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Google stellt den Reader ein: Bedauerlich? Ja! Wirklich überraschend? Nein!

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Nun ist die Aufregung also erneut groß: Google stellt mal wieder diverse Dienste ein, darunter auch den – offenbar – äußerst beliebten Reader (auch ich gehöre bisher zu den Nutzern), und löst damit eine Welle der Reader-Manie im Netz aus; inklusive Bettel-Petition, das RSS-Tool doch bitte nicht über die Klippen zu schieben. Wer zuvor behauptet hat, RSS sei doch schon längst tot, der dürfte sich nun verwundert die Augen reiben. Das – und nur das – ist wohl auch die einzige neue Erkenntnis des aktuellen Trubels.

Was zählt ist der Gewinn

Nicht aber das Vorgehen Googles – einem gewinnorientierten Konzern, der seine Millionen nur in die Dienste steckt, die in irgendeiner Art und Weise Geld in die Kasse spülen. Was nichts mehr einbringt, wird geschasst. Unzählige Angebote hat der IT-Riese bereits auf diese Weise entsorgt – ein ähnlicher Aufschrei wie im Fall des Readers blieb dabei bisher aus. Dies mag daran gelegen haben, dass meist ein recht kleiner Nutzerkreis betroffen war.

Nun geht es hingegen einmal in die Vollen. Wie ein Glas eiskaltes Wasser reißt Google viele Nutzer aus ihren Träumen von einem sympathischen Unternehmen, das niemals „böse“ sein wollte. Vielleicht steckt in dem Firmen-Mantra „don’t be evil“ ja tatsächlich der ehrliche Idealismus wilder Gründerjahre, als Google sich anschickte, den Dinos der IT-Branche eine fröhlich-bunte Unternehmenskultur mit menschlicher Note entgegen zu setzen. Längst ist der Slogan aber nicht mehr, als eine nette PR-Floskel – was nicht bedeutet, dass er falsch ist. Denn was „böse“ ist, bestimmt der Standpunkt, auf dem man steht. Überflüssigen Kostenfressern den Stecker zu ziehen, ist aus Sicht eines kapitalistischen Konzerns kein Akt der Bosheit, sondern einfach rationaler Kosten-Nutzen-Rechnungen.

Empörung ist müßig

Sich darüber zu empören ist müßig, ja gar sinnlos. Und zeugt davon, dass die Google-PR des freundlich-grinsenden Androiden exzellent wirkt. Denn diese sorgt dafür, dass viele Nutzer offenbar dem Glauben anhängen, Googles Geschäftsmodell basiere darauf, ihnen etwas Gutes zu tun und die Welt zu verbessern. Aus einem derartig gefärbten Blickwinkel betrachtet ist die Vorstellung nicht mehr fern, man müsse nur einmal kurz vernünftig reden, und schwupps bemerkt die Zentrale in Mountain View ihren Fehler – „Ach Leute, wenn wir das gewusst hätten, dass ihr euren Reader so liebt, dann hätten wir das natürlich nicht gemacht.“

Realistisch ist das nicht. Dennoch kann der öffentliche Aufschrei paradoxerweise tatsächlich dazu führen, dass man zurückrudert. Eben dann, wenn das öffentliche Bild des netten Weltkonzerns aufgrund der negativen Netzstimmung Risse bekommt.

So ist der Deal

Ansonsten gilt eben, was in der Bilanz versagt, wird ausgemustert. So ist der Deal: Alles gratis, dafür tanzen wir nach der Musik des DJs. Google geht seinen Nutzern gegenüber schließlich keine harten Verpflichtungen ein, sie zahlen (meist) nichts für die von ihnen verwendeten Dienste und sind daher vom Gutdünken des Unternehmens abhängig. Diese Verbindung wird uns immer dann schmerzlich bewusst, wenn bei einem Angebot wieder einmal die Rollläden heruntergehen.

Aber was ist die Alternative? Stärker auf Konkurrenten setzen? Ja – mit Einschränkung. Denn auch das bietet keine Gewähr, nicht doch eines Tages ein dickes „Closed“-Schild vor die Nase gehängt zu bekommen. Wenn sich erfolgreiche Wettwerber nicht verdrängen lassen, werden sie bekanntlich kurzerhand einfach geschluckt und ausgeweidet. Prinzip Acqhire. Snapseed ist nur eines der jüngsten Beispiele mit Google-Bezug.

