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MP3 2.0: Fraunhofer-Forscher wollen mit 'MusicDNA' das Musikerlebnis revolutionieren [Interview]

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Karlheinz Brandenburg gilt als Erfinder des MP3-Formats. Mitte der Neunziger schaffte das hochkomprimierte Audio-File den Sprung aus den Fraunhofer-Laboren – heute wüssten viele Nutzer nicht mehr, wie sie ohne leben könnten. Nun, gut 15 Jahre später, will der Forscher die MP3 auf eine neue Stufe heben. Brandenburg ist ein Investor der norwegischen Firma Bach Technology, die Fraunhofer-Know-How lizensiert und vertreibt. Am Fraunhofer IDMT in Ilmenau tüftelt seit einiger Zeit ein Team an einer Metadaten-Erweiterung der MP3, der Arbeitstitel: MusicDNA.

Dabei handelt es sich, grob gesagt, um eine klassische MP3-Datei, die aber einen ganzen Korb an zusätzlichen Informationen Huckepack tragen kann: Lyrics, Artwork, Videos – aber auch Blogposts und Echtzeit-Tweets befinden sich dann zusammen mit dem Lied in einer einzigen Datei. Das Rohgerüst für diese Technologie haben die Fraunhofer-Wissenschaftler geliefert, Bach Technology wandelt das Ganze derzeit in eine marktfähige Lösung für Musikfans um.

Um uns einmal erklären zu lassen, wie MusicDNA in den Grundzügen funktioniert, habe ich gerade mit Christian Dittmar in Ilmenau telefoniert. Er ist Leiter des Geschäftsfelds Semantische Musik Technologien am Fraunhofer IDMT. Im Folgenden unser Gespräch:

Hallo, Herr Dittmar! „MusicDNA“ – was ist das genau?

Dabei handelt es sich um eine Technologie, die herkömmliche MP3-Dateien mit zusätzlichen Informationen anreichert. Die Files sind später mit jedem beliebigen MP3-Player abspielbar, die Kompatibilität wird durch MusicDNA nicht beeinträchtigt.

Viele benutzen heute ID3-Tags, um ihre Musiksammlung zu sortieren. Welchen Vorteil bietet dem gegenüber MusicDNA?

Der größte Unterschied besteht darin, dass bei ID3 sämtliche Informationen, wie Künstler, Label, Cover usw. per Hand eingetragen werden müssen. MusicDNA ermittelt diese Daten automatisch und bietet zudem eine viel größere Auswahl an zusätzlichen Informationen.

Zum Beispiel?

Innerhalb von Musiksammlungen lassen sich im Handumdrehen Playlisten mittels der Vorgabe einer gewissen Stimmung zusammenstellen: „Electro“ und „tanzbar“, wären beispielsweise Kategorien, die Nutzer vorgeben könnten.

Woher bezieht MusicDNA diese Informationen zu einzelnen Songs? Wird eine Datenbank im Hintergrund abgefragt?

Nein, die Software erkennt dies automatisch. Man nennt dies „Machine Learning“. Ein Algorithmus arbeitet im Hintergrund und erfasst wesentliche Merkmale eines jeden Song: Tempo, Stimmung, Härte der Musik, das Tongeschlecht – zurzeit gibt es 14 verschiedene Kategorien, die hier greifen. Künftig sollen es noch mehr werden.

Wenn all diese Informationen in die Datei fließen – legt sie dann merklich in ihrer Größe zu?

Es handelt sich alleine um textuelle Beschreibungen, die einen unmerklichen Zuwachs bedeuten.

Mich erinnert dieses Taggen von Musik an die Vorgehensweise, wie man sie bereits von etabliertem Dienste wie Pandora oder Last.fm her kennt. Liege ich da mit der Vermutung richtig?

Ja und nein. Auch bei Pandora und Last.fm wird die Musik getaggt. Bei Pandora geschieht dies umständlich durch Musikexperten, die jeden Song einzeln unter die Lupe nehmen. Bei Last.fm spielt eher „Wisdom of the Crowd“ eine Rolle: Wenn zwei Nutzer dasselbe Lied mögen, bieten sich Empfehlungen für weitere Songs an.

Gut, bleibt die letzte Frage: Wo sehen Sie konkrete Anwendungsbereiche für MusicDNA ?

Wir haben es hier mit einer semantische Musiktechnologie zu tun, die sich hervorragend für Such- und Empfehlungsmaschinen für Songs eignet. Sie bietet intuitive Zugangsmöglichkeiten für die Musiksammlung: Wenn ich früher nach einem Künstlernamen suchte, steht mir heute ein ganzes semantisches Feld an Kategorien zur Verfügung.

