Social Media Unternehmen

Visual Statements: „Es geht nur darum, Menschen zu erreichen“

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Benedikt Böckenförde, Gründer und Geschäftsführer von Visual Statements, und Kerstin Schiefelbein, Geschäftsführerin von Visual Statements (Foto: Tobias Koch)
geschrieben von Christian Erxleben

Mehr Reichweite als so mancher Publisher, ein organisches Fan-Wachstum von 15.000 pro Woche und ein Millionenumsatz durch Bilder mit Sprüchen. Visual Statements ist eines der spannendsten Unternehmen in der deutschen Social-Media-Welt. Ein Interview.

Was 2011 als privates Hobby von Benedikt Böckenförde begann, ist heute eine der heißesten Unternehmensgeschichten im Social Web: Die Rede ist von Visual Statements.

Hinter diesem Namen steckt ein Brand Network, das jede Woche um 15.000 Facebook-Fans wächst, jeden Monat acht Millionen Beitragsinteraktionen erzeugt, 20 Millionen Menschen erreicht und über das Jahr gesehen einen Umsatz in Millionenhöhe erwirtschaftet.

Wir haben Gründer und Geschäftsführer Benedikt Böckenförde sowie seine Co-Geschäftsführerin Kerstin Schiefelbein zum Interview getroffen. Im Gespräch erklären die beiden Führungspersonen von Visual Statements unter anderem, wie man Social-Media-Reichweite in Sales verwandelt, warum sich Bilder mit Sprüchen perfekt im Einzelhandel verkaufen lassen und wie Facebook-Seiten auch heute noch organisch wachsen können.

BASIC thinking: Ben, 2011 hast du Visual Statements gegründet. Worauf hast du am Anfang wert gelegt?

Benedikt Böckenförde: Ich habe keine hässlichen Memes veröffentlicht, sondern eine kleine aber feine Auswahl der besten Bilder mit Sprüchen. Das habe ich dann auf Facebook unter dem Namen Visual Statements veröffentlicht und los ging die Reise. Auf einmal kamen die Likes und Fans. Am Anfang habe ich auch mal eine Woche nichts gepostet. Dann schrieben mir die Leute: „Hey, hör nicht auf zu posten.“

Wann hast du gemerkt, dass du mit Visual Statements Geld verdienen kannst?

Böckenförde: Das war Ende 2013. Damals habe ich gemerkt, dass für ein Hobby zu viel passiert und ich eine so große Reichweite habe, dass es sich lohnen würde, daraus ein Business zu machen. Vor allem aber auch, weil mich die Nutzer gefragt haben, ob man die Designs kaufen kann.

Aufgrund meiner Verlagstätigkeit habe ich gelernt – und das ist auch bis heute meine Überzeugung –, dass du Reichweite immer monetarisieren kannst. Facebook ist dafür das beste Beispiel. Erst Reichweite aufbauen und Menschen unterhalten und anschließend überlegen, wie man damit Geld verdienen kann.

Ich hatte Reichweite, Interaktionen und Nachfrage, sodass ich Ende 2013 einen E-Commerce-Shop programmieren ließ. Ich habe meine Beratertätigkeit aufgegeben und mein gesamtes erspartes Geld in diesen Shop gesteckt und die erste T-Shirt-Kollektion herausgebracht. Obwohl ich keine Ahnung von Textilien, Mode und T-Shirts hatte, habe ich das Angebot mit der Nachfrage der Community gerechtfertigt und begonnen, einen Teil dieser Statements auf T-Shirts zu drucken.

Der Aufstieg von Visual Statements

Mutig.

Böckenförde: Die erste Kollektion hat sich auf Anhieb sehr gut verkauft. Nicht alle Shirts, aber es gab zwei, drei Ausreißer, die mir gezeigt haben: Okay, das funktioniert. Im Februar 2014 habe ich den Rest meiner Ersparnisse genommen und die GmbH gegründet.

Warst du damals noch alleine?

Böckenförde: Nein, ich hatte mittlerweile schon Studenten, die für mich in einem kleinen Büro gearbeitet haben. Ganz ursprünglich hatte ich tatsächlich weitere Zimmer in meiner Wohngemeinschaft angemietet. Dort haben mir dann Studenten geholfen, die Visual Statements zu kreieren. Der Weg ging von einer kuratierten Auswahl zu einer eigens erstellten. Der erste und einzige feste Mitarbeiter in dieser GmbH war ich.

