Technologie Wirtschaft

Outstaffing statt Outsourcing: Welche Vorteile das New-Work-Modell bringt

Lionel Born, L-One Systems, Outstaffing vs Outsourcing
Lionel Born, Gründer und Geschäftsführer von L-One Systems.
geschrieben von Christian Erxleben

Wenn Unternehmen gewisse Aufgaben nicht selbst lösen können, lagern sie diese oftmals aus. Doch neben dem klassischen Outsourcing gibt es auch noch das Outstaffing. Dieses bietet als New-Work-Modell allen Beteiligten mehr Sicherheit im Job-Alltag. Ein Interview.

Jeden Tag werden Unternehmer:innen mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Wie kann ich meine Social-Media-Inhalte auf der Website einbinden? Wie gelingt es mir, dass die Smart-Home-Anwendung meines Produkts reibungslos funktioniert?

Fragen wie diese treten regelmäßig auf. Wenn das eigene Know-how nicht groß genug ist, führt der Weg in der Regel zum Outsourcing. Anfallende Aufgaben werden mit externen Dienstleistern geregelt, die Projekte übernehmen und abschließen.

Dabei entstehen jedoch auch oftmals Probleme. Probleme, die Lionel Born, Gründer und Geschäftsführer des Software-Entwicklers L-One Systems umgeht. Im Interview (und in seinem E-Book „Digitale Ideen zum Erfolg führen„) erklärt er, wie er das macht und was das New-Work-Modell des Outstaffing damit zu tun hat.

Lionel Born, L-One Systems, Outstaffing vs Outsourcing

Lionel Born, Gründer und Geschäftsführer von L-One Systems.

Das Geschäftsmodell von L-One Systems

BASIC thinking: Lionel, schön dich zu treffen. Erkläre uns doch einfach mal, was deine Firma L-One Systems von anderen Software-Entwicklern und Digitalisierungsunternehmen unterscheidet.

Lionel Born: Zwischen der Programmierung und dem Anwender steht ein Geschäftsmodell – das unseres Kunden. Ganz früh haben wir uns daher der Idee der Co-Creation verschrieben: Wir sind Partner unserer Kunden und nicht irgendein Sourcing-Anbieter.

Wir liefern also nicht einfach Code, sondern wir wollen internes und externes Team miteinander verzahnen und wirklich verstehen, was der Kunde mit der Software eigentlich bezwecken will. In seinem Produkt, im Markt und bei seinen Kunden.

Mindestens ebenso wichtig ist unsere Unternehmenskultur, der respekt- und vertrauensvolle Umgang miteinander, den wir als Voraussetzung betrachten, um diese Werte auch in der Zusammenarbeit mit unseren Kunden zu leben.

All diese Punkte unterscheiden uns als Entwicklungsdienstleister in diesem Outsourcing-, Offshoring-, Remote-Business – dazu kommt unser Outstaffing-Ansatz.

Ihr habt Euch auf die Fahne geschrieben, individuelle Software-Lösungen für jede Einsatzmöglichkeit zu erschaffen. Wie gelingt euch das?

Wir haben mittlerweile drei grundlegend unterschiedliche Richtungen für Entwicklungsmodelle ausgemacht, die sich im Markt ergeben:

  1. Entwicklungsunterstützung: Wir können als dauerhafter Entwicklungspartner mit einer verlängerten Werkbank dazukommen und neben Manpower auch Technologie-Know-How einbringen.
  2. Entwicklungsprojekt: Wir hinterfragen, ob die zu entwickelnde Software auch wirklich das gewünschte Ergebnis liefern kann. Wir sind Entwicklungs- und gleichzeitig Sparringspartner.
  3. Innovationsprojekt: Wir unterstützen Unternehmen, die völlig fremd im Bereich der Software sind. Zum Beispiel in Branchen, wie dem klassischen Maschinenbau oder der Pharmabranche, liefern wir häufig schlüsselfertige Software.

Unser Ansatz in allen drei Entwicklungsmodellen ist, dass unser Team die Möglichkeit hat, in die Domäne des Kunden einzutauchen und den Anwender der Software zu verstehen.

