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Offener Brief zum Klarnamenzwang: Die Aktivisten von einst sind zahm geworden

Ach, Leute. Ist es jetzt also schon so weit gekommen, dass man Google auf diese Art um etwas bitten muss? Nun ja, muss man wahrscheinlich, wenn der Suchriese in letzter Zeit macht, was er will und dabei ganz offensichtlich ein Kommunikationsproblem hat. In diesem Fall geht es um den Klarnamenzwang auf Google Plus. Der hat natürlich nicht nur Befürworter und deswegen haben diese 28 Leute jetzt getan, was sie getan haben, und Googles EMEA-Vizepräsidenten einen sehr freundlichen offenen Brief geschrieben. Zu den Unterzeichnern gehören Sascha Lobo, Markus Beckedahl, Lars Hinrichs, Enno Park, Ulrike Langer und auch sechs Politiker von CDU/CSU, FDP, Grünen und SPD.

Im Wortlaut heißt es unter anderem:

Wir begrüßen es sehr, dass es schon lange für ein Google-Konto unter Ziff. 2 Ihrer Nutzungsbestimmungen heißt: “Die Nutzung der Dienste ist auch unter einem Pseudonym möglich.” Wir würden uns daher auch wünschen, dass Sie dieselbe Regelung für Google Plus gelten lassen.

Ferner weist Christoph Kappes als Verfasser des Briefes auf das Deutsche Telemediengesetz hin, das fordert, dass Dienste unter Klarnamen und Pseudonym nutzbar sein müssen. Am Anfang des Briefes bezeichnet er Google Plus als „großen Wurf“. Am Schluss bitten die Unterzeichner, Pseudonyme zuzulassen oder zumindest Gründe zu nennen, warum man das nicht tun wolle. Unterzeichnet wird das Schreiben mit freundlichen Grüßen. Das ist es also, was aus der Streitkultur geworden ist?

Lammfromme Kritik. Ob’s wirkt?

Die Zeiten haben sich ganz schön geändert. Vor zwei Jahren hätten ein Lobo und ein Beckedahl sich noch an die Spitze der Protestbewegung gestellt, auf ihren eigenen Blogseiten und Twitter-Accounts beißende Kritiken veröffentlicht und Google unter Androhung der Abkehr von der Plattform zum Einlenken gezwungen. Heute zitieren sie das Telemediengesetz, dessen Änderungen sie in den vergangenen Jahren so oft kritisiert haben, und unterzeichnen einen Brief zusammen mit Politikern, deren Parteien sich zu einem Großteil einst für Netzsperren und Vorratsdatenspeicherung ausgesprochen haben. Das ist bemerkenswert.

Die Aktion offenbar zwei Dinge: 1. Google, ihr seid hier offenbar glimpflich davon gekommen. Nutzt dieses Privileg und redet endlich einmal Klartext mit euren Kritikern, egal ob sie Klarnamen oder individuelle Informationen zum Panda-Update von euch möchten! 2. Die Aktivisten von einst sind zahm geworden. Keine E-Petitionen mehr, keine Schmähschriften, keine Talkshows, keine neue Zensursula. Mich interessiert jetzt wirklich, ob man auf die freundliche Tour genauso viel oder gar noch mehr erreicht, als wenn man draufhaut. Aber ist das der neue Weg, Dinge zu kritisieren? Wenn ja, dann wirkt er um einiges langweiliger und uninspirierter als früher.

Unterdessen auf Google Plus:

(Jürgen Vielmeier)


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Über den Autor

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Journalist und Blogger seit 2001. Er lebt in Bonn, liebt das Rheinland und hat von 2010 bis 2012 über 1.500 Artikel auf BASIC thinking geschrieben.

19 Kommentare

  • Lieber Herr Vielmeier,

    Sie haben es gemerkt, dass etwas anders ist. Das freut mich.

    Vielleicht müssen Sie sich einfach fragen, warum Sie mit „Aktivisten“ ein Bild haben, das Sie dann auf die Unterzeichner anwenden. Und das dann, das stimmt schon, nicht passt.

    Vielleicht ist Ihr Bild falsch, Ihr Weltbild von Aktivisten und Nicht-Aktivisten?

    Und was wäre Ihr Weg, wenn Sie zum Ziel kommen wollen? Ihre erste Idee mit der Petition richtet sich ja an den Bundestag, das passt doch nicht so ganz. Ihre zweite Idee ist „Schmähkritik“ – wäre das Ihre Empfehlung oder wie würden Sie vorgehen?

    Beste, und das sind mehr als „freundliche“ Grüsse
    Christoph Kappes

  • Talkshows? Zensursula? Äääh, ihr setzt dieses Detail eines sozialen Netzwerks mit einem Kaliber wie der Internetzensur gleich?!