Seitdem sind mehr als drei Jahre vergangen. Wie sieht dein Team heute aus?

Böckenförde: Seit Anfang 2014 haben wir das Ganze professionalisiert und eine eigene Redaktion aufgebaut. Stand heute haben wir 25 Mitarbeiter. Davon sind sechs redaktionelle Mitarbeiter. Hinzu kommen drei Leute in der Grafik, zwei Geschäftsführer, Kerstin und ich, sowie Mitarbeiter für den E-Commerce-Bereich – vom Einkauf über den Handel bis zum Shopsystem.

Die Inhalte sind eine Mischung aus kuratierten und selbst erstellten Inhalten.

Böckenförde: Genau. Es ist mittlerweile so, dass wir einen Großteil der Sprüche weiter im Internet suchen und die anschließend in unsere Designs übersetzen. Darüber hinaus schreiben wir sowohl eigene Sprüche als auch Video-Skripte.

Momentan habt ihr auf Facebook 650.000 Fans. Wie stark wächst der Kanal?

Böckenförde: Wir haben mehrere Kanäle. Visual Statements ist mit Abstand der größte Channel auf Facebook. Unser Brand Network besteht aus insgesamt acht Kanälen. In Summe kommen wir auf knapp zwei Millionen Facebook-Fans und auf rund 700.000 Instagram-Fans. Die anderen Kanäle tragen Namen wie „Lieblingsmensch“ oder „Vollzeitprinzessin“. Das sind im Prinzip Themen-Channels, die wir aus der Analyse von Visual Statements heraus gegründet haben. Das gesamte Netzwerk wächst jede Woche um gut 15.000 Fans.

Von der Facebook-Seite zu 80.000 registrierten Käufern

Und das Ziel der Aktivitäten ist es, die Facebook-Fans in den Shop zu leiten?

Böckenförde: Unsere harte Währung sind zum einen die Interaktionen in den sozialen Netzwerken. Wir generieren über alle Kanäle hinweg acht Millionen Beitragsinteraktionen im Monat. Das heißt die User teilen, kommentieren oder liken unsere Inhalte.

Die Interaktion ist ein Gradmesser dafür, wie sich deine Zielgruppe mit deinen Inhalten auseinandersetzt. Die Währung „Fans“ ist im Prinzip am Aussterben. In puncto Interaktion sind wir in Deutschland aktuell eine der stärksten Marken. Daran sieht man auch das Vertrauen der Nutzer in die Marke, die wir über Jahre hinweg aufgebaut haben.

Zum anderen geht es darum, die Inhalte in Produkte umzusetzen und den Facebook-Nutzer zum Shop-Besucher zu machen – das ist richtig. Ein Beispiel: Ein Spruch erzeugt Viralität. Diesen übersetzen wir in ein T-Shirt. Das Bild wird mit Link und Hinweis zum Shop über unsere Kanäle geteilt.

Welche E-Commerce-Strategie verfolgt ihr?

Kerstin Schiefelbein: Wenn wir auf die E-Commerce-Strategie schauen, ist es so, dass diese momentan sehr stark auf Visual Statements ausgerichtet ist. Alle unsere Produkte firmieren zurzeit unter der Marke Visual Statements. Wir bauen zur Zeit jedoch bereits verschiedene Monetarisierungsstrategien auf.

Wir kennen keinen anderen Publisher in Deutschland, der es schafft, einerseits Content direkt in E-Commerce umzusetzen und andererseits organische Social-Media-Reichweite in Sales zu verwandeln. Das war auch die Hauptintention hinter dem Online-Shop.

Es ging uns weniger darum, Produkte zu verkaufen. Vielmehr wollten wir die Frage klären, ob man Social-Media-Reichweite ohne Website in E-Commerce-Käufer verwandeln kann.

Welche gibt es denn noch?

