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Start-up-Check! Sensape macht den Einkauf zum spaßigen AR-Erlebnis

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Das Leipziger Start-up Sensape analysiert Gesichter und spielt daraufhin passende Werbung aus. (Foto: Screenshot / YouTube)
geschrieben von Christoph Hausel

In der Serie „Start-up-Check!“ nehmen wir regelmäßig die Geschäftsmodelle von Start-ups unter die Lupe. Wer steckt hinter dem Unternehmen? Was macht das Start-up so besonders und was gibt es zu kritisieren? Heute: Sensape.

Start-ups. Das klingt nach Erfindergeist, Zukunftstechnologien, neuen Märkten. Doch in der Realität erweisen sich viele der Neugründungen leider oft als eine Mischung aus einer E-Commerce-Idee, planlosen Gründern und wackeligen Zukunftsaussichten.

Dabei gibt es sie durchaus: Die Vordenker, die an den großen Problemen tüfteln und Geschäftsmodelle revolutionieren. Diese zu finden und vorzustellen, ist die Aufgabe des Formats Start-up-Check. Heute: Sensape aus Leipzig.

Wer steckt hinter Sensape?

Sensape kommt aus Leipzig und wurde 2015 gegründet. Die drei Gründer sind Matthias Freysoldt (Head of Operations), Artur Lohrer (Head of Artificial Intelligence) und Justus Nagel (Head of Business Development). Freysoldt und Lohrer kennen sich bereits von der TU München, wo sie zusammen Robotik studierten.

Sensape will die Kundenansprache mit Augmented Reality (AR) revolutionieren. Das macht das Start-up über smarte Video-Displays, die, je nachdem wer vor ihnen steht, individualisierten Content ausspielen. Die Sensape-Produkte sind bereits marktreif und im Einsatz.

Das Start-up durchlief von Februar bis Juli 2015 den Accelerator der Handelshochschule Leipzig: das Spin Lab. Sensape wird vom Bundeswirtschaftsministerium und vom Europäischen Sozialfonds gefördert und hat außerdem beim Gründerwettbewerb IKT Innovativ gewonnen.

Was macht Sensape?

Das Start-up digitalisiert das Einkaufs- und Besuchererlebnis im stationären Handel und auf Messen. Sensape baut dafür smarte, digitale Werbebildschirme, die die Menschen, die vor ihnen stehen, analysieren und ihnen passenden AR-Content ausspielen.

Für den Handel bietet Sensape seine Visual Retail Solution an. Im Geschäft wird ein Aufsteller mit Video-Display aufgestellt – der Brand Ambassador. Dieser Aufsteller filmt den Raum vor ihm und die Bildverarbeitungssoftware analysiert die aufgenommenen Personen.

Dabei erkennt das Sensape-System das Geschlecht, das Alter und die Stimmung der Person. Außerdem kann der Brand Amabassador so eingestellt werden, dass er auf bestimmte Gesten und Objekte reagiert.

So können Kunden im Laden zum Beispiel ein Produkt in die Kamera halten und bekommen Informationen dazu ausgespielt. Im Einzelhandel ergeben sich so vor allem vielfältige Möglichkeiten für Direktmarketing.

Das System kann drauf reagieren, wenn ein Verbraucher ein bestimmtes Produkt in die Hand nimmt und eine darauf angepasste Werbung ausspielen, mit einem dazu passenden Artikel. Und noch mehr: der Aufsteller kann auch einen dazu passenden Rabatt-Coupon ausdrucken.

Doch nicht nur für Werbung und zur Information kann der Aufsteller eingesetzt werden. Bei den vorgestellten Einsatzmöglichkeiten sieht man, dass es auch um die Gestaltung des Kundenerlebnisses geht. Oder einfacher ausgedrückt: um Spaß.

Zum Beispiel blendet das System witzige Sprechblasen über den Köpfen der Verbraucher auf dem Bildschirm ein. Das klingt nach einer kleinen Spielerei, aber die Interaktionsquote ist auch bei solchen Aktionen riesig. Bis zu 70 Prozent der Angesprochenen lassen sich laut Sensape darauf ein.

Die Datenverarbeitung findet in der Cloud statt. Hier laufen die Nutzungsdaten zusammen, es werden Statistiken erstellt und vor allem: Hier lernt das System KI-basiert dazu. So kann es auch selbstständig und flexibel entscheiden, welche Werbung ausgespielt wird.

Das kleinere System von Sensape heißt Chimp. Es sieht simpler aus, als der Brand Ambassador. Im Grunde ist Chimp einfach ein digitaler Bildschirm. Er ist unter anderem für den Einsatz auf Messen ausgerichtet, auf denen es nicht um Abverkäufe geht.

Was macht Sensape so besonders?

Digital-Signage-Systeme sind im Einzelhandel schon Standard. Die digitalen Werbeschilder helfen bei der Conversion, weil die Inhalte flexibler angepasst werden können als auf analogen Werbematerialien.

Wenn es überraschend anfängt zu regnen, kann ein Schuhgeschäft zum Beispiel die Werbung für Gummistiefel ausspielen.

