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Print ist tot? Nicht ganz. Ein Blogger und die Crowd wollen SHIFT-Magazin aufs Papier bringen. Ein Interview.

Ist das Kunst? Das Cover der ersten SHIFT-Ausgabe.
Ist das Kunst? Das Cover der ersten SHIFT-Ausgabe.
geschrieben von Michael Müller

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Er ist vom Fach, studierter Online-Journalist und im Netz zuhause. Trotzdem treibt es den 26-jährigen Bonner Daniel Höly jetzt in den Print-Sektor. Er möchte einen Traum verwirklichen und ein 120 Seiten starkes, quartalsweise erscheinendes Magazin auf die Beine stellen, das insbesondere Leser ansprechen soll, die täglich viel Zeit im Internet verbringen. Ein Widerspruch? Nicht für Daniel. Ich habe mich mit ihm über sein Projekt SHIFT unterhalten und konnte einige exklusive Details und Inhalte bereits im Vorfeld zu Tage bringen. Es folgt das Interview, gespickt mit exklusiven Previews.

Online-Gemeinde geht offline

Als Schreiberling hat man es in heutigen Zeiten nicht einfach. Entweder arbeitet man als Freiberufler und läuft täglich neuen Stories und Geld hinterher – oder aber man hat das Glück irgendwo fest angestellt zu sein, krebst dann von Monat zu Monat allerdings in Anbetracht der meist wissenschaftlichen Ausbildung mit einem Hungerlohn vor sich hin und büßt thematische Freiheit ein. Unter diesen Umständen den Antrieb dafür zu finden, etwas komplett eigenes auf die Beine zu stellen, ist enorm schwer und bedarf neben Können und viel Zeit auch eines soliden finanziellen Grundgerüstes. Dass in den letzten Monaten immer wieder Print-Produkte ins Wanken gerieten spricht zudem nicht unbedingt für große Chancen und saftige, grüne Wiesen, die es zu beackern gilt.

Kurz gesagt: für ein neues Print-Magazin sieht es für mich als Außenstehenden zunächst erst einmal schwierig aus. Das Fehlen von potenten Investoren oder Verlagshäusern mit gefüllten Kriegskassen im Rücken sorgt nicht unbedingt für Beruhigung. Ein guter Anlass also, mit Daniel Höly über sein Crowdfunding-Projekt SHIFT zu sprechen. Davor ein kurzes Video, in dem Daniel das Konzept des SHIFT-Magazins kurz erklärt:

Ist das Kunst? Das Cover der ersten SHIFT-Ausgabe.

 

BASIC thinking (BT): Hi Daniel, zunächst einmal vielen Dank, dass Du dir Zeit genommen hast, meine neugierigen Fragen zu beantworten. Wir beide sind über Twitter vernetzt, wodurch ich auf Dein Projekt „SHIFT – Das Magazin mit Hirn, Herz und Horizont“ aufmerksam wurde. Wie kam Dir die Idee zu SHIFT?

Daniel Höly: So ganz genau weiß ich das gar nicht mehr. Aber es gibt drei Hauptursachen dafür: Zum einen lag das an meinem Blog JUICED, das ich 2008 gestartet hatte. Es macht mir bis heute enorm viel Spaß, abwechslungsreiche Artikel zusammenzustellen und die unterschiedlichsten Autoren um Gastartikel anzufragen. Bis heute haben bereits 44 verschiedene Personen Artikel auf JUICED veröffentlicht. Auf der anderen Seite hat es mich aber immer öfter genervt, wie eingeschränkt ich beim Layout der einzelnen Artikel war. Das ist aus meiner Sicht bis heute noch eine große Schwachstelle von vorgefertigten Content-Management-Systemen wie WordPress oder Tumblr. Letztendlich ausschlaggebend war dann die Tatsache, dass ich schon seit Jahren unzufrieden mit dem bestehenden Angebot an gedruckten Zeitschriften für junge Erwachsene bin. Und wenn mich etwas stört, ändere ich das eben gerne.

BT: Welches Konzept verfolgt SHIFT? Welche Themen sind interessant?

Daniel Höly: SHIFT besteht aus drei Rubriken: Hirn, Herz und Horizont. Hirn steht für Kommentare und Debatten zu aktuelleren Themen, in Herz gibt es jede Menge Unterhaltung für Zwischendurch und in Horizont ist Platz für (Foto-)Reportagen und Porträts über den Tellerrand hinaus. Das Magazin ist somit eine Mischung aus Debatten-, Unterhaltungs- und Gesellschaftsmagazin. Thematisch werden in SHIFT auch ernste und schwere Themen behandelt, beispielsweise Geschichten über Drogenabhängige, Prostituierte, Arbeitslose oder politisch Verfolgte. Natürlich gibt es auch einige leicht verdauliche Themen und niveauvolle Unterhaltung für netzaffine junge Leser.