Schiefelbein: Inhaltlich gesehen, wurden alle Produkte mit Ausnahme von dreien von unserem Team designt und konzipiert. Matrixartig bauen wir verschiedene Produktgruppen auf, für die wir spezielle Lieferanten haben. Dadurch können wir durch sehr standardisierte Rohmaterialien eine große Auswahl an Produkten anbieten. Das startete im Bereich Merchandising mit T-Shirts, Postern und Print-Produkten. Mittlerweile haben wir jedoch zwölf Produktkategorien, in denen wir jeden Monat Produktinnovationen herausbringen.

Was versteht ihr darunter?

Schiefelbein: Darunter verstehen wir einerseits neue Motive und andererseits neue Produkte. In der Zwischenzeit haben wir 80.000 registrierte Kunden und über 1.000 unterschiedliche Motive. Diese vertreiben wir vorrangig immer noch über unseren eigenen Online-Shop als größte Einnahmequelle, darüber hinaus allerdings auch auf Amazon. Sonst gibt es uns online nirgends zu kaufen.

Habt ihr Pläne für den Einzelhandel?

Schiefelbein: Ja, den haben wir Anfang diesen Jahres über zwei Wege erschlossen. Aktuell bedienen wir vor allem den Buchhandel. Dazu muss man wissen, dass die Produkte bei Visual Statements zu 50 Prozent als Geschenke gekauft werden. Bücher werden heute im Buchhandel ebenfalls größtenteils als Geschenke gekauft während sie für den Eigengebrauch meistens über Amazon oder digital bestellt werden. Deshalb entwickelt sich der Buchladen zum Concept-Store für Geschenke weiter, wo das Sortiment von Visual Statements eine attraktive Ergänzung bietet.

Bildergalerie: So sieht die Facebook-Zentrale in Hamburg aus

Wie fällt das Feedback bislang aus?

Schiefelbein: Sehr gut, auch in Sachen Verkäufen. Das Feedback der Händler ist, dass in vielen Fällen die Marke wiedererkannt wird. Die Markendurchdringung ist auf jeden Fall schon sehr stark. Hinzu kommen noch zahlreiche Impulskäufer, die unsere Produkte zufällig entdecken.

Warum weitet ihr das Geschäft nicht aus?

Schiefelbein: Das tun wir. Im deutschen Markt wird der Einzelhandel durch eine zweite Vertriebsschiene ergänzt: unser Postkartensortiment. Damit sind wir inzwischen in knapp 700 Outlets vertreten, was unsere Marke durch die visuelle Präsenz vor Ort auch sehr stärkt. In den ersten sechs Monaten 2017 haben wir über 1,5 Millionen Postkarten ausgeliefert. Das ist mittlerweile auch ein relevanter Umsatzzweig für uns und öffnet zugleich neue Türen für das erweiterte Produktsortiment.

Wie groß ist der durchschnittliche Warenkorb bei euch im Shop?

Schiefelbein: Der durchschnittliche Warenkorb liegt zwischen 35 und 40 Euro. Er ist also nicht riesig. Dabei muss man allerdings bedenken, dass wir das verlängern, was in Social Media passiert. Das heißt: Die Leute kaufen unsere Produkte weniger aus einem bestimmten Anlass, sondern sie kaufen unsere Produkte, weil sie sich damit identifizieren.

Um ein T-Shirt von uns zu tragen, muss man eine sehr enge Bindung zu uns und dem Statement haben. Deswegen werden auch nicht auf einen Schlag zehn Shirts und fünf Fußmatten gekauft, sondern eher vereinzelte Produkte. Dafür kaufen unsere Kunden öfter ein Produkt, wenn es durch einen Spruch wieder einen konkreten Identifikationsanlass gibt.

Versucht ihr einen solchen Anlass durch bestimmte Marketing-Aktionen zu befeuern?

Schiefelbein: Ab und an. Wir haben zum Beispiel die VS Edition. Das ist ein thematisches Postkartenset, das dem Nutzer jeden Monat zugeschickt wird. Was im ersten Moment skurril klingt, ist einleuchtend, wenn man bedenkt, dass darüber emotional eine Geschichte in unserem Stil kommuniziert wird. So generieren wir Wiederkäufer, die dann auch andere Produkte bei uns im Shop entdecken und binden die Kunden stärker an die Marke.

