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Kampf der Anonymität: Online-Zeitungen haben die Nase voll von namenlosen Kommentatoren

Wenn ich mich auf irgendwelchen Plattformen anmelde, um sie für Basic Thinking oder aus privatem Interesse auszuprobieren, dann kommt es schon mal vor, dass ich einen Fake-Namen und eine dieser speziellen One-Way-Mail-Adressen benutze, die man einmal benutzt und anschließend wegschmeißt. Das mache ich in der Regel aus dem Grund, um nicht im Anschluss an die Account-Erstellung vollgespammt, von Wildfremden mit Schrott zugemüllt oder sonstwie belästigt zu werden. In weiterem Sinne also, um anonym zu bleiben. Dass sich der Sachverhalt auch umgekehrt darstellen kann, in dem ein User die Anonymität wählt, um seinerseits die Betreiber einer Plattform zu verunglimpfen oder sich dort in Hass-Tiraden über andere Dritte zu ergießen, zeigt der Fall „Plain Dealer„.

Die US-amerikanische  Tagegazette hatte vor Kurzem für Aufsehen gesorgt, weil sie die wahre Identität einer Leserin preisgab, die in anonymen Kommentaren einen ortsansäßigen Rechtsanwalt denunzierte. Dabei stellte sich aber heraus, dass es sich bei dem Schandmaul um eine Richterin handelte, die den Vorsitz in einigen der vom besagten Anwalt geführten Prozessen hatte. Euer Ehren verklagte hierauf die Zeitung wegen der Verletzung ihrer Privatsphäre, worauf die Zeitung zugab, für die Enttarnung verantwortlich gewesen zu sein. Seit diesem Vorfall loten mehrere große US-Zeitungen – unter ihnen die New York Times, die Washington Post und die Huffington Post – Möglichkeiten aus, wie mit anonym abgegebenen Kommentaren unter Artikeln und in Foren verfahren werden kann. Oder anders: Es wird nach Wegen gesucht, um die Leser vor dem Verstecken hinter Fake-Namen abzuhalten – sowohl in positiver (also freiwilliger) als auch in negativer (erzwungener) Hinsicht.

So wird etwa bei der Washington Post in Erwägung gezogen, Kommentatoren beziehungsweise deren Posts größere Beachtung zu schenken, wenn der Klarname bekannt ist. Und die Huffington Post bastelt an einem Konzept, bei dem Kommentatoren gerankt werden – und zwar umso besser, je besser sie innerhalb des Leserschaft bekannt sind und ihrer, auf der Seite der Onlinezeitung geäußerten Meinung Vertrauen geschenkt wird. Für deren Gründerin, Arianna Huffington, steht nämlich fest: „Anonymität ist der Normalfall. Sie ist ein akzeptierter Teil des Internets, aber es steht außer Frage, dass sich Menschen hinter ihr verstecken, um gemeine oder umstrittene Kommentare abzugeben.“ Und dann lässt sie ein Statement folgen, dessen Richtigkeit ich momentan noch anzweifeln würde: „Mit der Veränderung der Grundregeln/Vorschriften und dem Erwachsenwerden des Internets, führt der Trend weg von der Anonymität.“

Die oben beschriebenen Möglichkeiten orientieren sich zum Teil an bereits in der Praxis erprobten Konzepten. So erhalten etwa Wikipedia-User größere Rechte beim Editieren von Artikeln, wenn sie das Vertrauen vieler anderer Co-Autoren benießen. Und bei Amazon werden diejenigen Buch-Reviews am höchsten gerankt, wenn die User besonders häufig mit „Ja“ auf die Frage „War diese Rezension für Sie hilfreich“ antworten. Darüber hinaus sind bereits vor einiger Zeit viele Online-Portale dazu übergegangen, Usern nur noch dann die Möglichkeit zu Kommentieren anzubieten, wenn sie sich zuvor auf der Seite registrieren. Sie müssen dann oftmals persönliche Daten von sich angeben, die sie vermeintlich identifizierbar machen. Dass dieses Netz ein sehr grobmaschiges ist, steht wohl außer Frage.