Das Vorwort der ersten Ausgabe.

 

Exklusiv: das SHIFT-Layout der Twitter-Seite "Gezwitscher"

 

BT: Stichwort „Netzaffinität“: An wen genau richtet sich SHIFT? Gibt es eine klare Zielgruppe?

Daniel Höly: SHIFT richtet sich vordergründig an Digital Natives, die netzaffinen jungen Erwachsenen. Warum netzaffin? Weil ich einen hohen Wert auf eine Vernetzung zwischen dem noch entstehenden Online-Auftritt und dem Printmagazin lege. Print und Online sollen sich hier nicht ersetzen, sondern sinnvoll ergänzen. Natürlich sind auch ältere Leser nicht ausgeschlossen. Das Magazin ist altersmäßig nicht nur für Leser zwischen 20-35 Jahren. Aus meiner Sicht ist diese Einteilung genauso überholt wie die Einteilung in die klassischen Ressorts Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft.

BT: Wieso muss das Projekt auf Papier und wird nicht komplett online realisiert? Sind Deine Erfahrungen bei JUICED so negativ?

Daniel Höly: Ganz im Gegenteil: Ich liebe Online. Als Blogger und studierter Online-Journalist schätze ich die Vorzüge des Webs sehr. Aber für mich haben sich Online und Print noch nie ausgeschlossen. Gerade bei längeren Artikeln bevorzuge ich nach wie vor Print, weil es angenehmer zu lesen ist und sich auch haptisch besser anfühlt. In ein paar Jahren mag dieser Vorteil technisch eingeholt sein – aber genauso wenig wie das Fernsehen das Radio oder das Kino das Fernsehen verdrängt hat, wird das Internet Print ersetzen. Und genau diesen Ansatz möchte ich mit SHIFT konsequent ausbauen: Ein Printmagazin gekoppelt an eine Online-Community. Wie so etwas aussehen kann? Beispielsweise indem ich online vier Themen zur Auswahl stelle und die Leser darüber abstimmen lasse. In der gedruckten Ausgabe können sie dann ihr favorisiertes Thema lesen, und am Ende finden sie eine Frage, über die wir dann gemeinsam im Netz diskutieren. Anschließend findet sich die Diskussion moderiert in der nächsten Ausgabe wieder. Aus meiner Sicht wäre das ein schönes Zusammenspiel zwischen Online und Print.

BT: Welche Zeitschriften, Blogs oder Websites haben dich inspiriert?

Daniel Höly: Puh, eine ganze Menge, vor allem Zeitschriften. Da wären die englischsprachigen TIME und ehemals auch Newsweek, dann die Business Punk, Dummy und FROH!. Aber auch von Straßenmagazinen wie fiftyfifty aus Bonn oder Streetmag aus Berlin kann man eine Menge lernen. Mein großes Vorbild in vielerlei Hinsicht ist das Fußballmagazin 11 Freunde. Die machen echt enorm viel richtig, finde ich. Die intelligente Verzahnung zwischen Print und Online und die Wertschätzung gegenüber ihren Abonnenten finde ich ebenso genial wie die Themenauswahl und ihre teils frech-ironische Schreibe. Optisch und haptisch ist das Magazin aus meiner Sicht auch eine Augenweide. Boah, so viel Lob, das riecht schon fast nach Schleichwerbung.

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Buzzinga-Seite in der Kategorie "Herz": Chuck Norris vs Hans Sarpei

 

BT: Ein paar Fragen zur Finanzierung. Oft heißt es: „Print ist tot“, das große Zeitungssterben ist aktueller denn je. Wieso trotzdem Print?

