufzeit des Hostingvertrags wieder verschwunden sein werden. Was früher die Social-Community-Pilze waren, sind heute die Twitter-Parasit-Dienste. Wer braucht die? Kostenlos sind sie alle, Alleinstellungsmerkmal-relevante Features werden bereits am nächsten Tag auch von der Konkurrenz angeboten, Unterschiede sind kaum erkennbar. Und wenn es doch welche gibt, dann bewegen sie mich in den seltensten Fällen dazu, beispielsweise meinen Account hier zu löschen und dort neu zu eröffnen. Statt einem Account habe ich dann eben zwei, oder drei… Big deal. Das sieht der Neu-Unternehmer natürlich anders, da er mit seinem Produkt die Konkurrenz nicht vom Markt verdrängen kann, sondern sich mit ihr einen Kunden teilen muss.

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Falsche Berater?

Woran liegt es jetzt aber, dass es im Teich so viele Kaulquappen gibt, aber nur die wenigsten zu Fröschen werden, die dann anschließend gar das große Glück haben, von einer reichen Prinzessin geküsst zu werden? Ich weiß es nicht. Vielleicht an zu leichtgläubigen Beratern, die sich von wunderschön erstellten Businessplänen täuschen lassen. Diese Pläne werden in Eigenverantwortung erstellt, Fehler sind somit nicht ausgeschlossen. Bewusst vorgenommene Beschönigungen und Auslassungen auch nicht. Mich würde wirklich interessieren, wie viele der Berater, die zur x-ten Twitter-Zusatzdienst-Unternehmensgründung geraten haben, sich tatsächlich ein eigenes Bild davon gemacht haben, wie viele solcher Dienste bereits existieren. Wie soll man sich sonst die Top10 der Gründe erklären, die für das Scheitern von Start-ups vorgebracht werden?

Nun besteht natürlich ein großes Problem darin, dass man erst ein Produkt haben muss, das man dem Kunden anbieten kann, um herauszufinden, ob es ihm gefällt oder nicht. Und um dieses Produkt herzustellen, benötige ich Kohle. Teufelskreis lässt grüßen. Ich glaube aber, hier liegt nur ein vermeintliches Problem vor, das auf dem Irrtum basiert, man müsste sofort als „komplettes“ Unternehmen mit einem „kompletten“ Produkt starten. In diesem Fall brauche ich natürlich jede Menge Kohle, z.B. für Perserteppiche, Capuccino-Automaten oder Marketing. Ich denke, dass die ersten Brötchen auch nicht in einer Bäckerei verkauft wurden, wenn ihr versteht, was ich meine.

Erfolgsstrategien

Jeder, der von seiner Idee überzeugt ist, wird nicht davor zurückschrecken, sie auch mit einfachsten Mitteln (Stichwort: die drei F’s) umzusetzen. Wenn das Produkt gut und der Markt vorhanden ist, dann wird sich früher oder später ein Investor finden, der Geld zuschießt. Ist das Produkt Schrott (und zusätzlich kein Markt für den Schrott vorhanden) – tschö!

Die etwas sicherere Variante dieser From-Marktlücke-To-Marktherrschaft-Strategie ist die Möglichkeit, sich eine Idee „abzugucken“, die woanders bereits erfolgreich umgesetzt wurde. Der Vorteil besteht darin, dass man einem potenziellen Geldgeber bereits den Erfolg eines Produkts zeigen kann und dazu noch einen völlig unbesetzten Heimatmarkt hat. Die prominentesten Beispiele dafür, dass man es auf diesem Weg mit wenig Geld zu viel Geld bringen kann, dürften wohl die Samwer-Brüder und Ehssan Dariani sein.

Zu lange Rede, kurzer Sinn: Der Grund, warum deutsche Web-Start-ups international kaum wahrgenommen werden, ist meiner Meinung nach der gleiche, warum sie national nicht wahrgenommen werden. Nämlich deswegen, weil sie dem Kunden etwas anbieten, das für ihn keinen (Mehr-Nutzen) hat. Und dass es so viele von diesen Nutzlos-Produkt-Herstellern gibt, ist das Resultat schlechter Beratung.

So, die Diskussionsrunde ist eröffnet!

P.S.: Eigentlich wollte ich nur einen netten kleinen Beitrag über das Start-up Meelot schreiben, weil ich denke, dass das Konzept Potential hat…

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(Marek Hoffmann / Bild: Pixelio – Fotograf: Rolf Plühmer)

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Marek Hoffmann hat von 2009 bis 2010 über 750 Artikel für BASIC thinking geschrieben und veröffentlicht.