Doch bei den meisten im Einsatz befindlichen Systemen, handelt es sich um einfache Bildschirme, die Marketer bespielen. Smarte Systeme sind hingegen noch nicht verbreitet.

Es gab zwar in der Vergangenheit bereits erste aufsehenerregende Kampagnen, bei denen auch schon individualisierter Content über smarte Displays ausgespielt wurde. Mercedes Benz war hier bereits aktiv.

Aber darüber hinaus begegnen Verbraucher der Technologie bisher noch selten. Sensape bietet jetzt eine Lösung in diesem Bereich an, die sehr komplett anmutet.

Bei der Entwicklung zur Marktreife war Sensape außerdem sehr schnell. Zwar haben die Gründer vorher schon in dem Bereich geforscht und Projekte zum autonomen Fahren begleitet, doch von der Firmengründung zur Marktreife verging im Endeffekt nur ungefähr ein Jahr.

Die Ergebnisse sind darüber hinaus einfach überzeugend. Neben der Interaktionsquote von bis zu 70 Prozent gibt das Start-up an, dass die Umsätze der beworbenen Produkte um bis zu 900 Prozent wachsen.

Das geht darauf zurück, dass bei Sensape offenbar nicht nur die Technik im Fokus liegt, sondern auch das Einkaufsverhalten der Verbraucher.

Es ist einfach geschickt, wie die Entwickler mitdenken, dass nicht nur eine individualisierte Werbung ausgespielt wird, sondern auch gleich der passende Coupon zur Werbung ausgedruckt werden kann.

Gerade im Einzelhandelsbereich setzen die Gründer sehr zielsicher auf das, was für Händler zählt: Conversions. Da fügt sich bei Sensape vieles sehr gelungen zusammen.

Damit helfen sie auch dabei, die digitale Lücke zwischen stationärem und Online-Handel zu schließen. Sie bieten damit Erlebnisse in den Fußgängerzonen, die es online nicht gibt.

Außerdem sind die Anwendungsfelder der Technologie noch nicht erschöpft. Die KI-gestützte Bilderverarbeitung lässt sich auch für andere Analysen verwenden. Wenn schon Produkte erkannt werden, könnten irgendwann auch Self-Check-out-Kassen damit bestückt werden – oder ganz andere Anwendungsfelder.

Bei der Erkennung von Waldbrandgefahren oder zur Vermeidung von Panik bei Massenveranstaltungen könnten ausgereifte Bildanalysesysteme ebenfalls helfen.

Gibt es Kritikpunkte?

Von außen ist es schwierig, Kritikpunkte zu finden. Die Gründer waren sehr zielstrebig bei der Entwicklung und sie haben sich mit dem Einzelhandel auch eine sinnvolle Zielgruppe ausgesucht, weil hier schnell ein Return On Investment darstellbar ist.

Auf der anderen Seite fällt aber bei den auf der Website aufgeführten Kunden auf, dass Sensape offenbar hauptsächlich auf Messen eingesetzt wird und eben nicht im Einzelhandel.

Sollte das so bleiben, wäre das schade, denn gerade dort ist Sensape wirklich spannend. Als Promoter auf Messen ist die Technologie eher eine interessante Spielerei. Wenn aber Unternehmen durch die Technologie wirklich Geld verdienen, entfaltet sie ihre Wirkung.

Die Retail-Lösung ist entweder noch nicht bei den großen Händlern angekommen oder Sensape darf nicht darüber reden. Es wäre auf jeden Fall schöner, wenn ein größer Retailer mit an Bord wäre.

Fazit

Sensape hat sich schnell entwickelt und die Technologie scheint sehr ausgereift zu sein – jetzt müssen noch die großen Einzelhändler aufspringen. Das ist Sensape wirklich zu wünschen, vor allem weil die Verbraucher offenbar so positiv darauf reagieren.

Dabei bescheinigen zahlreiche Untersuchungen den deutschen Verbrauchern eigentlich oft eine gewisse Skepsis, wenn es um neue Technologien geht.

Vielleicht braucht es aber nur die richtige Lösung, um Deutschland von AR im Alltag zu überzeugen. Daumen drücken ist angesagt, dass das vielleicht ja Sensape gelingt.

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Über den Autor

Christoph Hausel

Co-Owner & Managing Director von ELEMENT C

Christoph Hausel, studierter Jurist und erfahrener Kommunikationsprofi, steht zahlreichen Acceleratoren / Inkubatoren und VCs als Mentor und Experte zur Seite: next media accelerator, initiiert von der dpa, MediaLab Bayern, Münchner Ideen-Inkubator für den digitalen Journalismus, Wayra, der Startup-Track von Telefónica und den STARTUP TEENS.

2002 gründete er die Kommunikationsagentur ELEMENT C. Damals als reine PR-Agentur konzipiert, fokussiert sich ELEMENT C seit 2005 auf die interdisziplinäre Verknüpfung von PR und Design, um ein langfristiges Markenbewusstsein zu schaffen.

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