Was aber sehr wohl eine Frage aufwirft, ist, ob die genannten Kritiker der Inkognito-Kommentare mit solchen Restriktionen nicht zwangsläufig scheitern müssen? Wer sich bisher nur im Schatten der Anonymität traute, seine Stimme zu erheben und seine Meinung kundzutun, der wird sich auch künftig nicht von irgendwelchen Bestimmungen davon abbringen lassen. Und auch wer sonst zu seiner Meinung steht und eigentlich den Schutz der Anonymität nicht braucht, dürfte hier und da auf sie angewiesen sein. Etwa wenn er oder sie eine Wahrheit kundtut, die ihm aber Schaden könnte, wenn sie mit ihm oder ihr in Verbindung gebracht würde (etwa bei politischen oder unternehmenskritischen Statements).

Es wäre durchaus wünschenswert, die Anonymität im Netz an besonderen Stellen aufzuheben und dadurch so manch einen kranken Geist davon abzuhalten, sein unausgegorenes Gedankengut in die Welt hinauszuposaunen. Ich denke nur, dass das Internet zum einen diese „Freiheit“ auf Anonymität bis zu einem gewissen Grad quasi repräsentiert und es zum anderen immer Mittel und Wege geben wird, jene Barrieren zu umgehen, die anonyme Kommentare zu blocken versuchen. Das sind mitunter die Gründe, warum wir hier auf Basic Thinking anonyme Kommentare zulassen, auch wenn diese Möglichkeit zuweilen auch hier mißbraucht wird.

(Marek Hoffmann / Foto: Wikipedia)


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Über den Autor

Marek Hoffmann

Marek Hoffmann hat von 2009 bis 2010 über 750 Artikel für BASIC thinking geschrieben und veröffentlicht.

19 Kommentare

  • Ich sehe da Vor- und Nachteile. Manche Aussagen trifft man in einer bestimmten Stimmung, das müssen gar nicht mal Beleidigungen oder ähnliches sein. Problem ist, dass man sich im Lauf der Zeit ändert. Das Internet und die Suchmaschine aber nicht vergesslich sind. So kann man leicht mit Aussagen in Verbindung gebracht werden, die man lieber nicht gemacht hätte. Nur das lässt sich dann nicht mehr löschen. Jeder Witz, jeder Blödsinn der nach einiger Zeit nicht mehr oder falsch verstanden wird kann zum Bumerang werden.

    Die meisten der beleidigenden und unsachlichen Kommentare kann man sicherlich damit vermeiden, weil man es sich dann zweimal überlegt ob man etwas schreibt. Das wiederum ist dann aber eine Hürde die der einer Registrierung nur um zu kommentieren gleichkommt. Und diese Hürde ist so hoch, dass bei den meisten Seiten keine echte Diskussion aufkommen mag.

    Wer will sich schon auf jeder einzelnen Seite registrieren? Der Weisheit letzter Schluss wird diese aufgehobene Ananymität nicht sein.

  • Ich weiß gar nicht was dagegen einzuwenden sein sollte. In Anbetracht dessen, was für Schindluder im Netz betrieben wird, ist das eine richtige und lobenswerte Maßnahme, wie auch der obige Fall deutlich zeigt. Wer etwas über jemand anderen mitzuteilen hat, sollte auch zu seiner Meinung stehen und seine wahre Identität preisgeben. Bei jedem, der das nicht möchte, stellt sich doch sofort die Frage warum. Das Argument, dass man keine Werbung zugeschickt bekommen möchte, lasse ich hierbei nihct gelten. Ich bin ja nihct verpflichtet meine Meinung überall öffentlich kundzutun und kann selbst entscheiden, wo ich meine Rechte eingehalten sehe und wo ich Angst haben muss, dass meine Daten missbraucht werden.

  • @Karsten: „Wer etwas über jemand anderen mitzuteilen hat, sollte auch zu seiner Meinung stehen und seine wahre Identität preisgeben. [..] Das Argument, dass man keine Werbung zugeschickt bekommen möchte, lasse ich hierbei nicht gelten. “

    Mensch, Kafka und Orwell sollten echt Pflichtlektüre für jeden Staatsbürger sein. Wenn man genug personenbezogene Daten hat, kann man jedem daraus einen Strick drehen. Niemand kann garantieren, dass wir in 10 Jahren keine faschistische/sozialistische Diktatur haben, die jeden vor Gericht bringt/hinrichtet, der heute davor gewarnt hat. Aber deiner Meinung nach soll man dann heute schon die Klappe halten. Vorauseilender Gehorsam?