Googles Interessen stehen an erster Stelle

Fazit: Eben immer, wenn es ans Eingemachte geht, wird Google seine Interessen vor die Interessen der Nutzer stellen – allen Beteuerungen in der Firmen-Philosophie zum Trotz. Dies verdeutlicht auch die gerade bekannt gewordene Säuberung Google Plays von beliebten Apps wie AdBlock Plus, AdAway, AdFree und AdBlocker, die Werbung auf Android-Smartphones unterdrücken und damit die wichtigste Einnahmequelle des Unternehmens ankratzen.

Genau an diesem Punkt dürfte dann wohl der Unterschied zwischen einem Open-Source-Modell nach Google-Art sowie einem etwa nach Mozilla-Art liegen. Das mag man bedauern, ist aber weder überraschend noch anrüchig. Denn jeder von uns hat die Wahl, einfach zu gehen und andere Dienste zu nutzen. Noch.

Nachtrag: Ich für meinen Teil werde in Sachen RSS-Reader wohl künftig auf Feedly setzen. Der erste Eindruck ist jedenfalls äußerst positiv.

Bild: Flickr / dullhunk (CC BY 2.0)


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Über den Autor

Christian Wolf

Christian Wolf wird am Telefon oft mit "Wulff" angesprochen, obwohl er niemals Bundespräsident war und rast gerne mit seinem Fahrrad durch Köln. Er hat von 2011 bis 2014 für BASIC thinking geschrieben.

26 Kommentare

  • Jeder wird wenn es ans Eingemachte geht, wird seine Interessen vor die Interessen der Nutzer stellen, vom Blogger bis zum IT Konzern.
    Dieses bringt leider die Kommerzialisierung des Internet mit sich und nicht nur Google.
    Ich finde daher die „Krokodilstränen“ welche nun überall um Googles Reader oder AdBlocker Politik vergossen werden schon etwas „Scheinheilig“, es sind offtmals die gleichen Webseiten welche sich darüber Aufregen wenn ihre Besucher einen AdBlocker eingeschalten haben und deren „Kostenloskultur“.
    Andererseits wäre es doch die große Change um Marktanteile für Microsoft oder gar Apple in „Windows Phone 8“ oder „iOS“ nun explezit AdBlocker zu Erlauben und in ihren Store anzubieten, bzw. einen guten RSS Reader in „Bing“ einzubauen.

  • Und was will uns der Artikel jetzt sagen? Das man sich die Petition sparen kann, weil es eh nichts bringt? Ein Versuch kostet nichts und mehr, als dass Google seine Entscheidung beibehält, kann auch nicht passieren. Vielleicht schafft man es aber doch Google noch einmal zum Nachdenken anzuregen und den Dienst zu retten. Der Versuch ist es wert, egal ob Google ein gewinnorientiertes Unternehmen ist oder nicht.

    • „Und was will uns der Artikel jetzt sagen? Das man sich die Petition sparen kann, weil es eh nichts bringt?“ Nein, wieso? Hast du den Beitrag wirklich gelesen? Zitat: „Dennoch kann der öffentliche Aufschrei paradoxerweise tatsächlich dazu führen, dass man zurückrudert.“

  • Was sich mir nicht erschließt, ist das vollständige Setzen auf Werbung. Warum monetarisiert Google seine Dienste nicht anderweitig? Werbung auf dem Handy lehne ich z.B. grundsätzlich ab: ich habe einen Adblocker installiert, und im Gegenzug einen sehr lockeren Griff zur Geldbörse, wenn es eine „Pro“-Variante der App gibt, die auf Werbung verzichtet. Es müsste doch für Google ein Leichtes sein, ein Werbungs-opt-out gegen Bezahlung vorzunehmen und damit einen Dienst wie Google Reader zu retten. Abgesehen davon, dass Reader eigentlich wirklich nützliche Medien-Nutzungsdaten an Google liefern müsste.

  • @Kai: Stimmt. Die paar Cent bei Whatsapp habe ich bezahlt und für nen Google Reader, der weitergeführt wird paar Cent im Jahr zu bezahlen, da hätte ich auch nichts dagegen. So würde einiges an Geld reinkommen bei Google. Nur setzen sie halt einfach zu stark auf Werbung. Die Werbung im Google Reader habe ich mit Adblock entfernt, weil die einfach nur stört.

  • Feedly ist aber für den PC nur als Firefox AddOn nutzbar? Eine Internetseite die man ansteuert wie bei google.de/reader gibt es da nicht?

    Eine vergleichbare Lösung zum Google Reader gibt es dann vermutlich wohl nicht oder kennt jemand eine?