Wie unterscheidet ihr euch von anderen E-Commerce-Unternehmen?

Schiefelbein: Wir sind sehr wenig Performance-Marketing-getrieben. Wir sind hochgradig getrieben durch Geschichten und Storytelling. Das ist ja auch unsere eigentliche DNA. Der Content ist immer noch der wichtigste Treiber für alle unsere Geschäftsmodelle.

Wie hoch ist euer Umsatz?

Schiefelbein: Umsatzzahlen geben wir momentan nicht raus. Aber er liegt bei ein paar Millionen Euro im Jahr.

Die Vermarktungsstrategie von Visual Statements

Als ich mich auf das Interview vorbereitet habe, ist mir aufgefallen, dass ihr nur auf Facebook und Instagram vertreten seid. Warum ist das so?

Böckenförde: Twitter hat in Deutschland einen schwierigeren Stand als in anderen Ländern. Aber der Hauptgrund ist, dass die Millennials, unsere Hauptzielgruppe, nicht auf Twitter unterwegs ist, um sich ihren Content zu holen. Für Bilder mit Sprüchen eigenen sich Facebook, Instagram, Pinterest und sogar Snapchat besser. Aber Twitter ist für uns tatsächlich zu vernachlässigen.

Seid ihr dann auch auf Pinterest und Snapchat aktiv?

Böckenförde: Ja, auf beiden Kanälen sind wir aktiv. Für Pinterest ist unsere Website die größte Content-Quelle. Wir haben über 20.000 visualisierte Statements. Das ist sehr dankbarer Content für Pinterest, was durch die hohe Verbreitung unserer Motive auf der Plattform unterstrichen wird.

Schiefelbein: Durch unser Netzwerk haben wir zwei Millionen Fans auf Facebook. Die Reichweite ist natürlich bedeutend höher. Dazu tragen auch die anderen Kanäle bei.

In welchem Bereich bewegen wir uns?

Böckenförde: Aufgrund unserer hohen Interaktionsrate werden aus unseren zwei Millionen Facebook- und 700.000 Instagram-Fans durch Viralität 20 Millionen erreichte Menschen im Monat. Wenn man sich die Zielgruppe anschaut, sieht man, dass wir ein sehr feminines Medium sind. Unsere Erst-Postings erreichen zu 80 Prozent Frauen und nach dem Sharing sind es immer noch 60 Prozent weibliche Nutzer. Knapp 60 Prozent davon sind zwischen 18 und 34 Jahre alt.

Kerstin und ich haben das sehr aufwendig untersucht. Wir haben uns die Schnittmengen der unterschiedlichen Kanäle angeschaut und mit der Demographie in Deutschland verglichen. Dabei haben wir gesehen, dass wir mehr als 50 Prozent aller deutschen Millennials jeden Monat erreichen.

Jedes Unternehmen möchte derzeit die Millennials erreichen. Ihr schafft das. Wie vermarktet ihr eure Reichweite?

Böckenförde: Im Prinzip besteht unsere Vermarktung aus zwei Säulen. Zum einen ist das die Standard-Vermarktung. Die ist allerdings zu vernachlässigen und darauf liegt auch nicht unser Fokus. Das heißt auf Visualstatements.net siehst du klassische Banner, die über unseren Partner Vice vermarktet werden. Das spannendere Feld, in dem gerade die Nachfrage steigt und wir bereits Kunden wie ProSieben und Mastercard gewonnen haben, sind Native-Advertising-Kampagnen.

Was bedeutet das?

Böckenförde: Wir öffnen unsere Kanäle, die wir bislang nur für unseren eigenen Content genutzt haben, für Marken und übersetzen Themen und Kampagnen in unsere DNA. Am Beispiel von Mastercard möchte ich das kurz erklären: Mastercard wollte eine TV-Kampagne im Social Web verlängern und hat die dafür passenden Content-Formate und Kanäle gesucht.

Nach einem Briefing haben wir für diese Kampagne Visuals mit Sprüchen kreiert. Dabei haben wir vom Texten bis zum Layout den gesamten Content-Erstellungsprozess übernommen. Die acht Kampagnenmotive wurden über den Facebook- und Instagram-Kanal von Visual Statements veröffentlicht – also insgesamt 16 Postings. Wir hatten Mastercard für den Kampagnenzeitraum von vier Wochen eine feste Reichweite garantiert und diese dann durch eine hohe Viralität der Postings sogar übersteuert.