  • wenn man einen Leserbrief an eine Zeitung schreibt, dann kann man darum bitten, anonym zu bleiben. Das habe ich selber schon gemacht und es stand ein anderer Name unter meinem Leserbrief. Warum also sollen Kommentare nicht anonym möglich sein??

  • Verunglimpfungen sind nur ein Teil des Problems. Was mich viel mehr stört, insbesondere auf Seiten mit vielen Kommentaren (Welt, Spiegel etc.), ist, dass die meisten komplett sinnfrei und völlige Zeitverschwendung sind.
    Sie erzeugen ein Rauschen, in dem der interessante Kommentar völlig untergeht, bzw. schrecken per se vom Kommentieren ab.

    Gut gelöst hat das m.E. die Seite: slashdot.org/. Dort werden Kommentare bewertet und dafür bekommt man Karma-Punkte. Im Laufe der Zeit steigt das Karma, so dass eigene Kommentare schon mit höheren Ratings einsteigen und irgendwann kann man dann auch selbst bewerten. Als Nutzer kann man einen Filter setzen und die schlechten Kommentare von vorneherein ausblenden. Versteht man schnell, wenn man es mal ausprobiert und funktioniert erstaunlich gut.

  • Ich denke es wird die Qualität von Kommentaren in Zeitungen verbessern. Insb. ein gutes Bewertungssystem wird dafür sorgen, dass man v.a. hochwertige Kommentare unter Artikeln liest und sich nicht mehr durch die Polemik durchsuchen muss.

  • Ich finde es gut, dass man anonym sein kann. Vor allem kann man so Abmahnungen und Klagen entgehen.
    Und das Argument man soll dazu stehen was man geschrieben hat lasse ich nicht gelten. Vielleicht mag es bei denen die das schreiben so sein dass es ihnen egal ist, aber es gibt auch Menschen die wollen etwas schreiben ohne dafür ins Gefängnis zu gehen.
    Und ob ein Artikel anonym oder mit einen Namen gepostet wurde sagt doch nichts über die Qualität des Artikels aus.

    Ein gutes Beispiel hierfür wäre WikiLeaks, bei denen funktioniert es auch prima.

  • Die Anonymität komplett aufzugeben halte ich für keine sonderlich gute Idee.

    Was aber wirklich auffällig ist (auch bei deutschen News-Seiten wie Welt.de) ist der hohe Anteil an sehr negativen oder gar trolligen Kommentaren.

    Eine andere Lösung für das Problem könnte es sein, dass in den Kommentarbereichen wieder stärker moderiert wird. Bisher beschränken sich die Moderatoren ja auf einleitende Kommentare und das Löschen von zu krassen Beiträgen. Dabei kann eine gute, konstruktive Moderation eine Menge Einfluss auf die Beitragsqualität haben. Warum wird dieses Instrument so wenig genutzt?

  • Wie schon jemand sagte, wer weiß, wie die politischen Verhältnisse in 10 Jahren sind. Ich habe einen sehr seltenen Namen. Im deutschen Telefonbuch taucht er nur fünfmal auf.
    Ich finde es schon interessant, wenn ich eine ungewöhnliche Meinung bei faz.net vertrete, die sogar sehr positiv gewertet wird, plötzlich die Suchanfragen nach meinem Namen, die meine HP mitloggt, schlagartig steigen.
    Ich habe mal irgendetwas zu einem religiösen Thema geschrieben. Einen Tag später wurde ich anonym am Telephon beschimpft.

  • Die Anonymität im Netz sollte weiterhin erhalten bleiben. Jedoch finde ich selber erschreckend, wie unsinnig und argumentationslos einige Kommentare verfasst werden. Ich denke, dass man hierfür ein Konzept entwickeln sollte, um das Niveau anzuheben. Eine Blockung der Anonymität ist für mich keine wirkliche Lösung.