    • Ich nutze Feedly als Chrome-Addon. Ist von der Haptik aber eigentlich kein Unterschied zum Google Reader – die Feeds werden ja ebenfalls in einem Tab gelistet. Außerdem lässt sich die gesamte Liste aus dem Reader mit einem Klick übernehmen. Für mich die optimale Lösung. 🙂

  • Christian, ich habe den Artikel gelesen und mich dann gefragt, was er mir jetzt sagen soll. Alles Fakten, die bekannt sind. Ja, Google ist ein Unternehmen welches Gewinne erwirtschaften will. Ja, Unternehmen richten in unserem kapitalistischen System alles auf den Profit aus, damit diese so groß wie möglich wird. Ja, Google sortiert immer mal wieder Dienste aus. Alles bekannt, wozu also dieser Artikel?

    Er stellt keine Alternativen vor, keine Lösungsansätze, nichts. Nicht, dass ein Artikel das unbedingt muss, aber dann darf der Leser hier doch auch die Frage stellen, was der Sinn des Artikels war?

    • Ok, verstanden ;-). Also mir geht es einfach darum, klar zu machen, dass Google in seinen Entscheidungen eben doch letztendlich nur das tut, was ihnen am meisten nutzt. Und DAS ist meiner Ansicht eben nicht überall angekommen – hier hat die PR-Abteilung in Mountain View ganze Arbeit geleistet. Zudem verleitet das „Alles gratis“-Motto dazu, zu vergessen, dass es sich um ein gewinnorientiertes Unternehmen handelt.

      Es geht mir also darum, dieses „don’t be evil“-Ding vorzuführen als das, was es ist – nämlich reine Werbung. Und ich denke, dass du mir zustimmen wirst, dass ein Google in Sachen (schlechtem) Image noch weit entfernt ist von einem Microsoft oder Apple. Eben weil sie es verstehen, sich durch vermeintliche Gratis-Gaben gut zu verkaufen.

      Bei Google läuft die Profitbildung ein wenig subversiver mit einem Lächeln im Gesicht und stets mit dem Versprechen, anders – eben nicht kapitalistisch bis ins Mark – zu sein. Das erzeugt Vertrauen bei den Nutzern und das Gefühl, mehr wertgeschätzt zu werden, als bei der Konkurrenz, die ja vermeintlich nur abkassiert.

      Ergo: Der Post ist ein Meinungsbeitrag zur Aufregung darüber, dass Google seine Nutzer so vor den Kopf stoße. Über Alternativen etc. haben viele andere bereits was geschrieben, ich denke, das müssen wir hier nicht noch einmal ausbreiten.

  • Wie und wann wäre ich als Nutzer davon in Kenntnis gesetzt worden, wenn ich es nicht hier (im Google Reader) gelesen hätte?

  • @Christian Wolf
    Es bleibt aber doch die Frage ob das Internet nur halb so „Beliebt“ oder Genutzt würde, wenn für jedes Programm oder Dienst gezahlt werden müsste.
    Zumindest würde die Nutzung sicher Zurückgehen und sich zunehmend auf die großen Leistungs Anbieter beschränken, denn wer könnte sich ein monatliches Abonnement von 20-50 Newsseiten, Bloggs oder Online Zeitschriften leisten selbst wenn sie nur die Hälfte von Printausgaben kosten würden? Dazu noch Gebühren für eine Vielzahl Internetdiensten vom Kartendienst über Chat, E-Mail, Facbook bis zum Dating Portal.
    Sehr schnell würde der Nutzer wohl an seine Finanziellen Grenzen stoßen und eher auf viele Inernetmöglichkeiten Verzichten.
    Daher ist die Bezahlvariante für das Netz auch keine echte Lösung, das Internet ist etwas anderes als eine Shopping Mall, auch wenn es viele gern immer in die bisherige Wirtschaftswelt teils mit Gesetzen hineinpressen wollen.
    Es sich aber trozdem fast jeden dieser Versuche wieder Entzieht.

