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Beutet die Spielebranche ihre Mitarbeiter aus oder wollte EA Zynga den Börsengang madig machen?

Im Dealbook der „New York Times“ erschien am Sonntag ein interessanter Artikel. Wahre Horrorgeschichten über den Social-Games-Anbieter Zynga finden sich darin: Ausgebrannte Mitarbeiter, die in Tränen ausbrächen, eine lange Liste von Mitarbeitern, die sich über nie endende Arbeitstage beschwerten und Wutanfälle von CEO Mark Pincus.

Der Artikel enthält allerdings auch einige merkwürdige Zitate von Angestellten des Zynga-Konkurrenten Electronic Arts (EA). So sagte etwa EAs Personalchefin Gabrielle Toledano: „Ich erwarte, dass eine Menge Game- und Technikunternehmen Zyngas Talente anheuern werden“, sobald die Warteperiode nach dem Börsengang zuende sei. „Mitbewerber werden den Vorteil nutzen, dass sie verlockendere Möglichkeiten für kreative Menschen anbieten.“ Mitbewerber wie EA?

EA bietet sich frustrierten Zynga-Mitarbeitern an

Michael Arrington, der Gründer des US-Blogs Techcrunch, wirft der „New York Times“ vor, sie habe sich von EA vereinnahmen lassen. Er führt als weiteres Indiz ein Zynga-kritisches Zitat von Investor Roger McNamee an. Denn der hatte früher mit dem aktuellen EA-Chef John Riccitiello zusammen die Investmentfirma Elevation Partners geleitet. Der Artikel im „Dealbook“ erschien wenige Tage, bevor Zynga seine Absicht erklärte, in Kürze an die Börse zu gehen. Wollte EA versuchen, dem auf Facebook sehr aktiven Konkurrenten das Geschäft madig zu machen? Zahlreiche Technikmagazine nahmen die Geschichte dankbar auf.

Dabei wird manchmal vergessen, dass EA in der Vergangenheit wegen ähnlicher Probleme am Pranger stand. Im Jahr 2004 veröffentlichte die Frau eines Mitarbeiters, bekannt geworden als „EA Spouse“, einen Insider-Bericht über die Zustände bei EA. 7-Tage-Wochen soll es dort gegeben haben mit Arbeitszeiten um 100 Stunden. Es kam später zu Klagen frustrierter Mitarbeiter gegen die Spielefabrik, die außergerichtlich beigelegt wurden, und die Situation verbesserte sich vorübergehend. Die Autorin des Berichts, Erin Hoffman, berichtet allerdings auch von weiteren Horrorgeschichten bei EA im Jahre 2008. Und sie fragt: „Schert sich eigentlich noch jemand um Lebensqualität?“

In der Spielebranche vielleicht nicht. Es mehren sich Stimmen, dass die Berichte über die Zustände bei Zynga gar nicht so weit hergeholt seien. Die Spieleanbieter Rovio und PopCap hätten deswegen davor zurückgeschreckt, sich von Zynga übernehmen zu lassen. Aber eine Debatte keimte auf, dass das in der Startup-Szene nun einmal so sei. Wer sich darauf einlasse, der müsse eben wissen, dass er sein Privatleben praktisch aufgeben müsse. Und wem das nicht passe, der solle halt gehen. Ist das so? Zynga jedenfalls plant den Börsengang am 15. Dezember und strebt eine Bewertung in Höhe von 10 Milliarden US-Dollar an.

(Jürgen Vielmeier)


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Über den Autor

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Journalist und Blogger seit 2001. Er lebt in Bonn, liebt das Rheinland und hat von 2010 bis 2012 über 1.500 Artikel auf BASIC thinking geschrieben.

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