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Das etwas andere soziale Netzwerk: Plag** setzt auf seuchenartige Verbreitung – funktioniert das?

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geschrieben von Jürgen Kroder

Obwohl man meinen möchte, dass der Markt der Social Networks bereits gut besetzt sei, sprießen ständig neue Plattformen aus dem Boden. Plague, bzw. nach der Umbenennung nun Plag**, ist beispielsweise ein solcher Facebook-Widersacher, der das aber gar nicht sein will. Was steckt hier dahinter? Wir haben nachgefragt. // von Jürgen Kroder

Was ist das Beste, das einem Werbetreibenden passieren kann? Wenn die eigene Werbung gerne gesehen und auch noch freiwillig weiterempfohlen wird. Virales Marketing heißt das Zauberwort. Nichts neues. Aber: „Virales Marketing ist ein absolut machtvolles Werbeinstrument“ – das sagte einst Darth Vader. Nun ja, nicht in den „Star Wars“-Filmen, sondern in der bekannten Parodie „Todesstern Stuttgart“ (falls das jemand noch nicht kennen sollte – unbedingt auf Youtube anschauen!)

Ich schweife ab. Kommen wir wieder zurück zum Thema: Virales Marketing wird oft versucht – und in Zeiten von sozialen Netzwerken wie Facebook, Youtube oder Twitter erscheint das Ziel in greifbarer Nähe. Selbstverständlich gelingt die virusartige Verbreitung nicht immer, denn zur viralen Verbreitung gehört Content, den man gerne seinen Freunden und Bekannten weiterempfiehlt.

Zudem ist die Verbreitung oft gar nicht so einfach wie gedacht. Klar, auf Facebook kann man mit wenigen Klicks Inhalte liken und teilen, auf Twitter retweeten und zitieren oder bei Pinterest mal was anpinnen. Doch zur massenhaften Verbreitung benötigt man Freunde. Und diese Freunde sollten auch über Freunde und Freundesfreunde verfügen, ansonsten versickert eine Message irgendwann wie ein Rinnsal in der Wüste. Deswegen geht „Plag** – The Network“ einen etwas anderen Weg.

Wie funktioniert die „Seuchen-App“?

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Die kostenlose iOS- und Android-App ist ein Netzwerk, über das sich Posts – „Cards“ genannt – wie ein Virus verbreiten. Oder auch nicht. Denn hier vernetzt man sich nicht mit Freunden oder Bekannten und sieht dann deren Beiträge. Stattdessen kriegt man die Cards von allen Usern aus der Umgebung angezeigt.

Mit einer Tinder-artigen Wischbewegung entscheidet man, ob man die Cards mag oder nicht. Bei einem – im übertragenen Sinne – „Like“ wischt man nach oben, wodurch man mit dem Post dann andere „infiziert“.

So können sich für gut befundene Inhalte innerhalb kürzester Zeit wie eine Seuche rund um den Globus verbreiten. Das funktioniert wirklich. In verschiedenen Tests haben es meine Posts von Deutschland aus bis nach Indien, China und die Westküste der USA geschafft. Dafür hatten sie nur sieben Tage Zeit, danach endet die „Contamination“.

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Im Dezember 2014 berichtete ich bei BASIC thinking bereits über Plag**, das damals noch Plague hieß. Da ich damals von der recht frischen App angetan war, interessiert es mich nun, was daraus wurde. Hat sich das Konzept im letzten halben Jahr durchsetzen können? Wird es privat wie auch geschäftlich genutzt? Gab es schon Änderungen? Oder ist die App sang- und klanglos untergegangen?

Geänderter Name, gleiches Konzept

Fangen wir mit der positiven Antwort an: Ja, Plag** existiert noch. Die letzten beiden Buchstaben des Namens wurden gestrichen, weil es bereits eine ähnlich klingende Anwendung in den App Stores gibt: das Game „Plague Inc.“. Da man sein Geld lieber in die Entwicklung statt in einen Rechtsstreit investiert, wurde aus Plague eben Plag** (ganz wichtig sind nun die zwei Sternchen), verriet mir die deutsche Ansprechpartnerin Elisabeth Dietz auf BASIC thinking-Nachfrage.

Ist mit der kleinen Umbenennung in den letzten Monaten auch eine inhaltliche oder strategische Neuausrichtung erfolgt? Nein. Nach dem Motto „Raider heißt jetzt Twix, sonst ändert sich nix“ blieb das Konzept unangetastet. Das ist nicht nur eine Floskel, sondern bestätigte mir auch ein neuer Blick in die App.

