Wirtschaft

Amazon-Gewerkschaft: Großes Zittern um historische Abstimmung

Amazon, Lagerhaus, Pakete
In Alabama geht die Gewerkschaftsabstimmung in einem Lagerhaus von Amazon in die entscheidende Phase. (Foto: Amazon)
geschrieben von Marinela Potor

Kommt die erste Amazon-Gewerkschaft in den USA oder kommt sie nicht? Die Auszählung der historischen Abstimmung hat am Dienstag begonnen und die Nerven liegen bei allen blank.

Gestern stimmten die letzten Angestellten im Lagerhaus Bessemer im US-Bundesstaat Alabama darüber ab, ob sie eine Amazon-Gewerkschaft gründen wollen. Am gestrigen Dienstag hat die Auszählung der Stimmen begonnen.

Das Ergebnis wird mit großer Spannung erwartet. Denn es könnte nicht nur die Situation von Amazon-Angestellten verändern, sondern auch von Angestellten in Konzernen im ganzen Land.


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Möglicherweise erste Amazon-Gewerkschaft in USA

Rund 5.800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben seit Anfang Februar per Briefwahl abgestimmt. Im Zentrum steht die Frage, ob die Amazon-Angestellten im großen Lagerhaus in Bessemer eine Gewerkschaft gründen wollen.

Für Amazon ist es seit 2014 die erste Gewerkschaftswahl in den USA. Damals stimmten rund 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Delaware gegen eine Gewerkschaftsgründung.

Tatsächlich hat keine einzige Amazon-Stätte in den USA eine Gewerkschaft. Das ist durchaus erstaunlich. Denn Amazon ist mit rund 800.000 Angestellten der zweitgrößte private Arbeitgeber im Land.

Entsprechend hat die aktuelle Abstimmung zur Amazon-Gewerkschaft in Alabama für Aufregung gesorgt. Zu den prominenten Befürwortern der Gewerkschaftsbildung zählen unter anderem US-Präsident Joe Biden, Schauspieler Danny Glover und sogar der republikanische Senator Marco Rubio.

Amazon wiederum hat mit allen Mitteln gegen die Gewerkschaftsgründung gekämpft.

Mit diesen Tricks wollte Amazon Gewerkschaft verhindern

Für große Konzerne wie Amazon bedeuten Gewerkschaften in der Regel striktere Auflagen, sei es beim Gehalt, bei den Arbeitsbedingungen oder Kündigungen.

So hat der Konzern auch kein Geheimnis daraus gemacht, dass man eindeutig gegen eine Gewerkschaftsbildung sei. In einem Statement sagte Amazon, die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bräuchten keine Gewerkschaft.

Unsere Angestellten entscheiden sich dafür bei Amazon zu arbeiten, weil wir überall dort, wo wir einstellen, einige der besten Jobs anbieten.

Es blieb aber nicht bei öffentlichen Erklärungen. Das Unternehmen hatte noch einige andere Tricks auf Lager, um die drohende Amazon-Gewerkschaft zu verhindern.

Dazu gehören:

  • Amazon wollte eine Präsenz-Abstimmung statt der geforderten Briefwahl durchsetzen, trotz Coronavirus, um so möglicherweise einige davon abzuhalten zu wählen.
  • Anfangs verpflichtete Amazon Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Bessemer zu „Informationssitzungen“ zu kommen, in denen ihnen erklärt wurde, dass die Amazon-Gewerkschaft nicht notwendig sei. Diese Sitzungen wurden später gesetzlich verboten.
  • Daraufhin hängte die Unternehmensführung im Lager überall Anti-Gewerkschaftsplakate auf, sogar auf den Toiletten.
  • Manager fragten regelmäßig Angestellte, ob sie schon abgestimmt hatten.
  • Es tauchte ein Stimmkasten auf dem Werksgelände auf, bei dem sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fragten, ob Amazon die Abstimmenden ausspionieren wolle.
  • Die Wartezeit bei einer roten Ampel vor dem Werk wurde auf Anfrage von Amazon verkürzt. Einige vermuteten, dass man damit die Gewerkschaft RWDSU davon abhalten wollte, bei Rot mit den Angestellten zu sprechen.

