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Interview zu 10 Jahren mymuesli: Mit 116-Stunden-Wochen zum Erfolg

Mymuesli Gründer Jubiläum 10 Jahre Max Wittrock, Hubertus Bessau, Philipp Kraiss
Max Wittrock, Philipp Kraiss und Hubertus Bessau
geschrieben von Tobias Gillen

Mymuesli ging in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai 2007 online – vor fast genau 10 Jahren. Heute ist aus der für diese Zeit ziemlich verrückten Idee, Müsli über das Internet zu verschicken, ein richtiger Konzern geworden – mit einem Umsatz im neunstelligen Bereich, 800 Mitarbeitern und einigen Ablegern. Wir haben mit Gründer und Geschäftsführer Hubertus Bessau über die vergangenen 10 Jahre gesprochen.

Nicht nur einmal hat Robert Basic, Gründer von BASIC thinking und 2007 noch an Bord, hier über mymuesli geschrieben. Er war einer der ersten Blogger, die das Start-up aus Passau damals medial begleitet haben. Die Geschichte des ersten Treffens auf der re:publica in Berlin wird im mymuesli-Buch erzählt, ein Zitat findet sich auf der mymuesli-Seite und in einem Dankesbrief, den Mitgründer Max Wittrock nach dem ersten Jahr an Robert schrieb, heißt es:

Doch um es kurz zu machen: Du warst zusammen mit Georg (…) und Vasco Sommer (…) einer der schnellsten, der ein paar Sätze zu uns verloren hat. Hatte natürlich, geschuldet deinem Traffic, viel Wirkung,

Und auch Hubertus Bessau erinnert sich im Podcast mit den Online Marketing Rockstars an BASIC thinking und die ersten Blogposts hier. Nach 10 Jahren und dieser satten Erfolgsgeschichte, macht es also nur Sinn, den Kreis hier zu schließen und zurückzublicken.

Deswegen haben wir uns lange mit Hubertus Bessau unterhalten. Herausgekommen ist ein Gespräch über aufregende Anfangszeiten, verlorene Ananas-Schiffe und einen nicht eingelösten Wetteinsatz.

Hubertus Bessau Mymuesli MyMüsli

Hubertus Bessau, Mitgründer von mymuesli

BASIC thinking: Sicher die Standard-Frage für euch, aber sie gehört zum Jubiläum dazu: Wie kommt man auf die Idee, ausgerechnet Müsli über das Internet zu verkaufen – in einer Zeit, in der der ganze E-Commerce-Markt gerade im Food-Bereich noch nicht sonderlich populär war?

Hubertus Bessau: Max, Philipp und ich haben uns kennengelernt in Passau an der Uni. Wir hatten gemeinsam, dass wir eigentlich nicht so in die üblichen Laufbahnen wollten. Wir wollten nicht Consultants oder Banker werden, wie es unsere BWL-Kollegen angestrebt haben, sondern etwas Eigenes machen. So haben wir dann immer weiter Ideen gewälzt, wovon dann fünf so weit waren, dass man sie ernsthaft verfolgen konnte.

Eine davon war also mymuesli.

Genau. Die anderen vier neben mymuesli waren wesentlich seriöser. Wir haben beispielsweise darüber nachgedacht, einen Finanzsupermarkt aufzumachen, wo es einfach sein sollte, Finanzprodukte einzukaufen wie Lebensmittel. Wir haben alle Projekte dann immer weiter getrieben und Pläne dafür geschmiedet, aber mymuesli war am Ende dann das, wofür sich unsere Herzen entschieden haben – obwohl das die absurdeste Idee von allen war. Wer kann sich schon vorstellen, Müsli-Entrepreneur zu werden.

Die Idee macht ja noch keine Umsetzung. Wie ging’s weiter?

Dann haben wir geschaut, ob es für Müsli aus dem Internet überhaupt einen Markt gibt und eine große Umfrage gestartet – das macht man ja so als BWLer. Wir haben knapp 1000 E-Mails rausgeschickt und wollten wissen, ob Deutschland bereit ist für Lebensmittel – und im speziellen Müsli – aus dem Internet, was 2007 tatsächlich noch sehr gewagt war.

Wie war das Feedback?