Im Dezember wie auch heute empfange ich eine bunte Mischung aus Posts. Mit „bunt“ meine ich: Irgendwo zwischen langweilig, nett, interessant und toll. Und das stets schwankend. Mal erscheint ein wunderschönes Foto, mal ein Zitat von einer Berühmtheit, mal ein witziges animiertes GIF, mal ein politisches Statement, mal ein banales Bildchen. Eben all der Kram, den man auch auf Facebook sieht. Nur mit weniger persönlichem Touch. Und fast ohne Cat Content.

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Ja, wirklich: Damals wie auch aktuell habe ich kaum ein Katzenbild- oder –video gesehen. Was ist denn da los? Ist das Internet kaputt? Ticken die Plag**-User so anders? Oder greift der Entwickler ein, um das Niveau anzuheben? Nein, man sortiere den Content nicht aus – das versichert mir Elisabeth am Telefon. Wenn die Plag**-Nutzer das Angebot mit Katzen-Inhalten fluten würden, dann sei es eben so.

Trotzdem gebe es natürlich Richtlinien. Anstößige Inhalte, die beispielsweise pornografisch oder gewaltverherrlichend sind, werden von der Community markiert und dann vom Plag**-Team gelöscht. Eine derartige Vorgehensweise kennt man ja, das ist bei Instagram, Facebook & Co. längst Usus.

Facebook ist keine Konkurrenz

Ich erwähnte hier bereits mehrmals Facebook. Immerhin ist das der Plazhirsch unter den sozialen Netzwerken. Dass man Plag** damit vergleicht, mag Elisabeth nicht. Denn das Ziel sei nicht, ein Konkurrent für das zuckerberg’sche Netzwerk zu werden: „Auf gar keinen Fall. Plag** muss Plag** bleiben“, verteidigt sie ihre App.

Sie unterstrich im Telefonat immer wieder den neuartigen Ansatz der Community. Die User würden einerseits die typischen Dinge posten, die man auf anderen Netzwerken auch sehe. Aber andererseits gäbe es auch viele Künstler, die sich hierüber schnell und einfach Feedback holen würden. Zudem habe man eine aktive Community, welche die – bewusst – beschränkten Features voll ausnutzen würden. Zum Beispiel haben User „Plag** City“ erschaffen, wo man durch verlinkte Bilder flanieren kann, inklusive Cafè und Universität.

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Noch klein und unbekannt

Das sind alles nette Spielereien. Doch kommen wir zurück zum Kern der App: der Verbreitung von Inhalten.

Bei meinem ersten Blick auf Plag** im letzten Jahr vermutete ich, dass das neue Network sehr interessant für Marketer sein könnte. Eben perfekt für virales Marketing. Doch mit meiner Einschätzung lag ich bislang falsch. Einerseits, weil ich bislang nahezu keine Cards erspäht habe, die irgendwas mit einem Produkt zu tun hatten. Die App ist somit kein Abklatsch von Pinterest.

Außerdem scheint kein Marketing-Verantwortlicher die App zu kennen. Ich habe bei Kontakten in verschiedenen Firmen nachgefragt, vom kleinen Start-up bis hin zum Global Player, die Resonanz war stets die gleiche: Plag**? Nie gehört! Brauchen wir also nicht.

Das Ergebnis ist eindeutig. Es verwundert mich aber auch nicht. Denn bislang zähle man weltweit „einige hunderttausend User“–  mehr als die Hälfte von ihnen sei aktiv. Das ist natürlich noch viel zu wenig, um wirklich relevant zu sein. Ob sich daran etwas ändern wird? Das bleibt abzuwarten. Denn das internationale Team, das in Litauen, Russland und Deutschland sitzt, fokussiert sich bislang nur auf Mund-zu-Mund-Propaganda als Marketing-Hebel. Eine Virus-App, die sich selbst wie ein Virus verbreiten will – das nenne ich mal eine stringente Strategie.

Wie geht’s weiter?

Wird es bald eine Monetarisierung, zum Beispiel über gesponserte Inhalte, geben? Nein. Die Firma finanziert sich aktuell noch durch Business Angels, deswegen mache man sich derzeit nur Gedanken über Optimierungen und experimentiere sehr viel, sagt Elisabeth.

