Digitale Nomaden

Coworking für digitale Nomaden, Teil II: Coworker in Deutschland, vernetzt euch!

Die Geschichte des Coworking
geschrieben von Marinela Potor

Marinela Potor ist digitale Nomadin. Kein fester Wohnsitz, immer unterwegs, Leben auf Reisen. Für viele ein Traum, für andere ein Graus. Im Tagebuch einer digitalen Nomadin berichtet Marinela wöchentlich auf BASIC thinking von ihren Reisen, was es mit dem Leben aus dem Rucksack auf sich hat und warum es sich lohnen kann, auch mal über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Diesmal: Ein Gespräch mit Christian Cordes, Mitgründer der German Coworking Federation über die Coworking Szene in Deutschland.

Hier ist Marinela aktuell: Pasto, Kolumbien

Hier ist Marinela aktuell: Pasto, Kolumbien

Liebes Tagebuch,

erstmal ein frohes neues Jahr allerseits!

Nachdem ich ja letzte Woche die Geschichte des Coworking kurz umrissen habe, muss ich an dieser Stelle ein kleines Geständnis abgeben (da wir hier ja ganz unter uns sind): Ich bin kein Coworking-Typ. Zumindest habe ich bisher einfach noch keinen Coworking-Space gefunden, der mir so richtig zusagt. Damit bin ich wahrscheinlich eher die Ausnahme unter den digitalen Nomaden, die das gemeinsame Schaffen und Kreativsein in den Coworking-Spaces geradezu magisch anzieht. Die Idee des Coworking finde ich auch super: Gemeinsam mit anderen spannenden Menschen arbeiten, dabei auf neue Ideen kommen, neue Kooperationen finden und einfach in einer netten Arbeitsatmosphäre sein – was kann einem daran nicht gefallen?

Aber ich bin auch der wahrscheinlich bequemste Mensch der Welt und wenn ich die Wahl habe zwischen im Schlafanzug auf dem Sofa mit meinem Laptop kuscheln oder den halben Tag am Schreibtisch zu sitzen, bevorzuge ich tatsächlich die Couchpotato-Variante. Bis jetzt zumindest. Denn nach einem wirkich inspirierenden Gespräch mit Christian Cordes, einem der Mitgründer der German Coworking Federation, also dem deutschen Coworking-Verein, habe ich direkt Lust bekommen, diesem ganzen Coworking-Konzept nochmal eine Chance zu geben.

Coworker, in Deutschland tut sich was

Dabei meckere ich wahrscheinlich auf sehr hohem Niveau, denn gerade in Deutschland gibt es eine sehr spannende Coworking Bewegung. Schätzungsweise 200 Coworking-Spaces gibt es bereits im Land und es werden fast täglich mehr. Grund genug für Christian Cordes, Tobias Schwarz und Silke Roggermann, 2015 die German Coworking Federation ins Leben zu rufen. Wieso, weshalb, warum? Darüber habe ich mit Christian Cordes etwas genauer gesprochen.

BASIC thinking: Mal ganz ehrlich – ein Coworking Verband? Das erinnert mich sehr stark an den Schützenverein in meinem Heimatdorf. Ist das wieder so eine typisch deutsche Spießigkeit, dass man für so etwas hippes wie Coworking einen Verein gründen muss?

Christian CordesChristian Cordes: Wir haben uns mit der Frage tatsächlich auch lange schwer getan, wir haben immerhin fünf Jahre gebraucht, um diesen Verein zu gründen. Wir haben auch eine Satzung, aber wir treffen uns jetzt nicht einmal die Woche in der Eckkneipe wie der Dorfverein oder so, sondern organisieren uns aus drei verschiedenen Ecken von Deutschland aus, ganz modern über Skype, Facebook, E-Mails und so weiter.

Ihr seid also ein cooler Verein?

Ja, genau. Die Vereinsgründung hatte aber letztendlich vor allem rechtliche und politische Gründe. Wenn wir zum Beispiel Events veranstalten, muss so nicht eine Privatperson für alles haften und auch wenn es darum geht, mit Kommunen oder Politikern zu verhandeln, ist es einfach geschickter, wenn diese einen Dachverband als Ansprechpartner haben. Damit können wir mehr erreichen. Und es muss ja jetzt auch nicht jeder Coworking-Space bei uns Mitglied werden, wir bieten das nur allen Interessierten an.

Wie viele Mitglieder habt ihr denn schon und wer kann überhaupt Mitglied werden?