Die Nachteile von Outsourcing

Viele Technologie-Firmen arbeiten mit externen Spezialisten und Teams zusammen. Das Stichwort dazu lautet: Outsourcing. Was gefällt dir daran nicht?

Ich habe überhaupt nichts gegen das Outsourcing. Entscheidend ist nicht das Entwicklungsmodell, das man wählt, sondern der Anbieter, dem man seine Software-Entwicklung anvertraut. Wirtschaftlich zu denken ist völlig OK. Häufig werden aber schlechte Qualität, schwierige Kommunikation und Zielkonflikte mit Outsourcing-Anbietern an uns herangetragen.

Ein ganz klassisches Beispiel: Die zu entwickelnde Software ist für den Auftraggeber Kernbestandteil für das eigene Business. Für den Entwicklungsdienstleister ist es hingegen nur eines unter vielen Projekten.

Wir haben auch im Ausland Offshoring-Anbieter gesucht und viele verschiedene Ansätze, die ich überhaupt nicht schlecht reden will und die durchaus funktionieren können, getestet. Irgendwann war klar: Die Entwicklersuche war zwar gelöst aber ihre Agenda war nicht meine Agenda: das bestmögliche Software-Produkt zu entwickeln.

Wie hast du das Problem gelöst?

Viele Start-ups oder KMUs, die ich kenne, mussten ihre Software nochmal umbauen, weil sie merkten, dass am Anfang die falsche Technologie oder der falsche Tech-Stack eingesetzt wurde – und mit der Skalierung kommen Zuverlässigkeit und neue Qualitätsaspekte dazu.

Dafür braucht es dann eine andere IT-Projektstruktur. Allerdings sollte der Fokus auf dem Business selbst liegen, dem Markt und dem Customer-Fit. Hier wird ein Entwicklungspartner benötigt, der nicht einfach nur die 200 Manntage abarbeitet, auf die man sich geeinigt hat.

Unser Offshore-Team ermöglicht es unseren Kunden, vergleichsweise günstig, vor allem aber orientiert Fahrt aufzunehmen, um validierte Geschäftsmodelle zu skalieren.

Was ist Outstaffing?

Du hast dich bei L-One Systems für das sogenannte Outstaffing entschieden. Was steckt dahinter?

Outstaffing ist eine hier in Deutschland eine noch relativ unbekannte Form des Outsourcings. Beim Outstaffing sind die Inhouse-Entwickler des Auftraggebers direkt mit dem Entwicklungsteam des Auftragnehmers verbunden. Dieses Setup wird auch als verlängerte Werkbank bezeichnet und bildet die Voraussetzung für eine enge und produktive Zusammenarbeit.

Anders als beim Outsourcing bleibt die technische Leitung der Software-Entwicklung im Haus des Auftraggebers. Die Entwicklungspower des Dienstleisters verstärkt das interne Entwicklerteam und die Software-Entwicklung kann skalieren.

Unsere Outstaffing-Kunden profitieren neben der engen Verzahnung der Teams auch vom Zugang zu einem großen Pool von qualifizierten Entwicklern mit einer Vielzahl von Spezialgebieten (IT-Stacks).

Der schnelle und gleichzeitig nachhaltige Anschluss an digitale Ökosysteme unter der eigenen Leitung ist wohl der größte Vorteil des Outstaffing-Modells.

Die Unterschiede zwischen Outsourcing und Outstaffing

Wo liegen die größten Unterschiede zwischen dem Outsourcing und Outstaffing?

Beim Outsourcing der Software-Entwicklung beauftragt ein Unternehmen ein anderes Unternehmen, ein Projekt vom Anfang bis zum Ende durchzuführen.

Beim Outstaffing verfügt das Unternehmen über ein internes Entwicklerteam, das es im Sinne einer verlängerten Werkbank, mit den Entwicklungsdienstleistungen des Outsourcing-Auftragnehmers erweitert.