Das klingt in meinen Ohren nach einer Unternehmensgeschichte, wie sie schon von anderen Netzwerken beschritten wurde: Man bringt eine kostenlose App auf den Markt, verbessert sie und probiert neue Dinge aus, sorgt für eine große Verbreitung – und dann erst baut man ein Business-Modell auf, das die Kosten trägt (oder auch nicht, wie im Fall von Twitter). Oder man lässt sich für eine stolze Milliardensumme von einem Giganten aufkaufen – WhatsApp und Instagram lassen grüßen.

Fazit: Euphorie ist Ernüchterung gewichen

Einerseits bin ich weiterhin sehr gespannt, wie es bei der „Seuchen-App“ weitergehen wird. Andererseits ist meine anfängliche Euphorie einer Ernüchterung gewichen. Wie bereits gesagt, finde ich die gebotenen Inhalte nicht so spannend, dass ich die App regelmäßig nutzen werde. Dafür fehlt es mir noch an besonderen, einzigartigen Inhalten.

Content ist eben immer noch King. Snapchat macht es vor: Eigene Inhalte wie selbst erstellte Nachrichten oder spannende Kooperation sollen den Dienst voranbringen. Vielleicht ist das auch eine mögliche Zukunft für Plag**? Ich würde das begrüßen.

Was haltet ihr von Plag**? Kanntet ihr die App überhaupt? Nutzt ihr sie regelmäßig? Was würdet ihr euch dafür wünschen?


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Über den Autor

Jürgen Kroder

Jürgen bezeichnet sich als Blogger, Gamer, Tech-Nerd, Autor, Hobby-Fotograf, Medien-Junkie, Kreativer und Mensch. Er hat seine unzähligen Hobbies zum Beruf gemacht. Und seinen Beruf zum Hobby. Obwohl er in Mainz wohnt, isst er weiterhin gerne die Maultaschen aus seiner Heimat.

12 Kommentare

  • Gern würde ich an dieser Stelle das Starup adfree network einmal ins Spiel bringen, welches ebenfalls aus Deutschland kommt, werbefrei ist und dem deutschen Datenschutz unterliegt. adfree network belohnt seine Mitglieder sogar für neue Freunde.

  • Also ich habe von der App bisher nichts gehört, halte von dem Konzept aber viel. Es ist nicht etwas, was wieder nach dem Standard Prinzip aufgebaut ist. Und Tinders Konzept fand ich immer gut und habe selbst schon mal darüber nachgedacht, ob man damit nicht auch was anderes aufbauen kann. Ich werde die App selbst mal testen und bin gespannt, wie das in der Praxis so ist und vor allem wie viele es in meiner Umgebung nutzen. Danke für den Tipp in diesem Sinne.

  • Hmm…
    Was bedeutet denn „aus der Umgebung“?

    Was ist denn die Umgebung? Ich wohne weder wie in der Beschreibung in New York noch in BT-City.

    Wenn der Kreis zu klein gefasst ist erhalte ich wahrscheinlich auf dem Lande eine recht Einseitige Berichtserstattung… Oder wird der Kreis angepasst je nachdem wie viele Mitglieder „in der Nähe“ sind?

    thx!

    🙂

    • In der Nähe heißt: Posts von benachbarten Plague-User. Wobei „benachtbart“ – laut den Entwicklern – ziemlich locker gefasst wird.
      Wenn also der nächste Plague-User 500km entfernt ist, dann ist das eben dein „Nachbar“. So kommt es auch, dass die Meldungen über den Teich wandern.

      Zudem gibt es laut meiner AP bei Plague einen kleinen Zufallsfaktor, damit sich die News zusätzlich verbreiten.

  • Ich habe Plag vor eineinhalb Jahren entdeckt und nutze es immer wieder mal für politische Posts der BayernSPD-Landtagsfraktion. Mit Reichweiten bis 1000 Verbreitungen ist das noch nicht wirklich relevant, aber als Zweitnutzung von FB-Sharepics schon okay. Mit Interesse beobachte ich die noch relativ neu eingerichteten Regionen. Sie begrenzen die Verbreitung z. B. auf München. Für eine regionale Organisation wie die uns ist das durchaus ein Weg, Publikum zu anzusprechen, das wir sonst nie erreichen würden. Es bleibt aber bislang ein Experiment auf kleiner Flamme. Übrigens, auf diesen Artikel bin ich durch eine Verlinkung auf Plag gestoßen…

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