Na ja, wir sind ja derzeit noch in der Gründungsphase. Das klingt so absurd, weil wir uns ja schon im April gegründet haben. Aber es dauert einfach, bis so ein Verband auf Bundesebene läuft. Also bisher haben wir so um die 30 Gründungsmitglieder. Mitglied kann eigentlich jeder Coworker oder Coworking-Space-Betreiber werden – oder solche, die es werden wollen. Vor allem Menschen, die ein Interesse an dieser Szene haben, auch aus wissenschaftlichen Gründen. Wir haben beispielsweise auch einige Doktoranden im Verein. Die Idee ist ja, dass wir als Vernetzungsstelle Coworker und Betreiber von Coworking-Spaces miteinander besser verbinden und auch Hilfestellung leisten können für alle, die praktische Fragen zum Coworking haben.

Erzähl doch mal konkret: Was bietet euer Dachverband an?

Wie gesagt, wir haben uns schon relativ lange mit der Frage beschäftigt, wie man die lokale, regionale aber auch deutschlandweite Coworking-Szene stärken und besser vernetzen kann. Denn wir haben schon festgestellt, dass es zwar Spaces gibt, die sich untereinander kennen. Aber es gibt auch vieles, was nicht funktioniert und sehr unkoordiniert läuft. Mit unserem Verband wollen wir daher auch diesen Spirit des Coworking stärken, also sich zu vernetzen, gemeinsam zu arbeiten und eine Plattform dafür bieten. Die Idee ist, dass der Coworking-Verband dazu genutzt wird, damit Spaces sich vernetzen, voneinander lernen, sich über Förderprogamme in der Szene austauschen können oder zum Beispiel auch gemeinsam die Deutschlandkonferenz besuchen und organisieren.

Was meinst du damit, wenn du sagst, dass vieles noch nicht so gut funktioniert in der Szene?

Das ist vor allem der Aspekt der Vernetzung. Also es gibt zwar immer wieder Ansätze, miteinander zu kooperieren – wie die Coworking Week oder die Coworking Visa – aber das funktioniert immer nur punktuell. Es gab mal die Coworking-Treffen „Nord, Ost, Süd, West“, die sind eingeschlafen, die Coworking-Week ist eingeschlafen – wir haben zwar alle als Coworking-Spaces das Thema Kollaboration auf der Tagesordnung, aber wenn das mal über die eigenen vier Mauern hinausgeht, dann klappt das mal gut und mal schlecht. Ich glaube aber, dass wir unglaublich viel voneinander lernen können – gerade wenn man einen Coworking Space neu aufmacht, kann man viel vom Wissen der anderen profitieren. Welche Fehlerquellen gibt es? Was sind die Best-Practice-Modelle? Wo kann man den einen oder anderen Euro an Technik oder Infrastruktur einsparen? Da kann man sich gut gegenseitig unterstützen. Das ist das eine Thema.

… das andere ist Politik?

Es gibt ein großes Interesse an diesem Thema, aber die politischen Vertreter sagen auch: „Ich kann nicht mit 250 Spaces in Deutschland telefonieren und ich hätte gerne einen Ansprechpartner, der mir mehr über die Coworking-Landschaft in Deutschland sagen kann.“ Der Verband kann dann darüber hinaus auch ein Ort sein, an dem Diplomarbeiten aufgefangen werden können – also unser Grundgedanke ist einfach serviceorientiert.

Das kann man dann auch ganz gut als Lobbyarbeit zusammenfassen, oder?

In dem Sinne, dass wir Lobbyarbeit machen wollen zur Frage „Was ist Coworking und was ist nicht Coworking?“ Denn wenn du den Begriff googlest, stößt du ganz oft auf Regus, aber Regus ist kein Coworking, sondern ein Businesspark. Wir wollen also zeigen, dass es Unterschiede gibt. Wo Coworking drauf steht, sollte auch Coworking drin sein. Coworking ist derzeit in etwa wie das Wellness-Hotel, also ein ungeschützter Begriff. Da muss man ganz genau trennen, was es ist und was es nicht ist. Aber darüber hinaus geht es uns auch um eine überregionale Vernetzung. Also sind wir natürlich auch auf der Europakonferenz, wir arbeiten zum Beispiel mit der European Coworking Assembly zusammen und sind insgesamt auf Europaebene sehr aktiv auf verschiedenen Foren und Veranstaltungen. Du merkst schon, Vernetzung ist ein großes Kernthema des Verbandes insgesamt.