Gleichzeitig hat natürlich auch die RWDSU versucht, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von einer Gewerkschaftsgründung zu überzeugen.

Angst vor dem Gewerkschaftstrend

Im US-Bundesstaat Alabama, wo das Lagerhaus sich befindet, haben Angestellte das Recht entweder für oder gegen eine Gewerkschaftsgründung im Betrieb zu stimmen.

Da sich in einer Petition im November 2020 bereits die Hälfte aller Angestellten für eine Gewerkschaftsgründung ausgesprochen hatte, könnte das Ergebnis durchaus Pro-Gewerkschaft ausfallen.

Damals hatten sich Angestellte, nur wenige Monate nach dem das Werk eröffnet wurde, an die Gewerkschaft RWDSU gerichtet, weil sie die bestehenden Konditionen rund um Arbeitsplatzbedingungen, Disziplinarmaßnahmen sowie Kündigungsregelungen verbessern wollten.

Ein derartiges Ergebnis hätte große Signalwirkung. Einmal könnte es andere Amazon-Angestellte dazu motivieren, Gewerkschaften zu gründen.

Und dann könnte sich der Trend auch bei anderen großen Arbeitgebern in den Südstaaten durchsetzen. Unter anderem wären davon auch deutsche Autobauer wie Daimler und Volkswagen betroffen, die dort Fabriken haben.

Deutsche Autobauer könnten betroffen sein

Es ist kein Zufall, dass Konzerne ihre Produktionsstätten gerne in den Südstaaten der USA installieren. Denn hier gibt es traditionell eine starke Anti-Gewerkschaftshaltung. In einem Mercedes-Benz-Werk scheiterte beispielsweise der Versuch, eine Gewerkschaft zu bilden.

Gewerkschaften sind in den USA ohnehin sehr viel seltener als man es von europäischen Ländern wie Frankreich oder Deutschland gewohnt ist. In ihrer Entstehungsgeschichte wurden sie mit dem feindlichen Sowjet-Kommunismus gleichgesetzt und hatten entsprechend wenig Tragweite.

Das gilt insbesondere im konservativeren Süden der USA, wobei Alabama hier der Staat mit den meisten Gewerkschaften ist.

Amazon-Gewerkschaft: Auszählung per Videostream

Das Ergebnis wird deshalb mit größter Spannung von beiden Seiten erwartet. Dienstag startete die Auszählung der Stimmen. In einer ersten Runde zählt die Arbeitsrechtsagentur National Labor Relations Board die Stimmen per Videostream.

Sowohl die Gewerkschaft als auch Amazon-Vertreter sind anwesend. Die Namen der einzelnen Angestellten werden vorgelesen. Dann hat jede Seite theoretisch das Recht jede einzelne Stimme anzuzweifeln. Entsprechend erwarten Beobachter, dass die Auszählung mehrere Tage dauert.

In einer zweiten Runde schließlich dürfen dann Vertreter der Presse die Abstimmung per Videostream anschauen. In dem Fall werden aber die Ja- und Nein-Stimmen anonym verlesen.

Amazon glaubt nicht, dass die Gewerkschaft RWDSU die Mehrheit seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Alabama vertritt.

Eine dieser Mitarbeiterinnen jedoch ist Jennifer Bates. Sie sagte gegenüber dem Radiosender NPR: „Es könnte ein wunderbarer Arbeitsplatz sein, aber es gibt einige Dinge, die repariert werden müssen.“  Deshalb habe sie für eine Amazon-Gewerkschaft gestimmt.

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin mit einer Leidenschaft für alles, was mobil ist. Sie selbst pendelt regelmäßig vorwiegend zwischen Europa, Südamerika und den USA hin und her und berichtet über Mobilitäts- und Technologietrends aus der ganzen Welt. Seit 2016 ist sie Chefredakteurin von Mobility Mag.

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