Wir haben ca. 400 Antworten bekommen und das Resultat war: Nein, eigentlich nicht, außer es ist billiger. Das wäre eigentlich der Punkt gewesen, an dem wir hätten einsehen müssen, dass das vielleicht keine gute Idee ist. Wir waren aber schon so weit und hatten uns verliebt in diesen Gedanken, dass wir es drei Monate lang ausprobieren wollten. Am 30. April 2007 haben wir dann mymuesli.com gelauncht – und jetzt sind schon 10 Jahre vergangen.

Wie war das Feedback und die Akzeptanz, als ihr live gegangen seid?

Im Freundeskreis, bei Bekannten oder bei Bloggertreffen haben sich die Geister in zwei Lager geteilt: Die einen haben gesagt: „Mensch, das kann ja nie funktionieren!“ Und die anderen: „Total cool, darauf haben wir gewartet!“. Uns war damals schon klar, dass es besser ist, zu polarisieren, als dass es allen gleichgültig ist. Als wir dann online gegangen sind in der Nacht zum 1. Mai, haben wir schon innerhalb kurzer Zeit die ersten Bestellungen bekommen, was uns total gewundert hat – wer bestellt schon nachts um 4 Uhr Müsli?

Familie und Freunde?

Nein. Wir hatten damit gerechnet, dass wir am Anfang nur Bestellungen aus dem Bekanntenkreis erhalten, aber das Gegenteil war der Fall – die haben erst viel später angefangen. Und so hatten wir dann einen Kern, der von Anfang an Müsli bei uns bestellt hat.

Mymuesli Gründer Jubiläum Max Wittrock, Hubertus Bessau, Philipp Kraiss

Das mymuesli-Gründerteam

Woran lag das deiner Meinung nach?

Hauptsächlich daran, dass das Thema in Blogs damals schnell die Runde gemacht hat. Dadurch sind wir auch bei Google ziemlich weit nach oben gekommen in kürzester Zeit für den Suchbegriff „Müsli“ – wobei man sagen muss, dass der Searchtraffic für den Begriff damals auch nicht so wahnsinnig hoch war.

Über das, was Blogger wie ihr geschrieben habt, sind dann auch Journalisten von klassischen Medien aufmerksam geworden. Und so haben wir ein wahnsinniges Medienecho bekommen – im Sommerloch 2007. Wir mussten im ersten Jahr keinen Euro für Werbung ausgeben, sondern hatten eher Probleme, die organisch gewachsene Nachfrage von Tag Null an überhaupt zu erfüllen.

Heute habt ihr 800 Mitarbeiter, früher seid ihr auf euch gestellt gewesen. Nimm uns mal mit durch eine Bestellung der ersten Stunde.

Ich muss innerlich ziemlich grinsen, wenn ich an diesen Prozess denke, der uns über 18 Monate so auch begleitet hat. Die erste Website mit dem mymuesli-Mixer durfte ich damals programmieren, was nicht die beste Idee war, weil ich einfach BWLer war.

Und auch der Zahlungsverkehr war damals noch eine ganz andere Sache als heute. Bei jeder Bestellung haben wir eine E-Mail bekommen mit einer Bestellnummer und dem jeweiligen Mixrezept. Da wir nur gegen Vorkasse verschickt haben, sind wir jeden Tag zur Bank gegangen, haben uns Kontoauszüge geholt und diese dann mit den Bestellnummern verglichen.

Die bezahlten Bestellzettel haben wir dann in unsere “Manufaktur“ gegeben, wo sie per Hand gemixt wurden, damals noch ein WG-Zimmer und anfangs meistens noch von uns selbst. Dafür wurde jede Zutat einzeln aus dem Regal genommen, abgewogen und in die Dose gegeben. Und nicht zu vergessen: Das Schütteln zum Schluss, damit sich alle Zutaten gut vermischen.

Kontoauszüge, Bestellnummern abgleichen – klingt nicht nach einem der erfolgreichsten deutschen E-Commerce-Start-ups.

Alleine dieser Prozess des Kontoabgleichs, wie wir es genannt haben, hat nach zwei Wochen schon fast eine Vollzeitstelle verschlungen, weil wir einfach so viele Zahlen vergleichen mussten. Das Ganze wurde nicht einfacher, wenn Kunden mal Zahlendreher eingebaut haben oder, was auch sehr häufig passiert ist, wenn sie aufgerundet haben und uns Trinkgeld geben wollten.