Wenn Vernetzung euer großes Ziel ist, was für Pläne habt ihr? Welche Ideen habt ihr, damit sich die Coworking-Szene in Deutschland besser vernetzt?

Also, wir haben zum Beispiel einmal im Jahr die Cowork, die Deutschlandkonferenz, die dann jedes Jahr zu einer anderen Stadt rotieren wird. Dieses Jahr war sie in Stuttgart, nächstes Jahr planen wir sie in Hamburg, wenn alles gut läuft. Da geht es darum, sich auch mal live zu sehen, also nicht immer nur über Videokonferenzen, sondern auch direkt vor Ort über Trends und Themen im Coworking auch zu diskutieren. Im ersten Teil sprechen dann Experten, wie beispielsweise Wissenschaftler wie Klaus-Peter Stiefel vom Fraunhofer Institut, die eine Studie zum Coworking gemacht haben, und im zweiten Teil gibt es das Barcamp, wo es vor allem um Best-Practice geht.

Wir haben nämlich sehr viele Anfragen von Leuten, die einen Coworking Space gründen und vor sehr praktische Fragen wie etwa Versicherungsarten oder DSL-Anschlüssen stehen. Wir haben festgestellt, dass es gut ist, sich übers Internet und über Facebook oder Foren zu vernetzen, dass aber einfach dieser Real-Life-Kontakt, also bei einem Bierchen oder einer Tasse Kaffee über diese Dinge zu diskutieren, einfach unerlässlich ist. Das macht Coworking letztendlich ja aus, sonst könnten wir uns ja alle nur noch im virtuellen Raum treffen.

Apropos physischer Raum: Wo stehen denn eigentlich die meisten Coworking-Spaces in Deutschland? Ist das wirklich alles auf Berlin konzentriert?

Ich würde schätzen, dass in Berlin ein Viertel aller Coworking-Spaces in Deutschland stehen. Dann gibt es ein Gefälle. Also der Norden und die Mitte Deutschlands sind noch ganz gut aufgestellt, aber Richtung Süden gibt es zwar Spaces in den Ballungszentren, aber dann wird es dünner. Man kann feststellen: Coworking im ländlichen Raum ist zwar schon da, aber es ist tatsächlich eher ein Ding für größere Städte, also für Städte ab 100.000 Einwohnern.

Ist denn Coworking etwas, was in ganz Deutschland vorhanden sein muss? Brauchen wir wirklich überall Coworking Spaces?

Ich glaube, dass Coworking eine Form der Arbeit ist, die in den nächsten Jahren immer mehr zunehmen wird. Ich denke auch, dass es da eine Spezialisierung geben wird, also in Richtung von Hubs. Es gibt zum Beispiel in Jena einen medizinischen Space. Das sind Ergotherapeuten, Logopäden und Physiotherapeuten, die sich Therapieräume teilen. Sie haben gemeinsam eine Immobilie gemietet und nutzen als freiberufliche Therapeuten zusammen die Räumlichkeiten. Das wird auf vielen anderen Ebenen runtergebrochen einen ähnlichen Trend geben. Coworking und Kinderbetreuung wird ein neues Thema werden, in Hamburg gibt es zum Beispiel einen Coseeking-Space, wo sich Menschen zum Handarbeiten und Stricken treffen, um dann ihre Wandershops zu füllen. Also es ist gerade ein sehr vielfältiges Feld, das einen großen Wandel mitmacht.

Wie bist du denn eigentlich zur Coworking-Szene in Deutschland gekommen?

Ich hab mit dem Thema Coworking bestimmt schon seit sieben Jahren zu tun. Ich habe zum ersten Mal auf der re-publica etwas davon gehört und mich dann mit dem Thema näher beschäftigt. Ich finde es sehr spannend zu sehen, welche Herausforderungen dieser Wandernomade oder Freelancer der Zukunft hat, der mit einem Laptop von überall aus arbeiten kann. In der Zeit war auch viel im Umbruch in Deutschland, technisch aber auch in der Arbeitswelt – und ich fand diesen kulturellen Wandel sehr faszinierend. Ich finde, dass Coworking eine Antwort darauf ist, wie sich gerade der Arbeitswandel vollzieht. Und jetzt arbeite ich in einem Coworking-Space in Wolfsburg, dem Schiller 40 Coworking-Space im Kulturwerk, und ich kann mich wohl als Deutschlands einziger hauptberuflicher Coworker bezeichnen.