    • Nicht falsch verstehen: Ich plädiere hier nicht für irgendwelche Pay-Modelle. Im Gegenteil, Gratis-Angebote sind gut wichtig und ich freue mich jeden Tag erneut darüber! (Aber bezahlt wird ja doch – nur nicht direkt mit Geld. Sondern mit Daten und Aufmerksamkeit – das tut aber eben (meist) nicht weh. Wenn man sich dessen bewusst ist, gibt es kein Problem.) Nur gehört dann auch dazu, dass bestimmte Dienste von heute auf morgen verschwinden, weil sie aus Sicht der Anbieter nichts mehr einbringen. Deshalb jetzt irgendwie verärgert gegenüber Google zu sein ist zwar menschlich und verständlich, aber eigentlich – wenn man es genau nimmt – unberechtigt. Schließlich gibt es keinen Anspruch auf tolle Gratis-Dienste. Google hat dieses Denken aber zuvor bewusst genährt. Daher ist die allgemeine Enttäuschung vielleicht jetzt umso größer, dass eben auch in Mountain View der Taschenrechner die Strategie bestimmt. 🙂

  • Ich weiß nicht ob die Entwicklung gut oder schlecht ist.
    Google entwickelte sich zum Alleinversorger, was für die Kunden eine super Sache war, die Konkurrenz aber kleinhielt.

    Nun wird die Konkurrenz gestärkt, gut fürs Internet, obs gut für Google ist, soll die Firma selber entscheiden.

  • im dem Text steht zwar viel Wahrheit…einfach weil es offensichtlich so ist, aber mir ist die Betrachtung dann doch sehr einseitig. Mann sollte schon mal erwähnen, dass Google nie wirklich versucht hat den Reader zu monetarisieren.
    OK, wir glauben ihnen mal, dass die Nutzerzahlen zurückgehen, aber ich glaube, manch einer wäre froh um so eine treue Kundschaft mit der man zumindest mal ein Paymodell versuchen könnte. Wenn die Masse dann nicht mitmacht und es sich nicht trägt, dann kann man es wirklich einstampfen und keiner brauch sich zu beklagen.

  • Ich habe heute ein „Popup“ mit dieser Info erhalten, als ich den Reader öffnen wollte. Und auch ich muss leider sagen, dass ich die Einstellung sehr bedauerlich finde. So ganz überraschend kommt das für mich aber nicht. Ich habe schon die ganze Zeit darüber gerätselt, wieso es die Android-App für den Reader bislang nicht auf deutsch gab – offenbar wurde das Projekt schon seit es die App gab nicht mehr so recht forciert.
    Schade, auch ich wäre bereit gewesen, kleines Geld für den Fortbestand zu zahlen.

  • Empörung mag müßig sein. Aber Google will die Menschen zum Umdenken bewegen und vor allem zum Umstieg – auf Cloudservices. Ich bin da bisher gerne vorne mit gegangen, denn ich sehe viele Vorteile darin. Bei Google Reader, den ich täglich nutze, wird mir aber zum ersten mal richtig bewusst, wie abhängig man vom Anbieter der Dienste ist. Klar, ich bin gestern direkt umgezogen und bin jetzt eben bei einem anderen Anbieter. Aber am Ende wird es eben darauf hinauslaufen, dass ich mir meine eigeme Infrastruktur aufbauen werde, statt mich auf fremde Anbieter zu verlassen.

  • Hallo zusammen,

    kann mir einer von euch die Begeisterung für RSS erklären?

    Ich habe cirka zehn Seiten die ich täglich ansurfe und mit großem Interesse verfolge und lese. Alle diese Seiten bieten auch RSS an, doch leider sind das gekürzte RSS Feeds. Somit habe ich doch davon nichts, außer das ich den Anfang eines Artikels lesen kann, aber sobald ich den kompletten Artikel lesen möchte, muss ich wieder auf die Website gehen (wegen Werbeeinnahmen usw.).

    Wozu ist RSS also noch sinnvoll? Nur für die Seiten wo RSS Feeds noch komplett dargestellt werden oder gibt es noch weitere Vorteile?

    Grüße

  • @peterstand:
    „…Alle diese Seiten bieten auch RSS an, doch leider sind das gekürzte RSS Feeds…“

    Zum Beispiel bietet Newsblur die Möglichkeit an, statt der RRS-Feeds die originalen Webseiten im Reader anzuzeigen. Sehr praktisch. GR kann/konnte dies auch, mit der Hilfe von einem FF-Addon…

  • @PeterStand
    Der Sinn und große Vorteil von RSS-Readern ist, dass man mit ihnen in einem Rutsch sofort über neue Beiträge von Weblogs, Magazinen u.ä. informiert wird, ohne sie ständig einzeln ansurfen zu müssen. Wozu man insgesamt allerdings etwas mehr als nur 10 Seiten täglich nutzen muß. RSS ist also sinnvoll und von großem Vorteil für Leser, die viele Blogs und Magazine abonniert haben und mit einem Feed mehr oder weniger grob ständig über neue Beiträge auf dem Laufenden bleiben wollen.

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