Kampf der Anonymität: Online-Zeitungen haben die Nase voll von namenlosen Kommentatoren

Marek Hoffmann

Wenn ich mich auf irgendwelchen Plattformen anmelde, um sie für Basic Thinking oder aus privatem Interesse auszuprobieren, dann kommt es schon mal vor, dass ich einen Fake-Namen und eine dieser speziellen One-Way-Mail-Adressen benutze, die man einmal benutzt und anschließend wegschmeißt. Das mache ich in der Regel aus dem Grund, um nicht im Anschluss an die Account-Erstellung vollgespammt, von Wildfremden mit Schrott zugemüllt oder sonstwie belästigt zu werden. In weiterem Sinne also, um anonym zu bleiben. Dass sich der Sachverhalt auch umgekehrt darstellen kann, in dem ein User die Anonymität wählt, um seinerseits die Betreiber einer Plattform zu verunglimpfen oder sich dort in Hass-Tiraden über andere Dritte zu ergießen, zeigt der Fall „Plain Dealer„.

Die US-amerikanische  Tagegazette hatte vor Kurzem für Aufsehen gesorgt, weil sie die wahre Identität einer Leserin preisgab, die in anonymen Kommentaren einen ortsansäßigen Rechtsanwalt denunzierte. Dabei stellte sich aber heraus, dass es sich bei dem Schandmaul um eine Richterin handelte, die den Vorsitz in einigen der vom besagten Anwalt geführten Prozessen hatte. Euer Ehren verklagte hierauf die Zeitung wegen der Verletzung ihrer Privatsphäre, worauf die Zeitung zugab, für die Enttarnung verantwortlich gewesen zu sein. Seit diesem Vorfall loten mehrere große US-Zeitungen – unter ihnen die New York Times, die Washington Post und die Huffington Post – Möglichkeiten aus, wie mit anonym abgegebenen Kommentaren unter Artikeln und in Foren verfahren werden kann. Oder anders: Es wird nach Wegen gesucht, um die Leser vor dem Verstecken hinter Fake-Namen abzuhalten – sowohl in positiver (also freiwilliger) als auch in negativer (erzwungener) Hinsicht.

So wird etwa bei der Washington Post in Erwägung gezogen, Kommentatoren beziehungsweise deren Posts größere Beachtung zu schenken, wenn der Klarname bekannt ist. Und die Huffington Post bastelt an einem Konzept, bei dem Kommentatoren gerankt werden – und zwar umso besser, je besser sie innerhalb des Leserschaft bekannt sind und ihrer, auf der Seite der Onlinezeitung geäußerten Meinung Vertrauen geschenkt wird. Für deren Gründerin, Arianna Huffington, steht nämlich fest: „Anonymität ist der Normalfall. Sie ist ein akzeptierter Teil des Internets, aber es steht außer Frage, dass sich Menschen hinter ihr verstecken, um gemeine oder umstrittene Kommentare abzugeben.“ Und dann lässt sie ein Statement folgen, dessen Richtigkeit ich momentan noch anzweifeln würde: „Mit der Veränderung der Grundregeln/Vorschriften und dem Erwachsenwerden des Internets, führt der Trend weg von der Anonymität.“

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Die oben beschriebenen Möglichkeiten orientieren sich zum Teil an bereits in der Praxis erprobten Konzepten. So erhalten etwa Wikipedia-User größere Rechte beim Editieren von Artikeln, wenn sie das Vertrauen vieler anderer Co-Autoren benießen. Und bei Amazon werden diejenigen Buch-Reviews am höchsten gerankt, wenn die User besonders häufig mit „Ja“ auf die Frage „War diese Rezension für Sie hilfreich“ antworten. Darüber hinaus sind bereits vor einiger Zeit viele Online-Portale dazu übergegangen, Usern nur noch dann die Möglichkeit zu Kommentieren anzubieten, wenn sie sich zuvor auf der Seite registrieren. Sie müssen dann oftmals persönliche Daten von sich angeben, die sie vermeintlich identifizierbar machen. Dass dieses Netz ein sehr grobmaschiges ist, steht wohl außer Frage.

Was aber sehr wohl eine Frage aufwirft, ist, ob die genannten Kritiker der Inkognito-Kommentare mit solchen Restriktionen nicht zwangsläufig scheitern müssen? Wer sich bisher nur im Schatten der Anonymität traute, seine Stimme zu erheben und seine Meinung kundzutun, der wird sich auch künftig nicht von irgendwelchen Bestimmungen davon abbringen lassen. Und auch wer sonst zu seiner Meinung steht und eigentlich den Schutz der Anonymität nicht braucht, dürfte hier und da auf sie angewiesen sein. Etwa wenn er oder sie eine Wahrheit kundtut, die ihm aber Schaden könnte, wenn sie mit ihm oder ihr in Verbindung gebracht würde (etwa bei politischen oder unternehmenskritischen Statements).

Es wäre durchaus wünschenswert, die Anonymität im Netz an besonderen Stellen aufzuheben und dadurch so manch einen kranken Geist davon abzuhalten, sein unausgegorenes Gedankengut in die Welt hinauszuposaunen. Ich denke nur, dass das Internet zum einen diese „Freiheit“ auf Anonymität bis zu einem gewissen Grad quasi repräsentiert und es zum anderen immer Mittel und Wege geben wird, jene Barrieren zu umgehen, die anonyme Kommentare zu blocken versuchen. Das sind mitunter die Gründe, warum wir hier auf Basic Thinking anonyme Kommentare zulassen, auch wenn diese Möglichkeit zuweilen auch hier mißbraucht wird.

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(Marek Hoffmann / Foto: Wikipedia)

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Marek Hoffmann hat von 2009 bis 2010 über 750 Artikel für BASIC thinking geschrieben und veröffentlicht.