Wirtschaft

Transparente Löhne? Warum in Deutschland das Gehalt ein Tabu-Thema bleibt

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geschrieben von Christian Erxleben

In Deutschland ist das Gehalt ein absolutes Tabu-Thema. Transparente Löhne oder sogar ein Gehaltsvergleich? In den meisten Unternehmen ist das unvorstellbar. Im Interview mit Pirathipan Nanthakumar sprechen wir darüber, wie wir Gehaltstransparenz etablieren können.

Weißt du, wie viel Geld dein Kollege verdient? Weißt du, wie hoch das Gehalt deiner neuen Mitarbeiterin ist? In Deutschland lautet die Antwort auf diese Fragen in der Regel: Nein. Doch insbesondere die jungen Generationen treten für mehr Gehaltstransparenz und einen öffentlich einsehbaren Gehaltsvergleich ein.

Pirathipan Nanthakumar hat mit seiner Firma eine Künstliche Intelligenz entwickelt, die den Wert eines jeden Arbeitnehmers ermittelt. Außerdem setzt er selbst auf transparente Gehälter. Daher haben wir ihn zum Interview getroffen und über die Chancen und Risiken von mehr Transparenz beim Lohn gesprochen.

Grundlage für Gehaltsvergleich: deutsche Arbeitsmarktdaten

BASIC thinking: Pirathipan, erkläre uns doch zunächst einmal kurz, was Slected.me (so besonders) macht?

Pirathipan Nanthakumar: Auf Slected.me können Arbeitnehmer:innen erstmals ihren exakten Gehaltswert mittels Künstlicher Intelligenz nicht nur für sich selbst berechnen, sondern sich auch direkt mit anderen Nutzer:innen auf der Plattform vergleichen. Hier sind wir weltweiter Pionier.

Auf den gängigen Gehaltsplattformen bekommen Arbeitnehmer:innen lediglich eine Gehaltsrange angezeigt, die meist aus weniger als sechs Parametern gewonnen wird. Unsere Künstliche Intelligenz ermittelt Menschen ihren exakten Marktwert mithilfe von 50 Parametern.

Wie genau funktioniert das?

Unsere Künstliche Intelligenz analysiert neben dem beruflichen Werdegang unserer Nutzer:innen, auch ihre Hard- und Soft Skills, ihre Ausbildung und weitere Parameter, um den Marktwert des Nutzers exakt errechnen zu können. Dazu ist sie in der Lage, weil sie mit realen Arbeitsmarktdaten aus Deutschland trainiert wurde.

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Pirathipan Nanthakumar, Gründer und CEO von Slected.me.

Den passenden Bewerber in 10 Minuten finden

Und wie kann ich als Jobsuchender und Arbeitnehmer von eurer Technologie profitieren?

Arbeitnehmer:innen bietet Slected.me neue Karriere-Chancen durch den Fokus auf ihre individuellen Fähigkeiten und Erfahrungen. Dabei bringen wir sie mit Unternehmen zusammen, die ihnen die gewünschten Entwicklungsmöglichkeiten bieten.

In der neuen Arbeitswelt geht es nicht mehr nur um Berufsbezeichnungen. Jobsuchende werden auf Slected.me mit ihren Fähigkeiten und Erfahrungen in verschiedenen Branchen und Märkten abgeglichen. Danach erst sprechen sie mit Arbeitgeber:innen über die Stellenbezeichnung.

Die Plattform gibt auch Zugang zu anderen Nutzer:innen mit ähnlichen beruflichen Qualifikationen und Werdegängen, wodurch individuelle neue Karriere-Perspektiven aufgezeigt werden.

Ende 2021 launchen wir unseren Karriere-Coach Infinity. Als neuer Karriere-Buddy sagt er Arbeitnehmer:innen und Jobsuchenden objektiv, wo sie sich exakt auf ihrer Karriereleiter befinden und wo die berufliche Reise individuell hingehen kann.

Wie ist es um Arbeitgeber und Unternehmen bestellt?

Unternehmen helfen wir dabei, den geeigneten Kandidaten für die ausgeschriebene Stelle mithilfe von Soft-Skill-Matching innerhalb von zehn Minuten zu finden.

Headhunter müssen auf Slected.me keine Massennachrichten mehr an Tausende Menschen wie auf LinkedIn verschicken, sondern matchen passende Kandidat:innen mit wenigen Klicks.

Personalvermittler:innen bekommen erstmals Zugang zu Talenten, die eine ausgeschriebene Stelle in naher Zukunft matchen werden, weil sie sich gerade auf dem Karrieresprung dorthin befinden.

Auf Slected.me kommt es zu keinen falschen Erwartungen zwischen Bewerber:innen und Personalvermittler:innen: Es wird von Anfang an transparent über das Gehalt, die Fähigkeiten sowie Wachstumsmöglichkeiten gesprochen.

Wir wollen Unternehmen dabei unterstützen, eine transparente und objektive Lohnkultur aufzubauen, die in der neuen Arbeitswelt – besonders bei jüngeren Generationen – schon heute erwartet wird.