Beide Modelle sorgen für die Skalierung der Software-Entwicklung, wenn nicht genug Inhouse-Entwickler vorhanden sind (Outstaffing), oder ein Unternehmen kein eigenes Know-how zur Software-Entwicklung wünscht (Outsourcing).

Entscheidend für den Erfolg jedes IT-Projekts ist es, dass vor dem Projektbeginn Argumente für oder gegen Outsourcing oder Outstaffing geprüft werden. Der Erfolg des Projekts hängt wesentlich davon ab, ob das gewählte Entwicklungsmodell zum eigenen Unternehmen passt. Dies kann in Form von Outsourcing oder Outstaffing ablaufen.

Die (wirtschaftlichen) Folgen von Outstaffing

Du hast also ein festes Remote-Team, das immer für dich arbeitet. Was machst du denn, wenn du gerade keinen Bedarf hast? Dann musst du deine Mitarbeiter ja trotzdem bezahlen.

Natürlich müssen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zuverlässig ihr Gehalt bekommen. Es geht hier nicht um dreißig Kollegen in Damaskus, sondern um dreißig Familien. Beide Standorte machen uns aus. Wer mit uns zusammenarbeitet, arbeitet mit einem gesamten IT-Unternehmen zusammen.

In Damaskus haben wir unsere Firmenstruktur so aufgebaut, dass Mitarbeiter, auch wenn sie gerade nicht aktiv an einem Projekt arbeiten, sich durch die agile Matrixstruktur, in der wir organisiert sind, mit anderen Kollegen projekt- und stackübergreifend austauschen können.

Sie sind immer produktiv und tragen aktiv zur Weiterentwicklung unserer Servicepakete für unsere Kunden bei. Viele unserer Kunden betreuen wir so über Jahre.

L-One Systems ist in Darmstadt beheimatet. Das Remote-Team sitzt in Damaskus. Warum ist das so?

Wir haben das Offshore-Team in Damaskus im Frühjahr 2018 gegründet. Mein Mitarbeiter Feras stammt aus Syrien. Er war über ein Stipendium nach Darmstadt gekommen. Als wir wieder nach Entwicklern gesucht haben und wieder niemanden gefunden haben, hat er vorgeschlagen, ein Büro in Damaskus aufzumachen.

Die Damaskus University ist eine der Top-Universitäten im IT-Bereich im arabischen Raum. Die IT-Abschlüsse werden in Deutschland ohne weitere Prüfung anerkannt.

Mein Problem war gelöst. Ich hatte jetzt Entwickler, die auch noch sehr bezahlbar waren, sodass ich im Prinzip jedes Feature, das ich mir für unsere eigene Software ausgedacht hatte, umsetzen konnte. Wir haben über Künstliche Intelligenz nachgedacht – und ein KI-Team gegründet.

Aus unserer eigenen Geschichte haben wir gelernt, dass es für die erfolgreiche Zusammenarbeit nicht entscheidend ist, wo die Teams sitzen, sondern, wie die Zusammenarbeit im Projekt organisiert wird.

Deutschland hat zu wenige IT-Fachkräfte

Gibt es in Deutschland zu wenige Fachkräfte in den Bereichen Software, IT und Künstliche Intelligenz?

Ja. Zu wenige, um den Berg an Digitalisierungsaufgaben zu meistern, der vor uns steht. Laut einer Bitkom-Studie gab es in Deutschland allein im letzten Jahr fast 90.000 offene IT-Stellen.

Das hat sich auch in der Corona-Zeit nicht geändert. Jetzt, wo ein Digitalisierungsruck durchs Land geht, wirkt sich dieser Entwicklermangel umso stärker auf Unternehmen aus, die die Digitalisierung vorantreiben wollen.

Software-Entwickler braucht heute jedes Unternehmen. Selbst wenn du eine Waschmaschine baust, ist dort auch Software drin, vernetzt und im WLAN. Dafür braucht es Software-Entwicklung mit guten Programmierern und davon haben wir vor Ort im Moment einfach nicht genug.