Daniel Höly: Deine Frage beantwortet es eigentlich schon ganz gut: Zeitungen mögen tot sein, aber das gilt noch lange nicht für Zeitschriften. Allein im Zeitraum meiner Diplomarbeit letztes Jahr wurden in nur drei Monaten 16 neue Zeitschriften angekündigt. Ein Niedergang sieht aus meiner Sicht anders aus. Dass es eine Umverteilung geben wird und sich viele Dinge ändern müssen, ist klar. Aber selbst Tageszeitungen werden so schnell wie von manchen Untergangs-Experten prognostiziert nicht aussterben. Die Frage ist halt, ob eine Tageszeitung, die beispielsweise nur zwei, drei Mal pro Woche erscheint, noch eine Tageszeitung ist. Aber Möglichkeiten gibt es da viele. Was ich mir bei dieser „Print ist tot“-Debatte wünsche, wäre eine stärkere Differenzierung zwischen Tageszeitungen und Zeitschriften. Damit das jetzt nicht falsch rüber kommt: Natürlich plane ich auch zu einem späteren Zeitpunkt ein eMag anzubieten. Aber derzeit ist der Markt dafür einfach nicht groß genug, dass es sich für einen verlagsunabhängigen Anbieter wirklich lohnt. In ein paar Jahren mag das ganz anders sein – und dann freue ich mich schon drauf, ein multimediales Magazin rauszugeben, keine Frage.

BT: Wie sollen Folge-Ausgaben finanziert werden? Nur Abo?

Daniel Höly: Am liebsten würde ich ja jede Ausgabe mit Hilfe der Crowd finanzieren. Das würde mir die größtmögliche Unabhängigkeit sichern. Aber da ich tatsächlich auch in die Bahnhofskioske rein möchte, brauche ich für die kommenden Ausgaben eine deutlich größere Summe. Deshalb suche ich aktiv nach Investoren. Mittelfristig kann ich mir gut einen Finanzierungsmix aus Verkaufserlösen, Anzeigen und Sponsoren vorstellen. SHIFT soll später sowohl im Abonnement als auch im Direktverkauf angeboten werden.

BT: Das ist ein großes Risiko…?!

Daniel Höly: Ja, das Risiko zu scheitern ist enorm groß. Aber so ist das doch bei allen Unternehmensgründungen, oder? Wenn es so einfach wäre, würde es ja jeder machen. Und ganz ehrlich? Mehr als Scheitern kann ich nicht. Klar habe ich davor auch Angst, aber im worst case hätte ich immerhin eine Menge dabei gelernt. Mir ist es wichtig, dass ich später mal sagen kann: „Ich hab’s probiert und alles gegeben.“

BT: Hast Du schon eine Idee, wie die Vermarktung aussehen wird?

Daniel Höly: Gute Frage. Leider habe ich kein großes Werbebudget für tolle Marketingkampagnen. Daher muss ich stark auf Mund-zu-Mund-Propaganda setzen. Das geht dann natürlich alles deutlich langsamer, aber vielleicht ist es ja auch gut, langsam, aber kontinuierlich zu wachsen, als sich zu übernehmen und dann nicht mehr hinterherzukommen. Man darf ja nicht vergessen, dass ich das derzeit alles allein mache. Ich würde allerdings sehr gerne mit einem Partner zusammenarbeiten. Mal sehen, was sich da ergibt.

BT: Zum Schluss dann noch die obligatorische Frage – Wieso sollte ich genau dich unterstützen?

Daniel Höly: Weil es an der Zeit ist für ein Printmagazin, in dem nicht nur interessante und unterhaltsame Themen behandelt werden, sondern auch relevante und herausfordernde Themen. Und zwar gezielt für Digital Natives aufbereitet, also für Menschen, die wie ich mit dem Internet aufgewachsen sind. Die Artikel sollen inhaltlich und optisch zeitgemäß präsentiert werden. Inhaltlich heißt das unter anderem, mit dem Leser auf Augenhöhe zu diskutieren und ihm nicht von oben herab die Welt erklären zu wollen. Und das Beste daran: Mit einer engen Verzahnung an den Webauftritt können die Leser den Inhalt des Magazins auch aktiv mitgestalten. Ich habe mir da ein paar coole Extras überlegt, die ich aber noch nicht verraten möchte. Mein Motto ist ja „The best is yet to come“. Daher auch das Slogan des Magazins: SHIFT happens.

Vielen Dank für das Interview!

Crowdfunding-Phase gestartet

Wenn ich die Überzeugung und Passion, die Daniel im Interview ausstrahlte auf mich wirken lasse, so kann ich feststellen: Print ist offenbar wirklich alles andere als tot. Wer Daniel und sein Projekt mit einigen Euro unterstützen möchte, der kann dies über die Crowdfunding-Seite bei Startnext gerne tun. Ich persönlich finde Daniels Konzept sehr interessant und habe bereits einen kleinen Betrag beigesteuert. Sobald 1000 Euro der benötigten 5000 Euro zusammen sind, wird Daniel als kleines Vorab-Dankeschön die bereits gelayoutete Vorauswahl veröffentlichen. Derzeit sind knapp 800 Euro in der Kasse, bis zum Ende des 17. Juli läuft die Finanzierungsphase. Die erste Ausgabe soll auf 1000 Exemplare limitiert sein und beinhaltet die Werke von 23 Autoren und Fotografen.