Der Traum des Steuerberaters.

Der hat uns dann angewiesen, das Geld zurück zu überweisen. Das war sehr nett gemeint, hat uns aber noch mehr Schwierigkeiten bereitet. Es war eine wilde Zeit. Nach einem Jahr haben wir dann gesagt, dass wir diesen Prozess ändern müssen, weil uns das sonst um die Ohren geflogen wäre.

Und wie?

Wir haben dann irgendwann eine digitale Variante des Kontoauszugs bekommen und konnten über ein selbstgebasteltes Scoringmodell filtern, welche Bestellungen bezahlt wurden. So ist die manuelle Arbeit dann auf ein Zehntel geschrumpft. Nachdem wir die Müslis gemixt haben, sind sie von DHL abgeholt worden. Das war auch von Anfang an schon der Fall.

Wir haben immer gehofft, dass alles heile ankommt, weil wir anfangs noch nicht so wahnsinnig tolle Versandkartons hatten. Da hatten wir wirklich viele Retouren und E-Mails, dass die Müslis eben nicht heile angekommen sind und mussten sie nochmal rausschicken. Das war kein Spaß, aber wir haben relativ schnell dazu gelernt.

Mymuesli Gründer

Das Team (Bild: mymuesli/Viktor Strasse)

Nach den ersten fünf Monaten habt ihr 70.000 Euro Umsatz gemacht. Wie habt ihr das aufgenommen? Hattet ihr was anderes erwartet?

Weder noch. Ich glaube, ich habe in meinem Leben 100 Business-Pläne geschrieben, aber für mymuesli konnten wir einfach keinen schreiben, weil wir absolut keine Vorstellungen hatten, ob überhaupt eine einzige Person bestellen würde. Es war so neu und anders und es spielten so viele Faktoren eine Rolle, dass wir gar keine Erwartungshaltung hatten.

Wie viel Kapitaleinsatz hattet ihr?

Wir haben mymuesli völlig ohne großen Kapitaleinsatz und Risikokapital gegründet und insgesamt nur um die 3.500 Euro, die wir zusammengespart hatten, investiert. Den Rest haben wir durch extrem viel Eigenregie kompensiert, unter anderem habe ich die Seite programmiert, wir haben unsere Manufaktur gestrichen – also versucht, eigentlich alles selbst zu machen.

Wir konnten überhaupt nur existieren, weil wir mit Vorkasse gearbeitet haben. Die Zutaten, die wir am nächsten Tag in den Müslis rausschicken mussten, haben wir am Tag davor eingekauft – von dem Geld, das wir eingenommen hatten. Dann haben wir erst im Biomarkt die 50g Rosinenpackung gekauft. Beim nächsten Mal die 1 Kilo Packung, danach die 25 Kilo Box und irgendwann kamen halt die Paletten.

Somit war unsere Erwartungshaltung weder unter- noch überfüllt, wir haben immer nur geguckt, dass wir für die nächsten Tage die Zutaten bezahlen konnten, aber da die Bestellungen stetig hoch gingen, ist das tatsächlich aufgegangen und wir konnten aus dem Cashflow wachsen.

Ab wann habt ihr schwarze Zahlen geschrieben?

Dadurch, dass wir sehr geringe Kosten hatten und uns selbst auch kein Gehalt ausgezahlt haben, war das schon seit der ersten Woche der Fall.  Das erste Gehalt haben wir uns erst nach anderthalb Jahren ausgezahlt – das waren dann 750 Euro. Das war schon recht eng bemessen.

Hat aber gereicht, weil wir noch in unseren Studentenbuden gewohnt haben, keine Familie zu ernähren und keine großen Verpflichtungen hatten – und sowieso das Geld nicht ausgeben konnten, weil wir Tag und Nacht gearbeitet haben.

Dadurch, dass ihr mit Vorkasse gearbeitet habt, hattet ihr wahrscheinlich auch keine großen Probleme mit dem Lagerbestand – Stichwort Working Capital?

Genau, wir haben keine riesigen Berge Working Capital gebraucht, um Lagerbestände großer Art aufzubauen. Das war wirklich sehr ad hoc damals. Und wenn wir mal keine Ananas bekommen konnten, haben wir die auf „ausverkauft“ gesetzt oder im Notfall den Kunden angeschrieben und ihm etwas anderes empfohlen. Die meisten Kunden waren sehr verständnisvoll mit uns, gerade am Anfang.