Das heißt: Im Moment ist es so, dass Kunden zu uns kommen, die bei uns werben wollen. Wir bieten diesen Kunden garantierte Reichweite über unsere Kanäle an zu einem bestimmten TKP.

Wie hoch ist der?

Böckenförde: Der ist individuell je nach Aufwand der Kampagne, weil es ja nicht nur um eine reine Werbebuchung sondern auch um einen kreativen Prozess geht. Wir gestalten ja eine kreative Kampagne, in dem wir Visual Statements erschaffen.

Vereinfacht gesagt, lässt sich folgendes Beispiel konstruieren. Es kommt ein Sportartikelhersteller mit einem neuen Schuh für Frauen, der perfekt in unsere Zielgruppe passt. Entweder nehmen wir uns einer bereits bestehenden Kampagne an, welche zum Beispiel über die Hausagentur des Unternehmens kreiert wurde. Diese übersetzen wir dann in unsere Sprache, garantieren der Marke zwei Millionen erreichte Menschen in unserer Zielgruppe und rechnen transparent über einen vorher angebotenen TKP ab.

Wir sind aber auch imstande eigenständig die komplette Kreativkonzeption zu übernehmen, wenn der Kunde bisher keinen spezielle Kampagne ausgearbeitet hat und Branding in seiner Zielgruppe möchte.

Das klingt relativ unkompliziert.

Böckenförde: Wir haben versucht, ein sehr einfaches Native-Advertising-Konzept zu implementieren, weil wir gemerkt haben, dass Marken im Bereich Social Media gar nicht bewerten können, was sie im Social Web für Sharings und Posts angeboten bekommen. Da ist die Branche wie im Influencer Marketing noch sehr intransparent.

Unser Ansatz ist es, unsere Dienstleistung sehr transparent zu kommunizieren. Deswegen bieten wir garantierte Reichweiten in einer Zielgruppe ohne großen Streuverlust. Das ist, glaube ich, der Grund, warum viele Marken nach unseren Cases erneut oder erstmals Kampagnen auf unseren Kanälen buchen wollen.

Welche Zielgruppen kann ich über euer Netzwerk nicht ansprechen?

Böckenförde: Schwerpunktmäßig sprechen wir Frauen an. Allerdings können wir unsere Inhalte sehr zielgenau aussteuern. Wir hatten beispielsweise schon einmal eine Kampagne für Jaguar, die primär Männer ansprechen wollten. In diesem Fall haben wir den Content auf Männer getargetet und über Facebook noch Reichweite in deren Zielgruppe über Anzeigen eingekauft.

Was wollte Jaguar?

Böckenförde: Jaguar wollte Männer mit authentischem Content erreichen. Im Prinzip können wir jede erdenkliche Zielgruppe erreichen. Allerdings schauen wir vor dem Start der Kreation, ob wir eine realistische Chance sehen, die gewünschte Menge an Personen in der Zielgruppe zu erreichen. Primär haben wir uns auf Frauen zwischen 18 und 34 fokussiert.

Wie groß ist der Anteil von Native Advertising am Umsatz?

Schiefelbein: Dadurch dass wir schon viel länger im E-Commerce als im Media-Geschäft tätig sind, ist der Native-Advertising-Teil viel kleiner. Da stehen wir am Anfang, aber das Wachstum ist extrem. Wo das Maximum liegt, können wir aktuell selbst nicht absehen. Momentan sind wir jedoch bei steigender Nachfrage voll ausgebucht.

Bewegen wir uns zurzeit eher im einstelligen oder zweistelligen Prozentbereich an Umsatz, der durch Native Advertising generiert wird?

Schiefelbein: Im Juni waren wir erstmals im zweistelligen Bereich.

Wann seid ihr mit dem Konzept an die Öffentlichkeit getreten?

Böckenförde: Im Prinzip haben wir uns dem Thema gegenüber mit dem Start unserer Vermarktungspartnerschaft geöffnet. Forciert haben wir das Thema jedoch erst im April 2017. Seitdem positionieren wir uns auch aktiv als Social-Publisher.