Bleibt abschließend zu hoffen, dass noch viele Unterstützer folgen und das Magazin bald Wirklichkeit wird. Ich drücke die Daumen und ziehe den Hut vor so viel Gründergeist.

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Über den Autor

Michael Müller

Michael tritt seit 2012 in über 140 Beiträgen den Beweis an, trotz seines Allerweltnamens real existent zu sein. Seit Abschluss seines Wirtschaftsstudiums arbeitet er als Kommunikationsberater für namhafte Technologie-Firmen, kann und möchte das Schreiben aber nicht sein lassen.

8 Kommentare

  • Print ist garantiert nicht so „Mause“ Tot wie einige es gerne hätten und wird sicher noch sein Comeback erleben wenn die Leuten immer weitergehende Kontroll- und DRM Maßnahmen bei Büchern nicht mehr so einfach Akzeptieren, doch für gedruckte Webseiten verkaufen zu wollen sehe ich da wenig Chancen.

  • Print wird garantiert nie tot sein. Die Frage ist allerdings die nach der Zielgruppe. Wenn man sich vorrangig an digital natives richtet, kann ein Zusatzangebot im Printbereich schnell nach hinten losgehen.

  • @ Mika. B: Ja, gedruckte Webseiten zu verkaufen, ist sicher nicht die Lösung. Das Schöne an einem in InDesign gestalteten Magazin ist ja vor allem auch die optischen und layouttechnischen Möglichkeiten, die Artikel ansprechend zu präsentieren. Wie ich schon gesagt habe: „Auf der anderen Seite hat es mich aber immer öfter genervt, wie eingeschränkt ich beim Layout der einzelnen Artikel war. Das ist aus meiner Sicht bis heute noch eine große Schwachstelle von vorgefertigten Content-Management-Systemen wie WordPress oder Tumblr.“

    Darüber hinaus lesen tatsächlich noch viele Leute längere Artikel lieber gedruckt. Einige der Vorteile kannst du hier nachlesen: http://juiced.de/10644/lesekomfort-haptik-und-flexibilitaet-print-hat-viele-vorteile.htm Auch hier: Wie ich schon geschrieben habe, gilt: „In ein paar Jahren mag dieser Vorteil technisch eingeholt sein“ – Und dann habe ich auch kein Problem damit, auf Tablets zu publizieren. Aber bis dahin freue ich mich einfach, eine gedruckte Ausgabe ins Regal stellen zu können, die man auch ein paar Wochen später wieder gerne anfasst und die nicht gleich eine Woche später veraltet ist. Solche Artikel gehen online meist schnell unter und geraten in Vergessenheit, da sie von anderen Artikeln überschwemmt werden.

    @ Stefan: Ja, die Zielgruppe ist sehr wichtig und ja, gerade bei Digital Natives ist das ein großes Risiko. Genau aus diesem Grund habe ich eine große Umfrage unter Digital Natives gemacht und sie zu ihren Vorlieben und Interessen befragt. Das Ergebnis kannst du hier sehen: http://juiced.de/10889/printmagazin-fuer-junge-leser-ja-bitte.htm Ob das am Ende reicht, wird sich zeigen. Aber wenn ich es nicht probiere, werden wir es nie erfahren. 🙂

  • Printmedien sind zwar aktuell etwas von der Bildfläche verschunden, aber ich bin mir sehr sicher, dass diese noch ihr Revival erleben. Viele Menschen vergessen, dass es in der heutigen Zeit nicht nur Junge Menschen gibt. Da die menschen allgemein immer älter werden, sind auch viele ältere Semester unterwegs und aktiv. Und die können mit den neuen Technologien oftmal nicht viel anfangen bzw. befinden sich u. U. sogar auf Kriegsfuß.

  • Auch wenn es blöd klingen mag, aber wird es auch eine Digitale Ausgabe geben? Wenn ja, über welche Plattformen wird diese vertrieben? Versteht mich nicht falsch, „Print“ ist nicht tot und mich Interessiert die Zeitschrift sehr, aber ich bevorzuge wirklich den papierlosen Weg. Danke euch für die Antworten!

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