Ihr habt von Anfang an stark auf Presse gesetzt und insbesondere auf Blogs, wie seid ihr das angegangen – gab es da eine bestimmte Strategie? Bei euch hat man den Eindruck, dass vieles durch Zufall richtig lief, ihr hattet vorher nicht den Masterplan, aber es ist trotzdem alles aufgegangen.

Es ist ein bisschen eine Mischung aus allem. Wir haben wahnsinnig viel nachgedacht und gearbeitet im Vorfeld. Zweieinhalb Jahre bevor wir online gegangen sind, hatten wir die Idee und die letzten 6 Monate vor dem Start haben wir eigentlich nichts anderes gemacht.

Wir haben geguckt, dass wir bei dem, was wir beeinflussen können, möglichst viel richtig machen. Da ist wahnsinnig viel Aufwand in das Produkt selbst und in die Positionierung von mymuesli geflossen, sodass wir da ziemlich sicher waren: Wenn es nicht funktioniert, hat es daran nicht gelegen.

Das andere ist: Dadurch dass Max damals ein Volontariat bei der Passauer Presse machte und selbst teilweise als Journalist gearbeitet hat, wusste er, welche Geschichten sich gut erzählen und eben auch, wie man etwas gut erzählt. Das war ein sich gegenseitig verstärkender Effekt.

Man kann schon sagen, dass vieles nicht planbar war und sicherlich haben wir auch viel Glück gehabt auf dem Weg. Aber es ist auch nicht so, dass einfach alles vom Himmel gefallen ist.

Glaubt ihr, dass dieser Startschuss über die Presse heute auch noch funktionieren würde? Die Reichweite der Presse ist zwar nach wie vor da, aber ich habe so den Eindruck, dass die Leute es inzwischen leid sind, ständig von dem nächsten großen Ding zu hören. Da hattet ihr es möglicherweise einfacher, weil ihr tatsächlich früh dran gewesen seid – insbesondere im Lebensmittel-Markt.

Da sind zwei Dinge, die mir dazu einfallen. Das eine ist, ich habe mir die Jahre über immer wieder die Frage gestellt, ob mymuesli heute auch so funktionieren würde wie damals. Was bei uns eine extreme Rolle gespielt hat, war das Timing. Wir waren weder zu früh, noch zu spät. Es gab verschiedene Entwicklungen, die es einfach begünstigt haben, dass mymuesli bekannt werden konnte.

Auf die Blogs sind wir eben schon mal kurz eingegangen, Max und ich haben selbst ein bisschen gebloggt, wir hatten einen Blog für Konsumgütervielfalt- und ästhetik mit ganzen 60 Lesern am Tag – also Besuchern, ob sie das gelesen haben, wissen wir nicht mal.

Das ist alles ein ganz anderer Kontext als es heute der Fall wäre, mit Facebook, Instagram und der ganzen Professionalisierung der Social-Media-Szene. Man würde das heute wohl anders angehen müssen.

Und das andere?

Das andere ist wirklich auf der Konsumentenseite, wie es schon seit Jahren heißt, dieser Information-Overflow. Auf allen Kanälen wirst du mit allem möglichen bombardiert und alles ist immer neu und schick, was dazu führt, dass solche Hypes sehr schnell und rasant ansteigen aber auch sehr schnell wieder vergessen sind. Aber es werden auch immer wieder darüber Unternehmen produziert, die innerhalb kürzester Zeit eine extreme Größe erreichen. Es ist schon spannend, sich das anzugucken.

Wenn ich jetzt heute mit mymuesli starten wollte, müsste ich das ganz anders angehen und ich glaube nicht, dass die Chancen größer stehen würden. Es gibt ja auch tolle Beispiele, die es super geschafft haben, sieh dir zum Beispiel die Daniel-Wellington-Uhren an, die sind fast nur mit Instagram wahnsinnig durch die Decke gegangen. Jede Idee, jedes Modell und jede Vorgehensweise hat seine Zeit und kann dann damit auch erfolgreich werden.

Im ersten Geschäftsjahr ist der Umsatz dann Siebenstellig gewesen, da seid ihr 27. Studium, Start-up, siebenstelliger Umsatz. War das für euch eine Art Genugtuung den Skeptikern gegenüber oder wie habt ihr das aufgenommen?