Soviel zu den Fakten aus erster Hand. Bach Technology hat MusicDNA bereits ordentlich aufgebohrt: Jede MP3-Datei umgibt dort nun ein riesiger Rich Media-Container, der gleich einen ganzen Haufen an zusätzlichen Informationen beinhalten kann. Wenn der Nutzer online ist, werden unter anderem Konzertdaten, Screensaver, Interviews und Live-Mitschnitte aktualisiert. Natürlich funktioniert dies nur, wenn es sich um legal erworbene Songs handelt, andernfalls bleiben die Meta-Infos statisch. Auf der anderen Seite können gekaufte Lieder wiederum mit eigenen Multimedia-Inhalten gefüttert werden. Bach Technology hat bereits einige Partner – in erster Linie Lables – an Bord holen können. Spätestens im Sommer soll MusicDNA aber auf breiter Front den kommerziellen Markt eingeholt haben.

(André Vatter)

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Über den Autor

André Vatter

André Vatter ist Journalist, Blogger und Social Median aus Hamburg. Er hat von 2009 bis 2010 über 1.000 Artikel für BASIC thinking geschrieben.

10 Kommentare

  • Das braucht die Menschheit so wenig wie ein Affe etwas, was ein Affe nicht gebrauchen kann .

    Am besten noch Musikvideos in den Tags, damit sich das file auf 100MB aufbläht..nette idee :_:

    >>Natürlich funktioniert dies nur, wenn es sich um legal erworbene Songs handelt, andernfalls bleiben die Meta-Infos statisch
    NATÜRLICH!

    Ahja, edit:
    >>Der größte Unterschied besteht darin, dass bei ID3 sämtliche Informationen, wie Künstler, Label, Cover usw. per Hand eingetragen werden müssen. MusicDNA ermittelt diese Daten automatisch und bietet zudem eine viel größere Auswahl an zusätzlichen Informationen.

    Gibt es auch für ID3-Tags (stichwort mp3tag und Amazon-suche). Das hat nix mit dem Format zu tun.

  • Naja klingt doch echt nett.

    Und wenn sich das mit dem

    >>Natürlich funktioniert dies nur, wenn es sich um legal erworbene Songs handelt, andernfalls bleiben die Meta-Infos statisch

    bewahrheitet, wird so ein Mehrwert bestimmt auch die Online-Verkäufe ankurbeln…

    … auch wenn ich mir meine Musik online lieber als Flac kaufen würde…

  • Von einem Nachfolger von MP3 erwarte ich eher bessere Klangqualität bei kleineren Dateigrößen – keinen unnötigen Datenoverhead, der wenn überhaupt in den Player integriert gehört.

  • Also ich war damals mitte der Neunziger auf der Cebit. Dort hatte man Terminals aufgebaut, an denen man sich selbst eine CD zusammenstellen konnte mit MP3s. Ich dachte mir damals, dass solche Geräte bald wohl in jedem Musikladen oder Kaufhof stehen würden und so allmählich die klassische CD ablösen würden.

    Weit gefehlt. Doch wie sehr die Industrie beim Kommerzialisieren dieser Technologie versagen würde, konnte ich mir damals noch nicht vorstellen.
    Auch die MusicDNA wird daran nichts mehr ändern können. Der Kuchen ist gegessen.

  • Das klingt doch sehr vielversprechend. Die Updates dürften einen besonderen Wert für die Vermarktung mit sich bringen, etwa Hinweise auf Konzerte meiner Lieblingskünstler (bzw. der DNA-verwandten Musiker).
    @ Hansi Warum soll der Kuchen gegessen sein? Der Vertrieb über Ladenlokale ist wohl „gegessen“, aber es gibt ja auch das Internet.

  • Ich glaube das Problem liegt hier ja weniger an der Technik/der Idee als an der marktfähigen Umsetzung. Das ist (in Deutschland) ja eher das Problem; gute Ideen gibt es ja viele.

  • @Hansi Ja, an diese Stände erinnere ich mich auch noch! Die waren von der Telekom „Music on Demand“ – man durfte sich drei Titel auf die CD brennen . Ich weiß zumindest, dass ich mir damals „beautiful day“ von Paul van Dyk habe draufbrennen lassen und einen von Carl Cox.
    Zuhause hab ich die CD dann erstmal schön in meinen CD-Player gelegt und konnte mir digitales knarzen anhören. Schön blöd. Kurz danach war dann der erste Encoder auf meinem Rechner und ich habe meine CDs in schöne kleine Dateien umgewandelt. Wahnsinn! Auf der LAN-Party war ich der King weil meine ganze Musik auf 500 MB Platz gefunden hatte und ich mit dem ersten Winamp die in Gänze spielen konnte.

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