Auf dem Facebook Ads Camp in Köln habe ich erstmals erklärt, wie Kunden in unserem Netzwerk Kampagnen einbuchen können. Jetzt kommen wöchentlich neue Anfragen von Marken, die einen Vortrag von uns gesehen haben oder im Social Web über bestehende Kampagnen auf das Konzept aufmerksam geworden sind.

Gibt es Anfragen, die ihr prinzipiell ablehnt?

Böckenförde: Was wir nicht machen, weil es nicht zu unserer DNA und unseren Nutzern passt, ist das Teilen von fertigen Kampagnenbildern mit Sprüchen – selbst wenn der Kunde uns den doppelten Preis bietet. Wenn eine Kampagne schlechter adaptiert ist, sieht man das auch sofort an den Reaktionen der Nutzer. Um solche Fälle zu vermeiden, übernehmen wir die Content-Erstellung. Diese ist im Reichweiten-Paket bereits mit enthalten.

Tipps und Tricks für organisches Facebook-Wachstum

Kerstin hat vorhin erwähnt, dass euer Wachstum komplett organisch ist. Viele Social-Media-Manager beklagen sich darüber, dass eben das allerdings kaum noch möglich ist. Was ist euer Erfolgsgeheimnis?

Böckenförde: Zunächst einmal muss ich betonen, dass die Veränderungen im Newsfeed-Algorithmus auch bei uns dafür gesorgt haben, dass sich das Wachstum verlangsamt hat. Trotzdem schaffen wir es noch. Beispiel Lieblingsmensch: Haben wir vor sechs Monaten gegründet und hat nun mehr als 100.000 Fans. Ich glaube, es gibt eine sehr unterschätzte Mechanik bei Facebook, die zu Wachstum führt und das ist der Seitenname.

Das musst du erklären.

Böckenförde: Wenn du dir unsere Seitennamen wie Visual Statements, Lieblingsmensch oder Vollzeitprinzessin anschaust, siehst du, dass die Nutzer genau wissen, was sie bekommen. Einhergehend mit dem richtigen Namen braucht es eine passende Content-Strategie. Du findest auf unseren Unterseiten zwar auch Bilder mit Sprüchen, die jedoch stark auf den jeweiligen Kanal zugeschnitten sind.

Und ein wichtiges Kriterium ist hochwertiger Content. Das hört sich jetzt vielleicht etwas banal an. Aber wenn ich sehe, was wir in Content-Kreation investieren, haben wir im Vergleich zur Konkurrenz enorm hohe Erstellungskosten. Dass sich das lohnt, sieht man jedoch in der organischen Reichweite und im Seitenwachstum. Seitenname und eine klare Content-Strategie sind zwei Erfolgsmerkmale für organisches Seitenwachstum auf Facebook.

Als große Marke kann ich ja manchmal nichts für meinen Namen. Wie kann ich dieses Problem umgehen?

Böckenförde: Wenn ich eine Brand bin, die ihren Namen nicht ändern kann, erst wenige Fans hat und vor der Frage nach der Social-Media-Marketing-Strategie steht, könnte eine Lösung eine Facebook-Seite sein, die nicht den Namen der Brand enthält. Anstelle dessen nimmt man ein für die Zielgruppe relevantes Thema.

Hättest du dafür vielleicht ein Beispiel?

Böckenförde: Wenn ich eine Agentur bin, die nur 200 Fans auf ihrer Fanpage hat, wäre eine Content-Strategie, ein Facebook-Blog zu gründen, der sich mit digitalen Erlösmodellen in Zeiten von Social Media auseinandersetzt. Dort präsentiere ich gute Inhalte, recherchierte Artikel und fange dadurch an, einen Kanal aufzubauen, der auf den ersten Blick nichts mit meiner Agentur zu tun hat.

Das Blog spricht aber trotzdem die Menschen an, die ich mit meiner Agentur erreichen möchte. Mit der Zeit lasse ich Inhalte meiner Agentur einfließen und konvertierte somit die Fans zu Kunden. Das wäre eine Möglichkeit, Reichweite aufzubauen. Ein solches Modell ist deutlich vielversprechender als wenn ich auf meinem Agenturblog beginne, über den Agenturhund zu schreiben.

