"Ihr Profil ist gesperrt": Google+ substrahiert bestehende Firmenprofile – vorerst [Update]

Christian Wolf

„Wie macht man eine Party möglichst schnell möglichst interessant? Indem man nur einige Gäste reinlässt und ihnen die Macht in die Hand gibt, vielleicht noch weitere dazu zu holen“, schrieb Jürgen treffend vor ein paar Tagen, nachdem Google mit dem Start seines sozialen Netzwerks Google+ eine beachtliche Welle der Aufmerksamkeit ausgelöst hatte. Die erste Hürde war damit geschafft: der „Haben-Wollen“- oder in diesem Fall „Muss-ich-dabei-sein“-Effekt äußerte sich in allen Ecken des Netzes und auch in den Kommentaren auf Basic Thinking durch unzählige Anfragen nach Einladungen.

Nimmt man dies als Gradmesser für die Erfolgsaussichten von Google+, dann befindet sich Facebook derzeit sogar in einer schlechteren Lage als Apple im Jahr 2008. Damals war die Welt im iPhone-Fieber gegen das Google mit seinem Android-Urahnen G1 erst einmal nicht viel auszurichten vermochte. Das Wort Hype möchte ich ja lieber gar nicht erst erwähnen. Denn das G1 war angesichts der damit verbundenen Erwartungen ebenso ein Flop wie das merkwürdige E-Mail-Experiment Wave (das ich übrigens immer noch nicht wirklich verstanden habe). Und trotzdem sind Android-Smartphones heute die dicksten Stachel im saftigen Fruchtfleisch Apples.

Und was sagt uns das nun für Facebook? Zumindest so viel: Ein würdiger Herausforderer ist gefunden. Dass das auch der bisherige Platzhirsch so sieht, zeigt nicht zuletzt der Versuch von Facebook, den Export von Freunden in das Google-Netzwerk zu verhindern. Und kaum lobt etwa Jenna Wortham bei Gadgetwise das Video-Chat-Feature Hangout als die eigentliche Killeapplikation von Google+, zaubert Zuckerberg für seine Plattform etwas ähnliches aus dem Hut. Ein Schelm, der da Zusammenhänge vermutet.

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Doch wie ein weises chinesisches Sprichwort sagt: Innovation ist keine Einbahnstlaße. Besser gut kopiert, als schlecht selbst gemacht, gilt daher auch für Google. So verriet Christian Oestlien, leitender Produktmanager für den Werbebereich bei Google+, nun in einem YouTube-Clip, dass man noch in diesem Jahr sogenannte Business-Profile für die Präsentation von Unternehmen und Marken anbieten will. Diese werden unter anderem Tools zur Analyse beinhalten und Verknüpfungen zu weiteren Google-Diensten wie AdWords bieten. Vorerst müssen die Privatnutzer daher noch unter sich bleiben.

„Aber es gibt doch schon ein paar solcher Accounts bei Google+“ werdet ihr nun sagen. Stimmt, sage ich, aber das wird sich, wie es aussieht, erst einmal wieder ändern. Denn Google will sein noch nicht einmal gestartetes Geschäftsmodell ja nicht bereits am Anfang torpediert sehen. Daher wurden und werden alle Profile bei Google+, die nicht einer Privatperson zuzuordnen sind, mittlerweile ohne Vorwarnung gesperrt, wie unter anderem Pascal vom GoogleWatchBlog berichtet.

Demnach lautet die offizielle Begründung, es habe einen Verstoß gegen die Community-Richtlinien gegeben. Dort heißt es: „Ihr Profil sollte Ihre Person repräsentieren.“ Getroffen haben soll es bereits etwa die Kollegen von Mashable und Chip. Letztere zumindest finde ich aber weiterhin über die Suche. [Update, 8. Juli] Mittlerweile sind auch Mashable und andere „Ausgesperrte“ wieder auf Google+ zurückgekehrt – und wissen nicht einmal unbedingt selbst, warum: „Wait. We’re back?“, hieß es heute morgen etwa bei The Next Web. Vielleicht ist sich ja Google nicht mehr so sicher, ob das Sperren der Profile eine gute Idee war. Andere Seiten wie etwa die des österreichischen WebStandards sind aber weiterhin nicht erreichbar. Blasphemisch gefragt: Hat Google hier etwa Angst vor schlechten Kritiken auf den großen US-Blogs und lässt daher in diesen Fällen Milde walten? Mal sehen, wie es weitergeht. [/Update] Ohnehin scheinen die Plus-Wächter vorwiegend auf Hinweis von Nutzern aktiv zu werden. Womöglich ist manche Sperraktion daher auch die Folge von kleinen Sticheleien unter Konkurrenten.

Zumindest ein kleiner Kreis ausgewählter Marken und Unternehmen soll im Rahmen einer Testphase aber schon bald eines der neuen Geschäftsprofile anlegen dürfen. Anmeldungen nimmt Google ab sofort über ein Online-Formular entgegen. Wenn dann irgendwann in ein paar Monaten der endgültige Startschuss für die Business-Accounts fällt, wird sich zeigen, ob Google+ auch in diesem Bereich das Zeug hat, Facebook langfristig die Stirn zu bieten. Mein Gefühl sagt mir jedenfalls, die Chancen stehen nicht schlecht.

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(Christian Wolf)

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Christian Wolf wird am Telefon oft mit "Wulff" angesprochen, obwohl er niemals Bundespräsident war und rast gerne mit seinem Fahrrad durch Köln. Er hat von 2011 bis 2014 für BASIC thinking geschrieben.