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Pfui, Flash: Google, gib uns freie Video-Formate!

Vielleicht ist dieser Aufruf bereits jetzt schon gänzlich überflüssig – warum sonst hat Google rund 134 Millionen Dollar in das Videounternehmen On2 gepumpt? Vielleicht aber auch nicht. „Obwohl wir nicht über spezifische Produktpläne sprechen können, ehe der Deal besiegelt ist, lässt sich sagen, dass wir die Verbesserung der Videoqualität im Netz anstreben“, hatte Google die Übernahme selbst kommentiert. „Und wir glauben, dass sowohl das Team als auch die Technologie von On2 uns dabei helfen werden, dieses Ziel zu erreichen.“

„Aha!“, dachten sich daraufhin einige Netzaktivisten und witterten Morgenluft. „Das ist der perfekte Zeitpunkt, um Flash endgültig abzuschießen.“ Dieses Gedankenspiel leistet sich derzeit zumindest die Free Software Foundation (FSF), die Google in einem offenen Brief die Pistole auf die Brust setzt. Durch den On2-Kauf halte Google nun Rechte an einem Haufen erstklassiger Videocodecs (von VP3 bis VP8) und es wäre töricht, diese nicht auch einzusetzen – und vor allem: diese für jeden Hardware- und Software-Anbieter frei verfügbar zu machen. Die Plattform, die diesen weltweiten Befreiungsschlag in kürzester Zeit möglich machen könnte, sei Googles Cip-Plattform. „Ihr (Google) besitzt den Hebel, um ein solches freies Format zum globalen Standard zu machen. YouTube ist die größte Videoseite der Welt, fast jedes digitale Video, was gemacht wird, taucht dort auf“, erklärt die FSF.

Seit seinem Start vor fünf Jahren setzt YouTube auf das proprietäre Adobe Flash: erst in jüngster Zeit experimentiert Google mit HTML5-Lösungen, die jedoch noch alle auf dem Videokomprimierer H.264 basieren. Ein ebenfalls proprietärer Ansatz.

„Die Möglichkeit, ein freies Format auf YouTube anzubieten, ist nur ein kleiner Schritt. Die Party wird erst richtig losgehen, wenn ihr damit anfangt, die Browser-Entwickler zu ermutigen, freie Formate zu unterstützen“, heißt es in dem Brief weiter. Als Beispiel wird Apple genannt. Die Firma aus Cupertino habe gezeigt, dass es möglich ist, auf Flash gänzlich zu verzichten: „Das hat Web-Programmierer dazu gebracht, Flash-freie Websites als Alternative ins Netz zu stellen.“ Nutzer sollten heutzutage lieber ihren Browser updaten, anstatt irgendwelche Plugins auf den neuesten Stand zu bringen. „Würde so auf YouTube vorgegangen werden, würde der Browser-Support für freie Formate blitzschnell auf 50 Prozent und mehr steigen.“

Zum Ende des Schreiben hin wird der Ton der FSF allerdings immer rauer: „Ihr schuldet es der Öffentlichkeit ebenso wie dem Medium, das euch so erfolgreich gemacht hat, dieses Problem ein für alle mal und für alle zu lösen.“ Nun sei es an Google, den nächsten Zug zu machen. „Solltet ihr nicht so handeln, wissen wir, dass euer Interesse nicht der Freiheit im Netz gilt – sondern Googles Dominanz.“

Hui. Harter Tobak, der da von der Gruppe kommt. Dennoch kann ich nicht umhin, mit dem Kopf zu nicken und zu sagen: „Bravo Jungs, Recht habt ihr.“ Vielleicht auch ein wenig dazu zu applaudieren. Ob sich Google sich jedoch zu einem offenen Brief äußern wird? Wir halten mal weiter die Augen auf…

(André Vatter)


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Über den Autor

André Vatter

André Vatter ist Journalist, Blogger und Social Median aus Hamburg. Er hat von 2009 bis 2010 über 1.000 Artikel für BASIC thinking geschrieben.

12 Kommentare

  • Flash != Video. Es ist unglaublich wieviel Irrglaube über Flash das Netz dominiert. Zu denken, ohne Flash würde guter Geschmack und saubere Programmierung über uns hereinbrechen ist doch etwas naiv, oder?

    Ich freue mich schon auf sensationelle HTML5/JS-Orgien, die unsere Browser reihenweise lahmlegen…IMHO wird da der Teufel mit dem Belzbub ausgetrieben.

    Hier nochmals ein Post, der mir aus dem Herzen spricht:

    http://www.gskinner.com/blog/archives/2010/02/my_thoughts_on.html

  • Schöner Artikel. Die Aufgezeigte Richtung gefällt mir…
    Ein kleiner Fehler hat sich dennoch eingeschlichen:
    „Solltet ihr nicht so handelt, wissen wir, …“.
    Sollte es nicht heißen – „Solltet ihr nicht so handeln, wissen wir, …“?

