Mit OpenAI-Chef Sam Altman und Tesla-CEO Elon Musk befeuern gleich zwei KI-Pioniere den Hype um die sogenannte Artificial General Intelligence (AGI) – zu Deutsch: Künstliche Allgemeine Intelligenz. Gemeint ist damit häufig eine Art Superintelligenz mit übermenschlichen Fähigkeiten. Viele Wissenschaftler und Unternehmer eifern diesem Traum nach. Eine kommentierende Analyse.
Es gibt zahlreiche Definitionen von AGI
- Die Problematik fängt bei der AGI bereits damit an, dass es keine eindeutige Definition des Begriffs gibt. Für Amazon ist AGI zum Beispiel ein „Gebiet der theoretischen KI-Forschung, das versucht, Software mit menschenähnlicher Intelligenz und der Fähigkeit zum Selbststudium zu entwickeln.“ Das Ziel ist eine Software, die Aufgaben ohne spezielles Training selbst ausführen kann.
- Häufig wird deshalb auch zwischen „Starker KI“ (Strong AI) und „Schwacher KI“ (Weak AI) unterschieden. Zur schwachen KI gehören beispielsweise ChatGPT, Chatbots und Empfehlungstools, die festgelegte Probleme durch Trainingsdaten selbst lösen können. Eine starke KI dagegen verfügt über Kreativität, die Fähigkeit, Wissen und Empfindungen über verschiedene Fachgebiete hinweg zu transferieren und eigene Lösungsstrategien zu entwickeln. Wir befinden uns im Zeitalter der schwachen KI.
- Ein weiteres Problem ist die gefühlte Nähe zum Erreichen der AGI. Schon die ersten KI-Forscher um Alan Turing und Herbert A. Simon haben in den 1950- und 1960er Jahren vorhergesagt, dass in 20 Jahren – also zwischen 1970 und 1980 – eine AGI existiert. Und so zieht sich das Narrativ durch die Generationen. Jetzt sind es Sam Altman und Elon Musk, die baldige Durchbrüche für wahrscheinlich halten.
Uneinigkeit in der Forschung
Ob und wann es tatsächlich zur Schöpfung der ersten AGI kommt, ist unklar. Im Jahr 2024 ist die bislang größte Studie zum Voranschreiten von Künstlicher Intelligenz unter dem Titel „Thousands of AI Authors on the Future of AI“ erschienen. Darin haben über 2.700 KI-Forscher ihre Prognosen abgegeben.
Das Ergebnis sieht aus wie die Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen mit verbundenen Augen. Wenn der KI-Fortschritt ungehindert weiter geht, sehen die Experten im Jahr 2037 eine zehnprozentige Chance, dass alle menschlichen Berufe vollständig automatisierbar sind und von KI übernommen werden können. Im Jahr 2.116 soll die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Fall eintritt, dann bei 50 Prozent liegen.
Oder anders ausgedrückt: Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Auch nach über 70 Jahren an KI-Forschung sind sich die Forscher selbst nur darin einig, dass sie sich uneinig sind. Allein der Fakt, dass in knapp 100 Jahren die Chance bei gerade einmal 50 Prozent liegen soll, dass eine starke KI existiert, zeigt, dass Prognosen über die Zukunft von KI schlichtweg Firlefanz sind.
Stimmen
- In einem Blog-Beitrag blickt OpenAI-CEO Sam Altman auf die Fortschritte im Bereich der Künstlichen Intelligenz seit der Markteinführung von ChatGPT zurück: „Wir sind jetzt zuversichtlich, dass wir wissen, wie man AGI baut, so wie wir sie traditionell verstanden haben. Wir glauben, dass wir im Jahr 2025 die ersten KIAgenten sehen könnten, die ‚in die Arbeitswelt eintreten‘ und die Leistungsfähigkeit von Unternehmen spürbar verändern.“
- Rolf Pfister forscht am Lab42 im schweizerischen Davos an Künstlicher Intelligenz. In einem Interview mit dem Schweizerischen Rundfunk sagte er: „Es gibt mehrere hundert Definitionen von AGI. Und man muss sagen, dass es eigentlich nur ein Marketingbegriff ist, der eingeführt wurde, um sich von der herkömmlichen KI-Forschung abzugrenzen.“
- Katja Grace, Forscherin an der Berkeley University und leitende Autorin der KI-Studie, dazu: „Mehr als die Hälfte der Befragten meinte, dass in sechs verschiedenen KI-bezogenen Szenarien ‚erhebliche‘ oder ‚extreme‘ Besorgnis angebracht sei – darunter die Verbreitung falscher Informationen, autoritäre Überwachung und zunehmende Ungleichheit. Es gab Uneinigkeit darüber, ob schnellerer oder langsamerer KI-Fortschritt besser für die Zukunft wäre. Allerdings herrschte breite Einigkeit darüber, dass Forschung zur Minimierung potenzieller Risiken stärker priorisiert werden sollte.“
Marketingbegriff AGI als Gelddruckmaschine im KI-Wettstreit
Wenn wir einen Blick darauf werfen, wer sich positiv über AGI auslässt, so stellen wir fest, dass es sich dabei hauptsächlich um Führungspersonen aus Unternehmen handelt, die direkt oder indirekt vom Erfolg von Künstlicher Intelligenz abhängig sind.
Der Begriff AGI ist vielen Menschen noch unbekannt und eignet sich deshalb vorzüglich dafür, aus der undurchschaubaren Masse an KI-Firmen herauszustechen. Wer verspricht, dass AGI bald Realität wird, hat bessere Chancen, neue Investorengelder an Land zu ziehen. Und die sind wichtig. Denn trotz aller Fortschritten leidet die gesamte KI-Industrie an chronischer Geldnot. Das zeigt die Entwicklung von ChatGPT eindrücklich.
Als Endverbraucher können wir uns aktuell darüber freuen, dass die derzeitigen KI-Modelle in regelmäßigen Abständen besser werden – zum Beispiel in der Bild-Erstellung – und den Wettkampf von der Seitenlinie verfolgen. Und wenn der Wunsch nach einer AGI wieder einmal aufkommt, schauen wir einfach Filmklassiker wie „Odyssee im Weltraum“ oder „I, Robot“ an.
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