Wirtschaft

Warum wachsen die Börsen eigentlich, obwohl die Wirtschaft leidet?

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DAX, S&P 500 und Co. haben bereits fast wieder ihr Vor-Krisenniveau erreicht. (Foto: Pixabay.com / StockSnap)
geschrieben von Christian Erxleben

Die Weltwirtschaft leidet enorm unter den Konsequenzen der Corona-Pandemie. Während die Arbeitslosenzahlen rund um den Globus steigen, erreichen die Kurse an den Börsen bereits das Vor-Krisenniveau. Wie lässt sich dieser Zwiespalt erklären? Eine Analyse.

Es ist für einen Großteil der Gesellschaft nur schwer verständlich, dass die Kurse an den Börsen rund um den Globus wieder ungeahnte Höhen erklimmen. Diese Entwicklung steht schließlich in direkter Diskrepanz zu den persönlichen Entwicklungen und Empfindungen der vergangenen Wochen und Monate.

So haben Millionen Menschen auf der Welt ihren Job verloren. Und auch in Deutschland müssen Millionen Bundesbürger mit Kurzarbeit und finanziellen Einschränkungen kämpfen. Viele kleine und lokale Betriebe stehen vor dem Aus und benötigen dringend staatliche Hilfe, um zu überleben.

Die Börsen spiegeln nicht den Zustand der Wirtschaft wieder

Wieso steigen also nationale und internationale Aktienindizes wie der DAX oder der US-amerikanische S&P 500 wieder an? Vergleicht man die Entwicklung der beiden genannten Kurse stellt man sogar fest, dass sie im Vergleich zum Vorjahreszeitraum im August 2019 sogar gewachsen sind. Wie geht das?


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Die erste und auch wichtigste Antwort ist: Die Börsen sind kein exaktes Spiegelbild der nationalen Wirtschaft. Das liegt vor allem daran, dass ein Aktienindex wie der S&P 500, der die Aktien der 500 größten börsennotierten US-amerikanischen Unternehmen umfasst, nach der Marktkapitalisierung gewichtet ist.

Was bedeutet Marktkapitalisierung?

Letztendlich ist die Marktkapitalisierung eine wirtschaftliche Kennzahl. Sie berechnet sich aus dem aktuellen Börsenkurs eines Unternehmens und der Anzahl, der sich im Umlauf befindenden Anteile eines Unternehmens. Dabei zählen die vom Unternehmen selbst gehaltenen Anteile nicht.

Wenn von einer Firma beispielsweise eine Million Aktien im freien Umlauf sind und sich der aktuelle Börsenwert auf 50 Euro beläuft, liegt die Marktkapitalisierung bei 50 Millionen Euro.

Die Rechnung lautet also: Börsenkurs x Anzahl der Aktien = Marktkapitalisierung

Wie wirkt sich die Marktkapitalisierung auf die Kurse an den Börsen aus?

Um nun zu verstehen, warum die Kurse an den Börsen steigen, während die lokale und nationale Wirtschaft am Boden liegt, müssen wir gedanklich den nächsten Schritt gehen. Oder anders ausgedrückt: Welche Unternehmen nehmen wir wahr und welche Unternehmen werden an der Börse gehandelt?

Im Bewusstsein aller Menschen sind derzeit beispielsweise kleine Restaurants, Cafés und Friseure, die kurz vor der Insolvenz stehen. Hinzu kommen dann auch große Konzerne wie beispielsweise in Deutschland die Lufthansa oder der Reiseveranstalter Tui.

Doch all jene Unternehmen – die kleinen wie auch die großen – sind – so hart es klingt – für die Kurse an den Börsen irrelevant. So sind zum Beispiel in den USA die Kurse von Fluggesellschaften im Vergleich zum Vorjahr um 55 Prozent eingebrochen. Der Einzelhandel hat sogar 62,6 Prozent seines Wertes verloren.

Das jedoch trifft einen Index wie den S&P 500 überhaupt nicht. Fluggesellschaften sind dort mit 0,18 Prozent gewichtet. Der Einzelhandel sogar nur mit 0,01 Prozent. Letztendlich sagen uns die Börsen also, dass diese Branchen unwichtig sind. Dem ist natürlich nicht so. Doch die Anleger denken anders.

Zum Vergleich: Wenn man die zehn größten Technologie-Unternehmen im S&P 500 gleich gewichtet, kommen sie auf einen Anteil von 37 Prozent. Bei ebenfalls gleicher Gewichtung kommen die nächsten 490 Unternehmen nur auf 7,7 Prozent.

Was bedeutet das für die Gesellschaft?

Aus dieser Analyse lassen sich mehrere Erkenntnisse gewinnen. Einerseits zeigt sich beispielsweise, dass die großen Technologie-Konzerne dieser Welt durch ihre unfassbar hohe Marktkapitalisierung einen Großteil der globalen Börsen dominieren.

Sobald es in diesem Sektor einen wirtschaftlichen Aufschwung gibt – und das ist aktuell durchaus der Fall – ziehen die gesamten Kurse an den Börsen an, weil Amazon, Google und Co. eben so stark gewichtet sind.

Andererseits ist es durchaus verständlich, warum viele Menschen glauben, dass sich die Börsen von der Gesellschaft abgekoppelt haben.

Denn eigentlich lautet für den durchschnittlichen Bürger die Botschaft: Solange es einigen wenigen Konzernen gut geht, wächst die Wirtschaft. Wie es dabei dem Einzelnen geht, ist für den finanziellen Aufschwung nicht wirklich relevant.

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Über den Autor

Christian Erxleben

Christian Erxleben ist seit Ende 2017 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Ressortleiter Social Media und Head of Social Media bei BASIC thinking tätig. Sein Weg zu BASIC thinking führte über die Nürnberger Nachrichten, Focus Online und die INTERNET WORLD Business. Beruflich und privat liebt und lebt er Social Media.

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