    Viele Grüße,
    Raffi

  • Das Wort „proprietär“ passt im Zusammenhang mit H.264 nicht wirklich – schließlich handelt es sich um einen offiziellen Standard, der nicht herstellerspezifisch ist. Der Einsatz diesen Standards ist aber lizenzpflichtig, was ja auch für MP3 und MPEG2 gilt. Apple als gutes Beispiel anzuführen, ist da besonders witzig, denn dort setzt man ja voll auf den Standard H.264.

    Wie ja schon Daniel gesagt hat, ist das Thema falsch gewählt. Es geht darum, Flash für Videos abzulösen und nicht darum, Flash komplett abzuschaffen. Denn Flash kann ja sehr viel mehr und wird in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen eingesetzt.

  • @1/3, ok, überall lese ich „Flash wird nicht nur für Videos benutzt“ aber wofür denn dann? Ich will euch nicht angreifen, sondern einfach nur fragen. Es würde mich interessieren, weil außer auf Youtueb & und Co wüsste ich nicht wo flash benutzt wird!?

  • Naje, wenn Werbung „der Grund“ wäre, könnte Flash von mir aus ruhig weg! 😛 an Spiele habe ich gar nicht gedacht – das Kind in mir ist wohl kaum ausgebildet 😛

  • Die Zeit proprietärer Dateiformate ist vorbei … Ich glaub neue Formate dieser Art könnten sich gar nicht mehr durchsehen – sie haben historisch ihre Bedeutung … aber die Zukunft sieht anders aus!

  • JavaScript eignet sich bisher noch nicht für gescheite Spiele. Es gibt (wie der obige Raycaster zeigt) schon einige Versuche in die Richtung, aber auch hier ist wieder das Problem: Drawing Canvases sind nicht dafür gemacht, Spiele zu erzeugen, und produzieren einen ganzen Haufen Overhead. Und WebGL ist Zukunftsmusik.

    Das Ganze wird sich nach und nach entwickeln, vielleicht zieht ja auch irgendwann Adobe die Reißleine, und öffnet Flash. Immerhin haben sie dann immernoch den besten Player, und nur weil es freie Player gibt die die gesamten Spezifikationen unterstützen, heißt das dann nicht, dass diese sich durchsetzen werden.

    Java ist ja unlängst ein offener Standard – es gibt nur keine gute Implementierung für Java-Applets, und ich will anzweifeln, dass es die jemals geben wird, weil einfach das Interesse daran kaum noch besteht.

  • @#4 Microsites in jeder Form und Farbe. Schau mal hier: http://thefwa.com/

    Dazu unzählige Anwendungen (E-Learning, Kollaboration-Tools, Konfiguratoren etc.). Die Liste ist sehr lang. Mit Flash, Flex und entsprechenden Entwicklungstools (FDT, Flashbuilder, FlashDevelop) hast du dazu die Qual der Wahl in Sachen Entwicklungsumgebung. Man kann über den Flashplayer fluchen, was man will. Er ist auch in Version 10 vollständig abwärts kompatibel (zu Version 1!) und hat gerade mal knapp 2 MB. Ich finde, das ist nicht die schlechteste Leistung. Mit HTML5/JS ist vieles möglich – dennoch hat Flash in all seinen Facetten defenitiv seine Daseinsberechtigung.

  • Flash ist in seinem Leistungsumfang durch nichts ersetzbar. Der Code seit AS3 pure OOP, ich weiss garnicht was alle haben…..ach doch….wahrscheinlich keine Ahnung 🙂

  • Es geht auch wohl eher um die Marktstrategien der großen Unternehmen. Diese sind nämlich innerhalb der letzten 10 Jahre immer auf Kosten der Nutzer ausgetragen worden. Ging es um Piraterie, Vista oder abgenickte Trvialpatente. Der Nutzer ist ja auch bereit jeden Preis zu bezahlen – dort liegt der Knochen begraben – nämlich in der Handlungs- und Beurteilungsfähigkeit des Konsumenten. Kauf und Handel ohne fachlichen Hintergrund ist nicht das Bild vom Homo Economicus, der ja immer rational handelt. Meine Philosophie ist nämlich, dass es gar keinen rational handelnden Konsumenten geben kann. Und wenn der Kunde Flash-Mediaplayer will, dann muss man als Webdesigner dafür sorgen, dass er den auch bekommt – ein Teufelskreis.
    Und Adobe verdient zu recht einen Platz in der Hall of Blame, die haben nämlich schon zum vierten mal, das selbe Produkt mit Gimmiks aufgeblasen ohne große Änderungen ins Regal gestellt und jedesmal mehr dafür verlangt – das ist der Grund warum Flash in verruf gekommen ist, die Fragwürdigen marktpolitischen Haltungen. Als Programmierer weiß man das, aber den Kunde interessiert das bestenfalls kein Stück.

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