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Wie „CHIP Online“ künftig die Lotto-Zahlen vorhersagt. Oder: Warum SEO mächtig nervt

iOS 8
geschrieben von Tobias Gillen

Suchmaschinenoptimierung, kurz SEO, ist ein umfassendes Thema bei Bloggern und auch bei den großen Verlagshäusern. Wer bei Google oben gelistet wird, bekommt Klicks – und die braucht man nunmal für die Werbeeinnahmen. Manchmal aber übertreiben es die Medienhäuser – so wie jüngst die Redaktion von „CHIP Online“. Kurz dokumentiert.

„CHIP Online“ kann hellsehen

Gut, dass die Apple-Server durch ein neues iOS regelmäßig in die Knie gehen ist nichts neues. Das ist in den vergangenen Jahren eigentlich immer so gewesen. Warum also nicht dieses Jahr schon mal für die Google-Reichweite sorgen, indem man die vermutlich zahlreichen frustrierten User mit einer vorgeschriebenen Meldung abfängt?

So haut „CHIP Online“ am 15. September nachts um zwei Uhr die Meldung „iOS 8 Update Probleme: So laden Sie es dennoch“ raus, in der es eben um diese Thematik geht. Mal ganz davon abgesehen, dass der Text absolut nicht hält, was die Überschrift verspricht, ist er dann doch ganz unterhaltsam.

Chip iOS8

Ein Beispiel:

Die iOS-8-Update-Server sind teils noch immer überlastet. Wer den Update-Frust meiden will, sollte iOS 8 manuell installieren. Seit Mittwochabend ist es soweit: iOS 8 ist offiziell erschienen und steht für iPhone, iPad und iPod touch zum Download bereit. Aber nicht jeder Besitzer eines iDevices ist bereits umgestiegen, denn die Update-Server von Apple sind auch Stunden nach der Freigabe nur schwer zu erreichen – und kurz nach Release lagen die Server sogar nahezu komplett lahm.

Solcherlei SEO-optimierter Text hat dann natürlich wenig überraschend zur Folge, dass „CHIP Online“ bei Google unter sämtlichen Schlagworten, die sich mit „iOS 8“, „Server down“ und Co. beschäftigen, oben gerankt ist und die zahlreichen Klicks, sofern Apples Server heute Abend tatsächlich wieder bocken, abgreifen wird.

SEO

Journalistische Grundsätze vs. Google-Klicks?

Ich sehe ein, dass jedes Medium im Kampf um die Aufmerksamkeit im Netz seine eigenen Erfolgswege sucht. Doch wird hier in einem Paradebeispiel deutlich, wie sehr wir uns von einem gewinnorientierten Unternehmen wie Google abhängig machen. Rankt Google uns nicht mehr gut, verlieren wir Klicks, verlieren wir Werbung, streichen wir Stellen.

Übermäßiges SEO verleitet uns also dazu, sämtliche journalistische Grundsätze über Bord zu werfen und Meldungen mal eben aus der Schublade zu holen? Oder dazu, Meldungen so zu schreiben, dass Schlagworte von Google besser erkannt werden, dafür aber der Text für den Leser nicht mehr leserlich ist? Wenn das so weiter geht, können wir den Journalismus bald wirklich an Roboter auslagern.

„CHIP Online“ ist hier leider nicht die Ausnahme.

Bilder: Apple; Screenshots


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Über den Autor

Tobias Gillen

Tobias Gillen ist seit August 2014 Chefredakteur und seit Mai 2015 Geschäftsführer von BASIC thinking. Erreichen kann man ihn immer per E-Mail oder in den Netzwerken.

18 Kommentare

  • Ich denke, ein bisschen Optimierung ist okay, das ist ja technisch auch leichter gesagt als getan.

    Sobald ich aber merke, dass eine Site es übertreibt besuche ich sie aus Prinzip schon nicht mehr. Richtig nervig. (Nicht, dass ich jemals Chip.de besucht hätte..)

  • Ich habe auch nichts anderes von Chip erwartet. Die Seite bietet in meinen Augen keine Qualität mehr. Wer etwas von IT versteht, treibt sich dort auch nicht herum, jedenfalls nicht wegen Informationsgewinnung etc. pp.

  • Das ist der Grund warum ich seit Jahren sage, dass Google in vielen Fällen unbrauchbar geworden ist. Sucht man nach populären Begriffen, bestehen die ersten Trefferseiten aus optimierten Shoppingseiten und ähnlichem Müll.