Die Daten für einen transparenten Gehaltsvergleich

Eine KI kann nur so gut sein, wie die Daten, mit denen sie gefüttert wird. Auf welche Daten greift ihr dabei zurück?

Wir haben unsere Künstliche Intelligenz mit zahlreichen Quellen in Bezug auf den deutschen Arbeitsmarkt gefüttert. Dabei haben wir sichergestellt, dass unsere Daten keine Vorurteile enthalten, wie Informationen über Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Alter und Co. Unsere KI ist fair und kennt keine Diskriminierung.

Sind diese für Deutschland und für alle Berufsgruppen repräsentativ?

Wir fokussieren uns gerade auf die Berufsgruppen ITler, BWLer sowie auf kaufmännische Berufe im akademischen Bereich. Unsere Künstliche Intelligenz wird sukzessive gefüttert. Schon Anfang 2022 werden wir weitere wichtige Berufsklassen ansprechen beziehungsweise ihren Gehaltswert berechnen können.

💰 Wirst du fair bezahlt?

Vergleiche dein Gehalt in wenigen Sekunden mit dem kostenlosen Gehaltsvergleich von Gehalt.de. Dort siehst du auf einen Blick, was andere in deiner Branche verdienen.

Für den transparenten Gehaltsvergleich analysiert ihr laut eigener Aussage 50 Parameter. Welche gehören dazu?

Die äußerlichen bekannten sind die Soft- und Hard-Skills, Berufserfahrung, Region, Alter und Bildungsgrad. Zusätzlich berechnet unsere KI, wie hoch die Nachfrage und das Angebot eines Jobs ist – und sogar die Inflationsrate. Der Rest gehört zum Betriebsgeheimnis, das wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht öffentlich darlegen möchten.

Und wie setzt ihr die einzelnen Kategorien ins Verhältnis zueinander? Sind Qualifikationen wichtiger als Soft Skills oder Berufserfahrung?

Pauschal ist die Frage schwer zu beantworten. Bei Vertriebsmitarbeiter:innen wird zum Beispiel mehr auf die Softskills geachtet als auf die reine Qualifikation. Im Management hingegen geht es sehr stark um die Erfahrung. Dabei hilft unsere Künstliche Intelligenz, die Relevanz einzelner Faktoren präzise zu erkennen.

Gehaltstransparenz in Deutschland und der Welt

Euer Ziel ist ein guter Gehaltsvergleich, der zudem die Gehaltstransparenz fördert. Wie sind wir bei diesem Punkt in Deutschland aufgestellt? Wie steht Deutschland mit Blick auf die Gehaltstransparenz im weltweiten Vergleich dar?

Das Thema Gehalt wird in Deutschland immer noch wie ein Staatsgeheimnis behandelt. Allerdings gehen Generationen, die im Internet-Zeitalter aufgewachsen sind, viel offener mit damit um. Eine aktuelle Studie zeigt, dass jüngere Generationen endlich das Eis brechen und offen über ihr Gehalt sprechen wollen.

In vielen Ländern wie Norwegen ist öffentlich einsehbar, was andere verdienen. Auch andere Industrieländer haben überhaupt kein Problem, über das Thema Gehalt öffentlich zu sprechen oder zu diskutieren.

Wir Deutschen hinken hier mal wieder hinterher. Wir möchten das Thema europaweit enttabuisieren und Arbeitnehmer:innen durch transparente Gehälter Orientierung am Arbeitsmarkt geben. In unserer neuen Arbeitswelt stellen wir damit die Weichen für faire Entlohnung.

Von welchen Ländern können sich Geschäftsführer und Unternehmen etwas abschauen?

Um beim Thema Transparenz zu bleiben, auf jeden Fall bei Finnland und Schweden. Die legen zum Beispiel ihre Gehälter komplett öffentlich per Gesetz. Laut Statistik zeigen diese Länder weniger Ungleichheiten und der Gender-Pay-Gap ist kaum Thema. Wir könnten also den Gender-Pay-Gap ganz einfach durch Transparenz über Nacht schließen.

Die Vorteile und Nachteile von transparenten Gehältern und Lohnmodellen

Woher kommt es, dass der offene Gehaltsvergleich in Deutschland so selten ist?

Es wurde kulturbedingt über Generationen weiter gegeben, dass Geld ein Tabuthema ist und das Einkommen erst recht. Seit der Industrialisierung haben Unternehmen sowie Wohlhabende versucht, deren Vermögen so gut wie möglich geheim zu halten, um sich vor Raub, Plünderung und Enteignung der herrschenden Regierung zu schützen.

Heute sind wir aber ein Sozialstaat, heute schützen wir uns höchstens vor Neid und Kritik gegenüber weniger Verdienenden. Das Problem dabei ist, dass viele Menschen in Ungewissheit bleiben, welche Möglichkeiten es für sie gäbe, ihren Gehaltswert einfach zu steigern.