Wie bist du auf die Idee gekommen, ein festes Remote-Team aufzubauen? Oder anders gefragt: Was spricht gegen Arbeitsplätze am Standort in Deutschland?

Gegen Arbeitsplätze in Deutschland spricht selbstverständlich gar nichts. Ich gehe sogar davon aus, dass die Digitalisierung viele Arbeitsplätze in Deutschland schafft. Nur ist der deutsche Entwicklermarkt derzeit leergefegt.

Ich glaube, dass viele Unternehmen da draußen sind – gerade im mittelständischen und Gründerbereich – die enorm innovative Geschäftsmodelle haben und damit neue Arbeitsplätze schaffen könnten, wenn sie nicht durch den Fachkräfte-Flaschenhals müssten.

Fortbildungen als Mitarbeiter-Benefit

Durch bezahlte Weiterbildungen sorgt L-One Systems dafür, dass alle Remote-Angestellten immer auf dem aktuellsten Stand bleiben. Wie hoch ist die Fluktuation in deinem Team?

Die Fluktuation ist sehr niedrig, sowohl in Darmstadt als auch in Damaskus. Mein Fokus in den letzten Jahren war unter anderem, L-One zu einem sehr attraktiven Arbeitgeber zu machen. Bei uns arbeiten Mitarbeiter nicht einfach nur in einem Job. Bei L-One haben unsere Mitarbeiter die Möglichkeit, eine Karriere aufzubauen.

Unter anderem liegt das auch daran, dass wir zehn Prozent unserer Arbeitszeit – also einen halben Tag pro Woche  in die Fortbildung stecken. Ob eine Mitarbeiterin diese Zeit in die technische Weiterentwicklung steckt, neue Projektmanagement-Skills erlernt oder sich eine neue Sprache aneignet, bleibt ihr überlassen.

Fachlicher Austausch findet in den sogenannten Squad Meetings statt, in denen Experten eines Tech-Stacks zum Beispiel in der Frontend-Entwicklung, als Junior-Entwickler von der Erfahrung der Senior-Entwickler profitieren können. Davon haben alle etwas, Team und Kunden.

Woran Remote-Teams im Arbeitsalltag scheitern

Welchen Ratschlag würdest du einem Unternehmen geben, das auch damit beginnen möchte, ein ortsunabhängig arbeitendes Team als Ergänzung zur festen Belegschaft aufzubauen?

Darüber haben wir in den letzten Jahren viel gelernt (lacht). Ein Remote-Team lebt von Vertrauen, vom Netzwerken und der Nähe zu Talenten. Wir beraten auch Unternehmen, die darüber nachdenken, ein eigenes Offshore-Team zu gründen, worauf sie dabei achten müssen.

Hier sind die aus unserer Sicht häufigsten Gründe, warum Projekte mit externen, aber auch mit internen Remote-Teams scheitern:

  • Gegenläufige, schlecht abgestimmte Projektziele
  • Intransparenz und unrealistische Erwartungen
  • Indirekte Kommunikation mit dem Entwicklertea
  • Kein Customer-Success-Management vor Ort
  • Sprachbarrieren verursachen Missverständnisse
  • Asynchrone Arbeit aufgrund von Zeitverschiebung

Das heißt im Umkehrschluss: Unternehmen haben es durchaus selbst in der Hand, eigene, effektive Offshore-Entwicklungspartner aufzubauen.

Vielen Dank für das Gespräch, Lionel!

Auch interessant:

Über den Autor

Christian Erxleben

Christian Erxleben ist seit Ende 2017 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Ressortleiter Social Media und Head of Social Media bei BASIC thinking tätig. Durch seine Arbeit im Social-Media- und Marketing-Ressort der INTERNET WORLD Business, am Newsdesk von Focus Online und durch sein Journalismus-Studium sowie sein redaktionelles Volontariat hat er in den Bereichen der Redaktion und des Social Media Managements mehrjährige, fundierte Erfahrung gesammelt. Beruflich und privat beschäftigt er sich mit Social Media, New-Work-Konzepten und persönlicher Entwicklung.

Kommentieren