    Ansonsten setze ich Chip nicht auf die Liste seriöser Magazine. 20 Tricks, um aus Windows den Turbo zu kitzeln, waren vor 15 Jahren schon peinlich. 😉

  • Ok, ich sehe auch ein, dass SEO-Maßnahmen, die in Kauf nehmen, den Nutzer zu verarschen, für qualitativ schlechte Online-Auftritte sorgen. Ich bin als Suchmaschinenoptimierer ebenfalls der Meinung, dass man Google nutzen sollte, aber sich nicht davon abhängig machen. Heutzutage arbeiten viele Journalisten für Google oder für Facebook oder für Twitter, ohne dort angestellt zu sein. Das ist traurig.
    Traurig ist aber auch die Frage „SEO verleitet uns also dazu, sämtliche journalistische Grundsätze über Bord zu werfen und Meldungen mal eben aus der Schublade zu holen?“
    SEO macht das nicht. Unfähigkeit und schlechter Journalismus machen das. SEO wird dafür genutzt. SEO spricht aber nicht gegen Qualität. Faulheit spricht dagegen.

  • Die CHIP war doch schon immer das Klatschblatt der Computerpresse.
    So wie in den Frauenzeitschriften immer Schicksalsschläge irgendwelcher Prominenter herbeigedeutet werden so hat die CHIP schon immer knapp an der Legalitätsgrenze hanebüchene Optimierungs- oder Download/Kopiertipps gegeben.

    Ich habe keine Ahnung, wieso sich bei den seriösen allgemeinen Computermagazinen nicht schon vor Jahren die um Klassen bessere c’t so weit durchgesetzt hat um den ganzen anderen Schund zu vertreiben.
    Vielleicht nicht reißerisch genug :/

  • Seriöses SEO ist nicht unbedingt etwas, für das Journalisten sich schämen müssen. Es geht darum, der Suchmaschine deutlich zu machen, worum es in dem Text geht. Der Chip-Artikel ist natürlich peinlich, aber so neu ist das im Journalismus auch nicht: In vielen Redaktionen wurden Nachrufe schon zu Lebzeiten geschrieben – und mitunter voreilig veröffentlicht.

  • Es ist leider so, dass wir alle nach Google´s Pfeife tanzen müssen, wenn wir viel Traffic über Suchmaschinen generieren möchten. Journalisten müssen sich ja quasi schon bei der Überschrift Gedanken über die Auswirkungen in den Suchmaschinen machen. Eigentlich schade, aber das sind eben Änderungen die in allen anderen Bereichen genauso laufen. Google hat die Suche nach Informationen wie sie noch vor 10, 15 Jahren war komplett auf den Kopf gestellt – also müssen sich auch alle ändern die dort nach oben möchten und das sind nun in erster Linie die Redakteure. Wird ja ganz lustig, wenn die ersten Redakteure in großen Portalen oder Medien ihre Artikel nach WDF*IDF schreiben um die ersten Plätze zu generieren. Dann wird dann bei einem Artikel über einen Mordfall einfach noch ein Messer, eine Pistole usw. eingebaut, auch wenn der Täter unbewaffnet war 🙂

  • Um es etwas größer zu fassen: Ich möchte nicht wissen, wieviele Nachrufe auf große Persönlichkeiten aus der Politik, Wirtschaft, Sport und Unterhaltung schon vorgeschrieben/ vorproduziert sind und darauf warten publiziert zu werden.
    Ein Beispiel, welches ich gerade gefunden habe und was ich sehr makaber und geschmacklos finde:
    Beim Google Suchergebnis steht noch „+++ Vorsicht Nachruf +++. … Nachruf Kohl. Der Kanzler der Einheit. 21.08.2013, 09:00 Uhr, BR.de; 3 Min. online bis 21.08.2015, 09:00 Uhr; Bewerten.“
    Sollte wohl nicht online gestellt werden.
    Ich weiss auch von anderen Fällen, wo Filme vorproduziert wurden, damit im Falle des Todes, das Material asap gezeigt werden kann.

  • Da brauchst du nicht zu spekulieren, Igor, sondern nur zu recherchieren. Chefredakteure äußern sich immer mal wieder zur Menge der vorgeschriebenen Nachrufe. Gilt zu recht nicht als anstößig, ist auch kein schlechter journalistischer Stil.

  • Mir ist schon klar, dass SEO oft übertrieben wird. Aber Keyword-Stuffing funktioniert nicht mehr. Der Text oben ist ein normaler Text zu einem Problem am Ende des Screenshot steht dann ein Link der zur Erklärung führen soll.

    Daher finde ich es grundsätzlich nicht verwerflich. CHIP ist Magazin und was lesen wir nicht alles in Zeitungen für Headlines, die dann überhaupt nicht halten was Sie versprechen. Auch renommierte Magazine greifen darauf zurück.

    Warum sollte CHIP aus „Rücksicht“ auf fachlich bessere Portale schlechtes SEO machen? Wer würde das schon machen? Ich sehe es eher so, dass andere Portale besser werden müssen um vor Chip zu ranken.

    Leider wissen viele Webdesigner, Programmierer und Redakteure Null von Online Marketing

  • O nein, Journalismus wird nie an Roboter ausgelagert werden. Chip hat wirklich übertrieben. Ich empfehle alle Journalisten immer normal zu schreiben und am ende, ein bischen zu optimieren, aber ganz am ende.

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