Ganz ehrlich, wir hätten es nicht mal gemerkt, wenn uns damals nicht die Financial Times begleitet hätte, denen wir unsere Zahlen offenlegen mussten. Unser Leben hat sich dadurch null geändert, wir waren immer noch extrem gestresst. Im ersten Weihnachtsgeschäft haben wir mal gemessen, wie lange wir eigentlich arbeiten…

… und?

In den sechs Wochen vor Weihnachten haben wir 116 Stunden die Woche gearbeitet, da bleibt dann wenig Zeit für irgendwas anderes, sodass wir im Januar gesagt haben, dass könnte gesundheitlich echt schwierig werden. Wenn man alte Bilder von uns sieht, bilde ich mir auch ein, dass man uns das ansieht. Das Geld hat uns überhaupt nicht interessiert und Umsatz ist ja etwas, was nur temporär auf dem Konto ist und sofort wieder ausgegeben und investiert wird. Das haben wir auch die nächsten acht Jahre so gehalten.

Wie liefen dann die weiteren Jahre, was waren eure größten Herausforderungen und was lief gut?

Letztlich hat es sich kaum geändert von der ersten Woche bis vor drei Jahren. Wir sind eigentlich der Nachfrage immer hinterher gerannt und die größten Herausforderungen waren, mit dem Wachstum der Nachfrage Schritt zu halten. Das heißt, die Kapazitäten bereit zu stellen und ständig auszubauen, um genügend Müsli produzieren zu können. Das ist auch ein Punkt, an dem wir heute immer noch sind, allerdings mit unterschiedlichen Problemfacetten.

Die wären?

Früher ging es darum, überhaupt genug Kapazitäten in der Manufaktur und zum Mischen der Müslis zu haben. Das ging dann wesentlich besser, als wir unsere Müsli-Mix-Maschine aufgestellt haben. Das war vor dreieinhalb Jahren. Jetzt ist es heute so, dass wir einen Großteil unserer Müslis aus schon fertigen Rezepturen gestalten und über unsere Läden und Supermärkte verkaufen.

Da können die Kapazitäten nicht linear mitwachsen, sondern wir müssen immer wieder neu investieren – in neue Lager, neuen Platz, neue Maschinen, neue Mitarbeiter, um mithalten zu können. Es ist eine andere Art von Wachstum als es früher war. Wir würden jetzt wahrscheinlich wesentlich anders im Marktauftritt sein, wenn wir schneller mehr Kapazitäten aufbauen könnten.

Ich glaube aber, dass wir insgesamt als Organisation gut funktioniert haben und wir immer sehr schnell gelernt haben, bei allem was wir gemacht haben. Man kommt aus der Uni, ist fertiger BWLer oder Jurist und auf einmal in der Realität und kann mit dem, was man gelernt hat, nicht so viel anfangen. Da bleibt einem eben nur übrig, sehr schnell zu lernen.

Wenn man drei große neue Felder vor sich hat, E-Commerce, Mass-Customization und Lebensmittelproduktion in Deutschland, von denen man vorher keine Ahnung hatte, bleibt einem eben nur, schnell zu lernen. So ging es dann eigentlich auch in den Zwischenjahren weiter.

Das habt ihr offensichtlich. Dann kamen die ersten stationären Läden bald hinzu.

Es war eigentlich ein Zufall, dass wir erfolgreich mit eigenen Läden unterwegs waren. Vom ersten Laden dachten wir nie, dass er mal profitabel wird. Als wir genau das aber dann beobachtet haben, haben wir den zweiten und dritten aufgemacht.

Das ist tatsächlich ganz gut gelaufen und ist etwas, das auch heutzutage noch unsere Organisation auszeichnet: die Bereitschaft, etwas Neues auszuprobieren, zu lernen und gar nicht davon auszugehen, dass es vom ersten Tag an direkt funktioniert. Aber wenn es funktioniert, es schnell auszunehmen und weiterzutreiben.

MyMuesli Store Berlin

Der mymuesli-Store in Berlin (Bild: mymuesli)

Wie ist das Verhältnis online zu offline bei euch?