  • Hallo Herr Kappes,

    warum eigentlich keine E-Petition? Die könnte zum Inhalt haben, dass auch ausländische Internetunternehmen hierzulande reguliert werden müssten, wenn sie eine klar marktbeherrschende Stellung haben. Das ist bei Google Plus nicht der Fall, wohl aber bei der Google-Suche. Aber das nur am Rande.

    Ich bin ehrlich gespannt, wie ihre Aktion ausgeht. Wenn das Erfolg hat, nehme ich alles von meiner verhaltenen Kritik an ihrer Aktion zurück und behaupte das Gegenteil. 🙂

    Ebenfalls beste Grüße

  • Es kann doch kein Argument sein, dass der neue Weg „langweiliger“ ist. Bundestagsdebatten wären sicher aufregender, wenn sie statt mit Redebeiträgen mit Geschossen ausgehandelt würden, aber, ähm, Sie verstehen was ich meine…?

    Fürs Dramatisieren ist die BILD zuständig.

  • Kann ich nicht nachvollziehen. Sich gesittet zu unterhalten ist immer besser, als Shitstorms zu starten. Bei Themen wie VDS und Co bleibt Aktivisten ja leider kaum eine andere Möglichkeit, gegen den Populismus der Politik anzukommen.
    Google+ ist doch ein ganz anderes Kaliber. Wie wird immer so schön gesagt: Man muss ja nicht mitrmachen. Aber wieso sollte freundlich fragen nicht ein gangbarer Weg sein, wenn man doch damit ausdrückt, wir wollen ja G+ nutzen, nur nicht so.

    Ach und noch was. Betreffs der Parteien: Ich finde wir haben in Deutschland genug Koalitionszwänge in den großen Parteien. Auch mal über den Schatten springen und für gemeinsame Ziele zu streiten ist eigentlich das Wesen der Demokratie. Man nennt sowas auch „Kompromiss“. Das heißt ja nicht, dass man nächstes mal FDP wählen muss.

  • @Marco: Meinst du mich damit? Hab ehrlich gesagt keine Ahnung, ob BT vom Panda Update betroffen ist oder nicht. Hab es noch nicht überprüft.

    @fancyPT: Es gibt nicht in jeder Abstimmung einen Fraktionszwang. Und sein eigenes Gewissen unter den Fraktionszwang zu stellen im besten Wissen, dass man damit die persönliche Freiheit der Bürger einschränkt, ist m.E. nicht das Wesen der Demokratie.

  • Man korrigiere mich, aber Petitionen richtet man an Parlamente bzw deren Petitionsausschüsse.
    Nicht an Firmen.
    Und das Gesetz in D IST bereits so, wie man es wünscht. Jedenfalls dieses 😉

    Insofern gibts nix zu petitieren 😉

  • „Am Schluss bitten die Unterzeichner, Klarnamen zuzulassen oder zumindest Gründe zu nennen, warum man das nicht tun wolle. “

    Sollte wohl eher heißen, „Pseudonyme“, oder? Gegen Nicknamezwang und für Wahlfreiheit des Einzelnen! 😉

  • Hallo Herr Vielmeier,

    mit der Idee, schon bei Marktbeherrschung das kartellrechtliche Instrumentarium zeigen zu können, ist der Herr Brüderle als Wirtschaftsminister in der ggw. Koalition baden gegangen. Leider gibt´s da Pro und Contra, und für die gegenwärtige Lage spricht zweierlei: erstens, solange kein Missbrauch vorliegt, ist Regulierung rein vorsorglich, und so muss man vielleicht nicht in die wirtschaftlidhen Prozesse hineingreifen. Zweitens platzt in der IT sowieso der Platzhirsch in jeder Dekade, siehe Netscape, Sun, usw.
    Pro ist, dass es die USA auch so machen, dass sie schon bei Marktbeherrschung agieren können, siehe Baby-Bells.
    In diesem Fall spielt das aber keine Rolle, weil die Marktbeherrschung ja mit Pseudonymität nichts zu tun hat. Nach unserer Auffassung hängt das Namensproblem nicht am Marktanteil.
    Wobei ich zugebe, dass ein funktionierender Wettbewerb mit vielen Anbietern, die unterschiedliche Policies haben, wohl schon eine pragmatisch gute Lösung wären. Nur funktionieren so Märkte mit Kommunikationsdiensten nicht, weil sie zu Zentralisierung tendieren (wie eBay, „matthäus-effekt“).
    Der eigentliche Spass der Diskussion kommt übrigens noch in ein paar Jahren: Dass man nämlich den Datenlayer unabhängig von der Applikation übergreifend über alle Dienste hat, das wäre erstrebenswert (Portabilität, APIs). Dann ist es egal, wer wo „ist“ – dann aber muss es IDs geben, um die Profile Plattformübergreifend zu verbinden.

