Mehr als jeder zweite LinkedIn-Artikel soll mithilfe von Künstlicher Intelligenz geschrieben worden sein. Das zeigt eine Analyse von rund 9.000 Beiträgen. Jetzt reagiert die Plattform und will generische KI-Inhalte mit einem eigenen Erkennungsmodell filtern. Das Problem: LinkedIn hat die KI-Flut mit eigenen Schreibtools selbst befeuert. Eine kommentierende Analyse.
54 Prozent KI-Artikel auf LinkedIn: Wie groß ist das Problem wirklich?
- La ut einer Studie des Softwareanbieters Originality AI sollen 54 Prozent der sogenannten LinkedIn-Artikel mithilfe von KI geschrieben worden sein. Dabei handelt es sich um Inhalte, die länger als klassische Beiträge sind, aber dennoch im Newsfeed auftauchen. Das Unternehmen hat knapp 9.000 LinkedIn-Artikel über einen Zeitraum von 82 Monaten analysiert. Ergebnis: Der Anteil KI-generierter Inhalte sei seit dem Release von ChatGPT Ende 2022 drastisch angestiegen. Die Folge: Auf LinkedIn kursiert nicht nur immer mehr minderwertiger KI-Schrott. Viele Beiträge klingen aufgrund von KI auch immer ähnlicher.
- LinkedIn hat nun angekündigt, nicht nur vermehrt gegen KI-Müll, sondern auch gegen automatisierte Kommentare und generische Antworten vorgehen zu wollen, da diese lediglich bestehende Aussagen wiederholen, ohne neue Impulse oder Perspektiven zu liefern. Um KI-Inhalte zu identifizieren, will die Plattform auf eine eigens trainierte Künstliche Intelligenz setzen. Das intern entwickelte Modell soll generische Inhalte erkennen und von Beiträgen unterscheiden können, die Expertise, Kontext oder persönliche Erfahrung liefern. Die Erkennungsrate soll bei 94 Prozent liegen. Wie die technische Erkennung im Detail funktioniert, gibt LinkedIn bislang nicht preis.
- Dem Unternehmen zufolge sollen KI-unterstützte Inhalte künftig ausdrücklich erlaubt bleiben. Entscheidend sei nicht, ob ein Beitrag mithilfe Künstlicher Intelligenz erstellt wurde, sondern wie originell oder sinnvoll er ist. Die Plattform baut etwa seit Jahren ihre KI-Funktionen zum Erstellen von Inhalten aus. LinkedIn bietet unter anderem KI-gestützte Schreibvorschläge für Nachrichten, Beiträge und längere Texte an.
LinkedIn bekämpft KI-Müll mit KI – und das ist das eigentliche Problem
LinkedIn redet derzeit viel über Authentizität, meint aber vor allem Schadenbegrenzung. Denn: Das Unternehmen ist gewissermaßen Opfer seiner eigenen Strategie geworden. Die Plattform hat jahrelang KI-Schreibhilfen verteilt wie Gratis-Kugelschreiber und wundert sich jetzt, dass plötzlich alle gleich schreiben.
Sprich: Wer Tools mit Künstlicher Intelligenz anbietet, damit Nutzer einfacher Beiträge erstellen können, darf sich nicht wundern, wenn sogar komplette Texte mittels KI erstellt werden. Die eigentliche Krise ist aber nicht Künstliche Intelligenz, sondern eine gewisse Austauschbarkeit von Beiträgen.
Dabei war LinkedIn mal ein Ort für Branchenwissen. Mittlerweile klingt vieles aber wie aus einer Motivationsposter-Fabrik mit den immer gleichen Schlagworten, Formulierungen oder Impulsen. Oder, um es etwas drastischer zu formulieren: Auf der Plattform kursieren immer mehr Beiträge, die sich wie Bedienungsanleitungen von und für Menschen ohne Ecken und Kanten lesen, die viel um den heißen Brei reden.
Besonders absurd: LinkedIn bekämpft jetzt KI-Müll, der teilweise auf die eigenen KI-Funktionen zurückzuführen ist, mit noch mehr KI. Die Plattform setzt also einen Algorithmus darauf an, die Folgen ihrer eigenen Algorithmus-Strategie einzufangen. Das erinnert ein bisschen an Fast Food mit Diät-Cola: technisch vielleicht sinnvoll, kulturell aber trotzdem Teil desselben Problems.
Stimmen
- Laura Lorenzetti, VP und Executive Editor bei LinkedIn, in einem Blogpost: „Wenn KI übermäßig eingesetzt wird, insbesondere in großem Maßstab und automatisiert, verwässert dies die wertvollen Erkenntnisse, die echte menschliche Gespräche hervorbringen können. Es ist in Ordnung, KI als Hilfe beim Schreiben zu nutzen, aber Ihre Beiträge und Kommentare müssen Ihre Stimme und Ihre Sichtweisen widerspiegeln. Der eigentliche Wert liegt in dem Menschen, der hinter dem Tool steht.“
- Ein Reddit-Nutzer kritisiert: „Das ist so heuchlerisch … sie bieten die Option, Inhalte mit KI zu verbessern, wollen aber KI-Gedöns bekämpfen“. Ein anderer Nutzer ergänzte: „Genau wie Suchmaschinen, die keine KI-generierten Inhalte von anderen Seiten mögen, aber ihre eigenen KI-generierten Antworten pushen!“
- KI-Experte und BASIC thinking-Kolumnist Carsten Lexa in einem Artikel zu KI-Einheitsbrei: „Menschen, die KI täglich verwenden, fühlen sich produktiver, empfinden ihre Arbeit als weniger belastend und schätzen die Qualität ihrer Ergebnisse. Gleichzeitig jedoch sehe ich auch, dass das Ergebnis weniger schöpferisch, weniger neu ist. Der kreative Muskel verkümmert sozusagen, nicht plötzlich, sondern langsam und unmerklich. Wer seine Kreativität auslagert, verliert sie Stück für Stück, ohne es zu bemerken.“
LinkedIn: Wird Persönlichkeit bald wichtiger als perfekte KI-Texte?
Beim nächsten Wettbewerb auf LinkedIn wird es nicht unbedingt um direkte Reichweite gehen, sondern um Glaubwürdigkeit. Will heißen: Wer künftig noch auffallen will, braucht keine perfekten KI-Formulierungen, sondern erkennbare Persönlichkeit, konkrete Erfahrungen oder eine eigene Meinung – also genau das, was KI nicht kann oder hat.
Allerdings will LinkedIn künftig differenzieren. Und zwar zwischen brauchbarer KI und Spam-KI. Das klingt zunächst einmal vernünftig, könnte aber schnell zu einer Gratwanderung werden. Denn wenn ein Algorithmus entscheidet, was originell genug ist, entsteht zwangsläufig ein neuer Optimierungszirkus.
Beiträge könnten außerdem nicht mehr nur für Menschen, sondern zusätzlich für den Anti-KI-Filter geschrieben werden. Letztlich dürfte LinkedIn aber eine Gegenbewegung stärken. Back to the Roots und hin zu weniger Hochglanz, mehr Perspektiven sowie mehr Unfertigem und weg von den immer gleichen Business-Formulierungen.
Dass ausgerechnet die aktuelle KI-Flut dazu führen könnte, dass menschliche Fehler wieder zum Qualitätsmerkmal werden, entbehrt zwar nicht einer gewissen Ironie. Vielleicht werden Tippfehler oder nicht ganz so perfekte Formulierungen aber bald sogar glaubwürdiger wirken als der zehnte perfekt geglättete „Thought-Leadership“-Roman aus dem Textautomaten.
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