  • Mit Pseudonym im Netz: Unbedingt! Aber nicht komplett anonym – jeder sollte zu seiner Meinung stehen.
    Mit Hilfe des elektronischen Personalausweises wird es möglich sein, sich auf einer Seite unter einem Pseudonym zu registrieren. Zugleich aber gewährleistet der ePerso, dass *eine* reale Person hinter dem Profil steckt, die zudem – wenn ich mich nicht irre – im Missbrauchsfall ermittelt werden könnte.

  • Ich glaube, dass es noch einen ganz anderen Grund geben sollte anonyme Kommentare beizubehalten.

    Wenn ich von Google News aus auf einen interessanten Artikel stoße und mich an der Diskussion per Kommentar beteiligen möchte stört mich eine Anmelde-Pflicht doch sehr. Wenn ich nur schnell ein, zwei Sätze schreiben will, dann überlege ich es mir doch zweimal ob es das wirklich wert ist mich vorher 5 Minuten lang anzumelden (Formular ausfüllen, Bestätigungsmail, …).
    Ausserdem habe ich dann auf irgendeinem Portal einen Account den ich nur für eine einmalige Benutzung angelegt habe und werden dann vermutlich noch wöchentlich mit Werbung zugespammt.

    Das kann doch für niemanden von Vorteil sein. Der Betreiber hat keine Lust auf Account Leichen, ich hab keine Lust mir unnötig einen Account anzulegen und die anderen Kommentartoren möchten wahrscheinlich auch nicht das mögliche Beiträge aus diesem Grund gar nicht erst geschrieben werden.

    Gruß,
    Thomas S. 🙂

  • Meiner Meinung nach ist das schwierig umzusetzen. Denn selbst wenn ich den Nutzer dazu „zwinge“ seinen wahren Namen anzugeben, gibt es keine Sicherheit, dass sich hinter Erna Meier auch wirklich diese Person versteckt. Außerdem ist es schlicht unmöglich, sich auf allen im Internet relevanten Seiten wirklich zu registrieren. Das ist so ein riesiger Markt, auf dem man sonst seine Spuren hinterlassen würde.

    Ich denke, wenn man seriöse Kommentare abgibt, tut man das sicherlich heute schon mit seinem „seriösen“ Internet-Nickname. Sollte man rumtrollen, wechselt man sicherlich automatisch zu Ausweichnamen. Der Nutzer im Internet ist ja auch darauf bedacht, sich selbst irgendwie darzustellen.

  • Darin liegt genau das Problem.
    Die Online-Zeitung „Plain Dealer“ verfügte über
    die Anschlussdaten der anonymen Kommentatorin, hier
    eine Richterin.
    Sie analysierten ihre IP-Nummern und machten von
    Services gebraucht, die nur Geheimdiensten und
    nur in begründeten Verdachtsfällen zustehen sollten.

    Die Anonymität schafft Ehrlichkeit.
    Man sagt wirklich, was man denkt.
    Über die konkreten Konfliktpunkte bzgl. des Anwalts
    wurde hier nicht debattiert.
    Das Argument der Beleidigung zählt nicht, da
    beleidigende Kommentare über die Nettiquette
    entfernt werden können.

    Die Zensur der KommentatorInnen führt zur
    variierenden Meinungsmanipulation.
    Die KommentatorInnen müssen damit rechnen, stigmatisiert
    oder angefeindet zu werden, Mobbing am Arbeitsplatz, in
    den Vereinen, von den Stadtwerken, Banken etc., könnte
    die Folge sein und ist nicht mehr nachweisbar.

    Die Shitstorms bezüglich Fracking, Gentechterror,
    Vorratsdatenspeicherung, Atomkraft,
    EU-Politik, Freihandelszone mit USA,
    waren von unglaublich
    großer Wichtigkeit!

    Das Volk soll seine Stimme behalten und nicht entmündigt werden!!
    Und die Medien müssen es respektieren.
    Die personenzentrierte autoritätshörige Meinungsgewichtung
    halte ich für grundlegend falsch, denn gegen falsche
    Argumente kann man immer argumentieren und diese widerlegen
    und das Gesamtresultat korrigieren.
    Aber Autoritäten widerspricht man nicht!
    Wohin dieser Weg führt, Deutschland zu häufig mit
    zu schweren Konsequenzen miterleben müssen.

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