Elektroautos, die sich selbst mit Strom versorgen: Was nach Zukunftsmusik klingt, ist laut einer neuen EU-Studie unter Beteiligung des Fraunhofer ISE bereits greifbar. In Südeuropa könnten Fahrzeuge mit integrierten Solarzellen bis zu 80 Prozent ihres Energiebedarfs selbst decken. Das hätte nicht nur Vorteile für Fahrzeughalter, sondern könnte Europas Stromnetze um Terawattstunden entlasten.
In Mitteleuropa könnten Autos bis zu 55 Prozent ihres jährlichen Energiebedarfs über eigene Solarzellen produzieren. In Südeuropa soll dieser Anteil sogar bei bis zu 80 Prozent liegen. Die Voraussetzung: kurze Nutzungszyklen und eine große Dachfläche. Für Fahrzeughalter würde dies weniger Ladevorgänge und einen deutlichen Komfortgewinn im Alltag bedeuten.
Das Projekt SolarMoves untersuchte im Auftrag der Europäischen Kommission das Potenzial fahrzeugintegrierter Photovoltaik. Daran waren neben dem Fraunhofer ISE auch internationale Partner beteiligt. Das Forscherteam testete Fahrzeuge mit integrierten Solarmodulen in Dächer, Motorhauben und Seitenwände. Der Strom wurde dadurch direkt am Ort des Verbrauchs erzeugt.
Wie stark Solar-Fahrzeuge Europas Stromnetze entlasten könnten
Neben den Vorteilen für Verbraucher offenbare die Ergebnisse eine erhebliche Wirkung auf die grundsätzliche Energieversorgung. Eine Simulation ergab, dass der Strombedarf aus dem europäischen Netz deutlich sinken könnte. Würden alle Neufahrzeuge zwischen 2024 und 2030 mit Solarmodulen ausgestattet, ließen sich im Jahr 2030 etwa 15,6 Terawattstunden einsparen. Das entspricht der Jahresproduktion von 2.200 Onshore-Windkraftanlagen mit einer Leistung von drei Megawatt.
Das Forscherteam stützte sich bei seinen Berechnungen auf eine breite Datenbasis aus der Praxis. Wetterdaten flossen ebenfalls in die Auswertung ein. Christian Braun, Wissenschaftler am Fraunhofer ISE, erklärte das Vorgehen für die Datenerhebung:
Die Studie analysierte Daten von 23 unterschiedlichen Fahrzeugtypen – von kompakten Stadtautos bis hin zu schweren Lastkraftwagen – und kombinierte detaillierte Fahrzeug- und Fahrprofile mit Meteosat-Satellitendaten, sowie meteorologischen Daten aus Amsterdam und Madrid. Dafür wurden die Fahrzeuge mit Sensoren ausgestattet und Messdaten von 1,3 Millionen gefahrenen Kilometern ausgewertet.
Warum sich Solarzellen auf Lkw besonders schnell rechnen
Großes Potenzial sieht das Forscherteam im Logistiksektor. Lieferwagen und Lkw verfügen über große Dachflächen und hätten einen hohen Energiebedarf für Kühlung oder Heizung. Bei Elektro-Lkw ließe sich die tägliche Reichweite durch die Zellen um bis zu 15 Prozent verlängern. Lkw-Anhänger mit Solarzellen auf dem Dach und an den Seitenwänden könnten im Sommer genug Strom erzeugen, um Kühlsysteme vollständig emissionsfrei zu betreiben.
Auch bei Diesel-Lkw biete die Technik wirtschaftliche Anreize. Wenn Nebenaggregate weniger Kraftstoff benötigen, sinke der Gesamtverbrauch deutlich. Die Investitionskosten für die Solarmodule könnten sich laut den Berechnungen in weniger als zwei Jahren amortisieren. Das Forschungskonsortium empfiehlt daher, die fahrzeugintegrierte Photovoltaik in offizielle Testverfahren aufzunehmen und steuerliche Rahmenbedingungen zu schaffen.
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