  • Es gibt mehrere Möglichkeiten das zu lösen. Ich finde diese Paper jetzt auch nicht sonderlich spannend. Abwarten was passiert. Die interessantere Alternative wäre gewesen, dass alle ihr Profil in „Herr Google“ umbenennen. Damit schafft man es auch in die Bild. Wenn dieser Weg funktioniert. Okay, GZ.

  • @Christoph Kappes: Alles nachvollziehbar, und wie gesagt: das richtige Thema und vielleicht auch der richtige Weg, auf dem sie dafür kämpfen. Das einzige, was mich bei genauer Betrachtung ein wenig stört, ist die Form der Kritik. Ein sachlicher, aber nicht sehr unterhaltsamer Brief, gespickt mit Lobgesängen auf Google. Was ist aus der Kunstform der Satire geworden, was aus Science-Fiction-Geschichten, was aus dem friedlichen Aktionismus? Ich muss Fuchs (#13) zustimmen. Eine gemeinsame Aktion, etwa, in der alle ihrem Profil den gleichen Namen geben oder ein gemeinsames Profilfoto (siehe Anonymous) wäre vielleicht nicht effektiver, aber interessanter gewesen. Ein spontaner Pseudonym-Flashmob, eine Kurzgeschichte in Form eines totalitären Staates, in dem Pseudonyme nicht mehr erlaubt sind. Irgend eine kreative Aktion eben. So wird man das Gefühl nicht los, dass Sie sich nicht so richtig getraut haben, mehr zu tun, damit Sie Google nicht gegen Sie aufbringen. Just saying.

    @Tanja Hardl. Ist korrigiert. 🙂 Merci!

  • Hat Facebook nicht auch einen Klarnamenzwang und warum hat sich darüber noch niemand aufgeregt? Und was liest man in den Xing-AGBs: „Der Nutzer darf keine Pseudonyme oder Künstlernamen verwenden.“

    Ich persönlich finde es aber durchaus gut, dass es im Internet Orte gibt an denen man sich auch persönlich bekennen muss. Ganz sicherlich sollte das nicht generell der Fall sein. Aber ein soziales Netzwerk kann grade aus diesem Faktum viel Kraft schöpfen. Im Falle von Google stellt sich dann eher die Frage, ob das Unternehmen nicht ohnehin schon mehr als genug über die Menschen weis. Aber ob da der Name dann am Ende so entscheidend ist …

  • @Jojo: Bei Facebook schert sich keiner drum, wie du heißt, auch wenn Pseudonyme offiziell nicht erlaubt sind. Google Plus hat Nutzer wie Enno Park unter seinem Pseudonym zum Beispiel temporär gesperrt. Was allerdings Lars Hinrichs unter den Unterzeichnern macht, verstehe ich auch nicht so ganz. 😉 Scheint nach seinem Weggang von Xing erheblich liberaler geworden zu sein.

  • @JV #9
    Dann verstehe ich den Satz nicht:
    „Hier im Hause haben wir seit geraumer Zeit ernste Zweifel an der Transparenz und Gerechtigkeit von Googles Suchalgorithmen.“ Das klingt schon nach einer gewissen Larmoyanz

    @JV
    Dir geht es also eher um die Art des Protestes/der Einrede/der Diskussion, wenn ich den Artikel richtig verstanden habe? Darüber kann man sicherlich diskutieren.

    Eine Sache verstehe ich allerdings nicht: Was soll das Bild unter dem Artikel bedeuten bzw. was damit bezwecken? In den letzten Wochen konnte man doch qualitativ hochwertigere Diskussionen auf G+ entdecken, die unter vielen Blogs kaum noch stattfinden. (s. dazu auch die Diskussion hier https://plus.google.com/118172033008565229736/posts/KKzpKXpMtUc [inkl. des verlinkten Themas]) Das sieht für mich nicht nach Wüste aus…

  • @Pity: Wir haben schon ein persönliches Interesse an den jüngsten Entwicklungen bei Google, das ist richtig. Von daher ist unsere Perspektive auch eine andere als den vielen, denen es egal ist. Ob wir davon aber nun selbst betroffen sind oder nicht, ändert nichts an der Willkür, mit der Google da ganz offensichtlich vorgeht.

    Das Bild ist natürlich eine Zuspitzung, aber bei Google Plus ist der Anfangshype in der Tat ein bisschen verflogen. Die Besucherzahlen zeigen leicht nach unten, viele, die sich angemeldet haben, kommen nicht mehr. Aber es wird da weiter gehen, Google Plus wird bleiben und eignet sich natürlich wunderbar für Diskussionen. Es ist ganz einfach etwas ruhiger darum geworden, aber das muss ja nicht schlecht sein.

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