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Google kauft Meebo für 100 Millionen Dollar, Prinzip Acqhire hat Hochkonjunktur


Acqhire heißt das Wundermittel, von dem man zuletzt immer häufiger liest, ein Kunstwort aus acquire (erwerben) und hire (anstellen). Dir gefällt eine Technik, du hast nicht das Personal, sie selbst herzustellen, aber viel Kohle auf dem Konto. Dann kaufe einfach das Unternehmen, behalte die besten Leute – und schmeiß den Rest raus.

Gesagt getan: Google hat gestern Meebo übernommen, ein Webunternehmen, das einst als Instant Messenger, zuletzt als Werbenetzwerk und einer eigenen Statusleiste bekannt geworden ist. Noch am gleichen Tag entließ das Unternehmen mit Hauptsitz in Mountain View 90 Prozent der Belegschaft in seinem New Yorker Büro. Dort arbeitete hauptsächlich Personal für Vertrieb und Marketing. Google war daran offenbar nicht interessiert.

Es geht um die Entwickler

Die Meebo-Technik soll dafür in Google+ integriert werden, das Social Network des Internetriesen. Übernommen werden die Techniker und Entwickler, an denen im Silicon Valley offenbar ein Fachkräftemangel besteht. Laut All Things Digital ist Google das 100 Millionen US-Dollar wert. Wie viele der rund 200 Mitarbeiter jetzt übernommen werden und wie viele ihren Arbeitsplatz räumen müssen, ist leider nicht bekannt. 100 Millionen für ein Unternehmen mit 200 Mitarbeitern klingt zwar nicht ganz realitätsfremd, trotzdem aber nach einer Menge Geld, wenn es maßgeblich um die Entwickler ging.

Wohl unter den gleichen Voraussetzungen kaufte Facebook in den vergangenen Monaten etwa den Location-Dienst Gowalla, den Freundefinder Glancee und den Geschenkeanbieter Karma. Google kaufte DailyDeal aus ähnlichen Gründen, Apple dafür etwa die App-Suchmaschine Chomp, um nur einige Beispiele zu nennen.

Noch werden Unsummen für Entwickler bezahlt. Aber lange dürfte dieses Spiel nicht mehr weiter gehen. Facebooks missratener Börsengang hat die Stimmung in der Branche merklich abgekühlt. Die Aktien mehrerer Webunternehmen sind im Sinkflug, Investorenkapital sitzt künftig weniger locker. Ein Startup ohne Geschäftsmodell aus dem Boden zu stampfen und dafür massig Geld einzuheimsen, dürfte künftig schwerer werden. Entwickler könnten sich also wieder verstärkt nach festen Jobs umsehen und Acqhire dürfte dann wieder seltener – oder zumindest billiger – werden.

(Jürgen Vielmeier)

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Über den Autor

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Journalist und Blogger seit 2001. Er lebt in Bonn, liebt das Rheinland und hat von 2010 bis 2012 über 1.500 Artikel auf BASIC thinking geschrieben.

9 Kommentare

  • Wirklich sehr schade für die Mitarbeiter von Meebo!
    Das mit dem aufkaufen wird immer mehr passieren. Was Geld bringt und was man selbst gut vermarkten kann wird aufgekauft… So ist das leben.

  • Nope, das wird noch laenger so weitergehen und sogar noch intensivieren. Stanford, Berkeley und Cal Tech koennen im Leben nicht so viele gute Leute raushauen wie in der Branche nachgefragt werden und der Trend wird sich in den naechsten 10 Jahren nicht groß aendern.

    „Schade fuer Meebo“? Ja, natuerlich. Aber die Jungs haben in einem Unternehmen gearbeitet, das jetzt viel Presse bekommt weil es interessant genug fuer den Google-Riesen war. Die werden im Durchschnitt nicht schlechter sondern besser als vorher darstehen bei ihren neuen Arbeitgebern.

  • Um noch ein weiteres Beispiel hinzuzufügen, ich trauere derzeit um das von Twitter „acqhirete“ Posterous: Aufgekauft, Entwickler ins eigene Team integriert, Supportleute et al. gefeuert, Posterous als dahinsiechende Hülle zurück gelassen – und wir User dürfen uns nun ums Migrieren unserer Blogs kümmern.

    Kann (besonders) bei kostenlosen Diensten natürlich immer passieren, frustriert aber schon ziemlich. Self-hosting ist wohl weiterhin das einzig Wahre…

  • Vermutlich ging es eher um die Patente wie auch die Entwickler.
    100 Millionen US-Dollar ist ja fast schon ein „Schnäppchen“ gegenüber den jüngsten Aufkäufen, die Blase ist wohl am Platzen oder ihr geht langsam die Luft aus.
    Zumindest haben meiner Meinung nach viele Internetplattformen, Apps oder unabhängige Dienste kaum noch eine große Zukunft vor sich, außer sich Aufkaufen zu lassen, je mehr die Hardware und Beriebssystemhersteller zunehmend ihre Macht ausspielen und ihre Systeme immer Proprietärer werden.
    Was im mobilen Bereich begann setzt sich nun mit Windows8 und MacOS auch auf den Desktop fort und unliebsame Apps oder Dienste könnten demnächst sogar Verbannt oder fügig gemacht werden?
    Die Zeit des ungebremsten Wachstums geht also wohl auch im Internet zu Ende?

  • Der Witz an der Sache ist ja, dass die Entwickler rein gar nichts von dem Deal haben, sondern nur die „Alteigentümer“, wie es so schön heißt. Es geht auch nicht primär um die Entwickler, sondern vielmehr um das Knowhow, dass in den Produkten und Dienstleistungen steckt. Warum man 100 Millionen für Technologien zahlt, die man selbst beherrscht, ist mir allerdings schleierhaft.

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