Wir haben immer noch online den umsatzstärksten Kanal, der zweitstärkste Kanal sind unsere eigenen Läden, Supermärkte sind auf Platz drei. Dann haben wir noch ein Firmenkundengeschäft mit vielen Agenturen und Firmen, die für ihre Mitarbeiter Müsli kaufen oder zu Weihnachten oder Ostern etwas Gesundes verschenken wollen.

Jetzt sind zehn Jahre objektiv betrachtet eine relativ lange Zeit, aber ich weiß selber, dass die Zeit viel schneller vorbeigeht, wenn man sich in seine Arbeit verbeißt. Für euch fühlt sich das wahrscheinlich nicht so lange an, oder?

Ganz richtig, die zehn Jahre fühlen sich für uns eher wie maximal fünf oder sechs an – auch weil wir in der Zeit so viel erlebt haben, wie wir es auf dem normalen Karriereweg in 25 Jahren nicht erlebt hätten. Es hat sich aber nur selten wie Arbeit angefühlt.

Das ist glaube ich auch der Grund, warum wir das so lange machen: es hat uns tatsächlich in einer gewissen Art und Weise erfüllt und wir machen es sehr gerne. Wir setzen uns zwei Mal im Jahr zusammen und überlegen, ob es noch passt, wie sich mymuesli entwickelt zu dem, wie wir leben wollen. Wir haben das jetzt das 10. Jahr in Folge alle bejaht.

Gibt es denn in der ganzen Zeit überhaupt eine Phase, die du als wirkliches Tief beschreiben würdest? Du sagst, dass ein Problem war, dass ihr der Nachfrage hinterher gelaufen seid. Das war sicher anstrengend, aber ja eher ein Luxusproblem. Gab es so Phasen, wo ihr gesagt habt, jetzt ist es kritisch?

Natürlich gibt es immer ganz tolle Phasen und es gibt auch Tiefs. Was wir glücklicherweise nie hatten, war ein Tief über eine lange Zeit, das existenzbedrohend war. Viel mehr war es ein Stundenrhythmus, der hoch und runter ging wie eine Achterbahnfahrt der Emotionen. Gerade am Anfang war es so, dass jedes Telefonklingeln das eine oder das andere auslösen konnte.

Entweder konnte es sein, dass der LKW mit der Ananas verunglückt ist und die Lieferung ausbleibt oder das ZDF hat angerufen und gesagt, dass sie in zwei Stunden bei uns sind, was total toll war, aber im nächsten Moment kam die Einsicht: Oh Mist, die sind in zwei Stunden da!

Ist das in der Reihenfolge mit der Ananas und dem ZDF wirklich so passiert?

Mit dem ZDF ist tatsächlich so passiert, bei der Ananas war es aber kein LKW, sondern ein Schiff. Es ist über Tage ein Schiff verschollen, das Ananas geladen hatte und es war tatsächlich das einzige Schiff, das den europäischen Markt beliefern sollte in dem Zeitraum, sodass wir auch gar nicht von woanders zukaufen konnten.

Ihr probiert viel aus, seid ja jetzt auch mit eigenen Ablegern unterwegs – Tee, Orangen und Kaffee – habt ihr zu viel Zeit?

In der Tat ist es so, dass wir manchmal auch etwas zu viel probieren und uns dann wieder einfangen müssen. Aber das liegt auch daran, dass wenn man zehn Jahre etwas macht, das gut funktioniert, man nochmal eine neue Herausforderung haben möchte. Was liegt denn näher, als unseren Kunden, die unser Müsli kaufen, auch andere Themen rund um das Frühstück anzubieten?

Das kann man machen, wenn man ohne ein drittes, objektives Auge unterwegs ist. Also etwa einen Investor, der einen daran erinnert, dass es für alle Beteiligten besser ist, wenn man sich ein bisschen konzentriert und fokussiert. Wir hatten diese Narrenfreiheit, haben uns die letzten Jahre aber auch Gedanken über die Komplexität gemacht, die intern einen wahnsinnigen Aufwand verursacht.

Insofern sind das schöne Spielfelder und wir sind auch sehr zufrieden, gerade mit unserem Tee, aber wir werden jetzt nicht jedes Jahr zwei neue Sachen aufmachen.

Tree of Tea MyMuesli

Der Tee-Ableger von mymuesli: Tree of Tea (Bild: Tree of Tea/Flo Weichselbaumer)

Kannst du mal für die Leser eine Relation aufmachen zum Müsligeschäft?