Was genau heißt das?

Das bedeutet, dass mein Space der einzige Coworking-Space ist in Deutschland, der komplett von einer Kommune finanziert wird. Ich bin also praktisch Angestellter der Stadtverwaltung. Also ich habe damals ein Konzept aufgestellt wie Immobilienwirtschaft, Wirtschaft, die Stadt und der Bereich Kultur zusammenkommen können, um zu zeigen, wie man etwas für kreative Menschen in der Stadt machen kann. Denn die Region Wolfsburg ist zwar eine Region, in der es viel kreatives Potential gibt, aber es gab damals noch keinen Space dafür. Deshalb wollten wir die lokale Kreativwirtschaft unterstützen und haben dort einen Coworking-Space aufgebaut. Da bieten wir einerseits Kreativen Unterschlupf, aber auch zum Beispiel Kulturinitiativen oder auch digitale Kultur. Wir haben etwa eine Smartphoneschule, in der wir älteren Menschen das Smartphone erklären, damit zum Beispiel die Enkelkinder nicht immer genervt sind und Oma und Opa WhatsApp erklären müssen. Dann gibt’s noch ein Repair-Café oder Powerkaraoke.

Was macht denn deiner Meinung nach einen guten Coworking Space aus?

Also ein ganz wichtiger Punkt für Coworking Spaces, der in Deutschland noch ausbaufähig ist im Verlgleich zu den USA. ist das Community-Management. Das ist für mich persönlich ein Herzstück, das einen guten Coworking-Space ausmacht. Damit ist gemeint, wie du deine Nutzer, deine Kunden, deine Interessenten an dein Angebot bindest, also wie du die soziale Interaktion im Space generierst. Denn wenn du dich nur als Dienstleister verstehst, und sagst: „Du kannst hier günstig einen Schreibtisch haben, aber der Rest interessiert mich nicht,“ dann ist das ein bisschen eindimensional. Es muss eher in Richtung Sozialarbeit gehen, also dir auch die Sorgen und Probleme der Leute anzuhören und dann Veranstaltungen zu organisieren, um solche Sorgen lösen zu können. Als Beispiel: Wenn der Bedarf im Space da ist, sich über Medienrechtsfragen zu informieren, dann lädt man sich einfach einen Medienjuristen ein. Wenn du merkst, dass eine teambildende Maßnahme gut wäre, dann feiert man halt eine Party oder kocht zusammen. Also ein Gefühl und ein Händchen dafür zu haben, was deine Gruppe gerade braucht, ist praktisch das, was gutes Community-Management ausmacht und das ist auch das, was einen guten Space ausmacht.

Wie stellst du dir denn die Zukunft von Coworking in Deutschland in den nächsten fünf Jahren vor?

Puh, ich würde sagen bunt! Coworking-Space ist für mich in der Zukunft ein Ort, an dem kreative Menschen, Technologiebegeisterte, Freelancer, aber auch Entwickler, Tüftler und Bastler einen zentralen Ort finden, an dem sie sich austauschen können, wo sie arbeiten können und wo sie etwas entwickeln und vorantreiben können.

Christian, vielen Dank für das Gespräch.

Also doch ein Coworking-Space für Pyjama-Helden?

Dieses Gespräch hat mich dann nochmal nachdenklich gemacht. Wer weiß, vielleicht gibt es ja schon einen Coworking-Space für Pyjama-Freunde wie mich? Und falls nicht, was spricht eigentlich dagegen, einen zu gründen? Und da wir gerade von kreativen Coworking-Spaces sprechen, nächste Woche stelle ich euch dann einen der verrücktesten Coworking-Spaces der Welt vor. So viel sei schon verraten: Dieser Space hat weder Grundmauern noch eine feste Adresse…

Bis nächste Woche, dann wieder aus irgendeinem Winkel der Welt,

Eure Marinela

P.S.: Kennst du schon unser neues Online-Magazin für digitale Nomaden, Reisende, Webworker und Querdenker? Nein? Dann aber schnell!


Vernetze dich mit uns!

Like uns auf Facebook oder folge uns bei Twitter


Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor hat als klassische Radiojournalistin angefangen, und ist dann unklassisch (und nicht ganz freiwillig) zur digitalen Nomadin geworden. Seit 3 Jahren reist sie um die Welt und schreibt zu politischen, sozialen und digitalen Themen.

4 Kommentare

Kommentieren