Ihr beschäftigt euch seit Jahren mit transparenten Löhnen und Gehältern. Welche Konsequenzen entstehen durch offene Gehaltsstrukturen?

Die Folgen sind überwiegend positiv. Wenn die Mitarbeiter:innen wissen, dass sie für ihre individuellen Fähigkeiten und ihre harte Arbeit belohnt werden, sind sie noch motivierter.

Diese Motivation wirkt sich direkt auf das Wachstum des Unternehmens aus. Ebenso gibt auch keinen Raum mehr für unerwünschte Politik innerhalb des Unternehmens.

Die Angst der Deutschen vor dem Gehaltsvergleich

Wieso überwiegt in Deutschland (noch) so oft die Angst?

Vor 20 Jahren haben die Menschen keine Familienbilder, Insights zur Arbeit sowie privates Leben im Internet geteilt. Heute gibt es dafür Facebook, LinkedIn und Co.

Eine Transformation zu Transparenz entsteht nur durch die Masse. Viele haben direkt gar kein Problem damit, über ihr Gehalt zu sprechen. Sie fürchten sich nur vor den kulturellen Konsequenzen.

Liegt es womöglich sogar daran, dass Geschäftsführer ihre eigenen Machenschaften und geheimen Absprachen, die womöglich diskriminierend sind, verschleiern wollen?

Durch eigene Erfahrung sowie Recherchen weiß ich, dass viele Unternehmen durch Klauseln oder Geheimhaltungsverträge versuchen, Mitarbeiter:innen einzuschüchtern, um nicht mit den Kolleg:innen über das Thema Gehalt zu sprechen.

Das machen sie aus erster Linie, um die Personalkosten möglichst niedrig zu halten. Das ist aber kontraproduktiv und die Methode total veraltet. Es ist besser den Wert für sich und von Kolleg:innen zu kennen, um sich weiterentwickeln und so auch zum Wachstum des Unternehmens beitragen zu können.

Insbesondere als Arbeitnehmer ist es nicht einfach, einen internen Gehaltsvergleich zu machen. Welche Anhaltspunkte gibst du Angestellten mit?

Ich lege Arbeitnehmer:innen ans Herz bei sich selbst anzufangen und sich bei Slected.me anzumelden, sich ihrem exakten Marktwert bewusst zu werden und sich auf der Plattform mit ähnlichen Profilen zu vergleichen.

Dadurch können sie ihren Selbstwert enorm steigern und selbstbewusst ins nächste Verhandlungsgespräch oder Bewerbungsgespräch gehen – auch wenn sie den Gehaltswert der Kolleg:innen nicht kennen.

Außerdem können überraschend neue Karrieremöglichkeiten aufploppen, weil Nutzer:innen mit ähnlichen Profilen bereits den Weg geebnet haben. Unser Karrierecoach Infinity zeigt, wie’s dort hingeht.

Transparentes Gehalt per Gesetz

Gibt es eine Möglichkeit, Gehaltstransparenz per Gesetz einzufordern?

Andere Länder machen es bereits vor, deshalb ließe sich bestimmt auch in Deutschland per Gesetz etwas tun. In Deutschland wurde versucht, mit dem Entgelttransparenzgesetz gegen den Gender-Pay-Gap vorzugehen. Einzelne Arbeitnehmer:innen können damit aber wenig ändern.

Zum Abschluss natürlich noch die Frage: Gibt es einen offenen Gehaltsvergleich bei Slected.me?

Das Thema Gehalt ist bei Slected.me kein Tabu-Thema! Jeder unserer 15 Mitarbeiter:innen kennt den Gehaltswert der Kolleg:innen. Wir sprechen gerne offen im Team-Meeting darüber.

Wie kommt das Konzept bei Angestellten, Führungs-Personal und Bewerbern an?

Wir waren selbst überrascht, wie positiv das Thema bei allen ankommt. Als erste Plattform geben wir in Deutschland die Möglichkeit, offen über das Gehalt zu sprechen.

Bewerber:innen. Personalvermittler:innen, Unternehmen und auch die Führungskräfte dahinter sehen darin endlich das Potenzial für ihr persönliches Wachstum. Bis jetzt hat sich niemand getraut, das Thema Gehaltstransparenz in Deutschland zu lösen, weshalb wir jetzt hier sind!

Vielen Dank für das Gespräch, Pirathipan!

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Über den Autor

Christian Erxleben

Christian Erxleben ist seit Ende 2017 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Ressortleiter Social Media und Head of Social Media bei BASIC thinking tätig. Durch seine Arbeit im Social-Media- und Marketing-Ressort der INTERNET WORLD Business, am Newsdesk von Focus Online und durch sein Journalismus-Studium sowie sein redaktionelles Volontariat hat er in den Bereichen der Redaktion und des Social Media Managements mehrjährige, fundierte Erfahrung gesammelt. Beruflich und privat beschäftigt er sich mit Social Media, New-Work-Konzepten und persönlicher Entwicklung.

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