Wie kann ich als Social-Media-Beauftragter meinen Vorgesetzten davon überzeugen, den Namen wegzulassen?

Böckenförde: Am Ende des Tages geht es nur darum, Menschen zu erreichen. Das wird mit einem Agenturblog nicht passieren. In dem Moment, in dem man Reichweite in einer themenspezifischen Zielgruppe über einen themenspezifischen Blog aufbaut und dann die Agentur initialisiert, ist auch der letzte Manager überzeugt.

Das heißt: Unternehmen müssen öfter den Mut beweisen, Produkte ohne klaren Bezug zur eigenen Marke zu starten.

Böckenförde: Genau. Ich würde dort auf jeden Fall empfehlen, neue Wege zu gehen. Natürlich kann man auch unter dem Agenturnamen eine sehr ausgefeilte Content-Strategie fahren. Das funktioniert auch, allerdings nur im Web und nicht in den sozialen Medien. Auf Facebook ist es sehr schwer, mit einem generischen Namen, Wachstum zu generieren.

Vielen Dank für das Gespräch, Ben und Kerstin.

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Über den Autor

Christian Erxleben

Christian Erxleben ist seit 2017 Ressortleiter Social Media und Head of Social Media bei BASIC thinking. Sein Weg zu BASIC thinking führte über die Nürnberger Nachrichten, Focus Online und die INTERNET WORLD Business. Beruflich und privat liebt und lebt er Social Media.

7 Kommentare

  • Diese Aussage:

    „Twitter hat in Deutschland einen schwierigeren Stand als in anderen Ländern. Aber der Hauptgrund ist, dass die Millennials, unsere Hauptzielgruppe, nicht auf Twitter unterwegs ist, um sich ihren Content zu holen. Für Bilder mit Sprüchen eigenen sich Facebook, Instagram, Pinterest und sogar Snapchat besser. Aber Twitter ist für uns tatsächlich zu vernachlässigen.“

    finde ich sehr gewagt von den Herrschaften wenn man bedenkt, dass Twitter zu einem nicht unerheblichen Teil die Quelle ihrer Sprüche ist. Die sind dort nur nicht sehr beliebt fürs Klauen

    • Lieber Jericho,
      vielen Dank für dein Kommentar.

      Gemeint ist der „Konsum“ der Bilder mit Sprüchen denn dieser findet in unserer Zielgruppe nicht über Twitter statt. Als Quelle für Sprüche gebe ich Dir natürlich Recht, wenn Du unseren Seiten folgst wirst Du auch feststellen, dass wir die Sprüche mit Credit versehen und auch nicht gegen geltendes Recht verstossen. Wir sind auch immer wieder mit Autoren von Twitter in Kontakt die sich über das RePosting freuen.

      Viele Grüße,
      Benedikt

      • Naja, das mit der Quelle nehmen Sie auch seeeehr locker, Herr Böckenförde…Schau ich mir die Facebook-Posts der letzten 24 h an, seh ich sofort mindestens 2 „Statements“, bei denen die Quelle nicht vermerkt ist. Und ja, solange in DE Tweets noch keine rechtliche, kreative Schöpfungshöhe erreicht hat, sind Sie auf der sicheren Seite.

        Ach ja, bitte nach „Lieblingsmensch“ auch noch die Rechte an „Lieblingsarsch“ sichern…

        • Hallo Ina,

          nur als Hinweis: Im Interview erzählt Ben, dass VS in der Zwischenzeit auch selbst Sprüche und Statements entwickelt. Das könnte der Grund dafür sein, dass manchmal kein Verweis vorhanden ist.

          Liebe Grüße
          Christian

        • Hallo Ina,

          wenn sich der Autor nicht zweifelsfrei nachweisen lässt dann schreiben wir auch keinen Credit in das Bild. Nur weil der Spruch von einem User getwittert wurde bedeutet das ja auch nicht automatisch, dass er der Urheber ist. Meistens finden sich die Sprüche auf unzähligen Accounts wieder.

          Viele Grüße,
          Benedikt

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