MP3 2.0: Fraunhofer-Forscher wollen mit 'MusicDNA' das Musikerlebnis revolutionieren [Interview]

André Vatter

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Karlheinz Brandenburg gilt als Erfinder des MP3-Formats. Mitte der Neunziger schaffte das hochkomprimierte Audio-File den Sprung aus den Fraunhofer-Laboren – heute wüssten viele Nutzer nicht mehr, wie sie ohne leben könnten. Nun, gut 15 Jahre später, will der Forscher die MP3 auf eine neue Stufe heben. Brandenburg ist ein Investor der norwegischen Firma Bach Technology, die Fraunhofer-Know-How lizensiert und vertreibt. Am Fraunhofer IDMT in Ilmenau tüftelt seit einiger Zeit ein Team an einer Metadaten-Erweiterung der MP3, der Arbeitstitel: MusicDNA.

Dabei handelt es sich, grob gesagt, um eine klassische MP3-Datei, die aber einen ganzen Korb an zusätzlichen Informationen Huckepack tragen kann: Lyrics, Artwork, Videos – aber auch Blogposts und Echtzeit-Tweets befinden sich dann zusammen mit dem Lied in einer einzigen Datei. Das Rohgerüst für diese Technologie haben die Fraunhofer-Wissenschaftler geliefert, Bach Technology wandelt das Ganze derzeit in eine marktfähige Lösung für Musikfans um.

Um uns einmal erklären zu lassen, wie MusicDNA in den Grundzügen funktioniert, habe ich gerade mit Christian Dittmar in Ilmenau telefoniert. Er ist Leiter des Geschäftsfelds Semantische Musik Technologien am Fraunhofer IDMT. Im Folgenden unser Gespräch:

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Hallo, Herr Dittmar! „MusicDNA“ – was ist das genau?

Dabei handelt es sich um eine Technologie, die herkömmliche MP3-Dateien mit zusätzlichen Informationen anreichert. Die Files sind später mit jedem beliebigen MP3-Player abspielbar, die Kompatibilität wird durch MusicDNA nicht beeinträchtigt.

Viele benutzen heute ID3-Tags, um ihre Musiksammlung zu sortieren. Welchen Vorteil bietet dem gegenüber MusicDNA?

Der größte Unterschied besteht darin, dass bei ID3 sämtliche Informationen, wie Künstler, Label, Cover usw. per Hand eingetragen werden müssen. MusicDNA ermittelt diese Daten automatisch und bietet zudem eine viel größere Auswahl an zusätzlichen Informationen.

Zum Beispiel?

Innerhalb von Musiksammlungen lassen sich im Handumdrehen Playlisten mittels der Vorgabe einer gewissen Stimmung zusammenstellen: „Electro“ und „tanzbar“, wären beispielsweise Kategorien, die Nutzer vorgeben könnten.

Woher bezieht MusicDNA diese Informationen zu einzelnen Songs? Wird eine Datenbank im Hintergrund abgefragt?

Nein, die Software erkennt dies automatisch. Man nennt dies „Machine Learning“. Ein Algorithmus arbeitet im Hintergrund und erfasst wesentliche Merkmale eines jeden Song: Tempo, Stimmung, Härte der Musik, das Tongeschlecht – zurzeit gibt es 14 verschiedene Kategorien, die hier greifen. Künftig sollen es noch mehr werden.

Wenn all diese Informationen in die Datei fließen – legt sie dann merklich in ihrer Größe zu?

Es handelt sich alleine um textuelle Beschreibungen, die einen unmerklichen Zuwachs bedeuten.

Mich erinnert dieses Taggen von Musik an die Vorgehensweise, wie man sie bereits von etabliertem Dienste wie Pandora oder Last.fm her kennt. Liege ich da mit der Vermutung richtig?

Ja und nein. Auch bei Pandora und Last.fm wird die Musik getaggt. Bei Pandora geschieht dies umständlich durch Musikexperten, die jeden Song einzeln unter die Lupe nehmen. Bei Last.fm spielt eher „Wisdom of the Crowd“ eine Rolle: Wenn zwei Nutzer dasselbe Lied mögen, bieten sich Empfehlungen für weitere Songs an.

Gut, bleibt die letzte Frage: Wo sehen Sie konkrete Anwendungsbereiche für MusicDNA ?

Wir haben es hier mit einer semantische Musiktechnologie zu tun, die sich hervorragend für Such- und Empfehlungsmaschinen für Songs eignet. Sie bietet intuitive Zugangsmöglichkeiten für die Musiksammlung: Wenn ich früher nach einem Künstlernamen suchte, steht mir heute ein ganzes semantisches Feld an Kategorien zur Verfügung.

Soviel zu den Fakten aus erster Hand. Bach Technology hat MusicDNA bereits ordentlich aufgebohrt: Jede MP3-Datei umgibt dort nun ein riesiger Rich Media-Container, der gleich einen ganzen Haufen an zusätzlichen Informationen beinhalten kann. Wenn der Nutzer online ist, werden unter anderem Konzertdaten, Screensaver, Interviews und Live-Mitschnitte aktualisiert. Natürlich funktioniert dies nur, wenn es sich um legal erworbene Songs handelt, andernfalls bleiben die Meta-Infos statisch. Auf der anderen Seite können gekaufte Lieder wiederum mit eigenen Multimedia-Inhalten gefüttert werden. Bach Technology hat bereits einige Partner – in erster Linie Lables – an Bord holen können. Spätestens im Sommer soll MusicDNA aber auf breiter Front den kommerziellen Markt eingeholt haben.

(André Vatter)

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André Vatter ist Journalist, Blogger und Social Median aus Hamburg. Er hat von 2009 bis 2010 über 1.000 Artikel für BASIC thinking geschrieben.