Müsli ist mit Abstand das Produkt, das wir am meisten verkaufen. Das ist glaube ich auch nicht überraschend. Wir wollen genaue Zahlen eher für uns behalten, aber der Löwenanteil ist wirklich das Müsligeschäft.

Wie verteilen sich die anderen drei?

Von den anderen ist der Tee am stärksten. Das mit den Orangen ist ein nettes, witziges Business, was tatsächlich aus einer kurzfristigen Idee heraus entstanden ist. Wir dachten: Es kann doch nicht sein, dass O-Saft das leckerste Frischgetränk ist und man es doch so selten macht. So ist das entstanden. Das ist aber immer nebenher gelaufen, mit einer sehr kleinen Marge, die es auch kaum zulässt, Marketing zu machen.

Es wächst kontinuierlich, aber auf kleinem Niveau. Das ist die zweitkleinste Marke, die wir haben. Wir haben aber auch noch eine Zuckermarke, Le Chou, wo wir auf Kaffee abgestimmten Zucker anbieten. Beide sind aber verschwindend gering.

Oh!Saft Orangen MyMuesli

Oh!Saft – aus einer kurzfristigen Idee entstanden (Bild: Oh!Saft/Viktor Strasse)

Ihr tretet ja sehr unregelmäßig, aber in der jüngeren Vergangenheit etwas häufiger auch mit Investments auf. Ist das Geld-, Strategie- oder Leidenschafts-getrieben?

Es ist eine Mischung aus allem. Dass es sich in der Presse in letzter Zeit so gehäuft anfühlt, ist wirklich Zufall. Wir sind sehr bedacht mit dem, womit wir unsere Zeit verbringen und wo wir das wenige, was wir aus der Firma gezogen haben, anlegen wollen. Da muss vieles stimmen, dass wir uns engagieren. Wir machen das auch nie nur, um irgendwo Geld zu platzieren oder weil jemand Geld braucht, sondern wenn wir meinen, wir können einen Mehrwert liefern.

Worum es uns genauso geht, ist, mit dem Team gut zurecht zu kommen und dass es mit Spaß und Leidenschaft zu tun hat. Das ist dann weniger strategisch, sondern wir denken, dass es Spaß macht und es sich nach einer runden Sache anfühlt. Wir können durch unseren Input einen echten Wertbeitrag leisten.

Trotzdem machen wir das nur in den seltensten Fällen. Wir sind fernab, professionell zu investieren oder das noch so ausbauen zu wollen, wie es vielleicht andere in der Vergangenheit gemacht haben und es sicherlich auch wesentlich besser können als wir.

Wie feiert ihr drei denn eurer Zehnjähriges?

Tatsächlich wollen wir das diesmal ziemlich besonders feiern, also anders als die Jubiläen vorher und setzen da vor allem drauf, unsere Mitarbeiter mit einzubeziehen. Das ist auf jeden Fall eins der größten Learnings aus der ganzen Gründungsgeschichte und den letzten zehn Jahren: Mit den Mitarbeitern steht und fällt alles. Ohne sie wäre es noch nicht einmal über die ersten zwei Wochen hinaus gegangen. Klar wird es auch für Kunden ein paar nette Events geben, aber wir fokussieren uns auf unsere Mitarbeiter. Da wird es wahrscheinlich ein großes Sommerfest geben am Gründungsstandort Passau.

Letzte Frage: Hat Max Wittrock, euer Mitgründer, sein mymuesli-Tattoo endlich, dass er sich stechen lassen wollte, wenn ihr die Millionengrenze im ersten Jahr knackt?

Das ist immer mal wieder Thema, das er auch gerne verschweigt. Er hat sich jetzt darauf eingelassen, dass er es bei einem ganz bestimmten Tätowierer in Los Angeles machen lassen würde – wir sind allerdings seit zweieinhalb Jahren in der Terminfindung dafür. Phillip ist da noch am meisten hinterher. Aber ich glaube wirklich fest dran, dass es in den nächsten zehn Jahren noch passieren wird. Ich bin Optimist!

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Über den Autor

Tobias Gillen

Tobias Gillen ist seit August 2014 Chefredakteur und seit Mai 2015 Geschäftsführer von BASIC thinking. Erreichen kann man ihn immer per E-Mail oder in den Netzwerken.

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